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Für eine nachhaltige und
zukunftsfähigeEntwicklungspolitik Österreichs!
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AGEZ-Forderungen an die neue Regierung und den neuen Nationalrat
anlässlich der Nationalratswahl 2006
Wien, am 19. Juli 2006
Die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit - AGEZ, der Dachverband
von 32 österreichischen Nichtregierungsorganisationen der
Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit (EZA) - erwartet von
der nächsten Regierung nach der Wahl im Oktober 2006 neue Akzente und
Fortschritte in der Entwicklungspolitik.
Die AGEZ hat dazu konkrete Zielbereiche formuliert, die bei entsprechendem
politischen Willen in die kommende Regierungserklärung bzw. in ein neues
Koalitionsabkommen aufgenommen werden können.
Jede gestaltende Politik bedarf der Vision, auch die Entwicklungspolitik
im 21. Jahrhundert. Die Vision heißt: weltweite Durchsetzung der
Menschenrechte, Frieden, Bekämpfung der weltweiten Armut und Bewahrung der
natürlichen Lebensgrundlagen. Wir erwarten von der Bundesregierung starke
Akzente sowohl in der Bekämpfung der Ursachen der Armut und deren
Auswirkungen als auch in der Entwicklungsfinanzierung. Entwicklungspolitik
kann nicht alle Probleme lösen, sie trägt aber entscheidend dazu bei,
weltweit gerechte Verhältnisse zu schaffen. Als eines der reichsten Länder
muss Österreich in der kommenden Legislaturperiode eine größere
Verantwortung für die Nord-Süd-Politik übernehmen und Entwicklungspolitik
als Aufgabe quer durch alle anderen Politikbereiche verankern.
Armutsbekämpfung, Stufenplan für 0,7% des BNE und innovative
Finanzierungsinstrumente
Die Regierung sieht ihr Engagement gegen Armut und Ausgrenzung als
menschenrechtliche Verpflichtung. Sie setzt die
Millenniumsentwicklungsziele (MDGs) sowie die Beschlüsse der
UN-Konferenzen zügig um. Die MDGs zielen auf die Halbierung der weltweiten
Armut bis 2015 ab. Darüber hinaus hat die Regierung als langfristiges Ziel
die völlige Beseitigung der Armut für alle Menschen, die Verwirklichung
sozialer Gerechtigkeit und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen
im Auge: eine ökologisch tragfähige und sozial gerechte Entwicklung für
alle Menschen.
Um die ehrgeizigen Ziele der MDGs erreichen zu können, braucht es
verstärkte Anstrengungen, die Finanzmittel aufzubringen.
Entwicklungsfinanzierung ist als Investition in die gemeinsame Zukunft zu
sehen und stellt einen wichtigen Maßstab für die Bereitschaft Österreichs
dar, zu globaler Gerechtigkeit beizutragen. Österreich erhöht die
Gesamtausgaben für Entwicklungszusammenarbeit bis 2015 auf 0,7% des BNE
(Eckpfeiler laut EU-Beschlüssen: 0,51% bis 2010, 0,7% bis 2015);
insbesondere die Mittel für die gestaltbare bilaterale Programm- und
Projekthilfe werden maßgeblich gesteigert. Die Bundesregierung legt einen
konkreten und verbindlichen Zeitplan mit Jahresschritten vor, wie dieses
0,7%-Ziel zu erreichen ist.
Österreich setzt sich darüber hinaus auf internationaler Ebene für die
Erschließung innovativer Finanzierungsquellen ein, wie z.B. die
Besteuerung von Devisentransaktionen (Tobin Steuer), Kerosinsteuer und die
Erhebung von Entgelten auf die Nutzung globaler Güter (Meere, Luftraum).
Österreich unterstützt Entwicklungsländer bei der Stärkung der eigenen
Steuerbasis, engagiert sich für die Schließung von Steueroasen und setzt
sich gegen den Steuersenkungswettlauf von transnationalen Unternehmen ein
(wodurch Entwicklungsländern Milliarden entgehen).
Stärkung der Zivilgesellschaft und eigener NGO-Budgetbereich
Die Bundesregierung legt ein klares Bekenntnis zur Förderung der
zivilgesellschaftlichen und gesellschaftsgestaltenden Kräfte in Österreich
ab und bezieht diese als notwendiges Korrektiv zur Berücksichtigung der
Interessen der BürgerInnen in die Gestaltung der Politiken ein.
Österreich stärkt die Zivilgesellschaft und verbessert die
Rahmenbedingungen für den Non-Profit-Bereich. Die Bundesregierung ist um
eine Intensivierung des Dialoges und den Ausbau der Zusammenarbeit mit
NGOs, kirchlichen Organisationen und wissenschaftlichen Einrichtungen
bemüht und baut die Beteiligung der Zivilgesellschaft in die Formulierung
von Politiken und Strategien wesentlich aus.
Die Anerkennung des Engagements gemeinnütziger entwicklungspolitischer
NGOs und ihrer Kompetenzen wird durch eine entsprechende Förderung und
langfristige Absicherung ihrer Arbeit über einen eigenen NGO-Budgetbereich
Ausdruck finden. Dieser NGO-Budgetbereich wird innerhalb der bilateralen
Programm- und Projekthilfe eingerichtet.
Entwicklungspolitische Inlandsarbeit
Die Entwicklungspolitik eines Landes braucht die Verankerung in der
eigenen Bevölkerung. Sie darf sich nicht allein auf Projektebene oder auf
der Ebene wirtschaftlicher oder politischer Kooperationen abspielen.
Vielmehr ist es Ziel der Entwicklungspolitik, die engen politischen,
kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Ländern und
Gesellschaften des Nordens und des Südens aufzuzeigen, um damit
mittelfristig eine strukturelle Veränderung der globalen Ungleichgewichte
zu erreichen (z.B. im Sinne des nachhaltigen Konsumverhaltens der
ÖsterreicherInnen). Die Bundesregierung wird auch weiterhin
entwicklungspolitische Inlandsarbeit (Bildungs-, Öffentlichkeits- und
Kulturarbeit) auf breiter Basis fördern und anerkennt ihren besonderen
Wert, um im eigenen Land Bewusstseinsbildung und Verständnis für den
Kreislauf von Armut, Krieg und Umweltzerstörung aufzuzeigen. Dafür werden
entsprechend einer Empfehlung des UN-Entwicklungsprogramms UNDP die
Ausgaben auf 3% der EZA-Ausgaben (ODA) schrittweise angehoben.
Kohärenz
Die österreichische Bundesregierung setzt die im neuen
Entwicklungszusammenarbeits-Gesetz (Novelle 2003) verankerte Kohärenz um.
Die Ziele und Prinzipien der Entwicklungspolitik werden bei den Maßnahmen
aller Politikbereiche, die Entwicklungsländer betreffen -
Wirtschaftspolitik, Handelspolitik, Außenpolitik, Landwirtschaftspolitik,
Umweltpolitik, Finanzpolitik, Sozialpolitik etc. - beachtet und laufen den
Zielen der Entwicklungspolitik nicht entgegen.
Die Regierung erarbeitet konkrete Programmierungsinstrumente, schafft
institutionelle Mechanismen und setzt eine Koordinationsstelle ein.
Mittelfristig wird angestrebt, ein eigenes EZA-Ministerium zu schaffen, in
dem alle EZA-relevanten Agenden zusammenlaufen.
Mehr Gerechtigkeit im Welthandel
Österreich nimmt eine initiative Rolle in der EU ein, um zu einer
gerechten sozialen und ökologischen Weltwirtschaftsordnung beizutragen und
setzt sich in der EU für ein stärkeres Engagement der Industrieländer zu
Beseitigung ungerechter und ausbeuterischer Strukturen in der
gegenwärtigen Praxis des Welthandels ein. Österreich macht seinen Einfluss
bei der EU und der WTO geltend, um unfaire Praktiken der Industriestaaten
gegenüber den armen Ländern (z.B. Exportsubventionen im Agrarbereich,
Patentregelungen für Medikamente) zu beenden. Die österreichische
Bundesregierung verpflichtet sich bei allen Wirtschaftsver-handlungen
(z.B. Doha-Runde der WTO, Economic Partnership Agreements (EPAs) mit
Afrika, Freihandelsabkommen mit Zentralamerika) zu einem kontinuierlichen
öffentlichen Dialog mit der Zivilgesellschaft. Werden mit solchen Abkommen
in erster Linie die Inte-ressen der großen Konzerne bedient, auf Kosten
der breiten Bevölkerungsschichten in Nord und Süd und Sozial- und
Umweltstandards geschwächt statt aufgebaut, wird eine Ratifizie-rung durch
das österreichische Parlament verweigert.
HIV/AIDS und Gesundheit
Die österreichische Bundesregierung setzt sich im Rahmen der Umsetzung der
UN-Millenniumsziele auch für eine stärkere Bekämpfung von HIV/AIDS ein.
Innerhalb der einzelnen Ressorts wird eine klare Zuständigkeit für die
Koordination der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie festgelegt. Im
Rahmen einer mit den anderen Mitgliedstaaten der EU abgestimmten
HIV/AIDS-Politik wird in einem Stufenplan bekräftigt, in welchem Ausmaß
auf globaler Ebene Finanzierungsinstrumente für Maßnahmen in Bereich der
Prävention, der reproduktiven Gesundheit, der Forschung sowie der
Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten bedient werden. Österreich
engagiert sich in den Verhandlungs-runden der WTO aktiv für die
unbürokratische und rasche Bereitstellung von Generika für alle an
HIV/AIDS erkrankten Menschen.
Klimawandel
80% der Bevölkerung im Süden lebt von der Landwirtschaft, die durch
Klimaveränderungen (Überschwemmungen, Dürren etc.) massiv betroffen ist.
Binnen der nächsten 50 Jahre müssten die Industriestaaten ihren Verbrauch
an Erdöl, Erdgas und Kohle um rund 80% senken, um eine global nachhaltige
Entwicklung zu ermöglichen.
Das Kyoto-Protokoll, der derzeit wichtigste internationale Vertrag zum
Klimaschutz, sieht eine Reduktion der Treibhausgas-Emissionen der
Industriestaaten um minimale 5% im weltweiten Durchschnitt vor. Österreich
hat sich verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen bis 2012
(Berechnungszeitraum 2008-2012) um 13% zu senken (Ausgangsjahr ist dabei
1990). Um das Minus-13%-Ziel zu erreichen, reduziert Österreich - ab 2006
gerechnet - 30% Treibhausgas-Emissionen. Dazu werden Maßnahmen weit über
die in der derzeitigen nationalen Klimastrategie vorgesehenen
Aktionsprogramme hinaus entwickelt und eine ambitionierte und
wirkungsvolle nationale Klimastrategie umgesetzt, die den Großteil der
Kyoto-Verpflichtungen mittels Maßnahmen in Österreich erreicht und nicht
in andere Länder auslagert (keine Förderung von Projekten, die nicht
zusätzliche Emissions-Reduktionen bringen, keine Förderung veralteter
Technologie, keine Förderung von Atomenergie unter dem Titel
"Klimaschutz", Einschränkung der weitreichenden Emissionsrechte der
Industrie).
Antirassismus, Migration und Entwicklung
Österreich setzt sich auf nationaler und internationaler Ebene
unmissverständlich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus
und Sexismus ein.
Die österreichische Bundesregierung setzt eine Flüchtlings- und
Migrationspolitik um, die sich vor allem an den politischen und sozialen
Menschenrechten orientiert und für soziale Sicherheit der ansässigen und
der zugewanderten Bevölkerung sorgt. Die politischen Maßnahmen ermöglichen
den MigrantInnen und deren nachfolgenden Generationen die chancengleiche
Teilhabe an allen gesellschaftlichen Bereichen.
Die Bundesregierung distanziert sich von der Konditionalisierung von EZA
mit einer restriktiven Migrationskontrollpolitik in den Herkunfts- bzw.
Durchreiseländern von Flüchtlingen und/oder MigrantInnen, tritt gegen eine
europaweite restriktiv konzipierte Liste "sicherer Drittstaaten" ein und
lehnt den Vorschlag zur Einrichtung von Flüchtlingslagern außerhalb der EU
strikt ab. Vielmehr bekennt sich Österreich zum Engagement im Resettlement
von den vom UNHCR anerkannten Flüchtlingen.
Weiters werden - in beschränktem Ausmaß - mehr Möglichkeiten für den
legalen Zugang von MigrantInnen nach Österreich und in die EU eröffnet,
nicht in Form vermehrter zirkulärer Migration, sondern entsprechend dem
Prinzip der Aufenthaltsverfestigung und der Möglichkeit zu doppelten
Staatsbürgerschaften, im Sinne der Anerkennung der Leistung von
MigrantInnen für die Aufnahme- und Herkunftsländer (Arbeitskraft,
Steuerleistung, Remittances).
Durch das verstärkte Engagement Österreichs in der EZA und Kohärenz der
Außen-, Handels- und Wirtschaftspolitik mit den Prioritäten der EZA wird
den strukturellen Ursachen von Flucht und Migration (Krieg, politische
Instabilität und Verarmung breiter Bevölkerungsschichten durch neoliberale
Politiken) entgegengewirkt.
Corporate Social Responsibility (CSR) und Umwelt-, Sozial- und
Menschenrechtsstandards für Exportkredite
Die Bundesregierung ist sich der Bedeutung sozialer Verantwortung von
Unternehmen bewusst. Sie unterstützt freiwillige Codes of Conducts von
Unternehmen als ersten Schritt und setzt sich darüber hinaus für einen
verbindlichen Kodex, also für rechtliche Rahmenbedingungen für die
Einhaltung von Menschenrechten, Sozial- und Umweltstandards für
transnationale Unternehmen ein.
Ein verantwortungsvolles Schuldenmanagement schließt auch die Gläubiger
mit ein. Österreich schreibt verbindliche Umwelt-, Sozial- und
Menschenrechtsstandards bei der Vergabe staatlicher Exportgarantien und
-kredite fest, gewährleistet Transparenz (Informationen an Parlament und
Öffentlichkeit) und bindet Entwicklungs-, Umwelt- und Menschenrechts-NGOs
ein.
Schuldenerlass und Insolvenzverfahren
Die Österreichische Bundesregierung beschreitet auf nationaler und
internationaler Ebene den Weg hin zu zusätzlichen Entschuldungen, die über
die bisherigen Vereinbarungen im Pariser Club hinausreichen. Sie fördert
gezielt weitere länderspezifische Schuldenerlässe, basierend auf
Berechnungen des Bedarfs zur Erreichung der Millenniumsentwicklungsziele
MDGs. Auf internationaler Ebene strebt Österreich eine Ausdehnung der
"Multilateral Debt Relief Initiative" auf die Interamerikanische
Entwicklungsbank, sowie eine Erweiterung des Kreises der zu entschuldenden
Länder an.
Österreich bekennt sich zu der Notwendigkeit, strukturelle Änderungen im
einseitigen Schuldenmanagement herbeizuführen, und setzt sich für ein
faires und transparentes Schiedsverfahren unter Einbeziehung aller
Gläubiger und Schuldner in einem gerechten Verfahren ein. Österreich nimmt
seine eigene Verantwortung für die Verschuldung ernst durch Analyse
möglicher "illegitimer Schulden" - wie auf Verträgen mit Diktatoren
basierender Verpflichtungen - und setzt sich für deren Streichung ein.
Die österreichische Bundesregierung gestaltet das nationale
Schuldenmanagement vorbildlich in Hinblick auf seine transparente
Darstellung und kohärente Behandlung von Daten-material. Entschuldungen
werden nicht in die ODA-Quote einberechnet.
Österreich übt Einfluss auf europäische Entwicklungspolitik aus
Österreich setzt sich dafür ein, dass die Armutsbeseitigung im Zentrum der
EU-Entwicklungspolitik steht, und sich alle Maßnahmen der
Entwicklungszusammenarbeit an diesem Ziel orientieren. Österreich
unterstützt eine deutliche Erhöhung der EU-Haushaltsmittel für diesen
Bereich und engagiert sich dafür, dass der Anteil der Unterstüt-zung in
Least Developed Countries wesentlich gesteigert und ein Anteil von 20% der
von der EU geleisteten ODA für grundlegende soziale Dienstleistungen in
Partnerländern eingesetzt wird.
Die Bundesregierung tritt dafür ein, in der EU Kohärenzprobleme zu
beseitigen und die in den EU-Verträgen eingegangene Kohärenzverpflichtung
umgehend und umfassend umzusetzen.
Die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass die im Cotonou-Abkommen
festgelegte Beteiligung der Zivilgesellschaft an Programmierung und
Umsetzung von Entwicklungs-Policies und -Programmierungen als Standard in
alle Bereiche der EU-Entwicklungspolitik übernommen wird. Sie wirkt auf
die EU-Kommission dahingehend ein, die eigenständige Rolle der NGOs und
ihrer Netzwerke im Rahmen der EU-Entwicklungspolitik zu fördern.
AGEZ - Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit
Dachverband der österreichischen entwicklungspolitischen NGOs
Tel und Fax: 01/317 40 16; office@agez.at
Druckversion (pdf-Dokument):
www.oneworld.at/agez/NR-Wahl2006_AGEZ-Forderungen.pdf
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