 |
|
Entwicklungs-Appell der NGOs an die neue
Bundesregierung: |
Entwicklungspolitik ist das Gebot der Stunde
(Wien, 16. Jänner 2007) Die AGEZ appelliert an die neue
Bundesregierung, dringend mehr Engagement im Bereich Entwicklungspolitik
und Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zu zeigen. Für sie ist im neuen
Regierungsprogramm kein Ausbau der Entwicklungspolitik in Sicht.
Österreich muss seine globale Verantwortung ernst nehmen. Gerade
angesichts von Armut, Hunger, Klimawandel, Migration, Globalisierung und
Kriegen ist Entwicklungspolitik das Gebot der Stunde. Entwicklungspolitik
kann zwar nicht alle Probleme lösen, sie trägt aber entscheidend dazu bei,
weltweit gerechte und friedliche Verhältnisse zu schaffen und den Menschen
Wege aus der Armut zu erschließen.
Im Regierungsprogramm finden sich einige positive Ansätze, die von den
NGOs begrüßt werden: die geplante Stärkung der Kohärenz, die Evaluierung
der Tätigkeit der ADA, die Stärkung von Frauen, Friedensarbeit
(insbesondere in Post-Konflikt-Situationen) und die Weiterverfolgung einer
Devisentransaktionssteuer. Bei anderen Punkten hat die neue Regierung
Aufholbedarf:
Jährlichen Stufenplan für 0,7% definieren!
Die Regierung bekennt sich zu den Beschlüssen des EU-Rats, wonach bis 2010
ein Anteil von 0,51% des BNE für EZA verwendet werden soll. Allerdings
fehlt ein verbindlicher konkreter Stufenplan auf die seit 36 Jahren
versprochenen 0,7%. Es bräuchte jedes Jahr eine Erhöhung von 200 Millionen
Euro, um die 0,7% bis zum Jahr 2015 zu erreichen. Die Mittel sind
notwendig, um die Millenniumsentwicklungsziele zu erreichen, deren Ziel
die Halbierung der weltweiten Armut ist. Damit soll der Zugang zu Bildung,
Gesundheit, Ernährung und Trinkwasser für alle Menschen sichergestellt
werden.
Armutsreduzierung als zentrales Anliegen, keine Ausrichtung an
österreichischen Eigeninteressen!
Es braucht nicht nur mehr Quantität (0,7%), sondern auch mehr Qualität der
EZA, d.h. alle Mittel die bei der OECD als EZA angerechnet werden, müssen
in erster Linie Armut bekämpfen. Im Regierungsprogramm kommt die
Bekämpfung der weltweiten Armut nur in Zusammenhang mit dem Schwerpunkt
„Wirtschaft und Entwicklung“ vor. Die NGOs fordern gerechten Welthandel,
Schuldenerlass und Umsetzung der Millenniumsentwicklungsziele. Denn
wirksame EZA muss sich an den Anliegen der Menschen im Süden orientieren,
nicht an österreichischen Eigeninteressen, wie es die Verknüpfung von
Außenwirtschaftsförderung und EZA (Erschließung neuer Märkte, Begleitung
von Projekten österreichischer Unternehmen in so genannten
Dritte-Welt-Staaten durch Entwicklungshilfemaßnahmen), nahe legt.
Armutsreduzierung braucht gerechten Welthandel!
Für eine gerechte Welt ist es entscheidend, die weltweiten
Rahmenbedingungen zu verändern, wie zB im Bereich der Finanzarchitektur
und des Handels. Im Regierungsprogramm wird der Fortsetzung der derzeit
suspendierten WTO-Doha-Verhandlungen große Bedeutung beigemessen und soll
sich die Regierung im Rahmen der EU für möglichst ausgewogene Ergebnisse
einsetzen. Dazu braucht es aber konkrete inhaltliche Vorgaben: Für die
NGOs muss die Handelspolitik an übergeordneten Zielen wie Menschenrechten,
Umweltschutz, Armutsbekämpfung und nachhaltige Entwicklung ausgerichtet
sein.
Entwicklungsbank: keine neuen Strukturen ohne deutliche Mittelerhöhung!
Im Regierungsprogramm ist festgehalten, dass die geplante Einrichtung
einer Entwicklungsbank geprüft werden soll, wobei die einschlägige
Erfahrung und Kostengünstigkeit der OeKB in der Ausfuhrförderung
berücksichtigt werden soll). Die NGOs fordern, dass die Ziele, der Bedarf
in Österreich an einer solchen Bank und die externe Rechenschaftspflicht
(wie kann die parlamentarische Kontrolle gewährleistet werden) zu prüfen
sind. Eine deutliche Mittelerhöhung muss Voraussetzung sein, bevor neue
Strukturen und Abwicklungsmechanismen geschaffen werden. Es darf nicht
passieren, dass die Bank Gelder aus dem Entwicklungshilfe-Topf erhält und
diese Mittel dann nicht für die weltweite Armutsbekämpfung verwendet
werden. In die Vorarbeiten muss das federführende Außenministerium
unbedingt eingebunden sein.
Migration: Keine Verknüpfung der Entwicklungszusammenarbeit mit der
Kooperationsbereitschaft der Herkunftsstaaten!
Laut Regierungsprogramm ist die Verknüpfung der EZA mit der Kooperation
von Herkunftsstaaten, wie beim Abschluss von Rückübernahmeabkommen,
unumgänglich. Die NGOs lehnen die Verknüpfung von restriktiver
Migrationspolitik und EZA ab. Repressive Maßnahmen stellen die
Menschenrechte in Frage, gefährden Menschenleben und tragen nicht zur
Lösung der Ursachen von Migration und Flucht bei. Hier sind andere Ansätze
gefordert wie verstärkte Armutsbekämpfung, Klima- und Umweltschutz und
aktive Friedensförderung, um die Menschen im Süden und Osten bei der
Schaffung würdiger Lebensbedingungen zu unterstützen.
Devisentransaktionssteuer: Mittel für EZA-Maßnahmen sicherstellen!
Die NGOs begrüßen die im Regierungsprogramm festgehaltene Überprüfung
einer Devisentransaktionssteuer und betonen, dass der Einsatz der
lukrierten Mittel für EZA-Maßnahmen sicherzustellen ist.
Kohärenz: konkrete Umsetzungsmaßnahmen definieren!
Die NGOs begrüßen die im Regierungsprogramm angeführte Stärkung der
Kohärenz, hätten sich aber die Formulierung konkreter Maßnahmen gewünscht.
Es ist notwendiger denn je, dass alle Politikfelder wie zB Finanz-, Agrar-
und Handelspolitik an den Zielen der Entwicklungspolitik ausgerichtet
werden.
Entwicklungspolitische NGOs: ihrer Bedeutung verstärkt Rechnung tragen!
Im Regierungsprogramm finden sich keine Aussagen zu
entwicklungspolitischen NGOs, die unmittelbar an der Basis arbeiten und
große Kompetenz in der Umsetzung von armutsbekämpfenden Maßnahmen haben.
Sie leisten darüber hinaus einen wichtigen Beitrag durch ihre
bewußtseinsfördernde Arbeit in Österreich.
Strukturierter Dialog zum Regierungsprogramm dringend notwendig!
Die NGOs fordern daher dringend einen strukturierten Dialog mit
RegierungsvertreterInnen, NGOs und ParlamentarierInnen zum
Regierungsprogramm.
Druckversion (pdf):
http://www.oneworld.at/agez/PA-Appell-Regierungserklaerung2007.pdf
|