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„Erzeugung von Nahrung und Energie - ein Widerspruch?“
(25.1.2008) Ein weltweit verantwortungsvolles Miteinander von
Nahrungsmittelerzeugung und Energieproduktion aus nachwachsenden
Rohstoffen fordert eine Gruppe von Nichtregierungs- und kirchlichen
Organisationen des Entwicklungs- und Umweltbereiches gemeinsam mit der
Interessensvertretung der österreichischen Bauern. KOO, AGEZ, Ökosoziales
Forum Europa, die Landwirtschaftskammer Österreich und die Rübenbauern
haben sich intensiv mit den ökonomischen, sozialen und ökologischen
Auswirkungen des globalen Booms von biogenen Treibstoffen (Biofuels)
auseinandergesetzt.

Ausgangslage
Die EU hat am 9. März 2007 weit reichende verbindliche Ziele für die
Energie- und Klimapolitik beschlossen. Unter anderem will sie den
Biotreibstoffanteil am Gesamttreibstoffverbrauch bis 2010 um 10 Prozent
erhöhen. Diese Klimaverpflichtungen im Rahmen des Kyoto-Protokolls und der
gestiegene Ölpreis sind die Hauptursachen für den weltweiten Boom von
Energieerzeugung auf Basis erneuerbarer Energieträger.
Chancen und Risiken
In einem Positionspapier zeigen die unterzeichnenden Organisationen
Chancen und Risiken dieser Entwicklung auf und fordern politische
Rahmenbedingungen, die ein ökologisch und sozial verträgliches
Wirtschaften ermöglichen – damit die Produktion von Nahrung und Energie
kein Widerspruch sind. Sie begrüßen, dass Industrieländer mit
strukturellen Überschüssen unter Einhaltung von ökologischen Vorgaben
biogene Treibstoffe in einem begrenzten Ausmaß produzieren. Sie sprechen
sich aber gegen die Produktion von Energie aus nachwachsenden Rohstoffen
aus, wenn dadurch lokale Märkte, Ökosysteme wie Regenwälder und Savannen
oder die wirtschaftliche Existenz von Kleinbauernfamilien zerstört werden.
Ausreichend Rohstoff für Treibstoffproduktion in Österreich
In Österreich wird laut aktuellen Studien (vgl. Brainbows-Studie 2007 und
Grüner Bericht 2007) langfristig gesehen genügend Getreide angebaut, um
den Bedarf an Bioethanol zu decken. Es werden sogar größere Mengen
Getreide exportiert. Gleichzeitig müssen Eiweißfuttermittel, teilweise aus
Übersee, importiert werden. Bei der Erzeugung von Treibstoff aus biogenen
Rohstoffen fallen Eiweißfuttermittel als Nebenprodukt an. Dadurch können
wertvolle Synergien geschaffen werden. Für die Biodieselproduktion muss
Österreich Pflanzenöle aus dem Ausland zukaufen. Ziel ist es, das
vorwiegend aus östlichen Nachbarländern mit großen Produktionsreserven zu
tun.
Die Landwirtschaft in der EU orientiert sich an hohen ökologischen
Standards. Österreich ist besonders ambitioniert, z. B. in Bezug auf
Düngebeschränkung. Rechtliche Vorgaben verhindern, dass für die
Treibstoff-Produktion Wälder gerodet oder Grünflächen umgebrochen werden.
Gefahr für Nahrungssicherheit, Umwelt und Kleinbauern in
Entwicklungsländern
Durch den steigenden Bedarf an biogenen Treibstoffen wird es in
Entwicklungsländern gebietsweise zu einem Wettbewerb zwischen
Nahrungsmittel und Treibstoff kommen. Das belegen aktuelle Studien.
Bereits bestehende Probleme wie Hunger, ungerechte Verteilung von Land,
Wasser und Saatgut sowie die Zerstörung von Umwelt und kleinbäuerlichen
Strukturen können noch verschärft werden. Weltweit leiden etwa 850
Millionen Menschen an Hunger, obwohl laut FAO mehr als neun Millionen
Menschen mit Nahrung versorgt werden könnten. In Ländern wie Malaysia,
Indonesien und Brasilien werden nach wie vor Regenwälder abgeholzt. Die
intensive Produktion von Palmöl laugt die Böden aus und legt 20 Meter
dicke Torfschichten trocken. Es ist zynisch, dass gerade die mögliche
Ausbeutung von Mensch und Natur einer der größten Wettbewerbsvorteile der
Entwicklungsländer ist. Es gibt aber auch Beispiele die zeigen, dass die
Produktion von biogenen Treibstoffen einen positiven Kreislauf auslösen
kann (z.B. kleine Destillerien in Brasilien und biogener Brennstoff aus
Jatropha für Kochstellen).
Preisentwicklung – Chance und Risiko
Durch die steigende Nachfrage können für Agrarprodukte bessere Preise
erzielt werden. Auch in Entwicklungsländern. Damit davon auch weltweit
Bauernfamilien profitieren, die Armut bekämpft und der ländliche Raum
entwickelt werden kann, sind neue und verbindliche Rahmenbedingungen
notwendig. Weil sonst die Gefahr besteht, dass vor allem Agrar- und
Energiekonzerne Gewinne schreiben, Kleinbauern in Entwicklungsländern von
ihrem Land vertrieben werden und regionale Arbeitsplätze verloren gehen.

Für eine weltweit nachhaltige Energieproduktion und einen sozial
gerechten Welthandel
KOO, AGEZ, Ökosoziales Forum Europa, die Landwirtschaftskammer Österreich
und die Rübenbauern fordern Maßnahmen und Regeln für den Welthandel, die
eine nachhaltige Produktion von Energie aus erneuerbaren Energieträgern
unter ökologisch und sozial gerechten Bedingungen ermöglichen:
1. Die Energieeffizienz muss erhöht, Energiesparen muss zur
Selbstverständlichkeit werden, auch in den Entwicklungs- und
Schwellenländern.
2. Primäres Ziel der Landwirtschaft in Österreich ist es, Mensch und Tier
mit Nahrung und Futtermittel zu versorgen. Biomasse soll aber auch
nachhaltig energetisch verwertet werden. Das ermöglicht, die Importe
von Energie aus Krisenregionen zu verringern und ist ein Beitrag zum
Klimaschutz sowie zu einer höheren Wertschöpfung vor allem am Land.
3. In Abstimmung mit den UN-Millenniums-Entwicklungszielen müssen,
quasi als oberste Staatenpflicht, die Menschen weltweit mit Nahrung und
Wasser versorgt werden. Arbeits- und Umweltnormen müssen eingehalten
werden.
4. Die unterzeichnenden Organisationen fordern neue gesetzliche
Rahmenbedingungen, damit von steigenden Preisen für agrarische
Rohstoffe vor allem die ländliche Bevölkerung profitiert. Zum Kampf gegen
Armut und für bessere Lebensbedingungen.
5. Bei der Gewinnung von biogenen und fossilen Energieträgern sollen
künftig die gesamte Energie- und Ökobilanz und die
Versorgungssicherheit berücksichtigt werden.
6. Keine handelspolitischen Anreize im Rahmen der WTO ohne soziale und
ökologische Mindeststandards. Korruption soll verstärkt bekämpft,
Know-How-Transfer ermöglicht werden. Die unterzeichnenden Organisationen
fordern außerdem eine höhere und gesicherte finanzielle Unterstützung der
Entwicklungszusammenarbeit durch die Industrieländer.
7. Nur wer ökologische und soziale Standards einhält, soll in den Genuss
von Förderungen kommen. Es braucht verbindliche internationale
Nachhaltigkeits-Standards und ein einheitliches System der
Zertifizierung und Kontrolle für Importe aus Drittstaaten.
8. Ein beschränkter Marktzugang für biogene Treibstoffe nach Europa
soll die bereits bestehende europäische Produktion sichern und
garantieren, dass die Erzeugung in den Entwicklungs- und Schwellenländern
dosiert und auf sozial und ökologisch vertretbaren Pfaden erfolgt.
9. Ländliche Gebiete sind vom Klimawandel und seinen Auswirkungen
besonders betroffen. Dem Klimaschutz muss daher weltweit besonders
beachtet werden.
10. Bei der Besteuerung des Verkehrs soll ein Bonus-Malus-System
eingeführt werden, das den CO2-Ausstoß stärker berücksichtigt.
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Gemeinsames Positionspapier "Nahrungsmittelproduktion und
Energieproduktion aus nachwachsenden Rohstoffen - ein Widerspruche?"
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