Als zivilgesellschaftliche Gruppen, die wir für
Demokratie durch fairen Handel und Investitionsbestimmungen kämpfen,
lehnen wir die totale Mißachtung unserer wesentlichen Anliegen, die von
der Zivilgesellschaft vor, während und nach Seattle erhoben wurden, durch
die Welthandelsorganisation WTO, einiger Mitgliedsregierungen und verbündeter
Konzerne ab. Der Rauch und das Tränengas hatten sich kaum von den Straßen
Seattles verflüchtigt, da begann die WTO neue Verhandlungen zu weltweiten
Regeln für den grenzüberschreitenden Handel mit Dienstleistungen. Diese
würden umfassende neue Rechtsvorschriften und Zugriffsmöglichkeiten für
multinationale Anbieter von Dienstleistung und auf der ganzen Welt eine
neuerliche Beschränkung für Regierungsmaßnahmen, die im öffentlichen
Interesse gesetzt werden, zur Folge haben. Diese Verhandlungen würden
weltweit die Rolle von Regierungen von Grund auf verändern, sofern es um
den öffentlichen Anspruch auf wesentliche soziale Dienste geht – zum
Schaden des öffentlichen Interesses und der Demokratie an sich.
Die im Februar 2000 gestarteten weitreichenden
Verhandlungen zielen auf die Ausweitung des Dienstleistungsabkommens GATS
der WTO. Dadurch wird auf der ganzen Welt die demokratische Regierungstätigkeit
globalen Handelsregeln, die von der WTO als dem obersten Gremium der
globalen Wirtschaftsherrschaft aufgestellt und auch erzwungen werden,
untergeordnet.
Überdies finden diese 2000er-Verhandlungen zum GATS
hinter verschlossenen Türen statt und basieren auf stillschweigendem
Einverständnis mit weltweiten Konzernen und deren ausgedehnter
Lobbyingmaschinerie.
Die existierende GATS-Vereinbarung der WTO, welche
ursprünglich im Jahre 1994 abgeschlossen wurde, ist bereits umfassend und
weitreichend. Die geltenden Regeln versuchen, schrittweise alle
staatlichen Barrieren für den internationalen Handel und den
wirtschaftlichen Wettbewerb im Dienstleistungssektor auszulöschen. Das
GATS umfaßt jede vorstellbare Dienstleistung - incl. öffentlicher
Dienste - in Bereichen, welche die Umwelt, die Kultur, natürliche
Ressourcen, Trinkwasser, Gesundheitswesen, Bildung, soziale Sicherheit,
Transportwesen, Postzustellung und eine Vielzahl von kommunalen Aufgaben
betreffen. Dessen Zwänge richten sich im Grunde genommen gegen alle
Regierungsvorschriften betreffend Handel mit Dienstleistungen, beginnend
beim Arbeitsrecht bis hin zu Konsumentenschutz, incl. Verordnungen,
Richtlinien, Subventionen und Beihilfen, Zulassungsstandards und
Qualifikationen, Beschränkungen hinsichtlich Marktzugang, Überprüfungen
des wirtschaftlichen Bedarfs und regionale Herkunftsvorschriften.
Zur Zeit beziehen sich die GATS-Regeln auf alle Modalitäten
betreffend Bereitstellung von und Belieferung mit Dienstleistungen incl.
Auslandsinvestitionen, grenzüberschreitender Sicherung von Diensten,
elektronischem Handel und internationalem Reiseverkehr. Darüber hinaus
stellt das GATS eine Mischung aus top-down-Vereinbarungen (von oben nach
unten, alle Sektoren u. Maßnahmen sind erfaßt, außer sie sind ausdrücklich
ausgenommen) und einem bottom-up-Agreement (bei dem nur Bereiche und Maßnahmen
betroffen sind, auf welche sich die Regierungen ausdrücklich geeinigt
haben). Das bedeutet, daß zur Zeit gewisse Maßnahmen auf alle Sektoren
zutreffen, während andere Maßnahmen nur für speziell vereinbarte
Bereiche gelten.
Die neuen GATS-Verhandlungen, die nun in der WTO
stattfinden, sind derart gestaltet, daß sie die Übernahme der öffentlichen
Dienste durch Konzerne noch weiter erleichtern durch:
... durch das Auferlegen neuer und strengerer Zwänge auf die Fähigkeit
der Regierungen hinsichtlich der Sicherung und der Schaffung von Standards
im Bereich Umwelt, Gesundheit, Konsumentenschutz und anderer Standards im
öffentlichen Interesse durch eine Ausweitung des Artikels VI des GATS
betreffend nationaler Rechtsvorschriften. Die Vorschläge beinhalten einen
"Notwendigkeitstest", wobei die Regierungen die Beweislast
tragen sollten, indem sie beweisen, daß alle ihre nationalen Gesetze und
Vorschriften auf keinen Fall handelsbeschränkend sind, unabhängig von
finanziellen, sozialen, technologischen oder anderen Überlegungen.
* ... durch die Beschränkung des Gebrauchs von öffentlichen Geldern für
öffentliche Arbeiten, kommunale Dienste und soziale Programme. Indem man
die WTO-Bestimmungen hinsichtlich national treatment (Nationale
Gleichbehandlung) sowohl auf das öffentliche Beschaffungswesen als auch
auf öffentliche Subventionen anwendet, versuchen die neuen Verhandlungen,
von den Regierungen abzuverlangen, daß sie ihre für öffentliche Dienste
zugewiesenen Fonds direkt ausländischen privaten Dienstleistungskonzernen
öffnen.
* ... durch den Zwang auf Regierungen, ausländischen
Dienstleistungsanbietern unbeschränkten Zugang einzuräumen, ohne Rücksicht
auf die Umwelt und soziale Auswirkungen auf die Quantität oder den Umfang
der Dienstleistung.
* ... durch das Beschleunigen des Prozesses, der den
Dienstleistungskonzernen einen garantierten Zugang zu den heimischen Märkten
in allen Bereichen verschafft - incl. Bildung, Gesundheit und
Wasserversorgung - indem man es erlaubt, daß sie ihre kommerzielle Präsenz
in einem anderen Land durch die neuen WTO-Regeln aufbauen, die dazu
geschaffen wurden, um den weltweiten zollfreien elektronischen Handel zu fördern.
Dies würde transnationalen Konzernen einen raschen unumkehrbaren
Marktzugriff ermöglichen, besonders in den Ländern der "Dritten
Welt".
Die Hauptprofiteure dieses neuen GATS-Regimes sind eine Gruppe von
konzernartig agierenden Dienstleistungsanbietern, die entschlossen sind,
ihren globalen Handel auszudehnen und öffentlichen Dienste in private Märkte
auf der ganzen Welt umzuwandeln. Nicht nur, daß die
Dienstleistungsindustrien der am schnellsten wachsende Bereich der neuen
globalen Wirtschaft sind, es kristallisieren sich auch die Bereiche
Gesundheit, Bildung und Wasserversorgung als die lukrativsten aller
Dienste heraus.
Das Gesundheitswesen wird als ein 3.5 Billionen
Dollar-Markt weltweit angesehen, während der Bereich Bildung als ein zwei
Billionen und der Bereich Wasser als ein 1 Billionen-Dollar-Markt jährlich
eingeschätzt wird. Der Generalsekretär der in den USA beheimateten
Columbia-HCA, dem weltgrößten gewinnorientierten
Krankenanstaltenkonzern, betont, daß das Gesundheitswesen ein Geschäftszweig
darstellt, welcher sich nicht von einer Fluglinie oder von einem
Kugellagerindustrie unterscheidet und er erklärt feierlich, jedes öffentliche
Spital in Nordamerika vernichten zu wollen. Investmentformen wie z.B.
Merrill Lynch sagen voraus, daß die öffentliche Bildung in den nächsten
10 Jahren weltweit privatisiert wird, und erklären, daß unsagbare
Gewinne in diesem Prozeß gemacht werden könnten. In der Zwischenzeit
arbeiten Wassergiganten wie Vivendi und Suez Lyonnaise des Eaux aus
Frankreich Hand in Hand mit der Weltbank, um die Regierungen der 3. Welt
zu zwingen, ihre Wasserversorgungsdienste zu privatisieren.
Durch starke Lobbymaschinerien wie die US. Coalition of Service Industries
und das European Services Forum (Europäische Dienstleistungsforum) haben
diese und andere transnationalen Konzerne die Tagesordnung für die
GATS-2000-Verhandlungen effektiv festgelegt.
Im Falle ihrer Umsetzung wird dieses GATS-2000-Programm der Konzerne auf
einen frontalen Angriff auf die grundsätzlichen sozialen Rechte
hinauslaufen, die in der UNO-Menschenrechtsdeklaration und den
begleitenden Bündnissen und Chartas festgeschrieben sind. Nicht nur, daß
ausländische, gewinnorientierte Konzerne in die Lage versetzt werden,
einen Zugang zu öffentlichen Geldern zu bekommen, um öffentliche Spitäler
und Schulen zu übernehmen, auch Regelungen hinsichtich Gesundheits- und
Bildungsstandards werden durch die globalen Handelsregeln im Rahmen der
WTO unterminiert. Ganze Ketten von ausländischen, profitorientierten
Konzernen würden in der Lage sein, in die Bereiche Kinderbetreuung,
soziale Wohlfahrt und Gefängniswesen in allen WTO-Mitgliedsstaaten
einzudringen. All unsere Naturparks, unsere natürliche Fauna und
altgewachsene Wälder würden zu umkämpften Gebiete werden, weil die
weltweit agierenden Konzerne, die "Umweltdienstleistungen"
anbieten, beim Ausbeuten der Ressourcen untereinander wetteifern würden.
In der Zwischenzeit müßte ausländischen Konzernen ein unbeschränkter
Zugang zu kommunalen Verträgen für Bauwesen, Abwasser, Müllabfuhr,
Kanalisation, Tourismus und Wasserversorgung gegeben werden.
Für viele Länder der "Dritten Welt" ist diese Beeinträchtigung
der grundlegenden Menschenrechte nichts Neues. Während der vergangenen
zwei Jahrzehnte wurden die Strukturanpassungsprogramme des Internationalen
Währungsfonds und der Weltbank dazu benützt, um viele Regierungen des Südens
dazu zu zwingen, ihre öffentlichen Dienste abzubauen und es ausländischen
Gesundheits-, Bildungs- und Wasserkonzernen zu ermöglichen, ihre Dienste
dort profitorientiert anzubieten. Unter den vorgeschlagenen
GATS-Regelungen werden die Entwicklungsländer einen weiteren Abbau ihres
öffentlichen Dienstleistungssektors, Einschränkungen im Aufbau von
heimischen Anbietern und die Schaffung neuer Monopole, die von Konzernen
des Nordens dominiert werden, hinnehmen müssen. Durch die dramatisch
steigende Marktkontrolle durch ausländische Konzerne, die diese Dienste
anbieten, und durch die Bedrohung der Zukunft der öffentlichen Dienste
bedeutet die GATS 2000-Agenda einen globalen Anschlag auf das öffentliche
Eigentum und die Demokratie sowohl im Norden als auch im Süden. Überdies
wird der verpflichtende Durchsetzungsmechanismus der WTO sicherstellen, daß
dieses Programm nicht nur eingeführt, sondern sich als unumkehrbar
erweisen wird. Die Zeit ist gekommen, um den "GATS-Angriff zu
stoppen".
Darum rufen wir unsere Regierungen auf, sofort ein
Moratorium für die GATS-Verhandlungen 2000 auszurufen und die
verbleibenden zwei Jahre der geplanten Gespräche der Ausführung
folgender Aufgaben zu widmen:
gemeinsam mit den Bürgergruppen aller Mitgliedsländer
eine vollständige Aufstellung aller Konsequenzen des gegenwärtigen
GATS-Regimes wie der Folgen der vorgeschlagenen GATS 2000-Regeln auf die
heimischen Sozial-, Umwelt- und Wirtschaftsgesetze, - politiken und
-programme durchzuführen;
die Rolle und Verantwortung der Regierungen für die
Bereitstellung Öffentlicher Dienste zur Sicherung der Grundrechte und
-bedürfnisse ihrer BürgerInnen gemäß der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte und darauf aufbauenden UN-Verträge und Chartas in der
neuen globalen Ökonomie erneut festzuschreiben;
die Säuberung des bestehenden GATS-Regimes durch die
Entfernung von Bestandteilen wie dem Artikel VI und der Arbeitsgruppe für
heimische Regelungen, welche ausländischen Regierungen und
transnationalen Konzernen die Macht geben, Gesetze, Politiken und
Programme im öffentlichen Interesse wie z.B. Qualitätsstandards in der
Gesundheitsversorgung oder Sicherheitsstandards im Transportbereich
abzublocken;
den Regierungen das Recht zu garantieren, eiserne
Schutzmaßnahmen für Öffentliche Dienste [z.B. Gesundheitsvorsorge,
Bildung, soziale Sicherheit, Kultur, Umwelt, Transport, Wohnungen, Energie
und Wasser] aufzustellen, die durch globale Handels- und
Investitionsregeln bedroht sein könnten.
daß konkrete Förderungen und Hilfsmittel - speziell für
Regierungen des Südens - zur Verfügung gestellt werden, sodaß sie ihren
universellen Verpflichtungen durch Weiterentwicklung und Stärkung der
Vorkehrungen im Bereich der Öffentlichen Dienste, die auf den Bedürfnissen
anstatt auf Kaufkraft aufbauen, nachkommen können.
die Entwicklung von Mechanismen der wirkungsvollen
Teilhabe von Bürgerrechts- / Basisorganisationen sowohl bei der
Formulierung der Positionen ihrer Regierungen als auch bei zukünftigen
Verhandlungen jedweder globaler Handels- und Investitionsregeln betreffend
grenzüberschreitender Dienstleistungen.
die Sicherung der Rechte und der Verantwortlichkeiten
von Regierungen zum Erlaß und zur Durchführung von Gesetzen und
Regelungen, welche die Umwelt und natürliche Ressourcen, Gesundheit und
Sicherheit, der Verringerung der Armut und der Sozialen Wohlfahrt schützen.
Zum Schluß rufen wir unsere Regierungen auf, den Druck
von Weltwährungsfond, Weltbank und Multilateralen Entwicklungsbanken auf
Entwicklungsländer zur Privatisierung öffentlicher Dienste -
insbesondere in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Wasser - zu beenden.
Unterzeichnet von der AGEZ (Arbeitsgemeinschaft
Entwicklungszusammenarbeit; 1090 Wien, Berggasse 7; Tel und Fax: 01/317 40
16) im Mai 2001