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| "Globale
Partnerschaft für Arbeit" |
"Anzunehmen, daß
es einen funktionierenden, automatischen Anpassungsmechanismus gibt,
welcher das Gleichgewicht beibehält, wenn wir uns nur auf eine Politik
des "laissez faire" verlassen, ist eine doktrinäre Täuschung,
die auf keiner fundierten Theorie aufbaut und die die Lehren der
geschichtlichen Erfahrung mißachtet." (John Maynard Keynes)
Die Sorge um die Arbeitsplätze und die damit verbundene Existenzangst
nimmt sowohl in den Industrieländern des Nordens als auch in den
Entwicklungsländern des Südens zu.
Wir sind überzeugt, daß der Lebensunterhalt für
alle Menschen auf dieser Welt gesichert werden kann. Wir meinen, die
Menschen im Norden und Süden sollen sich nicht als KonkurrentInnen um
Arbeitsplätze verstehen, sondern als PartnerInnen in der
Auseinandersetzung mit einem Wirtschaftssystem, das die von ihrer
Lohnarbeit abhängigen Menschen im Norden und Süden bedroht.
Wir halten fest, daß viele negative Tendenzen auf den Norden und den Süden
zutreffen, daß teilweise dafür dieselben Ursachen verantwortlich sind
und daher die entscheidenden Gegenmaßnahmen globaler Natur sein müssen,
um die Situation zu verbessern.
1. Wir beobachten im Norden und Süden:
- steigende Arbeitslosigkeit bei
gleichzeitiger Arbeitsüberlastung eines Teils der Beschäftigten
- steigende Arbeitszeit bei Frauen durch
Mehrfachbelastung
- zunehmende Angst um den Arbeitsplatz
- verstärkte Abhängigkeit der unselbständig
Beschäftigten
- Zunahme informeller und ungesicherter
Arbeitsverhältnisse
- Abbau sozialer Errungenschaften
- massive Lohneinbußen und
Einkommensverluste breiter Bevölkerungsgruppen
- Zunahme der sozialen Spannungen
- Gefährdung des demokratischen
Zusammenlebens durch soziale Polarisierung
Im Süden kommt noch hinzu:
- sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse
in den sogenannten freien Produktionszonen ("Maquilas")
- Kinderarbeit
- zunehmende Vernichtung der
Subsistenzwirtschaft bei indigenen Völkern
2. Analyse: ähnliche Phänomene, gleiche Ursachen?
Die Phänomene im Norden und Süden, die weitgehend eine ähnliche
Tendenz aufweisen, wenn sie auch quantitativ sehr unterschiedlich sind (so
beträgt derzeit die Arbeitslosigkeit in den meisten Ländern des Südens
ein Vielfaches der Arbeitslosigkeit im Norden), beruhen zum Teil auf den
gleichen Ursachen. Als solche sehen wir unter anderem:
- die Dominanz der Profitmaximierung
gegenüber den sozialen Werten
- die weit fortgeschrittene
Globalisierung der Märkte, insbesondere der Finanzmärkte und der
Unternehmen, für deren Steuerung globale politische Strukturen
fehlen
- eine technologische Entwicklung, die
zwar in bestimmten Bereichen immer weniger menschliche Arbeit
erfordert, aber nicht von einer entsprechenden Verkürzung der
Arbeitszeit und einer Umverteilung der Gewinne begleitet wird
- die zu große steuerliche Belastung
des Faktors Arbeit im Vergleich zum Faktor Kapital und dem Verbrauch
natürlicher Ressourcen
- die Nichtbeachtung sozialer und ökologischer
Mindeststandards in der Produktion
- die fehlende Berücksichtigung ökologischer
Kosten, wie zB im Transport
- die Unterbewertung der sozialen
Dienste sowie der Verantwortung der Gesellschaft für Erziehung,
Bildung und Gesundheit
- die Geringschätzung und
Unterbewertung von unbezahlter Arbeit, wie Hausarbeit,
Kindererziehung und ehrenamtliche Leistungen
- die Dominanz des Spekulationskapitals
in der Weltwirtschaft, verstärkt durch bewußt gesetzte Maßnahmen,
wie die Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen
- die Geldpolitik, die
Finanzkapitalanlagen attraktiver macht als Arbeitsplätze schaffende
Realinvestitionen und daher die Spekulation fördert
- die zunehmende Einflußnahme
transnationaler Konzerne in die nationalstaatliche
Wirtschaftspolitik und bei internationalen Abkommen (zB
Multilaterales Investitionsabkommen - MAI)
- die generelle Unterbezahlung von
Frauen
- die Aushöhlung des Solidaritätsprinzips
für Sozialleistungen
Im Süden kommen weitere spezifische Ursachen dazu:
- die Konzentration des Bodenbesitzes,
wodurch großen Teilen der Landbevölkerung die Existenzgrundlage
vorenthalten und gesamtwirtschaftlich wertvolle Ressourcen (Arbeit,
Land) ungenützt bleiben
- die Verhinderung einer eigenständigen
Entwicklung infolge der politischen und ökonomischen Interessen der
großen Wirtschaftsmächte im Norden
- die fehlende Durchsetzungskraft der
politischen Strukturen der Länder des Südens gegenüber den ökonomischen
Interessen von "Global Players"
- die Auferlegung von neoliberalen
Strukturanpassungsprogrammen durch die internationalen
Finanzinstitutionen (Internationaler Währungsfonds - IWF und
Weltbank)
- die Präferenz der Exportorientierung
bei Vernachlässigung des Binnenmarktes
3. Forderungen
Wir sind davon überzeugt, daß es eine breite öffentliche Diskussion
geben muß, um Wege zu finden, die zu einer Umkehr der negativen Tendenzen
bezüglich Arbeitslosigkeit und sozialer Polarisierung im Norden und Süden
führen. Die Stärkung der politischen und gewerkschaftlichen Strukturen
auf lokaler, nationaler und globaler Ebene ist notwendig, um das
Gemeinwohl abzusichern und gegenüber den Interessen der "Global
Players" durchsetzen zu können.
Als dringend notwendige Maßnahmen für eine Veränderung im Norden und
Süden fordern wir:
- Schaffung eines globalen Weltwährungssystems
als Voraussetzung für eine stabile Wirtschaftsentwicklung
- die Besteuerung der internationalen
Kapitalströme (Tobin Tax)
- wirksame Maßnahmen zur Abschaffung von
Steueroasen
- die steuerliche Entlastung der Arbeit
durch Umschichtung der Besteuerung auf Kapital,
- Energie und natürliche Ressourcen
- die Durchsetzung sozialer
Mindeststandards, wie sie die ILO (International Labour Organisation)
formuliert hat
- die Definition und Durchsetzung ökologischer
Mindeststandards in der Produktion und die Beachtung der ökologischen
Kosten im Transport
- gesicherte Arbeitsverhältnisse und
Humanisierung der Arbeit
- eine massive Umverteilung der bezahlten
Arbeit durch Arbeitszeitverkürzung
- die Anerkennung der Nichterwerbsarbeit
als Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum und die Einrechnung von
unbezahlter Arbeit in das Bruttosozialprodukt
- die Gewährleistung der
Existenzsicherung von Frauen und Männern unabhängig von
Erwerbsarbeit (zB durch Grundeinkommen)
- die Entwicklung neuer Arbeitsmodelle zur
gerechteren Verteilung von Arbeit zwischen Männern und Frauen
Die oben angeführten Maßnahmen würden sowohl im Norden als auch im Süden
eine positive Wirkung hervorrufen, um die Polarisierung zwischen Norden
und Süden und die zunehmenden sozialen Konflikte innerhalb der jeweiligen
Gesellschaften zu entschärfen.
Veränderungen, die in der Verantwortung der Länder des Südens
liegen, um die Arbeits- und Einkommenssituation zu verbessern, können wir
nicht festlegen. Aus der Sicht der AGEZ-Organisationen erscheinen aufgrund
ihrer Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit folgende Maßnahmen
als vordringlich:
- eine radikale Umverteilung von
Ressourcen und Einkommen
- Landreformen zur Existenzsicherung der
ländlichen Bevölkerung, die die große Mehrheit stellt
- Belebung des Binnenmarktes durch Stärkung
der Kaufkraft der Bevölkerung
- Anerkennung und Förderung der großen
Eigenanstrengungen der Menschen, die sich im informellen Sektor,
Subsistenzwirtschaft und indigenen Wirtschaftsformen manifestieren
Diese wirtschaftspolitischen Maßnahmen müßten, damit sie nachhaltig
wirksam sind, von einer echten Demokratisierung, vom Aufbau und der
Sicherung rechtsstaatlicher Strukturen und einem allgemeinen Zugang zu
Bildung und Gesundheitsvorsorge begleitet werden.
Globale Partnerschaft für Arbeit heißt für uns kurzfristiges
Vorteilsdenken durch solidarisches Verhalten zu ersetzen, damit bessere
Arbeits- und Lebensbedingungen für die Menschen im Norden und Süden
geschaffen werden. Wir, die entwicklungspolitischen Organisationen der
AGEZ, stellen fest, daß die zentralen Probleme des Südens mit globalen
Ursachen zusammenhängen, die auch im Norden zunehmend die soziale, ökonomische
und ökologische Sicherheit gefährden.
Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit dürfen sich heute
daher nicht mehr auf ihr spezifisches Fach- und Arbeitsgebiet beschränken,
sondern müssen an einer globalen Partnerschaft für die Überwindung der
derzeitigen negativen und existenzbedrohenden Tendenzen mitarbeiten. Wir
wollen die Sichtweise der Probleme und das Lösungspotential des Südens
mit jenen des Nordens in Verbindung bringen.
Arbeitsgemeinschaft
Entwicklungszusammenarbeit - AGEZ, A-1090 Wien, Berggasse 7
Tel und Fax: 01/317 40 16, E-mail: AGEZ@magnet.at
Geschäftsführerin: Mag. Brigitte Ornauer (ab 1.Juli 98), Vorsitzender:
Dr. Otmar Höll
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