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Positionspapier der AGEZ
zur Diskussion über die WTO
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1) Präambel
Basierend auf der These, freier
Handel nütze der gesamten Menschheit, versucht die WTO freien Handel als
Ziel per se durchzusetzen. Die These ist durch die Realität widerlegt:
trotz oder wegen der Liberalisierung des Handels haben die beiden letzten
Jahrzehnte global erheblich mehr WohlstandsverliererInnen als
WohlstandsgewinnerInnen hervorgebracht; die Gewinner sind in erster Linie
transnationale Konzerne des Nordens, die eindeutigen Verliererinnen sind
Frauen des Globalen Südens.
Die AGEZ vertritt die Auffassung,
dass Handel per se kein Ziel sein kann. Handel ist ein Instrument, das der
Erreichung von Zielen dient, deren Definition der Politik vorbehalten
bleiben muss.
Freihandel mag zwischen gleichwertigen
Partnern den Wohlstand fallweise erhöhen, sicher nicht aber zwischen ungleichen:
zwischen hochindustrialisierten Volkswirtschaften einerseits und agrarisch
strukturierten bzw. zum Rohstoffabbau gezwungenen Ländern andererseits.
Denn die Gleichstellung von Ungleichem erhöht immer die Ungleichheit.
Folglich haben bisherige Liberalisierungsrunden keineswegs zu allgemeinem
Wohlstand geführt. Das Pro-Kopf-Einkommen von 80 Staaten ist heute
niedriger als noch vor zehn Jahren. Afrikas Anteil am Welthandel ging seit
den sechziger Jahren von sechs auf zwei Prozent zurück. Man spricht am
Schwarzen Kontinent von Entindustrialisierung und vom Zusammenbruch des
Binnenmarktes. In Lateinamerika droht durch Rohstoffabbau und intensive
Exportlandwirtschaft ein Rückfall der Volkswirtschaften in den primären
Sektor. Die vor allem in Ländern des Südens krass zunehmende Verelendung
und Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten wirkt sich besonders
auf Frauen aus: 70% der absolut Armen dieser Welt sind Frauen.
2) Entwicklung und Struktur der WTO
1948 trat das Allgemeine Zoll- und
Handelsabkommen (GATT) in Kraft, wodurch gemeinsame Leitlinien für die
Handelspolitik der Staaten und Vereinbarungen über Zollsenkungen
getroffen wurden. 1986 begannen die Verhandlungen der sogenannten
Uruguay-Runde, wobei durch die Hereinnahme neuer Themen (Dienstleistungen,
geistige Eigentumsrechte und Landwirtschaft) das GATT seine Kompetenzen
weit über die Handelspolitik im engeren Sinne hinaus ausdehnte.
1995 wurde die World Trade
Organisation (WTO) geschaffen, die den GATT-Vertrag übernahm, daneben
aber auch Verträge für den Handel mit Dienstleistungen und geistigen
Eigentumsrechten schuf. Weiters wurde ein Übereinkommen über die
Beilegung von Streitfällen, wodurch gegen ein Land, das verurteilt wird,
ökonomische Sanktionen ergriffen werden können, abgeschlossen. Das höchste
Organ der WTO ist die alle zwei Jahre stattfindende Ministerkonferenz. Das
General Council mit Sitz in Genf ist das ausführende Organ. Theoretisch
hat jedes Mitgliedsland eine Stimme, doch sind in der Praxis die
Entwicklungsländer mit ihren kleinen Delegationen nicht in der Lage, die
Diskussionen in den zahlreichen Ausschüssen zu verfolgen, geschweige denn
sie zu beeinflussen.
Die letzte Ministerkonferenz in
Seattle im November 1999 hat deutlich gezeigt, dass die Industrieländer
versuchen, die Entwicklungsländer von den entscheidenen Diskussionen
auszuschließen, was mit ein Grund für das Scheitern dieser Konferenz
war.
Die steile Karriere der WTO hat
unter anderem folgenden Grund: In der UNO, in der es eigentlich alle
institutionellen Voraussetzungen für die weltweite Koordination des
Handels gibt, konnten die Industrieländer ihre Interessen nicht rasch
genug durchsetzen. Denn die UNCTAD, die Konferenz der Vereinten Nationen für
Handel und Entwicklung, berücksichtigt, wie ihr Name schon sagt,
auch die Interessen des Südens. Aus diesem Grund bemühten sich die
Industrieländer um Umgehung der UNO, und so kam es zum Protagonismus der
WTO, mit deren Hilfe neoliberale Interessen viel effizienter durchgesetzt
werden können. Die WTO will nicht Handel und Entwicklung, sondern
"Freihandel", sprich Handel als Selbstzweck.
Von der Welthandelsorganisation zur
Weltorganisation der Wirtschaftspolitik
Durch die Ausweitung der Themen, für
die die WTO zuständig sein will (in Seattle wären auch die Themen Handel
und Umwelt, Handel und Sozialstandards und die Verträge über
Auslandsinvestitionen als Ersatz für das gescheiterte MAI auf der
Tagesordnung gestanden), würde, wenn die Entwicklung nicht gestoppt wird,
eine Situation geschaffen, die letztlich die gesamte Wirtschaftspolitik
der Mitgliedsstaaten den WTO-Regeln, also den Regeln eines globalen
Neoliberalismus, unterwirft.
Die Souveränität der Mitgliedsländer,
die Anliegen der sozialen Gerechtigkeit, der Frauen, der Umwelt und der
Menschenrechte würden noch mehr hinter den Interessen der transnationalen
Konzerne und des internationalen Finanzkapitals zurückbleiben. Während
die WTO über harte Sanktionsmechanismen verfügt, bleiben die
internationalen Übereinkommen, die bei den diversen UNO-Konferenzen
beschlossen wurden, weitgehend unerfüllt, und es gibt keine effizienten
Mechanismen zu ihrer Durchsetzung.
So ist die WTO organisiert
Die 134 Mitgliedsländer (1999) der WTO wickeln über
90% des Welthandelsvolumens ab. 30 weitere Staaten, unter anderem China,
haben sich um Aufnahme beworben.
- Neuer WTO-Generaldirektor ist seit Herbst 1999
der Neuseeländer Mike Moore, der sein Amt im Jahr 2002 an den Thailänder
Panitchpakdi Supachai übergeben wird.
- Das höchste Organ der WTO ist die
Ministerkonferenz der Wirtschafts- und Handelsminister, die mindestens
alle zwei Jahre tagt. Sie bestimmt die zu verhandelnden Themenbereiche
und fällt ihre Beschlüsse einstimmig. Vorbereitet werden die
Entscheide in ständigen Verhandlungen, an denen die jeweiligen
Wirtschafts-Attachés der Botschaften in Genf teilnehmen. Trotz ihrer
Machtfülle wird die WTO weder von einem Parlament kontrolliert, noch
ist sie gegenüber einer UNO-Organisation rechenschaftspflichtig.
Die WTO und ihre Verträge
Das Vertragswerk der WTO umfasst
mehr als 20.000 Seiten. Die wichtigsten Abkommen, in zahlreichen
Unterabkommen gegliedert, sind folgende:
- Das GATT (General Agreement on Tariffs and
Trade); Regeln des internationalen Güterhandels, inklusive
Landwirtschaft (AOA) und Textilien, und handelsrelevanter
Investitionsmaßnahmen (TRIMs)
- GATS (General Agreement on Trade in Services):
Regeln des grenzüberschreitenden Dienstleistungsverkehrs
- TRIPs (Trade Related Aspects of Intellectual
Property Rights): Regeln zu den handelsbezogenen Aspekten des
geistigen Eigentums (zB Patentrechte)
- Übereinkommen zur Streitbeilegung DSU (Dispute
Settlement Understanding)
3) Die Auswirkungen der WTO auf
Landwirtschaft, Ernährungssouveränität und Biopolitik
In den letzten Jahren hat sich
besonders im Sektor transnationaler Agrar- und moderner
Biotechnologie-Konzerne eine beängstigende Konzentrations- und
Fusionierungstendenz abgezeichnet, aus der die Kontrolle der weltweit
wichtigsten Nahrungsmittel-Saatgüter durch weniger als zehn Unternehmen
resultiert. Diese Tendenz ist gekoppelt an ressourcen- und
energieintensive, industrielle, und gentechnisch unterstützte
Anbaumethoden, die nicht nachhaltig sind und traditionelle, organische
Landbaumethoden weiter verdrängen. Die dadurch ausgelöste Verknappung
von fruchtbaren und produktiven Flächen für die Versorgung der vor Ort
lebenden Menschen mit Grundnahrungsmitteln würde mittel- bis langfristig
die Ernährungssicherheit und die Ernährungssouveränität des Südens
gefährden. Die sich in den letzten Jahrzehnten abzeichnende Tendenz in
einigen Ländern des Südens, die Eigenversorgung mit Nahrungs- und
Lebensmitteln zugunsten der Erzeugung von "Cash Crops"
aufzugeben, ist nur ein Anzeichen einer besorgniserregenden Entwicklung.
Die ökologisch und sozial katastrophalen Folgen einer exportorientierten
Wirtschaftspolitik sind bestens bekannt und dokumentiert und müssen
endlich auch von Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft zur
Kenntnis genommen werden.
Beinahe in allen Ländern der Welt
ist der überwiegende Anteil der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft
weiblich, dieser Tatsache wird weder thematisch noch strukturell in den
unterschiedlichen Gremien und Gesprächsrunden Rechnung getragen. Die AGEZ
sieht dies - neben der mangelnden Transparenz von WTO-Entscheidungen und
starken diskriminierenden Tendenzen gegenüber "ökonomisch schwächeren"
Ländern - als eines der folgenschwersten demokratischen Defizite nicht
nur des AOA (Agreement on Agriculture), sondern auch anderer WTO-Abkommen
an.
Im Einklang mit Kleinbäuerinnen und
Kleinbauern, LandarbeiterInnen, Landlosen und lokalen KleinproduzentInnen
fordern wir für die weiteren Verhandlungen betreffend den Agrarhandel,
Exportsubventionen auf landwirtschaftliche Massengüter in Nördlichen
Staaten ("Industrieländer") zu verbieten. Die Märkte im Norden
sollen einerseits zu einem erheblichen Grad für Produkte der
Entwicklungsländer geöffnet und Entwicklungsländer andererseits nicht
unter Druck gesetzt werden, ihre Märkte zu liberalisieren. Wir fordern
eine Food-Security-Box als Mechanismus für Entwicklungsländer, ihre Bevölkerung
vor Hunger zu schützen, einzurichten. Die AGEZ fordert dazu auf, die
GATT-Prinzipien um ein dem Vorsorgeprinzip entsprechendes Leitprinzip zu
ergänzen, das allen Mitgliedstaaten erlaubt, für die Bereiche
Landwirtschaft und Ernährungssouveränität vorsorgend
produktionstechnische (ökologische und soziale) und handelspolitische
Schutz- und Sondermaßnahmen zu treffen.
Im übrigen gilt unsere Überzeugung: Landwirtschaft
ist prinzipiell nicht in der WTO zu ver- handeln!
Biopolitik: Verfügungsmacht über den Reichtum an
Biologischer Vielfalt des Südens
Bei der kommenden Verhandlungsrunde
wird im Hinblick auf eine zukunftsfähige Landwirtschaft und eine weltweit
nachhaltige Ernährungssicherung entscheidend sein, welche Weichen für
biotechnologische Entwicklungen gestellt werden. Dem im Zuge bio- und
gentechnischer Innovationen einsetzenden Wettlauf um Patente auf lebendig
modifizierte Organismen, auf Teile davon oder auf ihre Eigenschaften, ist
entschieden entgegenzutreten. Weltweit gültige Exklusivrechte zur
kommerziellen Verwendung und Nutzung biologischer Vielfalt würden sich
damit in den Händen einiger weniger Akteure konzentrieren. Wir sehen
darin nicht nur eine Gefährdung der Ernährungssouveränität breiter Bevölkerungsschichten,
sondern prinzipiell einen Angriff auf soziale, kulturelle und ökonomische
Grundrechte und sprechen uns nachdrücklich für eine Rücknahme der
Patentierbarkeit lebendiger Organismen aus.
Angesichts dieser biopolitischen
Entwicklungen fordert die AGEZ, die weiteren Abkommen der WTO mit den im
Biosafety-Protokoll und im Rahmen der CBD (Konvention über Biologische
Vielfalt) getroffenen Regelungen in Übereinstimmung zu bringen sowie
diese mit anderen RIO-Konventionen abzustimmen.
In keinem der Mitgliedstaaten sollen
einzelne Akteure alleinige Verfügungs- und Exklusivrechte auf lebendige
Organismen eingeräumt bekommen. Das auf ungleichgewichtigen Kräfteverhältnissen
und unter ungleichen Interessenslagen zustande gekommene Abkommen (TRIPs)
ist zu revidieren. Lebendige Organismen, biologische Vielfalt, jegliches
Leben selbst kann nicht zu privatrechtlichem Besitz erklärt werden –
gegebenenfalls ist diesen Ambitionen jeglicher Rechtsschutz zu verweigern.
Dieses TRIPs-Abkommen ist auch aus
genderspezifischen Gesichtspunkten äußerst fragwürdig, da es vor allem
indigene Frauen und Landwirtinnen des Südens aus ihren traditionellen
Lebens- und Machtbereichen verdrängt und ihre über Jahrhunderte
entwickelten Fähigkeiten, ihr Wissen und ihre Erfahrungen in skrupelloser
Weise ausbeutet und kommerzialisiert.
Keine Patente auf Genetic Use
Restriction Techniques (GURT-Technologien)
Seit mehreren Jahren ist nunmehr
bekannt, dass in den USA, Europa und anderen Ländern Patente auf
genetisch manipultiertes Saatgut angemeldet wurden, die die
Pflanzenentwicklung und ihre Keimfähigkeit steuern, behindern oder
mittels Chemikalien kontrollierbar machen. Sogenannte GURT–Technologien
belegen Saatgut mit chemischen, vertraglichen und monetären Konditionen,
die einerseits Bauern und Bäuerinnen als die ökonomisch und politisch
schwächste Gruppe in einem weltweit organisierten Produktionsprozess
existentiell bedrohen, andererseits aber die Ernährungssicherung
der weltweit ärmsten Bevölkerungsgruppen akut gefährden.
GURT-Technologien sehen wir als einen Angriff auf das Recht, sich zu ernähren!
Ungefähr 1,4 Milliarden Menschen, von denen fast alle in ländlichen
Regionen der Dritten Welt leben, sind auf selbstgezogenes Saatgut
angewiesen, das durch lokale Selektion und Züchtung entwickelt wurde. Die
AGEZ fordert daher, Patente auf Technologien, wie GURT, weltweit zu
verbieten und keine Patente auf lebendige Organismen, auf Teile davon oder
auf ihre Eigenschaften zu vergeben!
4) Sozialstandards und
Protektionismus
Diese beiden Schlagworte werden
gegenwärtig von den verschiedensten Seiten in kontroversieller und wohl
nicht selten in absichtlich verwirrender Weise in die Diskussion geworfen.
"Protektionismus" wird dem Süden vom Norden regelmäßig
vorgeworfen, wenn er in wohl legitimer Weise seine Volkswirtschaften vor
allzu rascher Liberalisierung schützen will.
Dass die Industrieländer
ihrerseits nach wie vor mit protektionistischen Maßnahmen die Exporte des
Südens in den Norden erschweren oder verhindern, verschweigen sie in
diesem Zusammenhang wohlweislich. Dabei könnte eine volle Öffnung der Märkte
des Nordens dem Süden viel mehr wirtschaftliche Vorteile bringen, als
dies die Entwicklungszusammenarbeit vermag.
Vor diesem Hintergrund muss die
Diskussion um die sogenannten Sozialstandards gesehen werden. Der Ruf nach
solchen "Social Clauses", wie er keineswegs nur von NGOs des
Nordens, sondern auch von US Präsident Clinton und neuerdings auch von
der WTO selbst erhoben wird, wird von Regierungen von Ländern des Südens
mit dem Hinweis auf eine neue Form des Protektionismus abgelehnt.
Allerdings wird hier übersehen, dass die sogenannten Entwicklungsländer
Sozialstandards nicht deshalb ablehnen, weil sie sie nicht für sinnvoll
erachten, sondern weil sie weitere wirtschaftliche Verluste befürchten.
Gewerkschaften und NGOs im Süden
sehen zwar auch diese Gefahr, befürworten aber mehrheitlich im Gegensatz
zu ihren Regierungen die Forderung nach der Einhaltung der sozialen
Mindeststandards, wie sie die ILO (International Labour Organisation)
vorsieht: Vereinigungsfreiheit, Recht auf kollektive Tarifverhandlungen,
Abschaffung aller Formen der Zwangsarbeit, Beendigung der Kinderarbeit,
Abschaffung von Diskriminierung bei Beschäftigung und Berufswahl. Damit
wird keineswegs die Einführung von weltweiten einheitlichen Mindestlöhnen
verlangt.
In Vorbereitung auf Seattle forderte
die AGEZ, die Sozialstandards einzubringen. Im Gegensatz zur Haltung der
österreichischen Regierung, hat der EU-Rat sehr wohl diesem Anliegen
Rechnung getragen:
"Der Rat stimmte darin überein,
dass sich die EU entschlossen für den Schutz der Grundrechte der
Arbeitnehmer einsetzen sollte. In diesem Zusammenhang erörterte der Rat
eingehend die Rolle, die die WTO als Hüterin der Grundrechte der
Arbeitnehmer spielen sollte, sowie die Auswirkungen einer diesbezüglichen
Initiative der EU im Rahmen der WTO. Der Rat erinnerte an die Bedeutung
der Erklärung von Singapur und kam überein, dass neue Initiativen mit
folgender Zielsetzung ergriffen werden sollten: Die WTO sollte sich in
Zusammenarbeit mit anderen maßgeblichen internationalen Organisationen für
Maßnahmen zugunsten der Wahrung der Grundrechte der Arbeitnehmer
einsetzen. Zu diesem Zweck sollte die EU einen ständigen Dialog mit den
Partnern innerhalb der WTO und der IAO sowie der Bürgergesellschaft führen,
um Ansätze zu entwickeln und zu vereinbaren, die den Interessen aller
Betroffenen am besten dienen." (Zitiert
aus dem Papier des Rates der Europäischen Union vom 22. Oktober 1999;
Dokument 12092/99; WTO 131; wurde vom Rat am 26.10.1999 angenommen)
In diesem Zusammenhang ist es vor
allem wichtig, die Frage der Sozial- und Umweltstandards als politische
Frage und auf einer politischen Bühne – wie der UNO – und nicht nur
auf einer ökonomischen – wie eben der WTO – zu verhandeln, wie dies
beispielsweise das Third World Network fordert. Auf diese Weise würde die
WTO in internationale Verhandlungen und Abkommen eingebunden und nicht
umgekehrt.
5) Macht eine Reform der WTO Sinn?
Die WTO-Verträge haben schon bisher
die sozialen Gegensätze zwischen Nord und Süd, zwischen Armen und
Reichen in den einzelnen Ländern und zwischen Männern und Frauen
erheblich verschärft. Die Auswirkungen des sogenannten Freien Handels auf
Millionen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, auf die
Entwicklungsperspektiven der Länder des Südens und die Erhaltung unserer
Umwelt sind sehr negativ.
Demokratiepolitisch hat die WTO
schwere Defizite. Es gibt weder Transparenz bei den Entscheidungen, noch
eine reale Partizipation der betroffenen Bevölkerung, nicht einmal der
gewählten Parlamente der Nationalstaaten.
Die WTO wurde in Seattle dafür
bestraft, dass sie seit ihrem Bestehen das Spiel der Reichen spielt und
das noch dazu unter Ausschluss der Öffentlichkeit und der zivilen
Gesellschaft, der ausgerechnet die transnationalen Konzerne und die von
ihnen gegängelten Regierungen seit neuestem die demokratische
Legitimation absprechen.
Wirtschaftspolitisch wird die
Diktatur des Welthandels - mit oder ohne WTO - weitergehen; solange bis es
gelingt, sie dazu zu zwingen, sich den Spielregeln und Rahmenbedingungen
einer zivilisierten, d.h. menschenwürdigen Gesellschaft zu unterwerfen.
Viele dieser Spielregeln und Rahmenbedingungen haben in den
UNO-Konventionen und den parallel dazu verlaufenen NGO-Gipfeln von Rio de
Janeiro, Wien, Kopenhagen, Kairo und Peking ihren Niederschlag gefunden.
Realpolitisch ist jedoch die WTO der ungeeignetste Ort, um diesen
verschiedenen Forderungen zum Durchbruch zu verhelfen; schon deshalb
nicht, weil die WTO im Konfliktfall ihre eigenen Schiedsgerichte stellt.
Forderungen, die wir im Sinne der
globalen Gerechtigkeit und des nachhaltigen Wirtschaftens stellen, sind
innerhalb der jetzigen Struktur der WTO nicht erfüllbar. Sie ist ein
Instrument der neoliberalen Dogmen, wodurch immer größere Teile der
Weltbevölkerung marginalisiert werden. Ein globaler Schuldenerlass für
die Entwicklungsländer und die Einführung einer Devisenumsatzsteuer wären
zB wichtige Schritte für mehr soziale Gerechtigkeit. Forderungen, die
aber innerhalb der gegenwärtigen WTO keinen Platz finden.
Für die AGEZ haben folgende Ziele
bei der Gestaltung des Welthandels Priorität: Armutsbekämpfung, eine
gerechtere Verteilung des Wohlstandes unter genderorientierten,
klassenspezifischen, ethnischen, kulturellen und geographischen
Gesichtspunkten und eine nachhaltige Wirtschaftsentwicklung ohne Raubbau
an den sozialen und ökologischen Ressourcen der Menschheit.
Es gibt Beispiele, wie zumindest in
kleinen Bereichen diese Ziele erreicht werden können:
Subsistenzwirtschaftlich arbeitende Gruppen in vielen Regionen des Südens,
indigene Bevölkerungsgruppen und Frauen-Netzwerke haben basierend auf
jahrhundertelanger Erfahrung Modelle des eigenständigen und nachhaltigen
Wirtschaftens und Handels aufgebaut. Mit dem Instrumentarium des FairTrade
wurde ein weiteres Wirtschafts- und Handelsmodell geschaffen, das sich an
diesen Zielsetzungen orientiert und seine Praxistauglichkeit unter Beweis
gestellt hat. Es basiert auf nachhaltigem Wirtschaften, auf der Einhaltung
sozialer und ökologischer Mindeststandards und auf Mindestpreisen, die
den ProduzentInnen wie Lohnabhängigen ein Leben in Würde ermöglichen.
Es gibt weltweit Bewegungen von LandarbeiterInnen und KleinbäuerInnen,
die sich um eine Wirtschaft nach menschlichem Maß bemühen und – gestärkt
durch Seattle – gemeinsam gegen die destruktive Politik der WTO
auftreten.
Gleichzeitig muss die Struktur der
WTO selbst – nicht zuletzt durch die zivile Gesellschaft – unbedingt
verändert werden, um Transparenz in ihren Entscheidungen und die
demokratische Mitbestimmung gesellschaftlich relevanter Gruppen zu
erreichen, ihre Arbeit an Gesichtspunkten der Genderrelevanz, der sozialen
Verträglichkeit und der nachhaltigen Entwicklung zu orientieren und
Konformität mit den geltenden internationalen Menschen- und Umweltrechten
zu gewährleisten.
Wien, 13. September 2000
Im Namen
der AGEZ haben folgende Personen am Positionspapier mitgearbeitet:
Helmut Adam, Herbert Berger,
Christian Felber, Leo Gabriel, Gertrude Klaffenböck, Brita Neuhold,
Elfriede Schachner
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