Herrn Bundesminister
für Auswärtige Angelegenheiten
Dr. Wolfgang Schüssel
Ballhausplatz 2
1010 Wien
Wien, 10. Mai 1999
Sehr geehrter Herr Minister!
Die WTO startet im November 1999 eine neue
Verhandlungsrunde und es ist zu befürchten, daß der zur Diskussion
stehende Ausbau der Liberalisierung des Welthandels zulasten gerade jener
gesellschaftlicher Gruppen in den Ländern des Südens geht, die
PartnerInnen der Mitgliedsorganisationen der AGEZ (Arbeitsgemeinschaft
Entwicklungszusammenarbeit) sind. Da die europäischen MinisterInnen demnächst
zusammenkommen, um eine Position der EU zu den WTO-Verhandlungen
auszuarbeiten, möchten wir Sie über unsere Bedenken informieren. Wir
sind der Meinung, daß die bisherige Politik der WTO ihrer Gründungsidee,
den weltweiten Wohlstand aller Menschen zu fördern, wenig entsprochen
hat. Es ist zu einer Konzentration des Wohlstandes auf Kosten nationaler
Volkswirtschaften und deren benachteiligten Bevölkerungsteilen gekommen.
Wirtschaftliche Instabilität, Zusammenbruch nationaler Wirtschaftskreisläufe
und wachsende ökologische und soziale Probleme sind die Folge. Die
fortschreitende Liberalisierung im Nahrungsmittelbereich bedroht die
Existenz von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in den Ländern Afrikas,
Asiens und Lateinamerikas.
Wir wenden uns daher gegen weitere Liberalisierungen,
die zulasten der schwächeren Volkswirtschaften und dort vor allem zu
Lasten der ärmeren Bevölkerung, der Indigenen und der Frauen gehen. Wir
bitten Sie, die Ausweitung auf neue Bereiche wie Investitionen,
Wettbewerbspolitik und öffentliches Beschaffungswesen zu verhindern.
Es mögen vielmehr Überprüfungen der Auswirkungen der
Politik der WTO auf Entwicklung, Demokratie, Umwelt, Gesundheit, Menschen-
und Arbeitsrechte, Frauen- und Kinderrechte vorgenommen und transparent
gemacht werden.
Wir bitten Sie, Möglichkeiten und Wege zu finden, die
Etnscheidungsfindung bezüglich WTO-Abkommen transparent zu gestalten und
zivilgesellschaftlich engagierten Gruppen, wie die AGEZ, am laufenden zu
halten.
Mit freundlichen Grüßen
Mag. Brigitte Ornauer Univ. Prof. Dr. Otmar Höll e.h.
Geschäftsführerin Vorsitzender