NIKE
KONZESSIONS- UND DIALOGBEREIT
Die Unternehmensleitung des
Branchenriesen drückt in einem seitenlangen Schreiben an die internationale
Clean Clothes Campaign (CCC) ihre Gesprächsbereitschaft und ihr
Verständnis für die Anliegen der Kampagne aus.
Begonnen hatte es mit kämpferischen
Vorzeichen. Am 22. September weihte Nike ein neues Europa-Büro (Nike
City) im holländischen Hilversum ein und hielt zu diesem Anlaß auch
seine Jahres- und Aktionärsversammlung ab. An die 50 AktivistInnen der
Clean Clothes-Kampagne fanden sich ebenfalls dort ein mit dem Plan, am
Eingang des Konferenzgebäudes die Aktionäre anzusprechen und zu einer
Alternativversammlung mit VertreterInnen von Gewerkschaften,
Verbraucherverbänden und der Solidaritätsbewegung einzuladen.
Ein großes Polizeigebäude machte diese
Absicht allerdings zunichte, vier Aktivistinnen wurden festgenommen und
abgeführt. Drei Personen der Kampagne konnten jedoch als Aktionäre der
Versammlung beiwohnen und unangenehme Fragen stellen.
Vorstandsvorsitzender Phil Knight versprach, in Kürze auf ein von 43
Organisationen aus der ganzen Welt unterzeichnetes Protestschreiben an
Nike zu antworten.
Die festgenommenen Frauen wurden am Abend
gegen Bezahlung einer Strafe von 100 Gulden wieder auf freien Fuß
gesetzt.
DAS ANGEBOT
Zwei Wochen später richtete Phil Knight
ein umfassendes Schreiben an die CCC-Koordination in Amsterdam und an alle
Organisationen, die den Protestbrief an Nike unterschrieben hatten. Seine
Antwort habe so lange gedauert, so der Chief Executive Officer (CEO) des
Weltkonzerns, da er und sein Team gründlich recherchiert haben, um der
Kampagne konstruktive Vorschläge zu unterbreiten.
Nike sei seit 17 Monaten besonders bemüht,
"die Lebens- und Arbeitsbedingungen der 500.000 Beschäftigten in
ihren Zulieferfirmen ständig zu verbessern", und bemühe sich auch
um eine bessere Kommunikation mit der großen NRO-Gemeinde
(Nichtregierungsorganisationen) in den USA und außerhalb. Knight ist aber
Realist genug, um dieser kritischen Gemeinschaft nicht mit leeren Worten
zu kommen: "I wont ask you to believe my words but rather to look
at our actions". Und er führt einige Verbesserungsmaßnahmen an,
über deren Umsetzung die Kampagne den guten Willen des Konzerns ersehen
könne:
- Die Mitgliedschaft in der Global Alliance
for Workers and Communities (www.theglobalalliance.org).
- Die Einführung eines unabhängigen
Monitoring in Pilotprojekten, um ein entsprechendes allgemeingültiges
System zu entwickeln.
- Die Aufnahme eines breiten Dialogs mit
den Nike-kritischen Organisationen und Initiativen.
Abschließend ersucht CEO Knight um
konkrete Vorschläge für einen konstanten Dialog zwischen dem Konzern und
der Clean Clothes Campaign - mit der Bitte, daß auch ArbeiterInnen und
UnternehmensvertreterInnen der Zulieferbetriebe in diesen Dialog
integriert werden.
Anschließend an den Brief von Phil Knight
geht der Director for Labor Practices von Nike, Dusty Kidd,
ausführlich auf die einzelnen Punkte des Schreibens der CCC ein.
DIE "ENTHÜLLUNG"
Eine knappe Woche nach diesem Schreiben
erfüllte Nike - zumindest teilweise - eine seit Jahren von der
Anti-Sweatshop-Bewegung der USA erhobene Forderung nach Offenlegung von
Angaben über die Zulieferfirmen. Das Unternehmen veröffentlichte auf
seiner Website (www.nikebiz.com) die Namen und Adressen von 41 Firmen in
elf Ländern, bei denen Nike im Rahmen von Lizenz-Vereinbarungen mit
Universitäten Bekleidungsgegenstände mit dem Logo der jeweiligen
Universität produzieren läßt - in den USA ein Geschäftszweig im Umfang
von 2,5 Milliarden Dollar.
Der Gewerkschaftsverband National Labor
Committee (NLC) hat 1998 begonnen, das Öffentlichmachen der Namen der
Zulieferfirmen zu einem Schwerpunkt seiner Anti-Sweatshop-Kampagne zu
machen, unterstützt von vielen Sit-ins von StudentInnen an den
betreffenden Universitäten. Die Unternehmen weigerten sich jedoch mit dem
Argument, das Enthüllen dieser Angaben würde geschäftsstörend wirken.
Auch wenn Nike nun nicht einmal ein Zehntel
der weltweit 541 Produktionsstätten bekanntmachte, so handelt es sich
dabei doch um einen signifikanten Erfolg der Solidaritätsbewegung, da
dadurch eine Art Tabu der Unternehmen verletzt wurde - was wahrscheinlich
eine Beispielwirkung nach sich zieht. Trim Bissell, der nationale
Koordinator der US-amerikanischen "Kampagne für Arbeitsrechte",
stellt sich die Frage, was nun mit den Informationen, die Nike zur
Verfügung stellt, angefangen werden soll. Und gibt sich gleich seine
Wunschantwort: "Im besten Fall wird es diese Offenlegung
AktivistInnen im globalen Norden erlauben, mit ArbeiterInnen im globalen
Süden, die Gewerkschaften organisieren, in Verbindung zu treten, so daß
wir solidarisch sein und zur Anerkennung echter Gewerkschaften sowie zum
Aushandeln würdiger Arbeitsverträge beitragen können."
Wir sollen die Worte des Nike-Chefs Phil
Knight ernst nehmen: "look at our actions". Die Offenlegung der
Daten der Zulieferfirmen ist zweifellos ein wichtiger positiver Schritt in
der Firmenpolitik. Schauen wir weiterhin auf die konkreten Handlungen der
Konzerne. Auf jeden Fall ist einiges in Bewegung.
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E D I T O R I A L
Hier ist nun die fünfte Ausgabe unseres
Rundbriefes; etwas spät, doch wollten wir noch zuwarten, bis die neue
Kampagnenaktion unter Dach und Fach ist. Und hier finden Sie sie nun, dem
Rundbrief beigelegt: Die KundInnen-Karten-Aktion, mit der Sie sich in
jedem Bekleidungsgeschäft persönlich für bessere Arbeitsbedingungen in
der Textilindustrie einsetzen können.
Achtung:
Sie erhalten weitere Karten kostenlos in jeder Südwind-Regionalstelle (in
jedem Bundesland) und im Weltladen in Graz.
Wie Sie aus den hier vorgestellten neuen
Entwicklungen bei NIKE und ADIDAS ersehen können, tut sich einiges bei
den Großen in der Branche. Und es gäbe noch viel mehr Beispiele, die wir
aus Platzgründen nicht anführen konnten.
Fortsetzung letzte Seite. |
ADIDAS
UND DIE WAHRHEIT
Die Vorgeschichte ist
bekannt: Ein Fernsehfilm und Zeitungsberichte über Mißstände in
Adidas-Zulieferfirmen in El Salvador brachten das Unternehmen in
Argumentationsnotstand. Es beauftragte die US-Agentur Verité mit
der Überprüfung der Arbeitsbedingungen. Der Bericht liegt nun vor
und bestätigt im wesentlichen die erhobenen Vorwürfe.
Wie wir schon im letzten Rundbrief
berichteten, erregten der im August 1998 vom ARD ausgestrahlte Film über
die Arbeitsbedingungen im salvadorianischen Adidas-Zulieferbetrieb Formosa
und darauffolgende Medienberichte großes Aufsehen. Von überlangen
Arbeitszeiten ohne Entschädigung, von Schwangerschaftstests und sexueller
Belästigung am Arbeitsplatz war darin die Rede. Der zweitgrößte
Sportbekleidungshersteller der Welt sah sich gezwungen, öffentlich eine
Verbesserung der Produktionsbedingungen für die ArbeiterInnen zu
versprechen und mit der internationalen Clean Clothes-Kampagne in
einen Dialog zu treten, der vor allem von der deutschen "Kampagne
für Saubere Kleidung" geführt wurde.
VON DER ZEIT DER
ANSCHULDIGUNGEN ...
Ein Dialog, der eine zeitlang von heftiger
Auseinandersetzung geprägt war. Ein Bericht der Kampagne nach einem
Lokalaugenschein in El Salvador stellte fest, daß die rund 1000
Näherinnen bei Formosa weiterhin 60 bis 70 Stunden die Woche arbeiten
müssen, Schwangerschaftstests durchgeführt werden usw. David Husselbee,
der bei Adidas zuständige "Direktor für soziale und
Umweltfragen", warf der deutschen Kampagne die Verwendung
unzuverlässiger Quellen und das Aufstellen falscher Behauptungen vor.
Adidas habe einen Aktionsplan entwickelt, um die Verhältnisse vor Ort zu
verbessern.
"Es ist unsere Überzeugung, daß es
unverantwortlich wäre, Arbeitsplätze durch die Beendigung einer
Geschäftsbeziehung zu gefährden .... Sollte die adidas-Salomon AG
allerdings weiterhin auf der Grundlage falscher Informationen in der
Öffentlichkeit angegriffen werden, sehen wir uns möglicherweise
gezwungen, entsprechende Schritte unternehmen zu müssen und unsere
Geschäfte zu verlagern", drohte das Unternehmen der Kampagne mit
einer Schließung ihrer Betriebe in El Salvador.
In einem ersten "Gipfelgespräch"
zwischen Adidas und VertreterInnen der deutschen Kampagne am 6. Mai in
Frankfurt gestanden letztere partielle Verbesserungen in den Betrieben
Formosa und Evergreen ein, bestanden jedoch auf ihrer vor allem auf
Untersuchungen salvadorianischer NROs basierenden Behauptung, es gäbe
noch keine durchgreifende Abschaffung der Mißstände. Husselbee teilte
der Kampagne mit, er habe in El Salvador Kontakt mit GMIES aufgenommen,
einer von kirchlichen und universitären Organisationen gegründeten
Kontrollagentur, die bereits seit drei Jahren erfolgreich den
Textilbetrieb "Mandarin" auditiert (überprüft), er würde
jedoch vorläufig die US-Betriebsprüfungsfirma Verité vorziehen.
Er versprach auch, diesen Bericht der Kampagne zur Verfügung zu stellen
und für die Veröffentlichung freizugeben.
... ZU KONKRETEN
VERBESSERUNGSPLÄNEN
Vom 16. bis 19. Juni d.J. besuchten zwei
Inspektoren von Verité die Adidas-Zulieferer Formosa und Evergreen in der
Freihandelszone San Bartolo nahe der salvadorianischen Hauptstadt. Sie
sprachen mit der Firmenleitung und 17 ArbeiterInnen (außerhalb des
Firmengeländes). Ende August übersandte Direktor Husselbee der Kampagne
und anderen NROs den Verité-Untersuchungsbericht. Verité bestätigt
darin sexuelle Belästigungen, vor allem seitens der aus Bangladesch
stammenden Vorarbeiter, unbezahlte Überstunden, überhohe
Quotenfestlegung, die Entlassung von ArbeiterInnen, die eine
gewerkschaftliche Organisierung anstreben und die fortgesetzte Praxis
von Schwangerschaftstests, auch wenn die Firmenleitung behauptet, diese
mittlerweile eingestellt zu haben.
Die Agentur schlägt eine Reihe von
Verbesserungsmaßnahmen und auch weitere Überprüfungsbesuche vor.
Am 26. Oktober kam es zu einem zweiten
Treffen zwischen VertreterInnen der Kampagne und des Unternehmens. David
Husselbee berichtete dabei, in den Fabriken Formosa und Evergreen sei nun
ein konkreter Aktionsplan zur Abschaffung der Mißstände implementiert
worden, und gab der Kampagne später auch die Namen der für die Umsetzung
dieses Plans verantwortlichen Personen bekannt. Ab dem Jahr 2000 will
Adidas eine Überprüfung durch die US-amerikanische Fair Labor
Association zulassen.
Auf die Forderung, der Konzern möge doch
den CCC-Verhaltenskodex unterzeichnen, versprach Husselbee, er werde in
Kürze schriftlich dazu Stellung nehmen. Er teilte auch mit, daß das
Unternehmen derzeit eine Liste aller Zulieferfirmen weltweit erstelle, und
kündigte an, der Kampagne diese Liste nach Fertigstellung zu
übermitteln. Also die Erfüllung einer seit Jahren von der
Anti-Sweatshop-Bewegung in Europa (hier als Clean Clothes Campaign
bekannt) und den USA erhobenen Forderung! (Vgl. auch den Artikel zu Nike
in diesem Rundbrief.)
ADIDAS IN INDONESIEN
Die dramatische Wirtschaftskrise in
Indonesien im vergangenen Jahr hat den ArbeiterInnen, besonders in der
Textilindustrie, einen Reallohnverlust gebracht, da die Lohnerhöhungen
mit der inflationären Entwicklung nicht Schritt hielten. Die großen
Unternehmen der Textil- und Sportbekleidungsbranche hätten von dieser
Krise saftig profitiert, stellt das deutsche SÜDWIND-Institut, eine der
aktivsten Organisationen der deutschen Clean Clothes-Kampagne, in einem
soeben erschienenen Bericht fest.
Die Broschüre "Billigproduktion in
Indonesien für deutsche Modekonzerne Schritte für Alternativen"
enthält auch Fallstudien über die Adidas-Zulieferfirmen Tainan und
Nikomas Gemilang in einer Freihandelszone im Norden der Hauptstadt
Jakarta. Darin werden ebenfalls die leider als üblich zu bezeichnenden
Mißstände aufgezählt, wobei der Schwerpunkt auf den harten
Arbeitsbedingungen und unzureichender Entlohnung liegt.
Die 32seitige Broschüre kann ab
sofort beim SÜDWIND-Institut (Südwind-Materialien Nr.7, DM 5,- plus
Porto) bestellt werden: Lindenstraße 58-60, D-53721 Siegburg, Tel.
00492241/53617, Fax -/51308, E-mail suedwind.institut@t-online.de.
Anfang nächsten Jahres wird dann in der Reihe "Südwind-Texte"
eine umfangreiche Studie über die Arbeitsbedingungen in der indonesischen
Textil- und Sportschuhindustrie erscheinen.
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AUF BESUCH BEI DEN MAQUILAS
Im Juli dieses Jahres
organisierte der Verein Frauensolidarität eine Frauen-Informationsreise
nach Nicaragua und El Salvador. Thematischer Schwerpunkt war die
Auseinandersetzung mit der Arbeitsrealität von Frauen in den
Freihandelszonen und das gewerkschaftliche und frauenpolitische Engagement
arbeitender und erwerbsloser Frauen.
Ein Bericht von Claudia Thallmayer
Auf dieser Reise, an der 12 Frauen aus
Österreich und der Schweiz teilnahmen, trafen wir mit verschiedenen
Frauenorganisationen und Gewerkschaften in Nicaragua und El Salvador
zusammen. In Managua war die Frauenorganisation "María Elena Cuadra"
(MEC) unsere Hauptansprechpartnerin, die Arbeiterinnen in der am Stadtrand
von Managua gelegenen Freihandelszone "Las Mercedes" organisiert
und unterstützt. Über die Kontakte dieser Frauenorganisation konnten wir
gleich am zweiten Tag in Managua eine Firma in "Las Mercedes"
besuchen: die italienische Schuhfabrik Ecco, die in Nicaragua vorwiegend
für den US-amerikanischen Raum produziert.
Der Produktionsleiter von Ecco, Juan Acosta
Guillén, hält zwar manches im Betrieb für verbesserungswürdig, meint
aber auch: "Wir sind keine Ausnahme, es ist normal, so zu
produzieren."
Gratwanderung der Frauenorganisationen
Während Acosta ebenso wie Lucien Benoit,
der Sprecher der Freihandelszone, auf die Bedeutung der Arbeitsplätze
hinweist, die durch die Maquila-Industrie geschaffen worden sind, stellt
sich die Realität aus der Sicht der Beschäftigten weniger rosig dar. Die
Maquila-Industrie bietet zwar Arbeit, aber es ist auch sehr leicht, sie
wieder zu verlieren. Die Zahl jener, die jede Woche vor dem Eingang der
Zone auf der Suche nach Arbeit Schlange stehen, ist groß.
Sandra Ramos, Leiterin der
Frauenorganisation María Elena Cuadra, die sich für die Rechte der
Frauen in "Las Mercedes" einsetzt, betrachtet ihre Arbeit oft
als eine Gratwanderung. "Es herrscht große Angst, dass unsere
Bemühungen für bessere Arbeitsbedingungen die ausländischen Investoren
abschrecken und dass sich diese dann zurückziehen und nicht mehr weiter
investieren wollen."
Josefa Rivera, Mitarbeiterin bei MEC und
Promotorin in der Zona Franca, formuliert die Forderungen der Frauen so:
"Wir wollen einen Arbeitsplatz! Wir sind nicht dagegen, dass die
transnationalen Unternehmen hierher kommen. Aber wir wollen, dass sie die
Würde derjenigen, die für sie arbeiten, respektieren!"
Verbesserungen durch Öffentlichkeitsarbeit
Trotz nach wie vor bestehenden Repressionen
hat es seit 1997 aufgrund der intensiven Organisations- und
Öffentlichkeitsarbeit der Gewerkschaften und der Frauenorganisation
"María Elena Cuadra" einige Verbesserungen gegeben. Die
zentralamerikaweite Kampagne "Arbeit ja, aber in Würde", die
besonders in Nicaragua sehr aktiv betrieben wurde, hat immerhin zu einem
Rückgang der Beschwerden über Gewalt und sexuelle Belästigung am
Arbeitsplatz geführt.
Dennoch sind Schikanen und psychischer
Druck keine Seltenheit. Und auch die Bezahlung ist noch immer viel zu
niedrig: In den jüngsten Lohnverhandlungen den ersten seit Jahren -
konnte lediglich eine Erhöhung des Mindestlohns von 500 auf 800 Córdoba
(öS 930,-) erreicht werden, ein Betrag, der bei weitem noch nicht an das
von der Sandinistischen Textilarbeitergewerkschaft geforderte
existenzsichernde Niveau von 1.500 Córdoba (öS 1.740,-) monatlich
heranreicht.
Maquila-Boom in El Salvador
Während die nicaraguanische
Freihandelszone rund 16.000 Frauen (ca. 8% aller regulär Beschäftigen
bei sehr hoher Arbeitslosigkeit) Beschäftigung bietet, ist die Bedeutung
der salvadorianischen Freihandelszonen für die nationale Ökonomie
weitaus größer. 1998 waren in El Salvador 71.427 ArbeiterInnen (was
einem Anteil von rund 10% aller regulär Beschäftigten entspricht) in 237
steuerbefreiten Betrieben angestellt, überwiegend Frauen. Der
Maquila-Boom hält hier bereits seit mehreren Jahren an, und die Textil-
bzw. Bekleidungsindustrie zählt mittlerweile zu einer der wichtigsten
Exportbranchen.
Auch in El Salvador hörten wir von
Regierungs- und Unternehmerseite, wie wichtig die Maquila-Industrie für
die Schaffung von Arbeitsplätzen sei. Wirtschaftsminister Miguel Lacayo,
der einen strikt neoliberalen Kurs fährt, erläuterte uns auf die Frage
der fehlenden Staatseinnahmen wegen der Steuerbefreiung der
Maquila-Betriebe, daß "Steuereffekte derzeit unwichtig" seien.
Was zählt, sind allein die Arbeitsplätze - und die Profite.
Extremer Arbeitsdruck
Wie die Arbeitsrealität in den
salvadorianischen Freihandelszonen aussieht, schilderten uns drei
ehemalige Maquila-Arbeiterinnen, die sich in der salvadorianischen
Frauenorganisation Mélida Anaya Montes (MAM) organisiert haben. Sie
berichteten von großem Arbeitsdruck und dauernden Problemen bei der
Auszahlung von Überstunden oder Akkordprämien.
Obwohl die Frauen jahrelang so viel wie nur
irgend möglich gearbeitet haben, konnten sie keinerlei ökonomische
Verbesserung für sich und ihre Kinder erreichen. Mit Unterstützung von
MAM haben sie sich nun vor kurzem selbständig gemacht und hoffen, dass
sich für die in ihrer Nähwerkstatt "sauber" produzierten
Textilien genügend KäuferInnen auf dem heimischen Markt finden werden
werden.
In einer 1998 von der
Menschenrechtsanwaltschaft herausgegebenen Studie zu "Menschenrechte
und Maquila-Industrie in El Salvador", die uns die engagierte
vormalige Menschenrechtsanwältin Marina de Avilés zur Verfügung stellt,
sind die gravierenden Missstände und groben Verletzungen des
Arbeitsrechts in den Freihandelszonen detailliert aufgelistet. So werden
64% der ArbeiterInnen unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 1.155 Colones
(öS 1.765,-) monatlich bezahlt. Mehr als 30% der ArbeiterInnen verfügen
über keinen Arbeitsvertrag und 48% der ArbeiterInnen arbeiten
regelmäßig zwischen 45 und 60 Stunden pro Woche, obwohl die reguläre
Wochenarbeitszeit 44 Stunden beträgt. Gewerkschaftliches Engagement ist
kaum möglich; auch die Arbeiterinnen, mit denen wir gesprochen haben,
klagen über Repressalien gegenüber den Beschäftigten, von denen
vermutet wird, daß sie mit der Gewerkschaft oder mit einer
Frauenorganisation zu tun hätten.
Unkonventionelle Organisationsformen
Dazu kommt, daß das Interesse der
Arbeiterinnen, sich gewerkschaftlich oder in anderer Weise politisch zu
engagieren, nach einem Jahrzehnt des Bürgerkriegs in El Salvador sehr
gering ist. Die Gewerkschaften - traditionell männlich dominiert -, sind
kaum in der Lage, die Arbeiterinnen für ihre Organisationen zu gewinnen.
Es ist dieses Vakuum, in dem Frauenorganisationen begonnen haben,
Maquila-Arbeiterinnen zu organisieren, indem sie auch nicht-traditionelle
Wege eingeschlagen haben.
Die "Organisation salvadorianischer
Frauen" (ORMUSA) etwa arbeitet mit Frauen in den Siedlungen an ihrem
Wohnort, da viele Frauen aufgrund ihrer Doppelbelastung kaum Zeit haben,
zu Versammlungen ins Stadtzentrum zu fahren. Die Annäherung an
Arbeiterinnen findet bei ORMUSA auch über Fragen der Haushaltsökonomie,
wie der Ausstattung mit einfachen energiesparenden Herden oder der
Lösungssuche für Probleme bei der Wasserversorgung oder der Kanalisation
in den Gemeinden statt. Die Frauenorganisationen MAM oder MEC (in
Nicaragua) legen in ihrer Arbeit wiederum ein Schwergewicht auf die Arbeit
gegen Gewalt und Aufklärung über Verhütungsmethoden und Sexualität -
Themen, die für die jungen Maquila-Arbeiterinnen von großem Interesse
sind.
Internationale Kampagnen
In den Gesprächen mit den Frauen- und
Gewerkschaftsorganisationen diskutierten wir auch, ob internationale
Kampagnen imstande sind, einen effektiven Beitrag zur Verbesserung der
Arbeitsbedingungen zu leisten. Die Meinungen hierzu waren insofern
kontroversiell, als einige der AktivistInnen meinten, Druck aus dem
Ausland wäre äußerst hilfreich, während andere die Kritik
formulierten, dass sie als lokale Organisationen mitunter zu wenig in die
Planung von Kampagnen involviert würden und dass sie bei massiver Kritik
an einem einzelnen Unternehmen vor dem Problem der Verlagerung der
Produktion und damit verbunden der Entlassung der ArbeiterInnen stünden.
Daraus kann das Resümee gezogen werden,
dass Unterstützung aus dem Ausland in Form von Druck auf Regierungen und
Unternehmen vor allem dann hilfreich ist, wenn es vor Ort Organisationen
gibt, die selbst formulieren, welche Art von Unterstützung sie sich
wünschen, und die in der Lage sind, den entstehenden Druck aus dem
Ausland zur Umsetzung ihrer Anliegen zu nutzen. Wenn es diese
Organisationen nicht gibt bzw. sie nicht gestärkt werden, werden von der
Unternehmerseite her maximal einige kosmetische Änderungen vorgenommen,
aber es werden keine nachhaltigen Verbesserungen erreicht. Diese
Erkenntnis heißt für uns auch, dass uns - wie auch schon bisher - der
direkte Kontakt mit und die direkte Unterstützung von Gewerkschafts- und
Frauenorganisationen ein besonderes Anliegen bleiben wird.
(Anmerkung: Die auf der Frauenreise
gewonnenen Informationen wurden von mehreren Teilnehmerinnen publizistisch
in Form von Radiobeiträgen (Judith Brandner) und Zeitschriftenartikeln
(Sandra Rodríguez, Evelyn Hödl, Susanne Blättler, Gabi Allheilig und
C.T.) verarbeitet und so in Österreich und der Schweiz einer breiten
Öffentlichkeit zugänglich gemacht.)
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SPLENDID - Ein hartnäckiger
Fall
Zur Urgent Action im
Kampagnen-Rundbrief Nr.4: Die Firmenleitung willigte schließlich ein, den
Großteil der Abfertigungsansprücheauszuzahlen. "Splendid"
schickte alleProtestschreiben nach Österreich zurück.
Wir in der Kampagnenkoordination waren sehr
erfreut zu sehen, wie viele Menschen sich an der im letzten Rundbrief
vorgestellten Briefaktion an den deutschen Bekleidungsunternehmer
"Splendid" beteiligten. Die Firma hat die Annahme der Briefe
verweigert, d.h. sie an die AbsenderInnen retourniert, und viele von Ihnen
haben den zurückgesendeten Brief dann an uns weitergeleitet. Herzlichen
Dank fürs Mittun! Auch wenn die Tatsache der Annahmeverweigerung den
Eindruck vermittelt haben könnte, diese Aktion war vergeblich, so können
wir versichern, daß sie sehr wohl in der Firmenleitung registriert wurde.
Und der Teilerfolg unseres Protestes ist sicher dieser internationalen
Kampagne zuzuschreiben.
Eine kurze Zusammenfassung: Der deutsche
Jackenhersteller Splendid betreibt seit Anfang der 90er Jahre eine
Produtkionsstätte in Samuthprakarn, Thailand; hergestellt werden
hauptsächlich Lederjacken, vor allem für den europäischen Markt.
Anfang März dieses Jahres wurden bei
Splendid 130 ArbeiterInnen entlassen; die Zahlung von Abfertigungen wurde
verweigert. Vorangegangen waren massive Konflikte zwischen den
ArbeiterInnen bzw. deren gewerkschaftlicher Vertretung (Thai Jacket Union)
und der Unternehmensführung. Dabei ging es vordergründig um die
Forderung nach einer Lohnerhöhung, die vom Managment des Unternehmens
zuerst ignoriert und dann auf die lange Bank geschoben wurde. Die
darauffolgenden Proteste der ArbeiterInnen wurden zu "illegalen"
Streiks erklärt und dienten schließlich als Vorwand dafür,
ArbeiterInnen auszusperren und schließlich zu entlassen.
Seitens der entlassenen ArbeiterInnen kam
es zu Demonstrationen in Bangkok, eine breite internationale
Solidarisierung folgte. Von der europäischen Clean Clothes Campaign wurde
eine Briefaktion an die Geschäftsführung von Splendid in Bangkok und in
Düsseldorf gestartet. Zahlreiche dieser Briefe wurden ungeöffnet an die
AbsenderInnen zurückgeschickt. Das Unternehmen hielt es offenbar für
zielführender, sich nicht mit den Anschuldigungen einzelner
KonsumentInnen auseinanderzusetzen. Daß es schließlich doch unter Druck
geriet und letztendlich außergerichtlich auf die Auszahlung von 80% der
Abfertigungsansprüche einlenkte, ist sicherlich auch dieser
internationalen Reaktion zu verdanken.
"Das ist das direkte Ergebnis von
allen unseren Freunden, die die Thai-ArbeiterInnen so stark unterstützt
haben", bedankte sich Somyot Pruksakasemsuk vom thailändischen Center
for Labour Information Service bei der österreichischen Kampagne.
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| Neue
Jeans-Broschüre:
Let's wear fair!
Als Ikonen der modernen Konsumgesellschaft
nehmen Jeans in der Jugendkultur einen unverändert hohen Stellenwert ein.
In extravaganten Werbespots wird dem Jeans-Image von "Freiheit, Spaß
und modernem Lebensstil" ständig neuer Ausdruck verliehen. Daß die
sozialen Bedingungen bei der Herstellung der "Röhren" alles
andere als zeitgemäß sind, bleibt dabei ausgespart.
Die Frauensolidarität erstellt zur Zeit
eine Broschüre, die speziell junge Menschen über die soziale und
ökologische Problematik bei der Jeansproduktion informiert. Es werden die
Mechanismen der wirtschaftlichen Globalisierung, die ökologischen
Mißstände bei der Baumwollproduktion und unwürdigen Arbeitsbedingungen
der TextilarbeiterInnen im Süden beschrieben. Der Broschüre sind
Postkarten, die an die österreichischen Niederlassungen größerer
Jeansfirmen geschickt werden können, beigefügt.
Die 16seitige Broschüre wird ab Ende
November bei der Frauensolidarität, Berggasse 7, 1090 Wien
(Tel. 317 40 20-352) erhältlich sein.
Vorabbestellungen sind möglich (gratis, größere Stückzahl gegen
Unkostenentgelt). |
| Die
Kampagnen-Broschüre:
KLEIDUNG AUS DER WELTFABRIK.
Die Auswirkungen der Globalisierung auf die
internationalen Arbeitsbedingungen.
80 Seiten, öS 45,-.
Die vor wenigen Monaten erschienene
Broschüre ist als Handbuch der österreichischen Clean Clothes-Kampagne
konzipiert. Sie bietet sozusagen den theoretischen Hintergrund für diese
Initiative, die, im Rahmen der europäischen Kampagne und zusammen mit
ähnlichen Bewegungen in Amerika und Asien, in den letzten Jahren die
großen Konzerne dieses bedeutenden Industrie- und Handelssektors stark
unter Zugzwang gesetzt hat.
"Kleidung aus der Weltfabrik"
spannt einen Bogen über die Geschichte der Ausbeutung in der
Textilbranche von den Sweatshops des 19. Jahrhunderts bis hin zu den
Exportproduktionszonen der Gegenwart, in denen der Ausverkauf der
Arbeitsrechte praktiziert wird. Dem Siegeszug der Globalisierung, der eine
neue internationale Arbeitsteilung zum Nachteil der ArbeitnehmerInnen
etabliert hat, kann nur durch globale Gegenbewegungen entgegengetreten
werden. So wird denn der Darstellung zivilgesellschaftlicher
Gegenstrategien - vom weltweit koordinierten Protest gegen die Riesen der
Branche bis hin zu lokalen Protestaktionen - in der vorliegenden
Broschüre breiter Raum gegeben.
Ein ausführliches Literaturverzeichnis der
erhältlichen pädagogischen Materialien, eine Liste der wichtigen
Website- und sonstiger Adressen erhöhen den praktischen Nutzwert des
Handbuchs.
AutorInnen der Broschüre
sind Leo Gabriel, Werner Hörtner, Bernhard Mark-Ungericht, Christian
Mücke, Claudia Thallmayer und Claudia von Werlhof.
Bezug
über die CCK, Laudongasse 40, 1070 Wien,
Tel. 405 55 15-0, Fax 405 55
19,
E-mail <suedwind.agentur@oneworld.at>.
Preis S 45,- + Porto ; bei
Bezug ab 10 Ex. S 35,-, ab 50 Ex. S 25,- Stückpreis für
Wiederverkäufer.
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