Auszug aus Rundbrief Nr. 5

November 1999


INHALT


Clean Clothes-Kampagene

NIKE KONZESSIONS- UND DIALOGBEREIT

Die Unternehmensleitung des Branchenriesen drückt in einem seitenlangen Schreiben an die internationale Clean Clothes Campaign (CCC) ihre Gesprächsbereitschaft und ihr Verständnis für die Anliegen der Kampagne aus.

Begonnen hatte es mit kämpferischen Vorzeichen. Am 22. September weihte Nike ein neues Europa-Büro (Nike City) im holländischen Hilversum ein und hielt zu diesem Anlaß auch seine Jahres- und Aktionärsversammlung ab. An die 50 AktivistInnen der Clean Clothes-Kampagne fanden sich ebenfalls dort ein mit dem Plan, am Eingang des Konferenzgebäudes die Aktionäre anzusprechen und zu einer Alternativversammlung mit VertreterInnen von Gewerkschaften, Verbraucherverbänden und der Solidaritätsbewegung einzuladen.

Ein großes Polizeigebäude machte diese Absicht allerdings zunichte, vier Aktivistinnen wurden festgenommen und abgeführt. Drei Personen der Kampagne konnten jedoch als Aktionäre der Versammlung beiwohnen und unangenehme Fragen stellen. Vorstandsvorsitzender Phil Knight versprach, in Kürze auf ein von 43 Organisationen aus der ganzen Welt unterzeichnetes Protestschreiben an Nike zu antworten.

Die festgenommenen Frauen wurden am Abend gegen Bezahlung einer Strafe von 100 Gulden wieder auf freien Fuß gesetzt.

DAS ANGEBOT

Zwei Wochen später richtete Phil Knight ein umfassendes Schreiben an die CCC-Koordination in Amsterdam und an alle Organisationen, die den Protestbrief an Nike unterschrieben hatten. Seine Antwort habe so lange gedauert, so der Chief Executive Officer (CEO) des Weltkonzerns, da er und sein Team gründlich recherchiert haben, um der Kampagne konstruktive Vorschläge zu unterbreiten.

Nike sei seit 17 Monaten besonders bemüht, "die Lebens- und Arbeitsbedingungen der 500.000 Beschäftigten in ihren Zulieferfirmen ständig zu verbessern", und bemühe sich auch um eine bessere Kommunikation mit der großen NRO-Gemeinde (Nichtregierungsorganisationen) in den USA und außerhalb. Knight ist aber Realist genug, um dieser kritischen Gemeinschaft nicht mit leeren Worten zu kommen: "I won’t ask you to believe my words but rather to look at our actions". Und er führt einige Verbesserungsmaßnahmen an, über deren Umsetzung die Kampagne den guten Willen des Konzerns ersehen könne:

- Die Mitgliedschaft in der Global Alliance for Workers and Communities (www.theglobalalliance.org).

- Die Einführung eines unabhängigen Monitoring in Pilotprojekten, um ein entsprechendes allgemeingültiges System zu entwickeln.

- Die Aufnahme eines breiten Dialogs mit den Nike-kritischen Organisationen und Initiativen.

Abschließend ersucht CEO Knight um konkrete Vorschläge für einen konstanten Dialog zwischen dem Konzern und der Clean Clothes Campaign - mit der Bitte, daß auch ArbeiterInnen und UnternehmensvertreterInnen der Zulieferbetriebe in diesen Dialog integriert werden.

Anschließend an den Brief von Phil Knight geht der ‘Director for Labor Practices’ von Nike, Dusty Kidd, ausführlich auf die einzelnen Punkte des Schreibens der CCC ein.

DIE "ENTHÜLLUNG"

Eine knappe Woche nach diesem Schreiben erfüllte Nike - zumindest teilweise - eine seit Jahren von der Anti-Sweatshop-Bewegung der USA erhobene Forderung nach Offenlegung von Angaben über die Zulieferfirmen. Das Unternehmen veröffentlichte auf seiner Website (www.nikebiz.com) die Namen und Adressen von 41 Firmen in elf Ländern, bei denen Nike im Rahmen von Lizenz-Vereinbarungen mit Universitäten Bekleidungsgegenstände mit dem Logo der jeweiligen Universität produzieren läßt - in den USA ein Geschäftszweig im Umfang von 2,5 Milliarden Dollar.

Der Gewerkschaftsverband National Labor Committee (NLC) hat 1998 begonnen, das Öffentlichmachen der Namen der Zulieferfirmen zu einem Schwerpunkt seiner Anti-Sweatshop-Kampagne zu machen, unterstützt von vielen Sit-ins von StudentInnen an den betreffenden Universitäten. Die Unternehmen weigerten sich jedoch mit dem Argument, das Enthüllen dieser Angaben würde geschäftsstörend wirken.

Auch wenn Nike nun nicht einmal ein Zehntel der weltweit 541 Produktionsstätten bekanntmachte, so handelt es sich dabei doch um einen signifikanten Erfolg der Solidaritätsbewegung, da dadurch eine Art Tabu der Unternehmen verletzt wurde - was wahrscheinlich eine Beispielwirkung nach sich zieht. Trim Bissell, der nationale Koordinator der US-amerikanischen "Kampagne für Arbeitsrechte", stellt sich die Frage, was nun mit den Informationen, die Nike zur Verfügung stellt, angefangen werden soll. Und gibt sich gleich seine Wunschantwort: "Im besten Fall wird es diese Offenlegung AktivistInnen im globalen Norden erlauben, mit ArbeiterInnen im globalen Süden, die Gewerkschaften organisieren, in Verbindung zu treten, so daß wir solidarisch sein und zur Anerkennung echter Gewerkschaften sowie zum Aushandeln würdiger Arbeitsverträge beitragen können."

Wir sollen die Worte des Nike-Chefs Phil Knight ernst nehmen: "look at our actions". Die Offenlegung der Daten der Zulieferfirmen ist zweifellos ein wichtiger positiver Schritt in der Firmenpolitik. Schauen wir weiterhin auf die konkreten Handlungen der Konzerne. Auf jeden Fall ist einiges in Bewegung.

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E D I T O R I A L

Hier ist nun die fünfte Ausgabe unseres Rundbriefes; etwas spät, doch wollten wir noch zuwarten, bis die neue Kampagnenaktion unter Dach und Fach ist. Und hier finden Sie sie nun, dem Rundbrief beigelegt: Die KundInnen-Karten-Aktion, mit der Sie sich in jedem Bekleidungsgeschäft persönlich für bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie einsetzen können.

Achtung: Sie erhalten weitere Karten kostenlos in jeder Südwind-Regionalstelle (in jedem Bundesland) und im Weltladen in Graz.

Wie Sie aus den hier vorgestellten neuen Entwicklungen bei NIKE und ADIDAS ersehen können, tut sich einiges bei den Großen in der Branche. Und es gäbe noch viel mehr Beispiele, die wir aus Platzgründen nicht anführen konnten.

Fortsetzung letzte Seite.

 

ADIDAS UND DIE WAHRHEIT

 

Die Vorgeschichte ist bekannt: Ein Fernsehfilm und Zeitungsberichte über Mißstände in Adidas-Zulieferfirmen in El Salvador brachten das Unternehmen in Argumentationsnotstand. Es beauftragte die US-Agentur ‚Verité‘ mit der Überprüfung der Arbeitsbedingungen. Der Bericht liegt nun vor – und bestätigt im wesentlichen die erhobenen Vorwürfe.

Wie wir schon im letzten Rundbrief berichteten, erregten der im August 1998 vom ARD ausgestrahlte Film über die Arbeitsbedingungen im salvadorianischen Adidas-Zulieferbetrieb Formosa und darauffolgende Medienberichte großes Aufsehen. Von überlangen Arbeitszeiten ohne Entschädigung, von Schwangerschaftstests und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz war darin die Rede. Der zweitgrößte Sportbekleidungshersteller der Welt sah sich gezwungen, öffentlich eine Verbesserung der Produktionsbedingungen für die ArbeiterInnen zu versprechen – und mit der internationalen Clean Clothes-Kampagne in einen Dialog zu treten, der vor allem von der deutschen "Kampagne für ‚Saubere‘ Kleidung" geführt wurde.

VON DER ZEIT DER ANSCHULDIGUNGEN ...

Ein Dialog, der eine zeitlang von heftiger Auseinandersetzung geprägt war. Ein Bericht der Kampagne nach einem Lokalaugenschein in El Salvador stellte fest, daß die rund 1000 Näherinnen bei Formosa weiterhin 60 bis 70 Stunden die Woche arbeiten müssen, Schwangerschaftstests durchgeführt werden usw. David Husselbee, der bei Adidas zuständige "Direktor für soziale und Umweltfragen", warf der deutschen Kampagne die Verwendung unzuverlässiger Quellen und das Aufstellen falscher Behauptungen vor. Adidas habe einen Aktionsplan entwickelt, um die Verhältnisse vor Ort zu verbessern.

"Es ist unsere Überzeugung, daß es unverantwortlich wäre, Arbeitsplätze durch die Beendigung einer Geschäftsbeziehung zu gefährden .... Sollte die adidas-Salomon AG allerdings weiterhin auf der Grundlage falscher Informationen in der Öffentlichkeit angegriffen werden, sehen wir uns möglicherweise gezwungen, entsprechende Schritte unternehmen zu müssen und unsere Geschäfte zu verlagern", drohte das Unternehmen der Kampagne mit einer Schließung ihrer Betriebe in El Salvador.

In einem ersten "Gipfelgespräch" zwischen Adidas und VertreterInnen der deutschen Kampagne am 6. Mai in Frankfurt gestanden letztere partielle Verbesserungen in den Betrieben Formosa und Evergreen ein, bestanden jedoch auf ihrer – vor allem auf Untersuchungen salvadorianischer NROs basierenden – Behauptung, es gäbe noch keine durchgreifende Abschaffung der Mißstände. Husselbee teilte der Kampagne mit, er habe in El Salvador Kontakt mit GMIES aufgenommen, einer von kirchlichen und universitären Organisationen gegründeten Kontrollagentur, die bereits seit drei Jahren erfolgreich den Textilbetrieb "Mandarin" auditiert (überprüft), er würde jedoch vorläufig die US-Betriebsprüfungsfirma ‚Verité‘ vorziehen. Er versprach auch, diesen Bericht der Kampagne zur Verfügung zu stellen und für die Veröffentlichung freizugeben.

... ZU KONKRETEN VERBESSERUNGSPLÄNEN

Vom 16. bis 19. Juni d.J. besuchten zwei Inspektoren von Verité die Adidas-Zulieferer Formosa und Evergreen in der Freihandelszone San Bartolo nahe der salvadorianischen Hauptstadt. Sie sprachen mit der Firmenleitung und 17 ArbeiterInnen (außerhalb des Firmengeländes). Ende August übersandte Direktor Husselbee der Kampagne und anderen NROs den Verité-Untersuchungsbericht. Verité bestätigt darin sexuelle Belästigungen, vor allem seitens der aus Bangladesch stammenden Vorarbeiter, unbezahlte Überstunden, überhohe Quotenfestlegung, die Entlassung von ArbeiterInnen, die eine gewerkschaftliche Organisierung anstreben – und die fortgesetzte Praxis von Schwangerschaftstests, auch wenn die Firmenleitung behauptet, diese mittlerweile eingestellt zu haben.

Die Agentur schlägt eine Reihe von Verbesserungsmaßnahmen und auch weitere Überprüfungsbesuche vor.

Am 26. Oktober kam es zu einem zweiten Treffen zwischen VertreterInnen der Kampagne und des Unternehmens. David Husselbee berichtete dabei, in den Fabriken Formosa und Evergreen sei nun ein konkreter Aktionsplan zur Abschaffung der Mißstände implementiert worden, und gab der Kampagne später auch die Namen der für die Umsetzung dieses Plans verantwortlichen Personen bekannt. Ab dem Jahr 2000 will Adidas eine Überprüfung durch die US-amerikanische ‚Fair Labor Association‘ zulassen.

Auf die Forderung, der Konzern möge doch den CCC-Verhaltenskodex unterzeichnen, versprach Husselbee, er werde in Kürze schriftlich dazu Stellung nehmen. Er teilte auch mit, daß das Unternehmen derzeit eine Liste aller Zulieferfirmen weltweit erstelle, und kündigte an, der Kampagne diese Liste nach Fertigstellung zu übermitteln. Also die Erfüllung einer seit Jahren von der Anti-Sweatshop-Bewegung in Europa (hier als Clean Clothes Campaign bekannt) und den USA erhobenen Forderung! (Vgl. auch den Artikel zu Nike in diesem Rundbrief.)

ADIDAS IN INDONESIEN

Die dramatische Wirtschaftskrise in Indonesien im vergangenen Jahr hat den ArbeiterInnen, besonders in der Textilindustrie, einen Reallohnverlust gebracht, da die Lohnerhöhungen mit der inflationären Entwicklung nicht Schritt hielten. Die großen Unternehmen der Textil- und Sportbekleidungsbranche hätten von dieser Krise saftig profitiert, stellt das deutsche SÜDWIND-Institut, eine der aktivsten Organisationen der deutschen Clean Clothes-Kampagne, in einem soeben erschienenen Bericht fest.

Die Broschüre "Billigproduktion in Indonesien für deutsche Modekonzerne – Schritte für Alternativen" enthält auch Fallstudien über die Adidas-Zulieferfirmen Tainan und Nikomas Gemilang in einer Freihandelszone im Norden der Hauptstadt Jakarta. Darin werden ebenfalls die leider als üblich zu bezeichnenden Mißstände aufgezählt, wobei der Schwerpunkt auf den harten Arbeitsbedingungen und unzureichender Entlohnung liegt.

Die 32seitige Broschüre kann ab sofort beim SÜDWIND-Institut (Südwind-Materialien Nr.7, DM 5,- plus Porto) bestellt werden: Lindenstraße 58-60, D-53721 Siegburg, Tel. 00492241/53617, Fax -/51308, E-mail suedwind.institut@t-online.de. Anfang nächsten Jahres wird dann in der Reihe "Südwind-Texte" eine umfangreiche Studie über die Arbeitsbedingungen in der indonesischen Textil- und Sportschuhindustrie erscheinen.

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AUF BESUCH BEI DEN MAQUILAS
Im Juli dieses Jahres organisierte der Verein Frauensolidarität eine Frauen-Informationsreise nach Nicaragua und El Salvador. Thematischer Schwerpunkt war die Auseinandersetzung mit der Arbeitsrealität von Frauen in den Freihandelszonen und das gewerkschaftliche und frauenpolitische Engagement arbeitender und erwerbsloser Frauen.

Ein Bericht von Claudia Thallmayer

Auf dieser Reise, an der 12 Frauen aus Österreich und der Schweiz teilnahmen, trafen wir mit verschiedenen Frauenorganisationen und Gewerkschaften in Nicaragua und El Salvador zusammen. In Managua war die Frauenorganisation "María Elena Cuadra" (MEC) unsere Hauptansprechpartnerin, die Arbeiterinnen in der am Stadtrand von Managua gelegenen Freihandelszone "Las Mercedes" organisiert und unterstützt. Über die Kontakte dieser Frauenorganisation konnten wir gleich am zweiten Tag in Managua eine Firma in "Las Mercedes" besuchen: die italienische Schuhfabrik Ecco, die in Nicaragua vorwiegend für den US-amerikanischen Raum produziert.

Der Produktionsleiter von Ecco, Juan Acosta Guillén, hält zwar manches im Betrieb für verbesserungswürdig, meint aber auch: "Wir sind keine Ausnahme, es ist normal, so zu produzieren."

Gratwanderung der Frauenorganisationen

Während Acosta ebenso wie Lucien Benoit, der Sprecher der Freihandelszone, auf die Bedeutung der Arbeitsplätze hinweist, die durch die Maquila-Industrie geschaffen worden sind, stellt sich die Realität aus der Sicht der Beschäftigten weniger rosig dar. Die Maquila-Industrie bietet zwar Arbeit, aber es ist auch sehr leicht, sie wieder zu verlieren. Die Zahl jener, die jede Woche vor dem Eingang der Zone auf der Suche nach Arbeit Schlange stehen, ist groß.

Sandra Ramos, Leiterin der Frauenorganisation María Elena Cuadra, die sich für die Rechte der Frauen in "Las Mercedes" einsetzt, betrachtet ihre Arbeit oft als eine Gratwanderung. "Es herrscht große Angst, dass unsere Bemühungen für bessere Arbeitsbedingungen die ausländischen Investoren abschrecken und dass sich diese dann zurückziehen und nicht mehr weiter investieren wollen."

Josefa Rivera, Mitarbeiterin bei MEC und Promotorin in der Zona Franca, formuliert die Forderungen der Frauen so: "Wir wollen einen Arbeitsplatz! Wir sind nicht dagegen, dass die transnationalen Unternehmen hierher kommen. Aber wir wollen, dass sie die Würde derjenigen, die für sie arbeiten, respektieren!"

Verbesserungen durch Öffentlichkeitsarbeit

Trotz nach wie vor bestehenden Repressionen hat es seit 1997 aufgrund der intensiven Organisations- und Öffentlichkeitsarbeit der Gewerkschaften und der Frauenorganisation "María Elena Cuadra" einige Verbesserungen gegeben. Die zentralamerikaweite Kampagne "Arbeit ja, aber in Würde", die besonders in Nicaragua sehr aktiv betrieben wurde, hat immerhin zu einem Rückgang der Beschwerden über Gewalt und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geführt.

Dennoch sind Schikanen und psychischer Druck keine Seltenheit. Und auch die Bezahlung ist noch immer viel zu niedrig: In den jüngsten Lohnverhandlungen – den ersten seit Jahren - konnte lediglich eine Erhöhung des Mindestlohns von 500 auf 800 Córdoba (öS 930,-) erreicht werden, ein Betrag, der bei weitem noch nicht an das von der Sandinistischen Textilarbeitergewerkschaft geforderte existenzsichernde Niveau von 1.500 Córdoba (öS 1.740,-) monatlich heranreicht.

Maquila-Boom in El Salvador

Während die nicaraguanische Freihandelszone rund 16.000 Frauen (ca. 8% aller regulär Beschäftigen bei sehr hoher Arbeitslosigkeit) Beschäftigung bietet, ist die Bedeutung der salvadorianischen Freihandelszonen für die nationale Ökonomie weitaus größer. 1998 waren in El Salvador 71.427 ArbeiterInnen (was einem Anteil von rund 10% aller regulär Beschäftigten entspricht) in 237 steuerbefreiten Betrieben angestellt, überwiegend Frauen. Der Maquila-Boom hält hier bereits seit mehreren Jahren an, und die Textil- bzw. Bekleidungsindustrie zählt mittlerweile zu einer der wichtigsten Exportbranchen.

Auch in El Salvador hörten wir von Regierungs- und Unternehmerseite, wie wichtig die Maquila-Industrie für die Schaffung von Arbeitsplätzen sei. Wirtschaftsminister Miguel Lacayo, der einen strikt neoliberalen Kurs fährt, erläuterte uns auf die Frage der fehlenden Staatseinnahmen wegen der Steuerbefreiung der Maquila-Betriebe, daß "Steuereffekte derzeit unwichtig" seien. Was zählt, sind allein die Arbeitsplätze - und die Profite.

Extremer Arbeitsdruck

Wie die Arbeitsrealität in den salvadorianischen Freihandelszonen aussieht, schilderten uns drei ehemalige Maquila-Arbeiterinnen, die sich in der salvadorianischen Frauenorganisation Mélida Anaya Montes (MAM) organisiert haben. Sie berichteten von großem Arbeitsdruck und dauernden Problemen bei der Auszahlung von Überstunden oder Akkordprämien.

Obwohl die Frauen jahrelang so viel wie nur irgend möglich gearbeitet haben, konnten sie keinerlei ökonomische Verbesserung für sich und ihre Kinder erreichen. Mit Unterstützung von MAM haben sie sich nun vor kurzem selbständig gemacht und hoffen, dass sich für die in ihrer Nähwerkstatt "sauber" produzierten Textilien genügend KäuferInnen auf dem heimischen Markt finden werden werden.

In einer 1998 von der Menschenrechtsanwaltschaft herausgegebenen Studie zu "Menschenrechte und Maquila-Industrie in El Salvador", die uns die engagierte vormalige Menschenrechtsanwältin Marina de Avilés zur Verfügung stellt, sind die gravierenden Missstände und groben Verletzungen des Arbeitsrechts in den Freihandelszonen detailliert aufgelistet. So werden 64% der ArbeiterInnen unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 1.155 Colones (öS 1.765,-) monatlich bezahlt. Mehr als 30% der ArbeiterInnen verfügen über keinen Arbeitsvertrag und 48% der ArbeiterInnen arbeiten regelmäßig zwischen 45 und 60 Stunden pro Woche, obwohl die reguläre Wochenarbeitszeit 44 Stunden beträgt. Gewerkschaftliches Engagement ist kaum möglich; auch die Arbeiterinnen, mit denen wir gesprochen haben, klagen über Repressalien gegenüber den Beschäftigten, von denen vermutet wird, daß sie mit der Gewerkschaft oder mit einer Frauenorganisation zu tun hätten.

Unkonventionelle Organisationsformen

Dazu kommt, daß das Interesse der Arbeiterinnen, sich gewerkschaftlich oder in anderer Weise politisch zu engagieren, nach einem Jahrzehnt des Bürgerkriegs in El Salvador sehr gering ist. Die Gewerkschaften - traditionell männlich dominiert -, sind kaum in der Lage, die Arbeiterinnen für ihre Organisationen zu gewinnen. Es ist dieses Vakuum, in dem Frauenorganisationen begonnen haben, Maquila-Arbeiterinnen zu organisieren, indem sie auch nicht-traditionelle Wege eingeschlagen haben.

Die "Organisation salvadorianischer Frauen" (ORMUSA) etwa arbeitet mit Frauen in den Siedlungen an ihrem Wohnort, da viele Frauen aufgrund ihrer Doppelbelastung kaum Zeit haben, zu Versammlungen ins Stadtzentrum zu fahren. Die Annäherung an Arbeiterinnen findet bei ORMUSA auch über Fragen der Haushaltsökonomie, wie der Ausstattung mit einfachen energiesparenden Herden oder der Lösungssuche für Probleme bei der Wasserversorgung oder der Kanalisation in den Gemeinden statt. Die Frauenorganisationen MAM oder MEC (in Nicaragua) legen in ihrer Arbeit wiederum ein Schwergewicht auf die Arbeit gegen Gewalt und Aufklärung über Verhütungsmethoden und Sexualität - Themen, die für die jungen Maquila-Arbeiterinnen von großem Interesse sind.

Internationale Kampagnen

In den Gesprächen mit den Frauen- und Gewerkschaftsorganisationen diskutierten wir auch, ob internationale Kampagnen imstande sind, einen effektiven Beitrag zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu leisten. Die Meinungen hierzu waren insofern kontroversiell, als einige der AktivistInnen meinten, Druck aus dem Ausland wäre äußerst hilfreich, während andere die Kritik formulierten, dass sie als lokale Organisationen mitunter zu wenig in die Planung von Kampagnen involviert würden und dass sie bei massiver Kritik an einem einzelnen Unternehmen vor dem Problem der Verlagerung der Produktion und damit verbunden der Entlassung der ArbeiterInnen stünden.

Daraus kann das Resümee gezogen werden, dass Unterstützung aus dem Ausland in Form von Druck auf Regierungen und Unternehmen vor allem dann hilfreich ist, wenn es vor Ort Organisationen gibt, die selbst formulieren, welche Art von Unterstützung sie sich wünschen, und die in der Lage sind, den entstehenden Druck aus dem Ausland zur Umsetzung ihrer Anliegen zu nutzen. Wenn es diese Organisationen nicht gibt bzw. sie nicht gestärkt werden, werden von der Unternehmerseite her maximal einige kosmetische Änderungen vorgenommen, aber es werden keine nachhaltigen Verbesserungen erreicht. Diese Erkenntnis heißt für uns auch, dass uns - wie auch schon bisher - der direkte Kontakt mit und die direkte Unterstützung von Gewerkschafts- und Frauenorganisationen ein besonderes Anliegen bleiben wird.

(Anmerkung: Die auf der Frauenreise gewonnenen Informationen wurden von mehreren Teilnehmerinnen publizistisch in Form von Radiobeiträgen (Judith Brandner) und Zeitschriftenartikeln (Sandra Rodríguez, Evelyn Hödl, Susanne Blättler, Gabi Allheilig und C.T.) verarbeitet und so in Österreich und der Schweiz einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.)

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SPLENDID - Ein hartnäckiger Fall
Zur ‘Urgent Action’ im Kampagnen-Rundbrief Nr.4: Die Firmenleitung willigte schließlich ein, den Großteil der Abfertigungsansprücheauszuzahlen. "Splendid" schickte alleProtestschreiben nach Österreich zurück.

Wir in der Kampagnenkoordination waren sehr erfreut zu sehen, wie viele Menschen sich an der im letzten Rundbrief vorgestellten Briefaktion an den deutschen Bekleidungsunternehmer "Splendid" beteiligten. Die Firma hat die Annahme der Briefe verweigert, d.h. sie an die AbsenderInnen retourniert, und viele von Ihnen haben den zurückgesendeten Brief dann an uns weitergeleitet. Herzlichen Dank fürs Mittun! Auch wenn die Tatsache der Annahmeverweigerung den Eindruck vermittelt haben könnte, diese Aktion war vergeblich, so können wir versichern, daß sie sehr wohl in der Firmenleitung registriert wurde. Und der Teilerfolg unseres Protestes ist sicher dieser internationalen Kampagne zuzuschreiben.

Eine kurze Zusammenfassung: Der deutsche Jackenhersteller Splendid betreibt seit Anfang der 90er Jahre eine Produtkionsstätte in Samuthprakarn, Thailand; hergestellt werden hauptsächlich Lederjacken, vor allem für den europäischen Markt.

Anfang März dieses Jahres wurden bei Splendid 130 ArbeiterInnen entlassen; die Zahlung von Abfertigungen wurde verweigert. Vorangegangen waren massive Konflikte zwischen den ArbeiterInnen bzw. deren gewerkschaftlicher Vertretung (Thai Jacket Union) und der Unternehmensführung. Dabei ging es vordergründig um die Forderung nach einer Lohnerhöhung, die vom Managment des Unternehmens zuerst ignoriert und dann auf die lange Bank geschoben wurde. Die darauffolgenden Proteste der ArbeiterInnen wurden zu "illegalen" Streiks erklärt und dienten schließlich als Vorwand dafür, ArbeiterInnen auszusperren und schließlich zu entlassen.

Seitens der entlassenen ArbeiterInnen kam es zu Demonstrationen in Bangkok, eine breite internationale Solidarisierung folgte. Von der europäischen Clean Clothes Campaign wurde eine Briefaktion an die Geschäftsführung von Splendid in Bangkok und in Düsseldorf gestartet. Zahlreiche dieser Briefe wurden ungeöffnet an die AbsenderInnen zurückgeschickt. Das Unternehmen hielt es offenbar für zielführender, sich nicht mit den Anschuldigungen einzelner KonsumentInnen auseinanderzusetzen. Daß es schließlich doch unter Druck geriet und letztendlich außergerichtlich auf die Auszahlung von 80% der Abfertigungsansprüche einlenkte, ist sicherlich auch dieser internationalen Reaktion zu verdanken.

"Das ist das direkte Ergebnis von allen unseren Freunden, die die Thai-ArbeiterInnen so stark unterstützt haben", bedankte sich Somyot Pruksakasemsuk vom thailändischen ‘Center for Labour Information Service’ bei der österreichischen Kampagne.

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Neue Jeans-Broschüre:

Let's wear fair!

Als Ikonen der modernen Konsumgesellschaft nehmen Jeans in der Jugendkultur einen unverändert hohen Stellenwert ein. In extravaganten Werbespots wird dem Jeans-Image von "Freiheit, Spaß und modernem Lebensstil" ständig neuer Ausdruck verliehen. Daß die sozialen Bedingungen bei der Herstellung der "Röhren" alles andere als zeitgemäß sind, bleibt dabei ausgespart.

Die Frauensolidarität erstellt zur Zeit eine Broschüre, die speziell junge Menschen über die soziale und ökologische Problematik bei der Jeansproduktion informiert. Es werden die Mechanismen der wirtschaftlichen Globalisierung, die ökologischen Mißstände bei der Baumwollproduktion und unwürdigen Arbeitsbedingungen der TextilarbeiterInnen im Süden beschrieben. Der Broschüre sind Postkarten, die an die österreichischen Niederlassungen größerer Jeansfirmen geschickt werden können, beigefügt.

Die 16seitige Broschüre wird ab Ende November bei der Frauensolidarität, Berggasse 7, 1090 Wien

(Tel. 317 40 20-352) erhältlich sein. Vorabbestellungen sind möglich (gratis, größere Stückzahl gegen Unkostenentgelt).

Die Kampagnen-Broschüre:

KLEIDUNG AUS DER WELTFABRIK.

Die Auswirkungen der Globalisierung auf die

internationalen Arbeitsbedingungen.

80 Seiten, öS 45,-.

Die vor wenigen Monaten erschienene Broschüre ist als Handbuch der österreichischen Clean Clothes-Kampagne konzipiert. Sie bietet sozusagen den theoretischen Hintergrund für diese Initiative, die, im Rahmen der europäischen Kampagne und zusammen mit ähnlichen Bewegungen in Amerika und Asien, in den letzten Jahren die großen Konzerne dieses bedeutenden Industrie- und Handelssektors stark unter Zugzwang gesetzt hat.

"Kleidung aus der Weltfabrik" spannt einen Bogen über die Geschichte der Ausbeutung in der Textilbranche von den ‘Sweatshops’ des 19. Jahrhunderts bis hin zu den Exportproduktionszonen der Gegenwart, in denen der Ausverkauf der Arbeitsrechte praktiziert wird. Dem Siegeszug der Globalisierung, der eine neue internationale Arbeitsteilung zum Nachteil der ArbeitnehmerInnen etabliert hat, kann nur durch globale Gegenbewegungen entgegengetreten werden. So wird denn der Darstellung zivilgesellschaftlicher Gegenstrategien - vom weltweit koordinierten Protest gegen die Riesen der Branche bis hin zu lokalen Protestaktionen - in der vorliegenden Broschüre breiter Raum gegeben.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis der erhältlichen pädagogischen Materialien, eine Liste der wichtigen Website- und sonstiger Adressen erhöhen den praktischen Nutzwert des Handbuchs.

AutorInnen der Broschüre sind Leo Gabriel, Werner Hörtner, Bernhard Mark-Ungericht, Christian Mücke, Claudia Thallmayer und Claudia von Werlhof.

Bezug über die CCK, Laudongasse 40, 1070 Wien,

Tel. 405 55 15-0, Fax 405 55 19,

E-mail <suedwind.agentur@oneworld.at>.

Preis S 45,- + Porto ; bei Bezug ab 10 Ex. S 35,-, ab 50 Ex. S 25,- Stückpreis für Wiederverkäufer.

Bitte zahlreich bestellen, um Sie mit wichtigen Informationen zu versorgen - und unsere finanziellen Ausgaben wieder hereinzubringen!

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