Armut im Schlaraffenland

Unter dem richtigen Blickwinkel betrachtet gleicht unser Planet Erde einem Schlaraffenland. Innerhalb von Stunden können wir auf die andere Seite der Erde fliegen - zu wunderschönen Stränden oder tausende Meter hohen Bergen. Unser Planet bietet uns leicht genug zu essen und zu trinken. Seit Beginn der 70er Jahre hat sich die Lebensmittelproduktion verdreifacht und der Getreidepreis ist um 76% gefallen.

Schaut man jedoch genauer hin, so sieht man, dass die reichsten 20% der Weltbevölkerung 86% der Reichtümer unserer Erde konsumieren. Die ärmsten 20% müssen sich dadurch mit nur 1,3% des Privatkonsums begnügen. Trotz der riesigen Ressourcen des Planeten Erde müssen daher noch 1,1 Milliarden Menschen mit weniger als $1 am Tag leben und 40% der Weltbevölkerung müssen sich mit weniger als $2 begnügen. Doch damit nicht genug. Der Abstand zwischen Reich und Arm wird nämlich nicht kleiner sondern größer. Auch wenn die Verteilung des Reichtums zwischen den Ländern in den letzten Jahren etwas fairer geworden ist, so ist die Schere zwischen Arm und Reich innerhalb der Länder gewachsen. Und auch der Abstand zwischen den 20 ärmsten und den 20 reichsten Ländern ist gewachsen. Weltweit entfallen bereits 53,4% des weltweiten Einkommens auf die reichsten 10% der Menschheit. 1980 waren es noch 51,6% gewesen. Die allgemeine Verbesserung des Einkommensunterschiedes zwischen den Ländern ist somit nur durch das starke Wirtschaftswachstum von China und Indien möglich geworden. Eine Betrachtung der Einkommensverteilung innerhalb der Länder zeigt allerdings, dass in 48 von 73 Ländern, für die ausreichend genaue Daten vorhanden sind, der Abstand zwischen Arm und Reich größer geworden ist.

"The test of our progress is not whether we add more to the abundance of those who have much; it is whether we provide enough for those who have little." US President Franklin D. Roosevelt, second inaugural address, 1937

Doch Armut bedeutet mehr als nur kein Geld für ein zufriedenes Leben zu haben. Armut hat viele Gesichter. Armut heißt auch, eine kürzere Lebenserwartung zu besitzen, öfter krank zu werden und vor allem keine Möglichkeit zu haben der Armut wieder zu entkommen. Arme Leute können sich gegen staatliche Institutionen schlechter zur Wehr setzen, arme Leute sind die ersten, die unter wirtschaftlichen Krisen leiden oder auch an ihnen zugrunde gehen. Mehr als 850 Millionen Menschen leiden unter unzureichender Ernährung. Jedes dritte Kind unter sechs Jahren hat nicht genug zu essen. Alarmierend ist auch die Verlangsamung des Aufholprozesses von Entwicklungsländern in der Lebenserwartung. Seit 1960 ist die Lebenserwartung in Entwicklungsländern um 16 Jahre gestiegen. Seit 1980 allerdings nur mehr um 2 Jahre und seit 1990 gar nur mehr um 3 Monate. Der Unterschied in der Lebenserwartung ist aber noch immer enorm. Menschen, die südlich der Sahara geboren wurden, leben durchschnittlich mehr als 30 Jahre kürzer als Australier. In sechs Ländern Afrikas beträgt die Lebenserwartung weniger als 40 Jahre. In Swaziland können Neugeborene nur mit 33 Jahren Leben rechnen. Allgemein haben die meisten Länder Afrikas in den letzten zwei Jahrzehnten eine negative Entwicklung in Kauf nehmen müssen und sind von einem Rückgang von Einkommen und Lebenserwartung sowie einer Verschlechterung der Ernährungssituation betroffen. Aber auch Südamerika, Osteuropa und Teile des Mittleren Ostens und Zentralasiens müssen unter negativen Folgen der Globalisierung leiden. Viele Länder Süd-, Südost- sowie Ostasiens zählen hingegen zu den Gewinnern der letzten zwei Jahrzehnte.

Um die Armut effektiv zu bekämpfen und eine gerechtere Verteilung der Reichtümer unserer Welt zu erreichen, ist unter anderem eine Verbesserung der Ausbildung, das Anheben der sanitären Standards, die Gleichstellung von Frau und Mann und nicht zuletzt eine Erhöhung der Entwicklungshilfe nötig. Die gute Nachricht ist nämlich gleichzeitig makaber: Der reiche Teil der Menschheit müsste nur auf einen geringen Teil seines Geldes verzichten um dem ärmeren Teil ein humanes Leben ohne Hunger und Armut zu ermöglichen. Es bräuchte nur 2% des Einkommens der reichsten 10% unserer Menschheit um die Milliarde Menschen, die noch weniger als $1 als Tageseinkommen zur Verfügung haben, über diese Schwelle zu heben. Die reichen Länder geben nur 0,25% ihres Bruttonationalproduktes für Entwicklungshilfe aus. Dies ist weit unter dem Ziel von 0,7%, das von der UN Generalversammlung vor bereits 35 Jahren aufgestellt wurde. Auch in den 80er Jahren und zu Beginn der 90er Jahre flossen noch viel mehr Gelder in die Entwicklungshilfe. Andererseits wurden bereits wichtige Schritte gesetzt um die Schulden der ärmsten Länder gegenüber den Industrieländern zu reduzieren. Die bereits erzielten Erfolge sollten als Ansporn dienen weiters vehement für eine gerechtere Verteilung des Einkommens und eine Reduzierung der Armut zu kämpfen. Dies ist momentan umso wichtiger, weil die Einkommensschere zwischen Arm und Reich weiter zu werden droht und bereits erzielte Erfolge, wie z.B. im Gesundheitsbereich, durch AIDS, Kriege oder Bevölkerungswachstum, wieder rückgängig gemacht werden könnten. Eine Aussage von Oskar Lafontaine sollte hier als Leitsatz dienen: "Reichtum ist wie Mist. Auf einem Haufen stinkt er, weit gestreut bringt er gute Ernte." links / sources: Human Development Report (2005): http://www.undp.org Report on the World Social Situation (2005): http://www.un.org/esa/socdev/rwss/rwss.htm World Development Report: Equity and Development (2006): http://www.worldbank.org A Fair Globalization: Creating Opportunities For All (2004): http://www.ilo.org World Wealth Report (2005): http://www.de.capgemini.com/servlet/PB/menu/1612838/index.html (Beitrag von Sebastian Leprich, 14.03.06)

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