Lateinamerika geht auf Distanz zu den USA

Lateinamerika kam lang aus seiner Position als „Hinterhof“ der USA nicht heraus. Im letzten Jahrzehnt verlor der mächtige Nachbar im Norden jedoch zunehmend an Terrain in den lateinamerikanischen Ländern. Nun setzt Washington politische und wirtschaftliche Druckmittel ein, um seinen Einfluss zu sichern.

Die Interventionspolitik der USA in den Ländern Mittel- und Südamerikas hat eine lange Tradition. Ein gravierendes Beispiel ist etwa der CIA-gestützte Putsch in Guatemala im Jahr 1954, der eine Agrarreform verhinderte und die Vormachtstellung des US-Agrarkonzerns United Fruit Company auf Basis der traditionellen feudalistischen Strukturen sicherte.
Die neoliberalen Ansätze der fernen Wirtschaftsmacht finden jedoch in der Bevölkerung der lateinamerikanischen Länder immer weniger Anklang; in vielen Staaten wählten die BürgerInnen in den letzten zehn Jahren gemäßigte bis radikale Linksregierungen. Im April 2002 scheiterte der Versuch der USA, Venezuelas Präsident Hugo Chávez zu Fall zu bringen. 2005 kam trotz US-amerikanischer Intervention Evo Morales in Bolivien an die Macht. Zu den weiteren Staatschefs, die gegen den Willen Washingtons gewählt wurden, zählen Daniel Ortega in Nicaragua und Rafael Correa in Ecuador.

Die USA versuchen nun, diese emanzipatorischen Bestrebungen durch das Anbieten neuer Freihandelsabkommen sowie durch verstärkte militärische Kooperation zu antagonisieren. Zwar wurde die von Präsident Clinton forcierte Idee der Gesamtamerikanischen Freihandelszone nie realisiert, den lateinamerikanischen Regierungen werden aber neue Handelsbeziehungen vor allem in Form von Freihandelsabkommen in Aussicht gestellt.
Dies unterminiert die anti-neoliberalen Tendenzen der Eliten und bringt eine gewisse politische Erpressbarkeit mit sich. Wie der US-Autor Craig von Grasstek feststellte, haben alle Länder des Kontinents, die Präsident Bush auf seine Irak-Mission begleiteten, auch ein Freihandelsabkommen mit den USA abgeschlossen. Druck kann der mächtige Nachbar weiters dadurch ausüben, dass er militärische Hilfs- und Ausbildungsprogramme streicht, was in Brasilien, Peru, Costa Rica, Ecuador, Bolivien und Uruguay bereits geschehen ist.

Politische Instabilität in den lateinamerikanischen Ländern wird von führenden US-Kräften auf den Einfluss von Anti-Globalisierungs-DemagogInnen, die gegen die USA und den Freihandel Stimmung machen, zurückgeführt. DrogendealerInnen (Argentinien, Brasilien, Paraguay), radikale PopulistInnen (Venezuela, Bolivien) und soziale Bewegungen, aber auch Jugendbanden, Flüchtlinge und illegale Einwanderer werden als potenzielle TerroristInnen deklariert. Dies würde die verstärkte militärische Überwachung des Kontinents rechtfertigen.
Tatsächlich nimmt dieser Einfluss oft Umwege über private (US-amerikanische) Militärfirmen, die etwa in Kolumbien ständig an Bedeutung gewinnen. Auf Initiative der USA werden darüber hinaus Soldaten lateinamerikanischer Armeen in vielen Ländern als „Polizisten“ eingesetzt, z. B. in der Bekämpfung des Drogenhandels und bei Konflikten durch Jugendbanden. Zivilrechtliche Organisationen äußern sich besorgt über diese Entwicklung, da sie sich meist gegen unterprivilegierte Gesellschaftsschichten richtet und zu einer weiteren Stigmatisierung dieser Menschen führt. Auch verhilft sie der Armee zu größerem politischen Einfluss, der an finstere Zeiten erinnert.

Beitrag bearbeitet von Dr. Judith Moser, 09.01.2007

Quelle:http://mondediplo.com/2008/01/06bases

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