Problemmanagement in einer vergreisenden Welt

Der „World Economic and Social Survey 2007“ nimmt Bezug auf Ursachen und Folgen der globalen Überalterung. Diese ist unausweichlich, ihre tatsächlichen Konsequenzen hängen jedoch von den Maßnahmen ab, die vorausschauend getroffen werden.

Derzeit durchläuft die Altersverteilung in den Gesellschaften der ganzen Erde einen tief greifenden Wandlungsprozess. In den Industrieländern, aber auch in vielen Teilen der Entwicklungsländer steigt der Anteil der älteren Personen an der Gesamtbevölkerung in raschem Tempo an. Dies hat mit zwei Faktoren zu tun: Der Verlängerung der individuellen Lebenszeit und der Abnahme der Kinderzahl pro Frau. Nachdem die Lebenserwartung in den Jahren 1950-55 im weltweiten Schnitt bei 47 Jahren lag, betrug sie 2000-2005 bereits 65 Jahre und soll Prognosen zufolge bis 2045-2050 auf 75 Jahre steigen. Innerhalb der letzten 50 Jahre fiel die Fertilität von 5,0 auf 2,6 ab. Für 2045-2050 wird ein Schnitt von 2,0 erwartet. Bereits jetzt liegen die Zahlen in einigen Ländern unter dem Ersatzniveau, d. h. unter zwei Kindern pro Frau; dies ist keineswegs nur in Industrieländern, sondern auch in vielen Entwicklungsländern der Fall. Die vollen demographischen Auswirkungen dieser Entwicklungen kommen erst über Jahrzehnte zum Tragen. Derzeit ist der Anteil älterer Menschen in der Ersten Welt vergleichsweise noch höher als in Schwellenländern, in denen wiederum anteilsmäßig mehr alte Menschen leben als in der Dritten Welt. In absoluten Zahlen sieht die Situation anders aus: Die Mehrheit der älteren Menschen auf unserem Planeten lebt in Entwicklungsländern. Man nimmt an, dass 2050 79% der über-60-Jährigen (ca. 1,6 Milliarden) in diesen Teilen der Welt zu finden sein werden. In manchen Regionen wie Ostasien, Lateinamerika, der Karibik und dem Pazifischen Raum hat sich die Abnahme der Geburtenraten in so raschem Tempo vollzogen, dass der gesellschaftliche Wandel schneller vonstatten geht als bis dato in den entwickelten Ländern. Im Gegensatz dazu läuft er in den meisten afrikanischen Ländern wesentlich langsamer ab, sodass die Bevölkerung noch eine geraume Zeit relativ jung bleiben wird. An sich sind geringere Sterblichkeit und Abnahme der Fertilität ein Ausdruck erfolgreicher menschlicher Entwicklung. In Zukunft wird diese Bürde für die beteiligten Gesellschaften allerdings immer schwerer zu tragen sein. Die Zahl der finanziell abhängigen Personen wächst, jene der wirtschaftlich aktiven Altersschichten sinkt. Für 2050 wird geschätzt, dass global gesehen auf 100 arbeitende Personen 57 Pensionisten bzw. Kinder kommen. Dies wirkt sich natürlich auf das Wirtschaftswachstum aus, sofern nicht Methoden gefunden werden, um die Produktivität zu heben. In Staaten wie Japan, Deutschland und den USA sollte eine Erhöhung der Produktivität im Bereich des Möglichen liegen, wie der Report betont. In Ländern mit relativ höheren Fertilitätsraten wird die arbeitsfähige Population dagegen noch bis ca. 2050 zunehmen. Diese Dynamik eröffnet Chancen für ein beschleunigtes Wirtschaftswachstum, muss jedoch in die richtigen Bahnen gelenkt werden (z. B. Erweiterung des formellen Sektors). Negative Stereotypen älterer Personen in der Gesellschaft, eine geänderte Haltung zur Pflege der Alten durch Familienmitglieder und ein Rückgang der Bedeutung der Großfamilie werden sich auf die Versorgung erschwerend auswirken. In den Entwicklungsländern findet die Betreuung alter Menschen traditionell zu Hause statt und obliegt den Frauen. Die Rate allein lebender älter Personen nimmt nun auch in den meisten Entwicklungsländern zu, was bedeutende soziale Implikationen hat. Häusliche Gewalt und Vernachlässigung älterer Personen sind auf der ganzen Welt gleichermaßen ein Problem. In vielen Gesellschaften müssen erst effektive Mechanismen etabliert werden, die ein reibungsloses Zusammenleben der Generationen erlauben. Die politische Stimme älterer Bevölkerungsschichten ist in manchen Ländern traditionell schwach; legale Rahmenbedingungen zum Schutz der Rechte dieser Personen sowie Plattformen, die ihnen Einfluss auf politische Entscheidungen ermöglichen, sind notwendig. Darüber hinaus müssen die Gesellschaften Maßnahmen setzen, um Diskriminierungen älterer ArbeitnehmerInnen auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden und die finanzielle und gesundheitliche Versorgung alter Menschen auf lange Sicht zu sichern. Ein positives Image Älterer in der Öffentlichkeit und eine entsprechende Ausbildung von Pflegepersonen sollten gefördert werden. Durch Migration wird sich der Rückgang im produktiven Bevölkerungssegment nicht ausgleichen lassen, denn vermutlich wird kein Staat willens sein, die Mengen an ImmigrantInnen aufzunehmen, die notwendig wären, um das Defizit zu decken. In der EU wäre hierfür beispielsweise für die nächsten 50 Jahre eine kontinuierliche Einwanderung von 13 Millionen Personen pro Jahr erforderlich. Das größte Potenzial zur Lösung des Problems liegt in der verstärkten Einbindung von Frauen und älteren Menschen. Neben einer Erhöhung des Pensionsalters wirken sich Arbeitsbedingungen, welche die Arbeitsfähigkeit möglichst lang erhalten, und konstante Fortbildung förderlich aus. Parallel zur Überalterung findet ein epidemiologischer Transit von akuten zu chronischen Krankheiten statt. Dies ist ein Trend, der in den Industriestaaten bereits voll Platz gegriffen hat und sich nun auch in den Entwicklungsländern ankündigt. Dort selbst manifestiert er sich allerdings vergleichsweise viel rascher und vor dem Hintergrund einer schlechteren Gesundheitsversorgung. Einerseits kämpfen die Staaten noch immer mit Mängeln im Bereich der Grundversorgung (Zugang zu sauberem Wasser, Sanitär- und Ernährungssituation), andererseits müssen sie sich bereits den Herausforderungen der Versorgung einer rasch alternden Bevölkerung stellen. Allerdings sind entsprechende Adaptierungen der Gesundheitssysteme durchaus machbar, wie Analysen zeigen. Das Alter per se stellt nicht den größten Kostenfaktor dar, und der Überalterung muss auf Dauer nicht notwendigerweise ein beträchtlicher Teil des nationalen Einkommens zum Opfer fallen. Wahrscheinlich wird sich die Zusammensetzung der Gesundheitsausgaben ändern; unter anderem sollte auf die Prävention typischer Zivilisationskrankheiten und die Rehabilitation chronischer Krankheiten mehr Augenmerk gelegt werden. Auf diese Weise wäre es möglich, die Ausgaben einzudämmen, wie der Report festhält. Insgesamt wird die Tatsache hervorgehoben, dass die auf der ganzen Welt zu erwartenden Probleme zwar substanziell sind, sich aber durch fokussierte Strategien und ohne Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen in Schach halten lassen. Als grundsätzliches Prinzip dieser Maßnahmen gilt die volle Anerkennung dessen, was alte Menschen zur Gesellschaft beitragen können. Beitrag bearbeitet von Dr. Judith Moser, 29.05.07 Quelle: http://www.un.org/Docs/journal/asp/ws.asp?m=E/2007/50

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