Die Arbeitswelt wird zunehmend dereguliert

Wie der aktuelle Bericht der UNO zur Situation der arbeitenden Menschen in aller Welt festhält, sind wir Anfang des 21. Jahrhunderts mit einer Reihe an Herausforderungen konfrontiert, die vor allem aus sozioökomischer Unsicherheit und Ungleichheit resultieren.

Zwischen 1996 und 2006 hat die weltweit verfügbare Arbeitskraft um 16,6% zugenommen. Im selben Zeitraum stieg die Arbeitslosigkeitsrate trotz des globalen ökonomischen Wachstums (3,8% pro Jahr) von 6,0% auf 6,3. Damit im Zusammenhang steht das Phänomen der wirtschaftlichen Expansion ohne Schaffung von Arbeitsplätzen („jobless growth“).
Global gesehen waren 2006 49% der Frauen und 76% der Männer als Arbeitskräfte beschäftigt. Die Beteiligung der Frauen an der Arbeitswelt befindet sich im Steigen, allerdings sind sie im informellen Sektor überrepräsentiert und bei gleicher Ausbildung nach wie vor sehr oft schlechter bezahlt als Männer.
Die Zahl der arbeitenden unter-14-jährigen Kinder wird auf 190 Millionen geschätzt; fast zwei Drittel von ihnen leben in Asien und im pazifischen Raum, prozentuell gesehen arbeiten aber die meisten Kinder im subsaharischen Afrika. In Lateinamerika und der Karibik hat die Kinderarbeit – vor allem in ihren schlimmsten Ausformungen – erfreulicherweise deutlich abgenommen, in Afrika ist sie jedoch angestiegen. Grund dafür dürfte einerseits das Bevölkerungswachstum und andererseits die Umstrukturierung der von AIDS betroffenen Gesellschaften sein, in denen viele Erwachsene sterben und Kinder zur Erwerbstätigkeit gezwungen sind.

Es wird geschätzt, dass im Jahr 2006 1,4 Millionen der arbeitenden Menschen nicht genug verdient haben, um sich und ihre Familien oberhalb der Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag zu halten. Immerhin hat der Anteil der „working poor“ global betrachtet seit 1996 von fast 55% auf 47,4% abgenommen.
Markante regionale Unterschiede fallen auf: Die Zahl der in Armut lebenden Personen ist vor allem in Asien zurückgegangen, gleichzeitig aber im subsaharischen Afrika angestiegen. Afrika ist auch der Kontinent mit den höchsten Arbeitslosigkeitsraten, wenngleich sie je nach Land, Altersgruppe und Geschlecht stark variieren.

Bezogen auf die einzelnen Sektoren des Arbeitsmarkts bemerkt der Report, dass sich die Welt rasch in Richtung eines von Dienstleistungen dominierten ökonomischen Systems entwickelt. Gerade in diesem Sektor sind aber viele Jobs schlecht bezahlt und ohne soziale Absicherung, außerdem bestehen eklatante Einkommensunterschiede; diesbezüglich tut sich seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts in vielen Ländern eine immer größere Kluft auf. Auch lässt sich allgemein beobachten, dass Kapital immer weniger und durch Arbeit erworbenes Einkommen immer mehr besteuert wird.

Weltweit besteht eine Tendenz der Arbeitsmärkte zu höherer ökonomischer Unsicherheit und Ungleichheit. Behinderte haben weniger Chancen, eine Beschäftigung zu bekommen, ebenso indigene Personen. In den meisten Ländern liegen die Arbeitslosenraten in den indigenen Bevölkerungsgruppen deutlich über dem nationalen Durchschnitt.
In ihrem Streben, ihre Konkurrenzfähigkeit zu erhalten, haben Regierungen und Arbeitgeber in aller Welt zahlreiche Maßnahmen gesetzt, um die Flexibilität der Arbeitsmärkte zu erhöhen. Der Anteil an informeller Arbeit und Kurzzeit-Beschäftigungsverhältnissen ist gestiegen, im selben Ausmaß haben die Rechte der ArbeitnehmerInnen abgenommen. Kollektivverträge werden zunehmend durch Verträge auf Basis individueller Vereinbarungen ersetzt. Die Globalisierung der Finanzmärkte vermindert die Jobsicherheit weiter.
Kranken- und Pensionsversicherungen nehmen in Ländern mit einem hohen Anteil an informeller Beschäftigung und Gelegenheitsjobs automatisch einen geringeren Stellenwert ein. Die Liberalisierung des Arbeitsmarkts bringt außerdem eine Erosion der Arbeitslosenversicherung mit sich.

Soziale und ökonomische Deregulation und Liberalisierung verstärken die Migration sowohl innerhalb eines Landes als auch auf internationaler Ebene. Es gibt Anzeichen dafür, dass ein neuer globaler Arbeitsmarkt entsteht. Das „Outsourcing“ und „Offshoring“ durch Inanspruchnahme von Arbeitskräften in Billiglohnländern wird nur mangelhaft kontrolliert und kann von Unternehmen als Druckmittel verwendet werden, um ihren Angestellten in besser gestellten Standorten Löhne und Vergünstigungen zu kürzen.
Zwar herrscht prinzipiell Übereinstimmung darüber, dass durch Arbeitsmigration die Wirtschaftssysteme aller beteiligten Staaten profitieren, mit der Globalisierung hat aber auch der Anteil der gut ausgebildeten Kräfte zugenommen, die aufgrund besserer Chancen in andere Länder ausweichen und somit ihrer Heimat verloren gehen („brain drain“). Vor allem für Entwicklungsländer ist dieser Trend fatal.
ArbeitsmigrantInnen müssen oft unter schlechten Bedingungen arbeiten und sind mit besonders großer Jobunsicherheit konfrontiert. Einer der auffallendsten Trends in Bezug auf die Arbeitsmigration ist die wachsende Präsenz von Frauen, die allerdings sehr oft in schlecht bezahlten Berufssparten landen und speziell gefährdet sind, Opfer von Ausbeutung und Gewalt zu werden.

In seinen Empfehlungen weist der Report darauf hin, dass makroökonomische Strategien zur Erreichung von Vollbeschäftigung auf eine größere Verteilungsgerechtigkeit abzielen müssen, da zwischen Arbeitslosigkeit und Ungleichheit eine starke Verbindung besteht. Soziale und demographische Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft müssen Berücksichtigung finden (z. B. Überalterung, AlleinerzieherInnen). Auf politischer Ebene sollen Gleichstellungen in Bezug auf Rasse, Geschlecht und Alter gesetzlich verankert werden. Der Trend zum fehlenden oder mangelnden Versicherungsschutz verlangt nach einer Umkehr. Schließlich soll nicht das Wirtschaftswachstum im Mittelpunkt ökonomischer und sozialer Überlegungen stehen, sondern die Möglichkeit jedes Einzelnen, unter menschenwürdigen Bedingungen einer Arbeit nachzugehen, die ihn zufrieden macht und zum Wohlstand seiner Familie und seiner Gesellschaft beiträgt.

Beitrag bearbeitet von Dr. Judith Moser, 21.09.2007

Quelle und Link: www.un.org
Bild: pixelquelle.de

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