OneWorld: Mit welchen Problemen sind Studierende in Simbabwe konfrontiert?
Clever Bere: Das sind sehr weitreichende Schwierigkeiten mit denen wir hier an den Universitäten zu kämpfen haben. Das beginnt bei Nahrungsmittelknappheit, zu wenig Unterkünften, zu wenig Lehrmaterial und geht bis zu den Auswirkungen der Wasserkrise, die vom Versagen der Zimbabwe National Water Authority (ZINWA) herrührt, welche es nicht schafft, die Bevölkerung effizient mit Wasser zu versorgen. Hinzu kommt noch, dass es für Studierende natürlich sehr schwierig ist zu lernen, wenn man ständig mit Stromausfällen rechnen muss.
OneWorld: Schafft es das Bildungssystem trotzdem eine halbwegs gute Ausbildung zu bieten?
Clever Bere: Nein. Die Umstände sind dafür nicht sehr förderlich. Die Vortragenden streiken ständig und manche Studierende müssen oft tagelang ohne Wasser, Nahrung und Elektrizität auskommen. Die Bücher sind zudem veraltet und es gibt nur sehr wenig Computer. Sollte sich nicht bald etwas ändern, werden die Unis nur mehr halbgare Absolventen hervorbringen.
OneWorld: Ist eine Mobilisierung der Studierenden, etwa in Form von Demonstrationen möglich?
Clever Bere: Es ist aufgrund der drakonischen Gesetze, wie etwa jenem zur öffentlichen Ordnung und Sicherheit, sehr schwierig in Simbabwe Demonstrationen zu organisieren. Trotzdem haben viele Studierende Möglichkeiten gefunden, um mit diesen Herausforderungen umzugehen und trotzdem auf die Straße zu gehen. Ganz wichtig ist hierbei natürlich die Unterstützung, die Studierenden von der Zivilgesellschaft bekommen. Etwa von Anwälten, die ins Gefängnis kommen, um sich um die Anliegen inhaftierter Studierender zu kümmern.
One World: Es wird in den Medien viel über den Sicherheitsdienst von Robert Mugabe berichtet. Haben Sie Erfahrungen damit gemacht? Fühlen Sie sich durch ihn bedroht?
Clever Bere: Ich war bei mehreren Gelegenheiten Opfer von Mugabes brutalen Agenten der Staatssicherheit. Im Jänner 2007 wurde ich gemeinsam mit Promise Mkwananzi, dem Präsidenten der ZINASU, dessen Generalsekretär, Beloved Chiweshe und sieben weiteren Studierenden verhaftet. Wir wurden in einen Wildpark in Matopo gebracht wo wir wie Müll abgeladen worden sind. Das war kurz, nachdem wir das Programm Save our Education, save our future campaign gestartet hatten. Wir mussten viele Kilometer zu Fuß gehen, um schließlich von jemandem Hilfe zu bekommen. Auch haben Mitglieder der gefürchteten Central Intelligents Organisation (CIO) bereits mehrere Male meine Wohnung durchsucht. Zudem wurde ich schon öfters, aus unsinnigen Gründen, verhaftet. In den schmutzigen und kleinen Zellen wurde ich mehrfach gefoltert und mit dem Tod bedroht.
OneWorld: Im April publizierte die südafrikanische Zeitung Mail & Guardian einen Artikel unter dem Titel I was a Zimbabwe death sqaud, mit der Aussage eines John Gweru genannten ehemaligen Agenten aus Simbabwe, der nach Südafrika geflohen ist. Können Sie sich vorstellen, dass seine Aussagen zutreffen?
Clever Bere: Ja, absolut. Das ist Wasser auf die Mühlen jener, die sagen, dass viele führende Mitglieder der bewaffneten Organe Mugabes nicht glücklich sind mit seiner Art und Weise das Land zu regieren, oder erlauben Sie mir zu sagen, zu ruinieren. Schauen Sie sich nur den mißlungenen Staatsstreich dieses Jahr an
OneWorld:
der von Militärs geplant und durchgeführt werden sollte. Wünschen Sie sich wirklich eine Militärregierung?
Clever Bere: Nein, auf keinen Fall! Die Armee wäre genauso schlimm wie Mugabe. Wir möchten, dass eine demokratisch gewählte Regierung die Macht übernimmt. Die Menschen möchten ihre Regierung wählen, sie möchten teilhaben am politischen Geschehen, sie möchten Demokratie! Eine Militärregierung würde all das nie erlauben.
OneWorld: Die Inflationsrate in Simbabwe ist unglaublich hoch. Der Internationale Währungsfond prognostiziert für heuer noch 100.000 Prozent. Ist es möglich überhaupt noch ohne den Schwarzmarkt seine täglichen Bedürfnisse zu befriedigen?
Clever Bere: Nein. Ohne den Schwarzmarkt ist es unmöglich hier zu überleben. Die Geschäfte sind leer, Lebensmittel sind im legalen Handel oft nicht zu bekommen. Die Menschen werden praktisch gezwungen, den Schwarzmarkt zu frequentieren. Doch nicht nur Lebensmittel, auch Devisen werden am Schwarzmarkt gehandelt. Die offiziellen Wechselkurse sind viel zu niedrig und nicht wettbewerbsfähig. Die Differenz zwischen den offiziellen und illegalen Kursen ist zu groß, um von uns einfach ignoriert zu werden. Wir müssen auch hier auf den Schwarzmarkt zurückgreifen.
OneWorld: Vor einiger Zeit haben Sie mir einmal gesagt, Sie würden sehr positiv in die Zukunft Simbabwes blicken. Sind Sie noch immer so optimistisch?
Clever Bere: Absolut. Die Probleme, die wir haben, sind klar definiert und brauchen eine bestimmte Lösung, die wir aber alle kennen. Unser Land kann wieder das werden, was es einmal war: das Juwel von Afrika. Ich bin wirklich sehr optimistisch was die Zukunft angeht, das ist auch der Grund warum ich und meine Freunde uns so engagieren. Wir haben Hoffnung. Das kann allerdings nur dann funktionieren, wenn jene, die unser Land bestohlen und ruiniert haben, Abschied nehmen.
OneWorld: Glauben Sie, dass die nächstes Jahr stattfindenden Wahlen etwas verändern können?
Clever Bere: Ja, durchaus. Allerdings nur, wenn Voraussetzungen für freie und faire Wahlen geschaffen werden.
OneWorld: Erwarten Sie, dass das passiert?
Clever Bere: Wir sind alle sehr hoffnungsvoll, aber wir brauchen Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft, um das zu erreichen. So begrüßen wir etwa den Druck, der derzeit auf unseren achtzigjährigen Diktator ausgeübt wird, damit er eben freie Wahlen zulässt. Das ist aber nicht sehr einfach, weil er genau weiß, dass dies das Ende der Mugabe Zerstörungs-Ära bedeuten würde.
OneWorld: Ist das Movement for Democratic Change (MDC) von Morgan Tsvangirai und Arthur Mutambara eine wirkliche Alternative?
Clever Bere: Durchaus. Es sind eine Menge fähiger junger Leute im MDC die auch den Willen haben, das Schicksal des Landes zum Guten zu wenden.
OneWorld: Sprechen wir noch kurz über Operation Murambatsvina (2005 wurden illegal errichtete Wohnhäuser und Geschäfte in den Städten Simbabwes eingerissen und deren Bewohner umgesiedelt oder vertrieben, siehe: Politische Strategie der Angst und Gewalt. Anmerkung). Wie haben sie dieses Unternehmen der Regierung Mugabe erlebt und welche langfristigen Probleme sind daraus entstanden?
Clever Bere: Kurz gesagt: Eine humanitäre Krise ist dabei herausgekommen. Es war wirklich schmerzhaft, Babys auf dem Rücken orientierungsloser Mütter hängen zu sehen. Die Menschen hier möchten nicht an diese schreckliche Operation erinnert werden. Sie müssen bedenken, Murambatsvina wurde im Winter durchgeführt. Selbst Aids-Patienten wurden nicht verschont. Viele Menschen verloren aufgrund dieser wirklich dummen Aktion ihre Jobs, 700.000 wurden vertrieben und weitere 2,4 Millionen waren auf andere Weise davon betroffen.
OneWorld: Was war die Motivation für Murambatsvina? Eine Rache an oppositionellen Wählern?
Clever Bere: Ich glaube, die Regierung hat Unheil gerochen. Es gab die Angst, dass die Leute sich erheben werden, nachdem publik wurde, dass die vorhergegangenen Wahlen gefälscht waren. Dem wollte man zuvor kommen.
OneWorld: Wo sehen sie Simbabwe in sagen wir fünf Jahren? Clever Bere: Simbabwe wird Schulter an Schulter gehen mit den besten Ländern Afrikas. Ich sehe ein verjüngtes Simbabwe. Ich bin sehr optimistisch.
Das Interview führte Florian Gasser. (15. Oktober 07)
Links: Zimbabwe National Students Union (ZINASU) http://www.zinasu.org
I was a Zimbabwe death squad http://www.mg.co.za/articlePage.aspx?articleid=303901&area=/insight/insight__africa/
Politische Strategie der Angst und Gewalt http://www.chilli.cc/?id=72-1-11
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