Die Bergarbeiter von Bolivien: Ihre neue Generation

Kaum in einem anderen Land spielte der Minensektor eine derartig wichtige Rolle in seiner Geschichte wie in Bolivien. Doch der Neoliberalismus veränderte den Wirtschaftszweig und damit auch das Bild des Bergarbeiters. Eine neue Generation an „mineros“ entstand.

Es ist 7 Uhr früh in Bolivien. Ich befinde mich in Potosi, einst wichtigste Minenstadt des Landes, und ich stehe vor dem Cerro Rico. Jener Berg, durch welchen diese Stadt überhaupt gegründet wurde. Jener Berg, welcher derartig viele Geschichten aus Hunderten von Jahren erzählen könnte. Jener Berg, in welchem Tausende von Bergarbeitern sich zu Tode schufteten.

Heutzutage hat der Cerro Rico kaum noch Bedeutung für Boliviens Wirtschaft. Aber trotzdem arbeiten hier noch viele sogenannte mineros, welche einen Tag nach dem anderen in dem Berg nach Mineralien suchen.

Boliviens Geschichte wäre ohne die Geschichte der Minenindustrie in dem Land nur halb so lang. Seit der Kolonialzeit, als dieser Sektor quasi entdeckt wurde, spielten die mineros eine bedeutende Rolle. Damals wurden die Arbeiter regelrecht von den Spaniern ausgebeutet und fast schon wie Sklaven behandelt. Dies geschah vor allem hier in Potosi, wo die „mit´a“ eingeführt wurde – eine Art Zwangsarbeit. Seither kommt Boliviens Wirtschaft kaum noch ohne den Minensektor aus. Ein großes Problem stellte dabei jedoch immer die für Entwicklungsländer oft typische Abhängigkeit vom Ausland dar. In den 1980iger Jahren wurde dies besonders sichtbar. Die Metallpreise am internationalen Weltmarkt stürzten ab und Boliviens Wirtschaft schlitterte in eine Krise. Zur gleichen Zeit fand der Neoliberalismus seinen Weg nach Bolivien und durch neue Dekrete und Reformen wurde praktisch der ganze Minensektor in dem Land privatisiert. Es war eine große Veränderung und vor allem für die Bergarbeiter eine schwere Zeit. Mehr als 10 000 mineros wurden von der stattlichen Minenfirma COMIBOL gefeuert. Und das Bild des immer kämpfenden Bergarbeiters sollte sich für immer verändern.

Heute arbeiten die meisten dieser Arbeiter in Kooperativen. Sie bekommen kein fixes Gehalt, sondern werden nach Menge der gefundenen Mineralien bezahlt. Der Staat selbst besitzt derzeit nur etwa zwei Minen. Während dort die Arbeit im Berg erst ab 18 Jahren erlaubt ist, sind in den Kooperativen viele Kinder mit bereits 14 Jahren tätig. Es ist ein Teufelskreis: Während der Vater als minero das Haupteinkommen für die Familie erschuftet, wird er gleichzeitig durch diese anstrengende Arbeit krank. Viele der Bergarbeiter sterben, bevor sie 60 Jahre alt werden. Somit müssen sie ihre Söhne in die Mine mitnehmen und ihnen die Arbeit beibringen. Denn wenn der Vater stirbt, werden sie für die Familie sorgen müssen.

Doch die Krise in den 1980iger Jahren veränderte noch viel mehr. Nur mehr wenige mineros beteiligen sich heutzutage an Arbeiterbewegungen und Streiks. Früher bekamen die Arbeiter für Streiks weiterhin ihre Löhne. Heute heißt es in Kooperativen: Wenn man nicht arbeitet, gibt es auch kein Geld.

Es ist vor allem der Stolz ein minero zu sein, welcher heute fehlt. Es ist die neue Generation an Bergarbeitern, welche die Zeit vor den 1980igern noch nicht miterlebt hat. Viele Junge erzählten mir, dass sie diese Tätigkeit nur vorübergehend ausüben. Irgendwann wollen sie auf die Universität und mehr erreichen als “nur“ im Berg den ganzen Tag zu verbringen.

Und trotz der schlechten Arbeitsbedingungen können sich die meisten Kooperativisten kaum mehr vorstellen wieder in staatlichen Minen zu arbeiten. Dies mag daran liegen, dass der internationale Metallpreis seit langem nicht mehr so hoch war wie heute. Während die staatlich angestellten Arbeiter den gleichen Lohn wie auch ansonsten bekommen, können hier die mineros in den Kooperativen mehr verdienen.

In den nächsten Jahren könnte es jedoch zu einem neuen Konflikt kommen. Boliviens Präsident Evo Morales plant aufgrund der guten internationalen Preise viele Minen wieder zu verstaatlichen. Wenn dies passiert, werden sich viele Bergarbeiter weigern wieder für den Staat zu arbeiten. Denn wie mir viele mineros sagten: “Wieso sollte ich für den Staat arbeiten? In den Kooperativen verdiene ich gerade sehr gut. Ich kann arbeiten wann ich will und soviel ich will. Aus welchem Grund sollte ich somit die Verstaatlichung der Minen befürworten?“

Ein Erlebnisbericht von Lukas Meus (05.12.07)

Bild: Cerro Rico und Potosi, persönliche Aufnahme

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