Lebensmittelteuerungen – ein stiller, globaler Tsunami

Die Preise der meisten Grundnahrungsmittel sind in den letzten Jahren weltweit zum Teil massiv angestiegen. Hinter dieser Entwicklung verstecken sich Faktoren, denen nur durch nachhaltige Strategien begegnet werden kann.

In fast allen Entwicklungsländern haben sich die Kosten für Lebensmittel in den Jahren 2007 und 2008 erhöht. Laut Einschätzung des Welternährungsprogramms der UN (World Food Programme, WFP) stellt diese Situation die größte Herausforderung in der 45-jährigen Geschichte der Organisation dar. Mehr als 100 Millionen Menschen auf allen Kontinenten sind von Hunger bedroht.
Sowohl zwischen den einzelnen Ländern und auch zwischen städtischen und ländlichen Gebieten existieren beträchtliche Unterschiede in Bezug auf die Preispolitik und die dafür verantwortlichen Faktoren. Gestiegene Treibstoffpreise bringen Teuerungen durch höhere Transportkosten mit sich, in anderen Ländern wie Kenia wirken sich politische Unruhen negativ aus. Im Wesentlichen korrelieren die Preise jedoch – wie eh und je – hauptsächlich mit der Höhe der verfügbaren Produktionsmengen, und diese sinken in vielen Ländern aufgrund ungünstiger agroklimatischer Bedingungen ab. Trockenheit war ein Schlüsselfaktor für Preissteigerungen im Tschad und in Tansania, während etwa Ghana und Angola sowohl Dürren als auch Überflutungen zu verkraften hatten. Im Nahen Osten schmälerten in einigen Ländern Kälteperioden und Trockenheit die Ernte.

Der Klimawandel wird als Determinante für Produktionsmengen und Ernährungssicherheit in immer größerem Umfang ins Gewicht fallen, wie wir heute im Angesicht der prognostizierten Entwicklung wissen. Natürlich stellt auch das globale Bevölkerungswachstum einen Faktor dar, der zur Lebensmittelknappheit beiträgt und dessen Bedeutung im Laufe der kommenden Jahrzehnte noch weiter steigen wird. Vor diesem Hintergrund ist der Begriff der „Krise“ eigentlich nicht gerechtfertigt, da es sich nicht um einen vorübergehenden Zustand handelt, der nur mit Überbrückungsmaßnahmen überwunden werden kann.

In den meisten Ländern kam es zu einer Anhebung der Preise, die den Nahrungsproduzenten gezahlt werden. Dabei existiert eine große Variabilität je nach Land und Art der Feldfrucht; die Steigerungen bewegen sich im Bereich von 10% bis 500%. Einige Produkte zeigen dagegen in manchen Ländern keine oder kaum Verteuerungen, beispielsweise bestimmte Gemüsesorten in der Andenregion oder Cassava im Kongo und in Angola. Die Verkaufspreise im Einzelhandel sind in den meisten Ländern vergleichsweise noch stärker angestiegen, wobei die Differenz auf Faktoren wie die höheren Transportkosten zurückgeht.

Auch die Folgen dieser Entwicklung ähneln sich rund um den Globus: In Haushalten mit geringem Einkommen wird ein höherer Anteil als bisher für Nahrungsmittel ausgegeben; die Menschen essen weniger und seltener sowie billigere und oft weniger nahrhafte Lebensmittel. Neben den physischen Auswirkungen in Form von Unter- und Mangelernährung gehen die Ausgaben für die Ernährung in zahlreichen Haushalten zu Lasten anderer kostenintensiver Posten wie Gesundheit oder Schulbildung. Im Jemen und in Senegal nehmen arme Familien ihre Kinder aus der Schule, damit sie arbeiten gehen und zum Einkommen beitragen. Im Ausland lebende Verwandte, die Geld nach Hause schicken, sind mehr als je zuvor als ErnährerInnen gefordert.

Ebenfalls in vielen Ländern findet als Reaktion auf die Teuerungen eine Änderung der Produktionsweise statt. Besonders arme Bauern rücken vermehrt von der marktorientierten Lebensmittelproduktion ab und bauen für den eigenen Bedarf an. Andere stellen auf Produkte mit hohem Marktwert um (z. B. Schweinefleisch in China und auf den Philippinen).
Gleichzeitig wird ein Anstieg der Grundstückpreise beobachtet, da ein erhöhter Bedarf an Landbesitz besteht, speziell vonseiten großer Investoren. In Südamerika wirkt sich dieser Prozess am deutlichsten zuungunsten der armen ländlichen Bevölkerung aus. Aus Kolumbien wird berichtet, dass Palmöl-produzierende Firmen Bauern und Indigene zum Teil unter Anwendung von Gewalt aus ihren Gebieten vertreiben. Landreformen werden dadurch zunichte gemacht und Grundbesitz oft in den Händen ausländischer Investoren gebündelt. Weiters führen Preisanstiege zu einer übermäßigen Ausbeutung natürlicher Ressourcen (Rodung von Regenwald, Überdüngung, Überwässerung etc.).

Die meisten Regierungen betroffener Staaten versuchen durch Maßnahmen wie verstärkte Preiskontrolle, Beschränkung des Exports und Implementierung sozialer Programme eine Entschärfung der Situation herbeizuführen. Allerdings unterminieren einige dieser Maßnahmen das Einkommen der Lebensmittelproduzenten und tragen zur Destabilisierung des globalen Markts bei.
Wie das WFP festhält, macht die Gefährdung der Ernährungssicherheit in den ärmeren Regionen der Welt eine koordinierte Vorgehensweise der internationalen Gemeinschaft nach dem Vorbild der gemeinsamen Hilfsaktionen nach dem Tsunami in Südostasien Ende Dezember 2004 notwendig. Drei Ziele wurden definiert: die Sicherstellung der Ernährung in Extremsituationen; mittelfristig der Aufbau von Verteilungsnetzen; langfristig Unterstützung in der Umsetzung von landwirtschaftlichen Förderprogrammen.
Auch das Rote Kreuz hat ein Ernährungssicherungsprogramm in 15 afrikanischen Ländern gestartet, das auf lokaler Ebene die Ursachen der Lebensmittelknappheit bekämpft. Unter anderem beinhaltet es die Vermittlung nachhaltiger Anbaumethoden vor Ort durch MitarbeiterInnen der Organisation, die Vergabe von Mikrokrediten und die Einrichtung von Depots für Pflanzensamen. Dieser lokalisierte, pragmatische Ansatz bringt überzeugende Erfolge mit sich, wie bereits laufende Projekte zeigen.

Beitrag bearbeitet von Dr. Judith Moser, 27.04.08

Quellen & Links:
http://www.ifad.org/operations/food/
http://www.wfp.org/english/?ModuleID=137&Key=2820
http://www.reliefweb.int/rw/RWB.NSF/db900SID/EDIS-7DXLDG?OpenDocument

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