Weltbevölkerungstag 2008: Familienplanung ist ein Menschenrecht

Die freie Entscheidung von Männern und Frauen über die Anzahl ihrer Kinder und die Abstände, in denen diese geboren werden sollen, wurde 1968 als grundlegendes Menschenrecht proklamiert. 40 Jahre später haben hunderte Millionen Personen weltweit noch immer keinen Zugang zu moderner Kontrazeption.

Der UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) hält anlässlich des Weltbevölkerungstages 2008 fest, dass Familienplanung in der internationalen Gemeinschaft einen vorrangigen Platz in Entwicklungsfragen einnehmen muss, wenn die Millenium Development Goals erreicht werden sollen.
Zwischen 1960 und 2000 nahm der Anteil verheirateter Frauen in Entwicklungsländern, die Kontrazeptiva verwenden, von unter 10% auf 60% zu. In den größten Teilen Asiens und Lateinamerikas haben nationale Familienplanungsprogramme dazu beigetragen, das Bevölkerungswachstum zu stabilisieren. Dennoch wird die Zahl der derzeit auf der ganzen Welt lebenden Frauen, die sich eine Verzögerung oder Verhütung von Schwangerschaften wünschen, aber keine Kontrazeptiva einsetzen, noch immer auf ca. 200 Millionen geschätzt.
Fehlender Zugang zu Verhütungsmitteln, Aberglaube oder sozialer Druck (Kinderreichtum als Prestigefaktor) stehen einer Familienplanung oft entgegen. Wie sich zeigt, ist die Umsetzung des Menschenrechts auf die eigenständige Bestimmung der Kinderzahl besonders in den ärmeren Bevölkerungsschichten mangelhaft. UNFPA-Daten zufolge beträgt der Geburtendurchschnitt in 56 Entwicklungsländern bei den ärmsten Frauen 6, bei den wohlhabendsten dagegen nur 3,2.

Etwa ein Drittel aller Schwangerschaften sind ungewollt, was ca. 80 Millionen Schwangerschaften im Jahr entspricht. Pro Jahr werden etwa 19 Millionen illegale Abtreibungen durchgeführt, fast alle in Entwicklungsländern; 68.000 Frauen sterben jährlich an den Folgen dieser Eingriffe, die meist nicht unter hygienischen und medizinischen Standardbedingungen ablaufen. Bei Millionen Frauen bleiben Langzeitschäden zurück.
Prinzipiell beeinträchtigen zahlreiche Schwangerschaften die mütterliche Gesundheit, vor allem wenn dazwischen nur kurze Zeitintervalle liegen. In vielen Regionen der Erde ist jede Geburt nach wie vor mit einem nicht unerheblichen Mortalitätsrisiko verknüpft. Der Tod der Mutter hat auch Auswirkungen auf die bereits lebenden Kinder bzw. auf ein überlebendes Neugeborenes: Dessen Risiko, im ersten Jahr zu sterben, steigt um ein Mehrfaches an, wenn seine Mutter nicht mehr lebt.

Frühe und zahlreiche Schwangerschaften belasten nicht nur das Individuum, sondern die ganze Gesellschaft. Frauen werden dadurch sehr oft vom Einstieg in den Arbeitsprozess bzw. vom Absolvieren einer Ausbildung abgehalten. Lokaler Populationsüberschuss und die fehlende Arbeitskraft der Frauen im Wirtschaftsprozess verstärken nachhaltig die Armut einer Region. In weiten Teilen Afrikas stellt das Bevölkerungswachstum eine größere Bedrohung für die Armutsreduktion dar als die HIV/AIDS-Epidemie.
Um die Versorgung mit Kontrazeptiva zu verbessern, müssten pro Jahr mehr als 1,2 Milliarden US-Dollar in Familienplanungsprojekte fließen, und eine Erhöhung dieses Anteils bis 2015 aufgrund des zunehmenden Bedarfs – Millionen Menschen erreichen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten das fortpflanzungsfähige Alter – auf über 1,6 Milliarden Dollar wäre notwendig. Tatsächlich werden in diesem Bereich derzeit aber nur 550 Millionen Dollar ausgegeben. In vielen Entwicklungsländern existieren entsprechende Programme, es fehlen aber oft die finanziellen Mittel und/oder der politische Wille zu ihrer Umsetzung.

Ein universeller Zugang zur Familienplanung hätte weit reichende Vorteile: gesündere Mütter, gesündere Kinder, Frauen-Empowerment, Armutsbekämpfung. Schätzungen zufolge würden jedes Jahr 175.000 Frauen weniger sterben. Die Steigerung der Geburtenintervalle auf mindestens 36 Monate könnte außerdem den Tod von 1,8 Millionen Kindern im Alter unter fünf Jahren verhindern.
Der wirtschaftliche Druck auf arme Familien ist geringer, wenn sie weniger und gesündere Kinder haben. Auch kann der Armutszyklus eher durchbrochen werden, wenn pro Kind größere Investitionen in die Ausbildung und die ärztliche Versorgung möglich sind. Dies bedeutet gleichzeitig, dass Mädchen vermehrt in den Genuss einer Schulbildung kommen. Die Prävention frühzeitiger Schwangerschaften ermöglicht es jungen Frauen, länger in die Schule zu gehen. Ein maßgeblicher Vorteil ergibt sich aus dem vermehrten Einfließen der weiblichen Arbeitskraft in die Wirtschaft bei abnehmender Fertilität.

Durch Familienplanungsprogramme wird darüber hinaus die Verbreitung sexuell übertragbarer Erkrankungen verringert (Verwendung von Kondomen). Eine Verhütung bei HIV-positiven Frauen hat den Nebeneffekt, dass keine Mutter-Kind-Übertragung im Rahmen der Geburt stattfindet. Schließlich werden als Folge eines langsameren Bevölkerungswachstums natürliche Ressourcen wie Wasser und kultivierbares Land in geringerem Ausmaß ausgebeutet. Studien zeigen, dass jeder Dollar, der in die Familienplanung fließt, den Regierungen bis zu 31 Dollar erspart, die sonst für Gesundheitsversorgung, Schulbildung und Infrastruktur ausgegeben werden müssten.

Der UNFPA ruft die Staatengemeinschaft zu einer adäquaten und nachhaltigen Finanzierung von Familienplanungsprogrammen auf, die neben dem Zugang zu Kontrazeptiva als wichtigen Bestandteil Beratung einschließen. Männer sollen verstärkt in die Familienplanung einbezogen werden. Kampagnen der Massenmedien könnten die Bevölkerung umfassend über die Vorteile einer geringen Kinderzahl informieren. Derzeit laufen vom UNFPA initiierte Familienplanungsprogramme in 140 Ländern der Erde.

Beitrag bearbeitet von Dr. Judith Moser, 15.07.2008

Quellen und weiterführende Links:
http://www.unfpa.org/news/news.cfm?ID=1155&Language=1
http://www.unfpa.org/rh/planning.htm

Bild: © Stephanie Hofschlaeger/ http://www.pixelio.de



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