Daniel Goetsch: Ben Kader

Daniel Goetsch, 2006, Bilgerverlag

Daniel Goetsch erzählt in seinem dritten Buch die Geschichte eines jungen Mannes – Dan Kaders – dessen Vater Ben 1957 in die Geheimdienstarbeit Frankreichs in Algerien involviert war.

Die Leben von Ben und Dan sind miteinander verwoben, auch wenn Sohn Dan alles tut, um diese Tatsache zu verdrängen. Bereits zu Beginn des Buches ist klar, dass es ein Geheimnis im Leben des Vaters gibt, eine Katastrophe, die Einfluss auf das Leben des Sohnes hat. Erst am Ende erfahren wir, was fast 50 Jahre früher passiert ist und welche Parallelen dies zum heutigen Leben des Sohnes haben.
Durch das Buch ziehen sich zwei Handlungsfäden, die sich in einigen Momenten des Lesens miteinander berühren oder gar kreuzen. Einer ist die Jugend des Vaters Ben Kader, seine fehlende Auseinandersetzung mit seiner Identität als Algerier, der als Kleinkind nach Frankreich emigriert ist und sich als Orientalist in der Wissenschaft beginnt einen Namen zu machen. 1957 tobt der Unabhängigkeitsgkrieg in Algerien, in den Ben – ohne sich bewusst dazu zu entscheiden – hineingezogen wird. Was Ben in den französischen Foltergefängnissen Algeriens erlebt, ändert sein Leben und seine Persönlichkeit. Das Stillschweigen über die Verbrechen Frankreichs an seiner Kolonie lässt Ben auch später zu seiner Familie keine Nähe aufbauen.
Dasselbe Schweigen durchdringt auch Dans Leben und Beziehung zu seiner Freundin, seiner Familie und seinen ArbeitskollegInnen. Seine Geschichte spielt im Herbst 2001. Dan sieht tatenlos zu, wie seine Freundin nach Hamburg zieht – er flüchtet sich in sein Schweigen, verliert immer mehr den Kontakt zur realen Welt. Da meldet sich sein im Sterben liegender Vater bei ihm und fordert ihn zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auf.
Immer wieder werden Zusammenhänge zwischen dem Umgang Frankreichs mit seiner Kolonie Algerien, der Entstehung von islamischem Terrorismus und den Anschlägen am 9.11. angedeutet. Mehrmals stellt der Autor Beobachtungen über Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Vorurteile in den Raum, die eine kritische Haltung annehmen lassen.
Es ist eine spannende Geschichte über die Suche nach Identität eines Migranten, der sich nicht bewusst mit seiner Situation auseinandersetzt. Es ist auch eine Geschichte über die Beziehung eines Sohnes zu seinem Vater, dessen Bedeutung für sein Leben er verdrängt. Und nicht zuletzt ist es die Geschichte zweier Liebesbeziehungen, die durch das Schweigen (müssen) geprägt sind. Ein interessantes Buch, das zum Nachdenken verleitet.

Autorin: Renate Sova

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