Frauen in Afghanistan im Aufbruch

Afghanistan mag immer noch eine Hölle für Frauen sein. In der Provinz Bamian allerdings haben Frauen begonnen, am Abbau von Beschränkungen zu arbeiten. Sie brechen nicht nur physische Barrieren, die sie zwischen den vier Wänden festhalten, sondern auch mentale Grenzen.

© Detlev Beutler/ www.pixelio.de

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Weit weg vom Aufstand der Taliban, in der Region Bamian in Afghanistan, schreitet eine stille Revolution zügig voran. Frauen fahren Autos (eine Rarität in diesem Land), arbeiten in offiziellen Büros und Polizeistationen und sitzen in Gemeindeversammlungen. Sogar den Posten des Gouverneurs hat erstmals und als einzige in Afghanistan eine Frau inne.


Die Provinz Bamian ist in vielen Aspekten ungewöhnlich für das Land. Einige Jahre Frieden in diesem Teil des Landes nach dem Fall der Taliban und die wachsende Organisation in Politik und Gesellschaft haben Frauen die Möglichkeit geboten, ihre Spielräume auszudehnen. Dabei half, dass die meisten Menschen in Bamian der ethnischen Gruppe der Hazara angehören, schiitische Muslime, die gegenüber der Arbeit von Frauen außerhalb des Hauses aufgeschlossen sind.


In Afghanistan sind mehr als 80 Prozent der Frauen Analphabetinnen. Die Lebenserwartung der Frauen liegt bei nur 45 Jahren und ist niedriger als die der Männer, hauptsächlich aufgrund der hohen Sterblichkeitsraten während der Schwangerschaft. Zwangsehen und Ehen mit Minderjährigen sind für junge Frauen üblich, und nur 13 Prozent der Mädchen schließen die Grundschule ab. Bei den Burschen sind es 32 Prozent.


Der Krieg machte viele Frauen zu Opfern von Vergewaltigung und zu Witwen, die oft ohne familiäre Verbindungen in auswegloser Armut lebten. Speziell in den letzten Jahren des Taliban-Regimes war es auch Witwen ohne jegliche finanzielle Unterstützung verboten, zu arbeiten oder das Haus ohne männlichen Verwandten zu verlassen. Aus Angst vor bewaffneten Milizen mieden Frauen die Polizeistation in der Stadt Bamian, erzählt die 25-jährige Nahida Rezai, die als erste Frau bei der Polizei zu arbeiten begann. Zu Beginn hatte sie dadurch einige Probleme. „Ich bekam einige Drohungen per Telefon“, sagt sie. „Aber jetzt bin ich Polizistin, ich glaube, nichts kann mich davon abhalten.“ 


„Es war sehr schwierig, einen Job zu finden“, berichtet die 20-jährige Nebkbakth, ebenfalls Polizistin. „Wir hatten wirtschaftliche Probleme, und die hohen Preise machten das Leben schwer. Schlussendlich entschied ich mich, zur Polizei zu gehen, sollte ich keine andere Arbeit finden.“ Neun Monate nach ihrem Einstieg ist sie so zufrieden mit ihrem Job, dass sie andere Frauen ermutigt, ebenfalls zur Polizei zu gehen. 


Tatsächlich haben die harten wirtschaftlichen Umstände dazu beigetragen, dass viele Frauen in die Erwerbsarbeit eingestiegen sind, um ihre Familien in Zeiten von Dürre, steigenden Lebensmittelpreisen und hoher Arbeitslosigkeit zu unterstützen.


Dies ist auch der Fall für Zeinab Husseini. Ihr Vater sagt, mit sieben Töchtern und keinem Sohn hatte er keine Wahl, als er eineN zweiteN FahrerIn brauchte. „Ich mag das Fahren“, sagt die 19-jährige am Lenkrad des familiären Minibus. „Bereits seit meiner Kindheit wollte ich Autofahren lernen und ein Auto kaufen. In Bamian war ich die erste Frau, die ein Auto fuhr.“


Generell ist es der relative Frieden in der Region, der diese Entwicklung für Frauen möglich gemacht hat, sagt Habiba Sarabi, die Gouverneurin, selbst Ärztin und Erzieherin, die während des Taliban-Regimes illegale Alphabetisierungskurse abhielt. „Wenn die allgemeine Situation besser wird, können die Bedingungen für Frauen besser werden“, analysiert sie. Sie hat dafür gekämpft, Frauen in die Polizei aufzunehmen, auch speziell um Fälle von Frauen zu bearbeiten, und mittlerweile sind es bereits 14 Polizistinnen.


Einige der Veränderungen in Bamian fanden Anklang in konservativeren Teilen Afghanistans. Aber selbst Erfolgsgeschichten zeigen manchmal die andauernden Gefahren für arbeitende Frauen. In der Provinz Kandahar wurde am 28. September eine der bekanntesten Polizistinnen des Landes, Kapitän Malalai Kakar, auf ihrem Weg zur Arbeit erschossen. Trotz ihrer drei erfolgreichen Jahre im Amt, wird auch in Bamian von manchen Seiten der Rückzug der Gouverneurin Sarabi gefordert. „Das ist nicht nur, weil sie gegen Frauen sind“, sagt sie. „Sie wollen keine Macht verlieren, also machen sie Probleme für die Gouverneurin.“


Nichtsdestotrotz sind die Veränderungen in den Leben der Frauen für ganz Afghanistan ein großer Schritt. Und sie weisen vielleicht den Weg zur Eröffnung von mehr Möglichkeiten für Frauen, sollte irgendwann Frieden einziehen in dieser sehr konservativen muslimischen Gesellschaft, die während der letzten dreißig Jahren von Milizkommandanten und Kriegsherren dominiert wurde.


Die 48-jährige Najiba war eine der ersten gewählten Frauen einer der Gemeindeversammlungen, die von der Regierung nach dem Ende des Taliban-Regimes neu gegründet wurden. Deren Aufgabe ist es, zu entscheiden, wie mit den Entwicklungsgeldern der Regierung umgegangen wird. In der ersten Runde setzten sich zwar die Männer mit ihrem Plan des Straßenbaus gegen die von den Frauen geforderten landwirtschaftlichen Maßnahmen durch, doch diese gaben deshalb nicht auf. Im nächsten Projekt konnten die Frauen überzeugen: Es wurden Solarkollektoren gekauft, die jeweils vier Häuser mit Elektrizität versorgen. „Die Meinungen der Männer haben sich geändert“, resümiert Najiba. „Sie wollen uns nun an Entscheidungen beteiligen, nicht zu viel, aber sie hören zumindest teilweise auf uns.“


Beitrag gekürzt und übersetzt von Mag. Anja Brunner, 06.10.2008



Quelle:
One World South Asia / New York Times


 


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