Thomas Schmidinger (Hg.): Vom selben Schlag

Migration und Integration im niederösterreichischen Industrieviertel
Verein Alltag Verlag, Wien 2008, 405 Seiten, Preis: €19,90

Von Lars Dietrich

Thomas Schmidinger ist Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Flüchtlingsbereich der Caritas und Vorstandsmitglied von LEEZA, einer hauptsächlich im Irak tätigen Hilfsorganisation. Sein aktuell fertiggestelltes Buchprojekt „Vom selben Schlag...“ trägt einen im ersten Moment sehr spezifisch wirkenden und regional begrenzt anmutenden Untertitel: „Migration und Integration im niederösterreichischen Industrieviertel“. Allerdings stellt man schon nach kurzer Lesezeit fest, dass es sich dabei um einen großartigen wissenschaftlichen Beitrag zum österreich- und europaweiten Diskurs über Migrations- und Integrationspolitik handelt.
Der Band ist mit 403 Seiten und auch hinsichtlich der Themenvielfalt umfangreich ausgefallen. Die 38 AutorInnen sind in vielen, vor allem wissenschaftlichen Bereichen tätig wie etwa in der Sozialarbeit, Migrations- und Integrationsforschung, Geschichte, Kulturwissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, Psychoanalyse, Philosophie, in der Kultur- und Sozialanthropologie sowie in den Erziehungswissenschaften und Religionswissenschaften.
Die Themen Migration und Integration werden dementsprechend vielseitig beleuchtet, auch wenn der Sammelband laut dem Herausgeber kein abschließendes Standardwerk, sondern eine Einladung zur Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen und zur Integration der Migration in die Lokalgeschichte darstellt. Tatsächlich erlebt man weit mehr als einen geschichtlichen Exkurs in die Migrationsgeschichte des niederösterreichischen Industrieviertels. Vielmehr wird der Leser bzw. die Leserin in Bezug auf die Themen Migration, Integration und Asylpolitik im gesamteuropäischen (wenn nicht gar im globalen) Kontext informiert und sensibilisiert. Dabei wird auf die absolut desolaten Zustände im Bereich Flüchtlingsbetreuung aufmerksam gemacht, Flüchtlings- und ImmigrantInnengruppen aus aller Welt werden näher vorgestellt und die psychischen und materiellen Probleme von AsylwerberInnen aufgedeckt.
Es ist ein besonders schöner Aspekt dieses Werkes, dass man nicht nur einen näheren Einblick in die mannigfaltigen Hintergründe vieler AsylwerberInnen- und MigrantInnengruppen erhält, sondern auch oft mit Einzelschicksalen befasst wird. Letztere sind unentbehrlich, um ein Gefühl für die Problematik dieses Themas zu entwickeln, da sich Leid nun einmal schwerlich quantifizieren lässt. Neben abstrakten, wenn auch enorm wichtigen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen zu Themen wie Diskriminierung in Verbindung mit sozialen Aufstiegs-, Job- und Bildungschancen, wird somit der entscheidende Aspekt der AsylwerberInnen- und Migrationsthematik hervorgehoben: das Individuum. Zu dieser „Vermenschlichung“ der betroffenen Individuen tragen auch zwei Artikel bei, die sich mit der Schwierigkeit psychoanalytischer Betreuung von AsylwerberInnen und ImmigrantInnen auseinandersetzen.
Diese menschliche Seite stellt demnach definitiv die starke Seite des Buches dar, während bei den sozialwissenschaftlichen Analysen aufgrund der unzureichenden Datenlage oftmals die wissenschaftliche Verifikation ausbleiben muss. Aus diesem Grund weisen die AutorInnen des Öfteren darauf hin, dass lediglich „Tendenzen“ festgestellt werden können, und bei der Verallgemeinerung der Ergebnisse Vorsicht angebracht ist. Dieser Punkt ist besonders ärgerlich, da die Analysen an sich höchst interessante Sachverhalte aufzeigen. So wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass sich Personen aus Drittländern bei gleicher Ausbildungsstufe mit deutlich schlechterer Arbeit abfinden müssen als EU-StaatsbürgerInnen, und zwar trotz Aufenthaltsgenehmigung. Die festgestellte große Diskrepanz müsste jedoch erst durch deutlich umfangreichere Studien wissenschaftlich überprüft werden. Ähnlich sieht es mit einer eigens für das Buch durchgeführten sozialwissenschaftlichen Studie aus, die das Thema Struktur und Lebensbedingungen von AsylwerberInnem im Industrieviertel behandelt. So stellte man bei einer Befragung von insgesamt 51 AsylwerberInnen fest, dass deren Fertilitätsrate mit 1% deutlich unter dem österreichischen Schnitt liegt, und dass der Großteil kinderreicher Familien in organisieren Quartieren wie Pensionen leben, und nicht wie von den AutorInnen vermutet in Privatwohnungen. Diese Ergebnisse sind zwar hoch interessant, können aber aufgrund der äußerst geringen Anzahl an ProbandInnen nicht verallgemeinert werden.
Fast einhellig kritisieren die AutorInnen die extrem restriktive Integrations- und Asylpolitik der Republik Österreich, was wenig überrascht, da man sich in Österreich seitens der Bundesregierung in der Vergangenheit immer wieder damit gebrüstet hat, das Land mit den strengsten Asylgesetzen Europas zu sein. Vor diesem Hintergrund erscheinen die daraus resultierenden Schicksalsschläge der Asylwerbenden als ganz besonders grausam und unnötig.
Doch auch die Europäische Union bekommt ihr Fett ab. Zwar benennen die AutorInnen des Öfteren positive Einflüsse der EU auf die teilweise nur als unmenschlich zu beschreibende Asylpolitik Österreichs, wie zum Beispiel die Verpflichtung auf staatliche Versorgung und Unterkunft aller AsylwerberInnen. Allerdings wird dieses zunächst positive Bild durch den Umstand getrübt, dass gerade die Abschottungspolitik der EU gegenüber afrikanischer Einwanderung jedes Jahr zu großem Leid und einer hohen Anzahl an Todesopfern führt.
Man merkt dem Buch an, dass jeder einzelne Autor und jede einzelne Autorin das Ziel hatte, zu dem von Vorurteilen und falschen Annahmen geprägten Themenkreis Migration, Integration und Asylpolitik ein kleines Stück Aufklärung und Verständnis beizutragen.
Alles in allem wurde dieser Vorsatz großartig umgesetzt.

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook