Paraguay: Kleinbauern und –bäuerinnen vs. Soja-Industrie

Die besonders durch die Nachfrage nach Agrartreibstoffen angeheizte Ausweitung des Soja-Anbaus führt in Paraguay zu negativen Auswirkungen auf das Leben der Bevölkerung. Viele Menschen leiden an Erkrankungen, die durch die chemische Besprühung der Soja-Felder verursacht werden. Kleinbauern und –bäuerinnen werden vertrieben, damit noch mehr Boden für den Soja-Anbau genutzt werden kann. Doch es regt sich Widerstand.

© sunny33 / www.pixelio.de

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Eine „Soja-Republik“


Paraguay hat eine der ungleichsten Landverteilungen ganz Lateinamerikas: 77% des bebaubaren Bodens ist in den Händen von nur einem Prozent der Bevölkerung konzentriert (1) (Upside Down World / IPS, 18.3.08). Etwa 120.000 Familien in Paraguay besitzen überhaupt kein Land. Den Grundstein für die ungerechte Landverteilung und die auf Massenproduktion und Export ausgerichtete Landwirtschaft legte die Diktatur von Alfredo Stroessner (1954-89), der ein Viertel der Landesfläche an nur wenige Begünstigte verteilte (2) (Lateinamerika Nachrichten 393, März 07). Ein Großteil des Landes - nämlich 70% - gehört ausländischen, in erster Linie brasilianischen, GroßgrundbesitzerInnen.


Seit Mitte der 1960er Jahre wurde das Land von einer massiven Ausweitung des Soja-Anbaus erfasst, der in den späten 1990er Jahren einen Boom erlebte. Dabei wurde von Konzernen wie Monsanto genetisch manipuliertes Saatgut eingeführt. Angekurbelt durch die Nachfrage nach Viehfutter und Agrartreibstoffen entwickelte sich Paraguay zum heute viertgrößten Exporteur von Soja, hinter den USA, Brasilien und Argentinien. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums wird auf 2,4 Millionen Hektar Soja angepflanzt, was 38% der Agrarproduktion des Landes ausmacht (3) (IPS, 8.11.07). 80% der Soja-Pflanzungen sind genetisch manipuliert (4) (Lateinamerika Nachrichten 393, März 07).


Soziale und ökologische Folgen


Das ökonomische Modell setzt auf den monokulturellen Anbau von Soja für den Export und verringert die Anbaufläche für andere Pflanzen . Traditionelle Wirtschaftszweige wie die Holzindustrie, Viehzucht und Baumwollherstellung wurden von der Soja-Industrie verdrängt. Im Gegensatz zum arbeitsintensiven Anbau etwa der Baumwolle und verschiedener Feldfrüchte verursachte die stark mechanisierte Anbauweise von Soja eine hohe Arbeitslosigkeit auf dem Land. Auch die Subsistenzlandwirtschaft der campesinos (Kleinbauern und –bäuerinnen) wurde zunehmend marginalisiert. Weil eine zunehmende Anzahl von Menschen ihr tägliches Auskommen nicht mehr findet, strömen viele in die Städte, wo sie sich in den Slums ansiedeln und eine städtische Unterschicht bilden.


Eine weitere Folge der Soja-Kultivierung ist die aktive Vertreibung der campesinos von ihren Feldern, die dem Ziel dient, die Anbauflächen zu erweitern. Zu diesem Zweck stellen die GroßgrundbesitzerInnen paramilitärische Einheiten auf und lassen sie auf die BewohnerInnen der Gemeinden los. In vielen Fällen interveniert auch der Staat auf der Seite der GroßgrundbesitzerInnen und schickt Militär und Polizei. Seit dem ersten Soja-Boom wurden etwa 100.000 campesinos von ihrem Land vertrieben und unzählige indigene Gemeinschaften umgesiedelt (5) (Toward Freedom, 25.9.08). Zwischen 1989 und 2005 wurden in Paraguay 75 campesinos ermordet (6) (ila 312, Februar 08). In anderen Fällen versuchen die Soja-Unternehmen, das Land von den campesinos zu kaufen oder pachten, was zu Konflikten innerhalb der Gemeinden führt, da sich viele campesinos vehement gegen die Ausbreitung des Soja-Anbaus zur Wehr setzen.


Zahlreiche Menschen verlassen ihr Land aber auch aufgrund der gesundheitsschädigenden Konsequenzen der Feldbesprühungen mit Chemikalien, die Krebs, allergische Reaktionen, Atmungsprobleme und Übelkeit hervorrufen. Frauen klagen über Fehlgeburten, Missbildungen bei Föten und den Tod vieler Kinder. Die Situation wird noch dadurch verschlimmert, dass die ländlichen Regionen kaum Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung haben (7) (Upside Down World / IPS, 18.3.08 und IPS, 8.11.07).


Um die für den Soja-Anbau erforderlichen Flächen zu gewinnen, wurde ein massiver Prozess der Abholzung in Gang gesetzt. Statt den früher üppigen Wäldern dominieren heute grüne Soja-Wüsten das Bild. Die versprühten Chemikalien fruchtbaren Böden ab (8) (IPS, 8.11.07).


Widerstand gegen den Soja-Anbau


Bei einer ländlichen Bevölkerung von zwei Millionen Menschen – von insgesamt sechs Millionen EinwohnerInnen Paraguays – sind gerade einmal 50.000 in einer der zahlreichen campesino-Gewerkschaften organisiert (9) (Lateinamerika Nachrichten 385/86, Juli/August 06). Die Wahl des „Bischofs der Armen“, Fernando Lugo, zum Präsidenten Paraguays im April 2008 hat bei vielen neue Hoffnungen genährt, dass sich ihre Situation bald ändern könnte und das Problem der Armut jetzt endlich angegangen werde. Lugo stand während seiner Zeit als Bischof auf der Seite der campesinos in ihrem Kampf gegen die Soja-Konzerne. Doch der Widerstand gegen den Soja-Anbau hat eine Geschichte, die bis zum Beginn des Booms zurückreicht.


So kommt es immer wieder vor, dass campesinos die Felder, auf denen Soja angebaut wird, besetzen, um die Besprühung der Äcker zu verhindern. Im Januar 2008 etwa gelang es campesinos in der Gemeinde Ybypé in der Provinz San Pedro erfolgreich, die Besprühungen auf diese Weise zu verhindern. In anderen Fällen schlagen campesinos den Rechtsweg ein, um die Einhaltung von Schutzmaßnahmen zu erreichen. Dazu gehört etwa der ausreichende Abstand zwischen den Feldern sowie Barrieren (z.B. Büsche), um das Abdriften der gesprühten Chemikalien zu vermeiden.


Doch nicht immer ist der Widerstand erfolgreich. So wurden im Jahr 2004 BewohnerInnen der Gemeinde Ypecuá bei einer Besetzung geschlagen und getötet. In der Gemeinde Tekojoja, wo auch der jetzige Präsident Lugo Erfahrungen im Kampf gegen die Soja-ProduzentInnen gesammelt hatte, wurden 2005 zwei BewohnerInnen getötet und 400 campesinos vertrieben (10) (Toward Freedom, 25.9.08). In anderen Fällen ist zwar der Kampf der campesinos erfolgreich, und es werden ihnen Landtitel zugesagt, jedoch wird durch die Behörden die Überschreibung der Landtitel verzögert, so dass die campesinos keine Kredite, Saatgut oder technische Hilfe erhalten (11) (Upside Down World / IPS, 18.3.08). 


Verschiedene Organisationen der Kleinbauern und -bäuerinnen haben sich zusammengeschlossen, etwa zur Dachorganisation Front für Souveränität und Leben, um gemeinsam gegen Besprühungen und die Kriminalisierung ihres Protestes einzutreten. Die Asociación de Agricultores del Alto Paraná (ASAGRAPA, Vereinigung der Bauern und Bäuerinnen von Alto Paraná) ergänzt dies mit dem Vorschlag eines alternativen, „agrar-ökologischen“ Modells. ASAGRAPA befürwortet die organische Landwirtschaft im kleinen Maßstab, eine Vielfalt der angebauten Nutzpflanzen für die Selbstversorgung sowie den Gemeindebesitz von Land, um die campesinos vor Isolation, Bodenspekulation und Besprühungen zu beschützen. Die Organisation setzt sich außerdem mit den Geschlechterrollen und Hierarchien auf dem Land auseinander.


Das „agrar-ökologische“ Modell


In der Gemeinde El Triunfo versuchen die bei ASAGRAPA organisierten campesinos seit 1989 ihr Modell einer „agrar-ökologischen“ Landwirtschaft umzusetzen: Jede Familie verfügt über zwei Parzellen Land, eine im Wohngebiet mit zugehörigem Garten und eine größere zum Anbau von Feldfrüchten. Mit der Zeit bauten die BewohnerInnen von El Triunfo eine Klinik, eine Schule und ein Fußballfeld. Der Ursprung der Gemeinde liegt in einer Landbesetzung, und es gab zahlreiche Angriffe durch die lokale „Soja-Mafia“, wie die paramilitärischen Einheiten der GroßgrundbesitzerInnen hier genannt werden. Das Land ist im Besitz der Gemeinde, und es ist den campesinos verboten, ihren Boden zu verkaufen. Die Verwaltung durch ein demokratisch organisiertes Kollektiv sowie die Unteilbarkeit und Nicht-Übertragbarkeit des Landes erscheinen als einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass die Mitglieder ihr Land an die Soja-Konzerne verkaufen. Die campesinos können entscheiden, was sie anbauen und einen Teil der Ernte verkaufen. Es wird jedoch verlangt, dass sie vielfältige Früchte zum eigenen Verbrauch pflanzen und zwar ohne Pestizide.


Die ArbeiterInnenpartei Paraguays veröffentlichte im März 2008 einen Vorschlag für eine Agrarreform, der sich am Modell von El Triunfo orientiert: Es wird gefordert, den großen Landbesitz zu enteignen und den Boden den campesinos zu übertragen. Ferner verlangt die ArbeiterInnenpartei das Ende der Verwendung von Pestiziden und die Verstaatlichung aller großen Agrarexportbetriebe. Schließlich tritt die ArbeiterInnenpartei für ein landesweites Programm zur Nahrungssicherheit und Souveränität über die Ressourcen ein, das eine nachhaltige Landwirtschaft mit dem Ziel der Beendigung des Hungers fördert.


Präsident Fernando Lugo steht nun vor der Herausforderung einer Landreform, die er im Wahlkampf versprochen hatte. Der neue Landwirtschaftsminister kündigte bereits an, dass auf staatlichem Land ein Verbot des Soja-Anbaus in Kraft treten werde. Ein weiterer Vorschlag, der großes Konfliktpotential in sich birgt, ist die Besteuerung der Soja-Exporte. Um einen offenen Konflikt wie im Nachbarland Argentinien zu vermeiden, wo ein Streik der GroßgrundbesitzerInnen das Land lahm legt, will der Landwirtschaftsminister mit den Soja-ProduzentInnen über eine Steuer verhandeln. Diese haben bereits Proteste angekündigt (12) (Toward Freedom, 25.9.08).


 


Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 13.10.2008


Links:
(1), (7), (11) http://upsidedownworld.org/main/content/view/1181/44 (13.10.08)
(2), (4) http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/1075.html (13.10.08)
(3), (7), (8) http://ipsnews.net/news.asp?idnews=39972 (13.10.08)
(5), (10), (12) http://www.towardfreedom.com/home/content/view/1419/1 (11.10.08)
(6) http://www.ila-web.de/artikel/ila312/paraguay_soja.htm (13.10.08)
(9) http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/928.html (13.10.08)


 


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