Migration aus Mexiko und Zentralamerika

Die wachsende Armut in den Ländern Zentralamerikas und in Mexiko zwingt viele Menschen dazu, das Land zu verlassen und ihr Glück im Norden zu suchen. Die US-Regierung reagiert darauf mit einer verstärkten Militarisierung der Grenzen zur Abwehr der papierlosen MigrantInnen. Ergänzt wird dies durch „Gastarbeiterprogramme“, die billige Arbeitskräfte für die US-amerikanische Wirtschaft garantieren sollen. Die Geldüberweisungen der MigrantInnen an ihre Familien in den Herkunftsländern sind zu einem wichtigen Faktor in den Ökonomien Zentralamerikas und Mexicos geworden.

© Leslie Radford

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Fluchtgründe

In den 1980er Jahren waren die Migrationsbewegungen aus Zentralamerika in die USA noch vor allem durch politische Flüchtlinge gekennzeichnet, die den Bürgerkriegen in Guatemala, El Salvador und Nicaragua entkommen wollten. Im Verlauf der 1990er Jahre wandelte sich der Charakter der Migration in eine Flucht vor der Armut und Perspektivlosigkeit. So leben nach Daten von 2003 in den USA 41 Mio. „Hispanics“, die mit 9 % der gesamten US-Bevölkerung die größte Minderheitengruppe bilden. Knapp zwei Drittel der „Hispanics“ sind Menschen mexikanischer Herkunft [1] (Brennpunkt Lateinamerika 18, 30.9.05). Nach Angaben der Weltbank verließen zwischen 2000 und 2005 mehr als zwei Mio. Menschen Mexiko nach Norden, während zwischen 1990 und 1995 noch 1,8 Mio. MexikanerInnen das Land verlassen hatten. Es wird geschätzt, dass von den etwa 12 Mio. LateinamerikanerInnen, die sich heute ohne Aufenthaltserlaubnis in den USA befinden, die Hälfte aus Mexiko kommt [2] (Telepolis, 24.5.07).

Heute stammt die überwiegende Zahl der mexikanischen MigrantInnen aus den kleinbäuerlich geprägten südlichen Bundesstaaten Chiapas, Oaxaca und Guerrero. Den wesentlichen Grund für die Migration stellt die fehlende ökonomische Perspektive in Mexiko dar, dem das Bild der USA als Nation des Reichtums und Überflusses gegenübersteht. Besonders in Zeiten der Krise verstärkt sich die Migration: So verursachte der Einbruch des Kaffeepreises auf dem Weltmarkt im Jahr 1989 einen deutlichen Anstieg der Migration. Während für manche der NAFTA-Beitritt Mexikos mit der Erwartung verbunden war, dass durch wachsenden Wohlstand aufgrund von Investitionen auch die Migration in die USA sinken würde, hat sich herausgestellt, dass NAFTA einen weiteren „push“-Faktor für die Migration ausmacht. Als Folge des Beitrittes Mexikos zur NAFTA, der Freihandelszone zwischen den USA, Kanada und Mexiko, im Jahr 1994 wurde die mexikanische Landwirtschaft mit hochsubventionierten Agrarexporten aus den USA überschwemmt, was dazu führte, dass viele Kleinbauern und Kleinbäurinnen dem Konkurrenzdruck nicht standhalten konnten und der Binnenmarkt zusammenbrach. Allein zwischen 2000 und 2005 verloren in der mexikanischen Landwirtschaft 900.000 Menschen ihren Job und in der Industrie gingen 700.000 Arbeitsplätze verloren. Zugleich wirken sich die aktuellen Preissteigerungen bei Grundnahrungsmitteln, vor allem bei importiertem Mais, negativ auf die 19 Mio. in extremer Armut lebenden MexikanerInnen aus [3](Telepolis, 24.5.07).


Politischer Rahmen der Migration

Der zwischen Mexiko und den USA ausgehandelte „Plan Sur“, der im Juli 2001 in Kraft trat, reguliert die Migration aus den mittelamerikanischen Ländern, vorwiegend unter „sicherheitspolitischen“ Gesichtspunkten der USA, und dient als vorgelagerte Barriere gegen MigrantInnen aus Zentral- und Südamerika. Der „Plan Sur“ sieht die Militarisierung der Grenzregion zu Guatemala vor, sein Wirkungsraum erstreckt sich jedoch bis weit ins Landesinnere der südmexikanischen Bundesstaaten hinein [4]  (Telepolis, 25.11.05). Das Ziel des Vertrages ist, die Südgrenze Mexikos gegen MigrantInnen dicht zu machen. Während Mexiko sich dazu verpflichtet, papierlose MigrantInnen in ihre überwiegend zentralamerikanischen Herkunftsländer abzuschieben, will die US-Regierung im Gegenzug die Situation der „GastarbeiterInnen“ in den USA verbessern. Jährlich werden um die 200.000 Menschen allein aus Mexiko abgeschoben [5] (Lateinamerika Nachrichten 395, Mai 07). Während die Auflagen seitens der mexikanischen Regierung erfüllt werden, was bedeutet, dass die Sicherheitskräfte an der Grenze ständig aufgestockt werden und die technische Überwachung voranschreitet, sind die Verhandlungen über ein Migrationsabkommen seit den Anschlägen vom 11.September 2001 ins Stocken geraten, da die US-Regierung nun immer mehr Sicherheitsgarantien verlangt. Ein solches Abkommen war eines der zentralen Wahlversprechen von Präsident Vicente Fox (2000-2006) gewesen und würde beinhalten, dass die mexikanischen Papierlosen in den USA einen legalen Status erlangen, die Modalitäten der temporären Arbeitsmigration festgelegt und die Rechte der MigrantInnen geschützt werden [6] (Telepolis, 25.11.05).

In den USA gibt es seit langer Zeit eine kontroverse Debatte um Migration und die damit verbundene gesetzliche Regulierung. Einig war man sich dabei über parteipolitische Schranken hinweg, dass die südliche Grenze der USA gesichert werden müsse. Die BefürworterInnen der Migration setzen sich für eine umfassende Legalisierung ein, während die GegnerInnen für Abschiebungen von Papierlosen und „Gastarbeiterprogramme“plädierten. Im Dezember 2005 wurde seitens des rechten Flügels der RepublikanerInnen eine Gesetzesinitiative in Umlauf gebracht, die neben der weiteren Militarisierung der Grenze auch eine Kriminalisierung von Papierlosen und ihren UnterstützerInnen vorsah. Es folgten gemischte Initiativen von DemokratInnen und RepublikanerInnen, die den rein repressiven Zugang zur Migration durch die Amnestie von Papierlosen und befristete Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen ergänzten. Gegen den rein repressiven Gesetzesvorschlag der RepublikanerInnen formierte sich im Frühjahr 2006 eine breite Bewegung von MigrantInnen, die in verschiedenen US-amerikanischen Städten wie Los Angeles und Chicago zu Millionen auf die Strasse gingen [7] (ila, Juni 07).

© Leslie Radford

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Abschottung gegen MigrantInnen

Überlegungen, wie die Migration in die USA beschränkt werden könne, gehen bereits zurück auf die 1980er Jahre und fanden ihren Niederschlag in verschiedenen Kommissionen und Plänen. Insbesondere mit dem Inkrafttreten von NAFTA geriet aber die Steuerung der Migrationsbewegungen verstärkt ins Blickfeld. Die im Rahmen des „Plan Sur“ erfolgten Massenabschiebungen von MigrantInnen wurden von der US-Regierung sowie von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mitfinanziert [8] (Telepolis, 14.3.08).

Wer nun den beschwerlichen Weg nach Norden auf sich nimmt, muss mit zahlreichen Hindernissen rechnen. Die Grenze zwischen Mexiko und den USA wurde seit den 1990er Jahren stark militarisiert, um die Migrationsbewegungen aus Mexiko und Zentralamerika zurückzudrängen. Gleichzeitig wurde im Rahmen von Abkommen die Grenzüberwachung weiter nach Süden verlegt. Das bedeutet, dass die ungleich kürzere Grenze zwischen Mexiko und Guatemala heute wie ein vorgelagerter Filter wirkt, der die papierlosen MigrantInnen aus Zentralamerika bereits an dieser Stelle an ihrer Weiterreise in die USA hindert. Der zunehmende Ausbau der Grenzanlagen und die verschärfte Überwachung der Grenzregion durch die Sicherheitskräfte können jedoch die MigrantInnen nicht aufhalten und führen nur dazu, dass viele MigrantInnen entlegene und gefährlichere Wege auf sich nehmen, um trotzdem das „gelobte Land“ zu erreichen. Die Zahlen der auf ihrer Flucht verstümmelten oder ums Leben gekommenen MigrantInnen sind bedrückend. So ertrinken viele Menschen beim Versuch, reißende Flüsse zu durchschwimmen, verdursten bei der Durchquerung von Wüsten, sterben an Schlangenbissen, werden von kriminellen Banden überfallen und ermordet, ersticken in LKW-Laderäumen oder kommen beim Unterfangen, auf einen fahrenden Zug aufzuspringen, unter die Räder. Der Güterzug, der vom Süden Mexikos nach Norden fährt, wird von den Menschen „tren de la muerte“ (Todeszug) genannt [9] (Lateinamerika Nachrichten 395, Mai 07). Allein im Jahr 2005 kamen 473 Menschen beim Versuch, die Grenze zu den USA illegal zu überqueren, ums Leben [10] (analyse & kritik 506, 19.5.06).

Für zahlreiche Frauen endet die Bemühung, in den USA ein besseres Leben zu finden, in der Prostitution. Menschenrechtsorganisationen berichten häufig von Misshandlungen der MigrantInnen durch Angehörige der mexikanischen Bundespolizei, des Nationalen Institutes für Migration (INM) oder durch kriminelle Banden wie die Mara Salvatrucha. Die Verbrechen gegen die MigrantInnen geschehen in einem Klima der weitgehenden Straflosigkeit [11] (Telepolis, 14.3.08).

Einmal in den USA angekommen, erwartet die MigrantInnen noch lange nicht das Ende der Torturen. Neben dem zunehmenden Rassismus gegenüber MigrantInnen sind sie in einer prekären Lage, da sie - vor allem als Papierlose – ständigen Kontrollen und behördlichen Schikanen ausgesetzt sind. Antirassistische NGOs und Unternehmen, die illegalisierte MigrantInnen beschäftigen, werden kriminalisiert [12] (Telepolis, 14.3.08).

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Ökonomische Folgen

Haben es die MigrantInnen einmal geschafft, in die USA einzureisen, so stellen sie meist ein Reservoir an billigen Arbeitskräften bereit, ohne das die US-amerikanische Wirtschaft, insbesondere in Landwirtschaft und Dienstleistungsbereich, nicht auskommen würde. „Aufgrund ihres illegalisierten Status sind sie gezwungen, ungeschützte und unterbezahlte Arbeitsverhältnisse einzugehen. Dennoch: In den USA verdienen sie selbst als BilliglohnarbeiterInnen in einer Arbeitsstunde mehr als in ihren Herkunftsländern“ [13] (iz3w 273, November 03).

Die im Zuge von NAFTA noch verstärkte Abhängigkeit Mexikos von den USA findet auch darin ihren Ausdruck, dass die Rücküberweisungen („remesas“) der MigrantInnen zur zweitwichtigsten Devisenquelle nach dem Erdölexport geworden sind. „Die „remesas“ überstiegen laut Schätzungen der mexikanischen Nationalbank 2003 erstmals die Deviseneinnahmen Mexikos aus Auslandsdirektinvestitionen und Tourismus. Abgesehen von schmutzigem Geld aus dem Drogenhandel bringt nur noch Erdöl Mexiko mehr Dollars ein. [..] ExpertInnen streiten schon lange, ob diese immensen Summen für Mexiko überhaupt Entwicklungspotenzial beinhalten. Nur zehn Prozent werden für produktive Investitionen aufgewendet. Der Rest geht in privaten Konsumausgaben auf“ [14] (Südwind-Magazin 6/05).

Zwar führte die Migration auch zum Aufblühen verschiedener angeschlossener Wirtschaftszweige, wie der Telekommunikations-, Transport- und Finanztransferbranche, jedoch profitierte davon vor allem der mexikanische Telefon-Konzern Telmex des viertreichsten Mannes der Welt [15] (Südwind-Magazin 6/05).


Arbeitsmigration nach Mexiko

Zwar ist Mexiko in der Regel nur ein Transitland auf dem Weg in die USA, doch haben sich gleichzeitig auch hier die zentralamerikanischen MigrantInnen mittlerweile in der Wirtschaft – wenn auch unter prekären Bedingungen – etabliert. Ein bescheidener ökonomischer Aufschwung zieht Menschen aus Mittelamerika an, die in Mexiko vor allem als ErntehelferInnen und Hausbedienstete tätig sind. Im Gegensatz zu den TransmigrantInnen, die der mexikanische Staat sich verpflichtet hat, zurückzuschieben, werden die ArbeitsmigrantInnen in Mexiko staatlich geduldet und sogar gefördert, damit die wirtschaftliche Stabilität in der Region gewährleistet ist. „Die Landwirtschaft der mexikanischen Grenzregion beruht auf der Erntehilfe guatemaltekischer ArbeiterInnen, die saisonal auf die Kaffee- und Obstplantagen kommen. [..] Alle, auch Kinder, arbeiten wochen- oder monatelang auf den Steilhängen der Plantagen. Die Lebensbedingungen sind miserabel, mehrere Familien schlafen in einem kleinen Raum, oft sind für dreihundert Leute nicht einmal sanitäre Anlagen vorhanden, ganz zu schweigen von einer medizinischen Versorgung. Den ArbeiterInnen wird alle zwei oder vier Wochen der Lohn ausgezahlt. In dieser Zeit werden ihnen aber auch Unterkunft, Verpflegung und Ausgaben angeschrieben, so dass beim Auszahlungstermin kaum noch etwas von ihrem Lohn übrig bleibt. Manche verlassen die Plantagen sogar mit Schulden“ [16] (iz3w 273, November 03). Es muss „deutlich unterschieden werden zwischen den beiden Migrationsformen. Während eine Reise in die USA von der Hoffnung erfüllt ist, dort Geld zu sparen und an die Familien zu schicken, dient der Lohn auf den Fincas nur zum Überleben“ [17] (iz3w 273, November 03).


Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 06. 10. 2008


Links:
[1] http://www.giga-hamburg.de/dl/download.php?d=/content/ilas/archiv/brennpunkt_la/bpk0518.pdf (26.9.08)
[2], [3] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25351/1.html (4.10.08)
[13], [16], [17] http://www.iz3w.org/iz3w/Ausgaben/273/LP_s08.html (5.10.08)
[5], [9] http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/1136.html (5.10.08)
[14], [15] http://www.suedwind-magazin.at/start.asp?artid=3517&ausg=200506&b=0&artart= (5.10.08)
[4], [6] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21341/1.html (5.10.08)
[8], [11], [12] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27408/1.html (5.10.08)
[7] http://www.ila-bonn.de/artikel/ila306/festungusa.htm (5.10.08)
[10] http://www.akweb.de/ak_s/ak506/14.htm (26.9.08)


 


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