Ecuador: Klimaschutz statt Erdölförderung?

Die Regierung Ecuadors könnte eine Vorreiterrolle im weltweiten Kampf gegen den Klimawandel einnehmen. In der am 28.9. 2008 bei einem Referendum angenommenen Verfassung werden erstmals die Rechte der Natur festgeschrieben. Doch auch in der Praxis scheint Präsident Rafael Correa auf ökologische Nachhaltigkeit zu setzen: Er unterbreitete der Welt das Angebot auf die Erdölförderung im Yasuní-Nationalpark zu verzichten, sollte die „internationale Gemeinschaft“ für den finanziellen Einnahmeausfall aufkommen.

© Benedita Silva de Azevedo

© Benedita Silva de Azevedo

Das Projekt Yasuní-ITT

Das Areal des Yasuní-Nationalparks macht nur 0,1% des gesamten Amazonasraums aus, dennoch wird es von TropenökologInnen zu einem der weltweit fünf reichhaltigsten Biovielfaltszentren gezählt. Auf einem Hektar Waldfläche können mehr als 220 Baumarten wachsen – das sind mehr als in den USA und Kanada zusammengenommen. Nach vorsichtigen Schätzungen leben hier 100.000 Insektenarten; insgesamt gibt es 180 Säugetier-, 200 Reptilien- und Amphibien- sowie 570 Vogelspezies; dazu gesellen sich 4.000 Pflanzenarten (1) (Waldportal / Spektrum direkt, 4.12.07). Laut World Conservation Union sind im Yasuní-Park 25 Arten beheimatet, die mit dem Aussterben bedroht sind, darunter der Tapir, das größte Landsäugetier auf dem Kontinent, sowie 10 Affenspezies (2) (IPS, 18.5.07).

Das genaue Gebiet, um das es nun geht, ist ein an Peru grenzender Regenwaldabschnitt im Osten Ecuadors, das Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT). In angrenzenden Arealen des Yasuní-Parks wird bereits nach Öl gebohrt, doch das ITT ist bis dato unberührt geblieben. Im ITT lagern geschätzt eine Milliarde Barrel Schweröl, was rund einem Fünftel (nach Angaben von Corpwatch bis zu einem Viertel) der gesamten Reserven des Landes entspricht (3) (Deutsche Welle, 10.7.08). Die Erdölquellen wurden 1992 bei Probebohrungen der staatlichen Ölgesellschaft Petroecuador entdeckt. Zwar wurden 71% des Yasuní-Parks 1999 von der Regierung zur „unantastbaren Zone“ erklärt, jedoch wird dieser Schutz als nicht ausreichend erachtet, da die Möglichkeit der Erdölförderung offen gelassen wird (4) (Lateinamerika Nachrichten 396, Juni 07). Außerdem dringen immer wieder HolzfällerInnen in das Gebiet vor, um illegaler Weise an die reichen Holzbestände zu gelangen.

Im ITT leben die indigenen Gruppen der Huaorani, Tagaeri und Taromenane. Die beiden letzteren haben sich für die Isolation entschieden und meiden jeden Kontakt zur Außenwelt. Sollte das Projekt Yasuní-ITT scheitern, würde diesen Menschen die Vertreibung und – wie die Erdölförderungen der Vergangenheit gezeigt haben – in vielen Fällen auch der Tod drohen. Schon jetzt kommt es häufig zu Konflikten, wenn illegale HolzfällerInnen in das Gebiet eindringen. Es gab bereits zahlreiche Massaker an den Indigenas, zuletzt wurde im Februar die Ermordung von 15 Angehörigen der Huaorani bekannt (Online-Standard, 14.2.08).

Die im Juni 2007 vorgebrachte Idee sieht nun vor, dass über einen Zeitraum von zehn Jahren 350 Millionen Dollar pro Jahr aufgebracht und in einen Fonds eingezahlt werden. Die Summe entspricht der Hälfte des Geldes, das der Staat im Falle einer Erdölförderung einnehmen würde. Verläuft alles nach Plan, dann verschreibt der ecuadorianische Staat Anleihen für das Erdöl, das unter der Erde bleiben soll, und verpflichtet sich, auch in der Zukunft nicht nach dem Öl zu bohren. Somit soll der Schutz des Yasuní-Parks gewährt bleiben, der 1989 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde (5) (IPS, 23.8.07). Das Geld aus dem Fonds soll ausschließlich sozialen und ökologischen Zwecken gewidmet werden, wie etwa für die Entwicklung alternativer Energien, die Förderung nachhaltiger Technologien wie Sonnen- und Windkraft sowie des Ökotourismus (6) (Upside Down World / Multinational Monitor, 8.4.08). Es müssten insgesamt vier Milliarden Dollar zusammenkommen, um die Idee umzusetzen. Zu den vorgeschlagenen Varianten der Finanzierung gehört auch die Idee von Alberto Acosta, dass Ecuador ein Teil der 10 Milliarden Dollar Auslandsschulen erlassen werde (7) (Le Monde diplomatique, 9.5.08). Nach mehreren Fristverlängerungen gewährte Präsident Correa im August per Dekret erneut einen Aufschub bis Januar 2009. Bis zu diesem Zeitpunkt soll die „internationale Gemeinschaft“ ausreichende und verbindliche Zusagen für die Finanzierung liefern. Andernfalls werde man mit der Lizenzvergabe an die Erdölkonzerne beginnen.

Die Argumentation der Regierung Ecuadors für das Projekt Yasuní-ITT baut auf vier Säulen auf: die Notwendigkeit, den Klimawandel einzudämmen; der Zerstörung der Biodiversität soll Einhalt geboten werden; Schutz der indigenen Gruppen der Huaorani, Tagaeri und Taromenane; sowie Transformation des ökonomischen Modells von Ecuador in eine Wirtschaft ohne Erdölverbrauch (8) (IPS, 23.8.07). Der Gedanke, an Erdölvorkommen zu verdienen ohne sie zu fördern, stammt ursprünglich von mehreren NGOs wie der Acción Ecológica (Ökologische Aktion) und wurde innerhalb der Regierung vom ehemaligen Erdöl- und Bergbauminister und späteren Präsidenten der Verfassungsgebenden Versammlung, Alberto Acosta, vorangetrieben (9) (Lateinamerika Nachrichten 396, Juni 07).

Das Projekt Yasuní-ITT kann im Zusammenhang mit den Forderungen nach Klimagerechtigkeit gesehen werden: „Klimagerechtigkeit verlangt ein vollständiges Moratorium für die Exploration und Ausbeutung neuer Ölvorkommen, die Einschränkung des Handels mit fossilen Brennstoffen sowie ein ganz neues Nachdenken über nachhaltige Produktionsmethoden und Konsumgewohnheiten. Und schließlich fordern die Fürsprecher der Klimagerechtigkeit den Norden auf, ihre Umweltschulden gegenüber dem Süden anzuerkennen und diesen entsprechend zu entschädigen“ (10) (Le Monde diplomatique, 9.5.08). Ein Land des Südens wie Ecuador hat praktisch keinen Anteil an der weltweiten Verursachung des Klimawandels. So hat es Ecuador bisher unterlassen, größere Mengen an Kohlenstoff in die Luft zu blasen. Gleichzeitig ist Ecuador jedoch sehr wohl von den Folgen des Klimawandels betroffen. In diesem Land der Andenregion schmelzen die Gletscher und verringern sich somit die Wasserreserven. Eine Auswirkung des Projektes Yasuní-ITT könnte auch darin liegen, dass das globale Klima durch die Verhinderung des Ausstoßes neuer Kohlenstoffe entlastet sowie eine Menge an Kohlendioxid von dem Urwaldgebiet absorbiert würde – und zwar in einem Ausmaß, das der Außerverkehrsetzung von 46 Millionen Autos entsprechen würde.

Dabei beschränken sich das Engagement für Klimagerechtigkeit und der Blickwinkel einer ökologischen Schuld der Industrieländer gegenüber dem Süden längst nicht mehr auf UmweltaktivistInnen. Beim UN-Klimagipfel in New York 2007 sagte der damalige argentinische Präsident Nestor Kirchner: „Wir, auf denen in finanzieller Hinsicht Schulden von unglaublicher Höhe lasten, sind zugleich im Hinblick auf die Umwelt die größten Gläubiger auf diesem Planeten“ (11) (Le Monde diplomatique, 9.5.08).


Stimmen und Reaktionen
Eine offizielle Vertreterin Ecuadors, Lourdes Tiban, stellte bei einem internationalen Treffen, bei dem das Projekt Yasuní-ITT vorgestellt wurde, fest: „Für den Fall, dass die Welt ehrlich daran interessiert ist, den Planeten zu retten, hat die Regierung beschlossen, das Öl zu verkaufen, es jedoch unter der Erde zu belassen.“ Präsident Rafael Correa kommentierte im Radio das Angebot seiner Regierung mit den Worten: „Die internationale Gemeinschaft muss uns für das immense Opfer entschädigen, das ein armes Land wie Ecuador leisten würde. Ecuador bittet nicht um Almosen, aber es ersucht die internationale Gemeinschaft, das Opfer mit uns zu teilen“ (12) (IPS, 18.5.07). Lucia Gallardo, eine Umweltberaterin für das ecuadorianische Außenministerium, meint: „Wir wollen über die Abhängigkeit vom Öl hinausgehen und uns einer gerechten Strategie von wahrer Unabhängigkeit der Energie nähern, die ihre Priorität auf die Überwindung der Armut, erneuerbare Energie, saubere Verkehrssysteme sowie nachhaltige Landwirtschaft und Tourismus setzt. Das alte Modell, unseren Weg zum Wohlstand zu bohren, ist gescheitert“ (13) (Upside Down World / Multinational Monitor, 8.4.08).

Bis August 2007 sind 100 Unterstützungserklärungen für das Projekt Yasuní-ITT durch Regierungen, internationale Organisationen und Einzelpersonen eingetroffen, unter ihnen der Popsänger Sting und die Regierungen Norwegens und Spaniens (14) (IPS, 23.8.07). Im deutschen Bundestag wurde auf Initiative von Bündnis 90/Die Grünen ein fraktionsübergreifender Antrag einstimmig angenommen, der das ecuadorianische Angebot begrüßt und die Bundesregierung auffordert, sich bei Ecuadors Regierung für eine Verlängerung der Frist einzusetzen (15) (Deutsche Welle, 10.7.08).

Kritik wird bei verschiedenen Organisationen laut, die für die Rechte von indigenen Gruppen kämpfen. Zwar befürworten sie den Vorschlag der ecuadorianischen Regierung, jedoch sehen sie darin auch den Versuch, einen Preis auf das Recht der indigenen Gruppen auf Leben auszusetzen (16) (IPS, 18.5.07). Andere äußern ihre Skepsis, dass ein Gelingen des Projektes einen Präzedenzfall schaffen könnte und auch andere Staaten sich den Umweltschutz dann „erkaufen“ könnten (17) (Waldportal / Spektrum direkt, 4.12.07).


Erdölförderung in Ecuador
Ecuadors Ökonomie ist stark abhängig vom Verkauf des Erdöls. So stammen 70% der gesamten Einnahmen aus dem Geschäft mit dem Öl. Gleichzeitig leben 38% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze (The Guardian, 13.10.08). Jedoch hat die Förderung des Erdöls seit den 1960er Jahren der Bevölkerung nicht viel gebracht, sondern hatte im Gegenteil verheerende soziale und ökologische Folgen. Zwischen 1972 und 2006 beliefen sich die Einnahmen aus der Erdölförderung auf ein Drittel der Gesamteinnahmen. Heute beruht mehr als die Hälfte des Staatsbudgets auf dem Erdöl und Ecuador ist Südamerikas zweitgrößter Ölexporteur in die USA (18) (Upside Down World / Multinational Monitor, 8.4.08).

Außerhalb des ITT-Areals operieren bereits verschiedene Erdölfirmen wie die brasilianische Petrobras, die spanisch-argentinische Repsol-YPF und die kanadische EnCana im Yasuní-Park (19) (IPS, 23.8.07). Interesse an der ITT-Region haben bereits der chinesische Konzern Sinopec und Petrobras angemeldet.

Soziale und ökologische Folgen
Das „giftige Erbe“ des Erdölkonzerns Texaco (heute: Chevron-Texaco) in Ecuador zeigt wohl am deutlichsten, wie sich die Ölförderung auf die Bevölkerung und die Umwelt auswirkt. Texaco operierte zwischen den 1960er und 1990er Jahren in Ecuador. Dabei soll Subsstandard-Technologie zum Einsatz gekommen sein, und es wird davon ausgegangen, dass mehrere Millionen Liter von giftigen Abfallprodukten in die Erde und Gewässer des Regenwaldes, von denen die Menschen dort abhängig sind, abgelagert wurden (20) (Upside Down World / Multinational Monitor, 8.4.08). Laut der britischen NGO Oxfam wurden über 600 offene Giftmüllhalden und 339 notdürftig verschlossene Bohrlöcher festgestellt. Als Konsequenz der Ölförderung haben zwei indigene Gruppen, die Tetetes und die Sansahuari, aufgehört zu existieren. „Ihre Mitglieder wurden vertrieben, strandeten in städtischen Elendsvierteln oder starben durch Alkoholmissbrauch und eingeschleppte Krankheiten. Heute existiert ihr Name nur noch als Bezeichnung für zwei Ölfelder“ (21) (Waldportal / Spektrum direkt, 4.12.07).
Die BewohnerInnen der umliegenden Gemeinden werden von schweren Krankheiten geplagt. „Verschiedene medizinische Studien belegen, dass das Erkrankungsrisiko an Leukämie für Kinder im Umfeld der Ölfelder viermal so hoch ist wie im Landesschnitt, die Krebszahlen für Erwachsene übersteigen die aus anderen Teilen Ecuadors um 130 Prozent. Auch Erbgutschäden und Fehlgeburten sowie Missbildungen bei Neugeborenen treten gehäuft auf“ (22) (Waldportal / Spektrum direkt, 4.12.07). Ein anhängiges Gerichtsverfahren, das voraussichtlich in diesem Jahr abgeschlossen wird, wurde gegen Chevron-Texaco eingeleitet, bei dem eine angemessene Reinigung des Regenwaldes und Entschädigungen vom Konzern eingefordert werden (23) (Upside Down World / Multinational Monitor, 8.4.08). „Die indigenen Bewohner der Region [Oriente im Norden Ecuadors] haben inzwischen eine zivilrechtliche Klage angestrengt, mit der sie Chevron Texaco für die entstandenen Schäden haftbar machen wollen, als da sind: die Auslöschung zweier Indigenenstämme; eine Krebsrate, die 60 Prozent über dem Landesdurchschnitt liegt; die Belastung des Wassers und des Bodens mit gefährlichen Giften“ (24) (Le Monde diplomatique, 9.5.08).

Die Erdölkonzerne im Yasuní-Park versuchten, die BewohnerInnen des Regenwaldes mit Sportgewand und Süßigkeiten zu bestechen. Dazu die Erzählung einer Huaorani-Frau: „Die Unternehmen haben sich freigekauft, indem sie den DorfbewohnerInnen kleine Geschenke gaben, denn die DorfbewohnerInnen haben nicht verstanden, was geschah, wenn die VertreterInnen der Firmen kamen. Als die Menschen später wegen der durch die Erdölförderung verursachten Kontaminierung krank wurden und protestierten, stürmte das Militär zur Unterstützung der Firmen heran. [..] Jeder unserer Schritte wird überwacht, und wenn wir Protest ausdrücken, schickt Repsol das Militär zu uns. Wenn wir uns nicht fügen, bedrohen oder verprügeln sie uns. Es sind sogar Fälle vorgekommen, wo das Militär Waorani [Huaorani] getötet und die Leichen in die Flüsse geworfen hat“ (25) (Nacla / Corpwatch, 11.4.08).

Angesichts der sozialen und ökologischen Verwüstungen, die im Falle einer Erdölerschließung des ITT drohen, stellt sich nun die Frage: Wird die Welt diese einmalige Chance wahrnehmen, der schönen Rhetorik zum Klimaschutz auch Taten folgen zu lassen?


Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 17.10.2008

Links:
(1), (17), (21), (22) http://www.waldportal.org/tropen/
news.tropen2007/news.tropen.200712042/index.html
(16.10.08)
(2), (12), (16) http://ipsnews.net/news.asp?idnews=37794 (16.10.08)
(3), (15) http://www.dw-world.de/dw/article/0,2144,3472449,00.html (17.10.08)
(4), (9) http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/1145.html (17.10.08)
(5), (8), (14), (19) http://ipsnews.net/news.asp?idnews=39002 (16.10.08) 
(6), (13), (18), (20), (23) http://upsidedownworld.org/main/content/view/1211/49 (17.10.08)
(7), (10), (11), (24) http://www.monde-diplomatique.de/pm/2008/05/09.mondeText.artikel,a0037.idx,7 (17.10.08)
(25) http://nacla.org/node/4559 (17.10.08)

Weiterführende Informationen:
http://www.sosyasuni.org

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