Chile: Gewerkschafterinnen melden sich zu Wort

In Chile wurde ein Buch publiziert, in dem neun Gewerkschafterinnen ihre Geschichte erzählen. Anhand ihres persönlichen Weges werden die Schwierigkeiten deutlich, mit denen Menschen bei der Organisierung der ArbeiterInnen in diesem Land immer noch zu kämpfen haben. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung, dass insbesondere die Frauen in Chile wieder Mut fassen und sich für ihre Rechte einsetzen.

© carepolera con camara/ indymedia

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In Chile sind weniger als 13% der ArbeiterInnen gewerkschaftlich organisiert: 14,6% der Männer und 9,6% der Frauen – ein Erbe der Pinochet-Diktatur und deren gewerkschaftsfeindlicher Politik.

Die 44-jährige Sonia Sagredo ist als Vorsitzende der Gewerkschaft der saisonalen LandarbeiterInnen von Villa Alemana und Quilpue in der Hafenstadt Valparaíso aktiv. Sie ist ferner eine der Vorsitzenden der Nationalen Bauern-Konföderation von Ranquil. Nach ihren Angaben haben die saisonalen ArbeiterInnen in diesem Sektor einen Arbeitstag, der um sechs Uhr früh beginnt und erst nach sieben Uhr abends endet. Im Idealfall erhalten sie den Mindestlohn von etwa 247 Dollar pro Monat. Bei der Arbeit in den Feldern stehen den ArbeiterInnen oft keine sanitären Anlagen und auch kein Trinkwasser und angemessene Essplätze zur Verfügung. „All das staut sich in ihnen auf und verwandelt sich in Wut, die sie später an ihrer Familie auslassen“, sagt Sonia Sagredo. Erst im Zuge ihrer Arbeit für die Gewerkschaft erfuhr Sagredo, dass der Schwefel giftig ist, den die Firmen auf den Feldern versprühen, noch während die ArbeiterInnen darauf tätig sind.

Rosa Bahamonde ist Generalsekretärin von CONATRASAL, der Konföderation der ArbeiterInnen in der Lachs- und Muschelfischerei, die 5.000 Mitglieder hat. Die Lachszucht ist neben der Landwirtschaft einer der produktivsten Sektoren der chilenischen Ökonomie. So ist Chile nach Norwegen der zweitgrößte Produzent von gezüchtetem Lachs und Forellen. Jedoch geht das Wachstum nach zwei Jahrzehnten aufgrund eines ansteckenden Virus beim Lachs nun zurück. Rosa Bahamonde sagt, dass bereits 6.000 ArbeiterInnen entlassen wurden, bis Februar oder März 2009 könnte diese Zahl auf 10.000 anwachsen.

Für Rosa Bahamonde ist die Gewerkschaftsarbeit „eine großartige Erfahrung. Doch ich war vier Jahre lang Präsidentin der Gewerkschaft in meiner Firma und ich nahm die Probleme von 600 Arbeiterinnen und Arbeitern auf mich. Manchmal ist die Last zu viel für jemanden so jungen wie mich“, so die 26-jährige Bahamonde. Über die Arbeitsbedingungen in der Lachsindustrie meint sie: „Das schlimmste, das ich in der Lachsindustrie sehen musste, war die Art, wie die Menschen tagein tagaus arbeiten, durchgehend acht Stunden, auf ihren Füssen, mit hängenden Köpfen, ohne mit jemandem zu sprechen, mit begrenzter Zeit, sogar um in den Baderaum zu gehen. Wenn man länger als zehn Minuten braucht, kommen sie, um nach dir zu sehen; alles wird streng kontrolliert.“

Das einzige, das sich Sonia Sagredo als Verdienst anrechnet, ist die Bildung von Gewerkschaften, um sich gegen die prekären Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft zur Wehr zu setzen. Einmal erreichte sie, dass in einem Weingarten transportable Kantinen und chemische Toiletten für die ArbeiterInnen eingerichtet wurden. Warum sie zur Vorsitzenden ihrer Gewerkschaft gewählt wurde? „Ich denke, weil ich eine gute Arbeiterin bin; ich bin schnell. Saisonarbeiterinnen – und arbeiter respektieren jeden, der bei seiner Arbeit gut ist. Außerdem habe ich immer Stellung bezogen, um andere Arbeiterinnen und Arbeiter gegen die Unternehmen zu verteidigen und die Unternehmen hatten es auf mich abgesehen“, so Sagredo. Auch Rosa Bahamonde hat einiges erreicht, so etwa Lohnerhöhungen und andere Leistungen.

Worüber sich Sonia Sagredo am meisten beschwert ist die gewerkschaftsfeindliche Praxis vieler Unternehmen. Sagredo wurde bereits aus vier Firmen entlassen, obwohl sie durch Gewerkschaftsrechte geschützt war. In Copiapó, in der nördlichen Atacama Region, wurden 175 ArbeiterInnen auf eine schwarze Liste gesetzt und werden wegen ihrer Gewerkschaftsaktivitäten von Firmen ausgeschlossen. Um ihre Rechte durchzusetzen müssen die ArbeiterInnen die ArbeitgeberInnen verklagen und langwierige und komplizierte Gerichtsverfahren führen, die häufig zur Abschreckung dienen.
Sonia Sagredos eigener Prozess dauert nun bereits zweieinhalb Jahre. Rosa Bahamonde war selbst noch keinen Repressionen ausgesetzt, doch sie fürchtet um ihre Zukunft: „Ich denke, dass ich Angst vor Verfolgung haben werde und mich davor fürchten werde, auf die berühmten schwarzen Listen gesetzt zu werden, wenn ich diese Firma verlasse. Ich könnte nirgendwo anders mehr eine Anstellung bekommen, weil sie wissen werden, dass ich eine Gewerkschafterin bin und sie werden mich als Unruhestifterin oder Revolutionärin betrachten“, sagt Bahamonde.

Ob es einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen GewerkschafterInnen gibt? Sonia Sagredo kommentiert dies mit den Worten: „Ich weiss nicht, ob es mit der Persönlichkeit oder dem Geschlecht zu tun hat, doch ich denke, dass wir uns mehr Sorgen darüber machen, was mit jedem individuellen Arbeiter geschieht und schließlich heben wir es auf ein kollektives Niveau.“ Während Sagredo weiterhin die ArbeiterInnen Gewerkschaften organisieren möchte, will Bahamonde für die Gemeinschaft aktiv werden, vielleicht sogar in einem politischen Amt.


Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 01.12.2008


Link:
http://ipsnews.net/news.asp?idnews=44831 (2.12.08)


 


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