Kolumbien: „Legion der Zuneigung“ kämpft gegen Gewalt auf den Strassen

Die Legión del Afecto („Legion der Zuneigung“) holt Jugendliche in Kolumbien von der Strasse und versucht, ihnen ein neues Selbstwertgefühl zu vermitteln. Junge Menschen, die oft nichts anderes kennen als die Gewalt der Gangs, des bewaffneten Konfliktes und der „sozialen Säuberung“, werden dazu ermuntert, ihre Energien in kreative Aktivitäten wie Tanz, Sport oder Musik umzusetzen.

© media.de.indymedia.org

© media.de.indymedia.org

Es ist paradox, dass ein Projekt, das „den Wert des Lebens wiederherstellen möchte, von einer rechtsgerichteten Regierung gefördert wird, der vorgeworfen wird, Anreize für die aussergerichtliche Hinrichtung von tausenden jungen Zivilisten geboten zu haben, die von der Armee entführt oder mit falschen Versprechungen angelockt wurden, einer Armee, die die Leichen als Opfer auf dem Schlachtfeld präsentierte, um „Ergebnisse“ im Kampf gegen die irregulären bewaffneten Gruppen vorzuzeigen.“ (IPS, 27.12.2008) Im Armenviertel Soacha und im benachbarten Bezirk Ciudad Bolívar leben mehr als eine Million Menschen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Gerechtigkeit und Leben wurden dort nach offiziellen Statistiken mehr als 600 Morde zwischen 2002 und 2006 dokumentiert. Untersuchungen gab es in keinem einzigen der Fälle.

Für die 43-jährige Miriam Callejos begann alles im Januar 2006 mit dem Auftritt der „verrückt aussehenden Menschen mit den langen Haaren und der farbenfrohen Kleidung“ in den Strassen der Nachbarschaft von Ciudadela Sucre im Armenviertel Soacha im Südwesten der Hauptstadt Bogotá. Callejos spricht vom „Friedenszirkus“ in Verbindung mit Tanz und Theater, den die lokalen Vertreter der Legión del Afecto veranstalteten und der um die 600 Menschen anlockte. Obwohl sie zunächst Zweifel hatte – denn sie fürchtete, dass es sich um Guerillas oder Paramilitärs handelte, die unter dem Deckmantel eines sozialen Programms Leute anheuern wollten – stellten diese Menschen, die anboten, „Personen dafür zu bezahlen, dass sie tanzen und andere Teile des Landes besichtigen“, einen Hoffnungsschimmer dar.

Die Biographien der TeilnehmerInnen an der „Legion“ sind meistens durch ein hohes Maß an Gewalterfahrung geprägt. „Beinahe alle von ihnen sind Überlebende, die tragische Verluste erfahren haben sowie auch die erzwungene Vertreibung ihrer Familien aus den ländlichen Gegenden durch den bewaffneten Konflikt [..] oder die vor der ländlichen Armut geflohen und in die armen Bezirke rund um die Hauptstadt geströmt sind“. In den südlichen Armenvierteln schlägt sich auch der bewaffnete Konflikt nieder, hier wird die Gewalt der paramilitärischen Gruppen, des Drogenhandels und der „sozialen Säuberungen“ spürbar. Viele der „Legionäre“ haben Jahre der Mitgliedschaft in einer Gang – „parche“ im kolumbianischen Strassenslang – hinter sich und mussten miterleben, wie Freunde oder Verwandte umgebracht wurden. So z.B. Jerry Leaccot, der 15 Jahre alt war, als sein Bruder getötet wurde. Als Jerry im Gefängnis saß, wurde seine Mutter von Einbrechern ermordet. „Ohne das Projekt wäre ich aus dem Gefängnis gekommen und hätte jemanden umgebracht und vielleicht wäre ich heute nicht mehr am Leben“, sagt der 27-jährige. Viviana, die heute im Rahmen der „Legion“ tanzt und schauspielert, hat in ihren sechs Jahren bei einer Bande drei ihrer Freunde verloren. Heute sagt sie, dass sie den Durst nach Rache überwunden hat und nun versteht, dass „wir alle Brüder und Schwestern sind“. Miriam Callejos meint, dass die Treffen in der Nachbarschaft den Menschen dabei geholfen haben, „ihren Zorn, ihren Hass und den Rachedurst zu beseitigen“. Dies hätte nach und nach „starken Bändern zwischen den Kindern“ Platz gemacht und sei dem Wunsch gewichen, weitere gewalttätige Tode zu vermeiden.

In ganz Kolumbien sind mittlerweile 700 Menschen in das Projekt eingebunden, während die Absicht ist, diese Zahl auf 20.000 Menschen auszudehnen. Gefördert wird das Projekt durch die Acción Social, einer Initiative der Regierung, und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP). Die TeilnehmerInnen erhalten einen „sozialen Lohn“ zwischen 90 und 270 Dollar pro Monat als Entlohnung für Gemeinschaftsdienste, besonders für die „Sozialisierung“. Mit dem Ziel, junge Leute dabei zu unterstützen, ihr Leben zu verändern und sich wertvoll und nützlich für die Gesellschaft zu empfinden, „das sich verschlechternde soziale Gewebe wiederherzustellen“ sowie „das Unsichtbare sichtbar zu machen“, bietet das Projekt 16 Werkzeuge an. Dazu gehören Tanz, Martial Arts, Musik, Sport und Kunst, wobei jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer die Tätigkeit auswählen kann, die ihr oder ihm am meisten Vergnügen bereitet. Zwar ist Tanzen die beliebteste Aktivität, jedoch entscheiden sich manche auch dafür, kolumbianische Volksmusik am Leben zu erhalten oder Rap-Musik zu betreiben. So z.B. Germán Alfonso, der sagt, dass er einen neuen Sinn für Selbstwert fühlt und „die Jahre der Zerstörung auf der Strasse“ hinter sich gelassen hat. Jetzt verfasst er Lieder und träumt davon, eines Tages ein Album zu veröffentlichen.

Aus früheren „Feinden“ zwischen sich bekriegenden Banden sind Vertraute geworden. Viele der „Legionäre“ waren einmal junge Mütter, die aufgrund ihrer frühen Schwangerschaft, häuslicher Gewalt und Alkoholismus der Eltern auf die Strasse getrieben wurden. Die Legión del Afecto – mit dem Motto „Zuneigung ist effektiv“ – hat einigen dieser Mädchen einen neuen Zugang zum Leben verschafft.

Zu den gemeinsamen Aktivitäten der Jugendlichen gehören auch das Organisieren von Festen mit traditionellen Gerichten, die Hilfe für die Opfer von Naturkatastrophen wie Erdrutschen oder die Betreuung eines kollektiven Gartens, damit die Teenager ihre Fähigkeiten und Interessen entdecken und eine Art Sinn im Leben finden sowie „sich als Helden fühlen“, wie die Leiter der Gruppe es ausdrücken.

Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 27.12.2008

Link:
http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45168 (27.12.08)


Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook