Kolumbien: ZuckerrohrschneiderInnen beenden erfolgreich ihren Streik

Seit Mitte September 2008 streikten die kolumbianischen ZuckerrohrschneiderInnen. Sie forderten höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Nun haben die ArbeiterInnen einige Zugeständnisse errungen und ihren Streik am 04.12. beendet. Fraglich bleibt allerdings, ob die UnternehmerInnen ihre Zusagen in dieser zunehmend mechanisierten Industrie auch wirklich einhalten werden.

©  H. Durango/ colombia.indymedia.org

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Die ArbeiterInnen erreichten mit ihrem Streik Lohnerhöhungen, 15 Tage bezahlten Urlaub im Jahr, eine gewisse Sicherung ihrer Arbeitsplätze, wöchentliche statt wie bisher monatliche Zahlungen und den arbeitsfreien Sonntag. Der Arbeiter Ernesto Cuaspuv ist der Meinung, dass der Erfolg des Streikes zu einem überwiegenden Teil mit dem internationalen Druck und der Aufmerksamkeit zusammenhänge (Upside Down World, 11.12.08). [1]

Der Streik hatte internationale Medienöffentlichkeit erlangt, als im Oktober zwei französische und eine deutsche MenschenrechtsbeobachterInnen des Landes verwiesen wurden. Sie hatten den Streik der ZuckerrohrschneiderInnen dokumentiert und wurden unter dem Vorwurf verbotener politischer Betätigung inhaftiert.

Arbeitsbedingungen in der Zuckerrohrindustrie

Seit 15. September standen 18.000 ZuckerrohrschneiderInnen in den Provinzen Valle de Cauca, Risaralda und Cauca im Streik. Eine zentrale Forderung war auch die Beendigung des „Kooperativen“-Systems, das es den UnternehmerInnen erlaubt, das Recht auf kollektive Lohnverhandlungen zu umgehen und die Auszahlung von Gesundheits- und Rentenzuschüssen zu vermeiden. Die ArbeiterInnen erreichten, dass diese kleinen, vormaligen „Kooperativen“ in ein einziges System umgewandelt wurden, das den ArbeiterInnen mehr Verhandlungsmacht zugesteht (Upside Down World, 11.12.08). [2]

Die Arbeitsbedingungen in der Zuckerrohrindustrie werden als quasi Sklaverei beschrieben: So dauert ein Arbeitstag 16 Stunden unter zermürbenden Bedingungen, die nicht selten schwerwiegende Gesundheitsprobleme verursachen. Das jetzt abgeschaffte „Kooperativen“-System beinhaltet, dass den ArbeiterInnen so viele Abzüge aufgebürdet werden, dass vom Lohn kaum genug übrig bleibt, um Nahrung zu kaufen oder die Miete zu bezahlen. Ernesto Cuaspuv führt aus: „Wir können kein Geld sparen. Neun von zehn compañeros besitzen kein Zuhause, manche compañeros haben drei oder vier Kinder und können es sich gerade leisten, ein Kind in die Schule zu schicken. Es gibt viele Unfälle; die Arbeiterinnen und Arbeiter erleiden Verletzungen an ihren Rücken, Knien und Schultern“ (Upside Down World, 11.12.08). [3] Die ArbeiterInnen in der Zuckerrohrindustrie verdienen weniger als die Hälfte des in Kolumbien vorgesehenen Mindestlohnes. Die „Kooperativen“ ziehen den ArbeiterInnen bestimmte Beträge etwa für die Sozialversicherung und die Anfahrt zum Arbeitsplatz von ihrem Lohn ab. Das reale Einkommen beläuft sich auf 220.000 Pesos (72 Euro), während der gesetzliche Mindestlohn 460.000 Pesos (ca. 150 Euro) beträgt. Von diesem Reallohn müssen sich die ArbeiterInnen dann auch noch ihre Arbeitskleidung und Machete kaufen. Hinzu kommt, dass die ArbeiterInnen oft nicht angemessen für das geschnittene Zuckerrohr bezahlt werden, weil die Menge falsch abgewogen wird. [4] Adriana Ferrer von der Menschenrechtsorganisation Corporación Humanidad Maestra Vida kommentiert: „Nicht ein einziger Schneider mag die Arbeit. Sie machen es nur, weil es die einzige Wahl ist, um zu überleben“ (Upside Down World, 11.12.08). [5]

Camilo González, ein ehemaliges Regierungsmitglied, artikuliert gegenüber IPS seine Sicht der Dinge, warum die Regierung nicht mit den streikenden ArbeiterInnen verhandeln wollte: Ein Nachgeben gegenüber ihren Forderungen „würde eine Überprüfung der Regeln bedeuten, welche die Kooperativen bestimmen, und würde einen Präzedenzfall setzen, der dem System der prekären Arbeit zuwiderlaufen würde, das die Grundlage der Wirtschaft darstellt“ (IPS, 7.10.08). [6]

Es geht die Angst um, dass die ArbeitgeberInnen die versprochenen Reformen, die 2009 in Kraft treten sollen, nicht einhalten werden. Nach einem Streik 2005 hätten die UnternehmerInnen die Zusagen auch nicht erfüllt, so Ernesto Cuaspuv. Trotz der miesen Bedingungen und der niedrigen Löhne hängt für die ArbeiterInnen das Überleben davon ab, dass sie ihren Job behalten – viele Arbeitsplätze werden bereits durch die Mechanisierung bedroht. Noch einmal Ernesto Cuaspuv: „Eine Zuckerrohrschneidemaschine kann 180 Arbeiter und Arbeiterinnen ersetzen und sie kann während der Nacht arbeiten. Wir haben Angst, dass in zwei Jahren die ZuckerrohrschneiderInnen verschwinden werden“ (Upside Down World, 11.12.08). [7]

Repression

Im Zusammenhang mit dem Streik sind noch sechs Menschen – vier ArbeiterInnen und zwei MenschenrechtsaktivistInnen – mit ernsten Anklagen konfrontiert. So etwa Juan Pablo Ochoa, dem drei Anklagepunkte vorgeworfen werden, darunter „Sabotage“ und die intellektuelle Urheberschaft von Verbrechen gegen den Staat. Am 06.12. begann die Gerichtsverhandlung, während die ArbeiterInnen fordern, dass die Anklage gegen die sechs Leute fallengelassen wird (Upside Down World, 11.12.08). [8]

Doch bekanntlich sind in Kolumbien GewerkschafterInnen ihres Lebens nicht sicher. Zuletzt wurde öffentlich, dass nach Angaben der International Trade Union Confederation (ITUC) am 12.12. William Rubio Ortiz, ein führender Gewerkschafter der SINTRAMBIENTE-CGT, der Gewerkschaft der Angestellten der nationalen Umweltinstitution, in der Provinz Cauca ermordet wurde. [9]
Die Regierung von Präsident Uribe reagierte auf den Streik, indem „der Konflikt nicht als Arbeitskonflikt behandelt wird, sondern als Sicherheitsproblem. Der Präsident Álvaro Urive Vélez und der Minister für soziale Sicherheit Diego Palacio behaupten öffentlich, der Streik sei von “dunklen Mächten” infiltriert. [..] Diese Einschätzung dient [..] als Vorwand, die Armee und Aufstandsbekämpfungseinheit ESMAD in die besetzten Plantagen zu schicken, die bisher ca. 30 Arbeiter verletzt haben“ (Labournet, 9.10.08). [10] Für Präsident Uribe stellen die Proteste der ArbeiterInnen in erster Linie ein Problem der nationalen Sicherheit dar. Der Streik sei von der Guerilla FARC angestiftet worden, so Uribe. [11] Damit legt er einen ähnlichen Umgang wie zumeist im Falle von sozialen Konflikten an den Tag. Auch die parallel stattfindenden Proteste der indigenen Bewegung in Kolumbien wurden von Präsident Uribe zuvorderst als „Sicherheitsproblem“ wahrgenommen (siehe auch: http://www.oneworld.at/start.asp?ID=225340).

Trotz der Beendigung des Streikes bleibt die Bedrohung der ArbeiterInnen aufrecht, denn in den jeweiligen Gebieten sind Paramilitärs aktiv. Die Menschenrechtsaktivistin Adriana Ferrer meint: „Nach meiner Erfahrung in Kolumbien wird die Bedrohung zurückkehren, sobald die Aufmerksamkeit (für den Streik) verschwunden ist. Es gibt ein Klima der Angst“ (Upside Down World, 11.12.08). [12]

Der Streik der ZuckerrohrschneiderInnen kann in einem grösseren Zusammenhang gesehen werden und zwar als Teil einer Bewegung von Afro-KolumbianerInnen und Indígenas für mehr Rechte. In der Sichtweise dieser Gemeinschaften stellt das noch nicht abgeschlossene Freihandelsabkommen zwischen den USA und Kolumbien eine Gefahr dar, denn es könnte zu weiteren Vertreibungen führen, die durch die Förderung der Monokulturen von Zucker und Palmöl vorangetrieben werden (Upside Down World, 11.12.08). [13]

Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 30.12.2008

Quellen (Stand: 30.12.08):
[1] http://upsidedownworld.org/main/content/view/1625/1
[2] ebd.
[3] ebd.
[4] http://www.labournet.de/internationales/co/zucker_streik.html
[5] http://upsidedownworld.org/main/content/view/1625/1
[6] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=44164
[7] http://upsidedownworld.org/main/content/view/1625/1
[8] ebd.
[9] http://www.ituc-csi.org/spip.php?article2653
[10] http://www.labournet.de/internationales/co/zucker_streik.html
[11] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=44164
[12] http://upsidedownworld.org/main/content/view/1625/1
[13] ebd.


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