Chile: Ablehnung von Staudämmen und Wasserkraftwerken wächst

Gegen den Ausbau der Wasserkraft in Chile formieren sich wachsende Proteste. Es werden Einwände aufgrund der ökologischen Folgen und der Auswirkungen für die lokale Bevölkerung erhoben. So wehren sich etwa Angehörige der indigenen Mapuche gegen ihre wiederholte Umsiedlung. Von Seiten der sozialen Bewegungen wird darauf hingewiesen, dass in Chile das Potential der erneuerbaren Energien lange nicht ausgeschöpft wird.

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Auswirkungen der Wasserkraft auf Mensch und Umwelt

Die Opposition von Ökologiegruppen wie Ecosistemas richtet sich aktuell gegen den Bau von Mega-Staudämmen auf dem Baker- und dem Pascua-Fluss, etwa 2.000 km südlich der Hauptstadt Santiago in der Region Aysén in der Wildnis von Patagonien. Das private chilenisch-spanische Energieunternehmen HidroAysén möchte dort fünf Staudämme errichten. Ecosistemas kämpfte bereits gegen den Bau des Pangue- und des Ralco-Staudammes auf dem Bío-Bío-Fluss, der ebenfalls in Südchile liegt. Letztlich erfolglos, denn die spanische Endesa nahm die Dämme 1997 und 2004 in Betrieb. Die Kampagne gegen HidroAysén wurde vom Verteidigungsrat Patagoniens (CDP, Consejo de Defensa de la Patagonia) eingeleitet, einer Dachorganisation von 50 chilenischen und internationalen Gruppen. Der CDP führt dabei Einwände aufgrund der ökologischen und sozialen Auswirkungen und des Einflusses auf den Tourismus ins Feld. Dem Aktivisten Juan Pablo Orrego von Ecosistemas zufolge „setzt [die Kampagne] legale Präzedenzfälle und formt neue Pfade auf dem Gebiet der Kommunikation und BürgerInnenbeteiligung, die bei anderen Umweltkonflikten im Land helfen könnten“ (IPS, 19.12.08). [1]

Eine internationale Kampagne richtet sich auch gegen die Industrien, die am meisten von der Energieerzeugung durch HidroAysén profitieren würden und die nach Ansicht der Kampagne Verbindungen zu den Betreiberfirmen von HidroAysén haben, die Holz- und Weinindustrie sowie Chiles wichtigste Exportindustrie, der Kupferbergbau. Sollte das Projekt HidroAysén umgesetzt werden, dann würden 5910 Hektar unberührter Natur zum Zweck der Stromerzeugung überflutet und 2200 Kilometer Stromleitungen gebaut werden, die sich über acht Regionen im Süden und Zentrum Chiles erstrecken. Der Anwalt Aaron Sanger, Mitglied einer Teilorganisation des CHP, kommentiert, dass Aysén „das größte Kahlschlag-Gebiet der Welt“ wäre. Finanzielle Unterstützung für die Kampagne gegen HidroAysén komme aus verschiedenen Ländern. „Es gibt ein großes Interesse an Patagonien, denn Patagonien ist ein einzigartiges Symbol der Natur“, so Sanger (IPS, 10.10.07). [2]

Ursprünglich war vorgesehen, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung bis Juni 2008 abgeschlossen sei und das erste Kraftwerk – im Falle der Annahme der Studie durch die Regierung – im Jahr 2013 in Betrieb genommen werde (IPS, 14.3.08). [3] Doch dies wird sich nun wohl verzögern. Umweltministerin Ana Lya Uriarte kritisierte noch im Oktober, dass die Umweltverträglichkeitsstudie von HidroAysén nicht den Anforderungen entspreche. Mehrere Behörden stellten fest, dass das Unternehmen nicht die notwendigen Informationen zur Verfügung stellen würden, um das Projekt einschätzen zu können. So bemerkte etwa die chilenische Wasserbehörde DGA: „Der präsentierten Umweltverträglichkeitsstudie mangelt es an relevanten, essentiellen Informationen, die wichtig sind, um das Projekt zu verstehen, die verschiedenen Umweltkomponenten korrekt zu überprüfen, dessen Auswirkungen vorherzusagen und zu evaluieren und zu verifizieren“, ob das Unternehmen mit Problemen zurande kommt (IPS, 20.11.08). [4]

Dem CDP war schließlich zum Feiern zumute, als HidroAysén im November eine neunmonatige Verlängerung der Umweltverträglichkeitsprüfung bis August 2009 forderte, nachdem die Regierung tausende von Beobachtungen des Projektes eingebracht hatte. Dennoch will die chilenische Firma Colbún (Matte-Gruppe), die gemeinsam mit der spanischen Endesa das HidroAysén-Konsortium ausmacht, einen dritten hydroelektrischen Staudamm (Angostura) auf dem Bío Bío-Fluss bauen. In einem im September vorgestellten Umweltgutachten des Unternehmens wurde vorgesehen, dass 126 Personen umgesiedelt werden müssten, darunter mehrere Angehörige der indigenen Mapuche, die im Zuge der Errichtung des Pangue-Staudammes bereits einmal umgesiedelt worden waren. Juan Pablo Orrego stellt fest, dass es eine grausame Art von Humor wäre, diese Familien zwei Mal umzusiedeln (IPS, 19.12.08). [5]

Sollte dieses Projekt, das weit weniger mediale Öffentlichkeit erhält als das Aysén-Projekt, Erfolg haben, bedeutet dies die Vertreibung von 45 Familien, einige von ihnen Angehörige der indigenen Pehuenche-Mapuche. Sechs der Familien wurden bereits einmal im Rahmen des 1996 fertiggestellten Pangue-Staudammes vertrieben. Doch die Opposition gegen die Dämme unterscheidet sich dennoch von den letztlich erfolglosen Protesten gegen den Ralco-Staudamm: „Anders als die Kampagne gegen den Ralco-Damm, die Strassenblockaden und Sit-ins beinhaltete und in manchen Fällen mit heftiger Polizeirepression konfrontiert war, versuchen die Aktivisten und Aktivistinnen Veränderungen dieses Mal allein durch institutionelle Kanäle zu erreichen“ (Toward Freedom, 15.10.08). [6]

In einer gemeinsamen Stellungnahme erklären Ecosistemas und die lokale Koalition der Bürger und Bürgerinnen für das Aysén Lebensreservat (CCARV), dass das Projekt HidroAysén die beiden Flüsse Baker und Pascua „töten“ würde und dass damit der Beginn einer umfassenden Anstrengung markiert werde, Patagonien zu industrialisieren und es in ein gigantisches Energiereservoir zu verwandeln“ (Upside Down World, 22.8.07). [7]
Der prominente Musiker Beto Cuevas, ein Unterstützer der Kampagne gegen HidroAysén, kommentiert das verbreitete Märchen, dass das betroffene Gebiet „menschenleer“ sei: „Viele Menschen in Chile denken, dass dort niemand sei, dass es ein entlegenes Areal sei, wo niemand lebt. Doch dort leben Leute, Menschen mit ihrem ganz eigenen Lebensstil. Mir scheint, dass es in einer Demokratie wie Chile nicht möglich sein sollte, einfach dort hinunter zu gehen und auf dem Land herumzutrampeln, auf den Menschen herumzutrampeln, nur weil sie eine Minderheit sind“ (Upside Down World, 9.4.07). [8]

Politische und ökonomische Faktoren

Sara Larraín, Vorsitzende einer umweltpolitischen NGO in Chile, bemerkt allgemein: „Chile kann keine Antwort auf seine Energieknappheit improvisieren, welche Folge einer fehlerhaften Politik (vergangener Regierungen) und eines Unternehmenssektors ist, der bei der Planung von Elektrizitätsdienstleistungen allein Marktkriterien in Betracht gezogen hat“ (IPS, 14.3.08). [9]

Chile sieht sich mit einem komplexen Szenario konfrontiert: 72% des Energieverbrauches muss importiert werden; seit 2004 wurden die Lieferungen von Erdgas aus Argentinien gekürzt, dazu kommen internationale Rekordpreise beim Erdöl und ein Regenmangel seit 2007, der vom Naturphänomen La Niña verursacht wird. Die Regierung von Präsidentin Michelle Bachelet hat erklärt, sie werde daher die Energieeffizienz steigern und die Energiequellen diversifizieren und kündigte Verbesserungen insbesondere bei nicht-konventionellen, erneuerbaren Energien wie Wind-, Sonnen- und geothermale Energie an. Andererseits hat der Kongress am 5. März 2008 ein Gesetz beschlossen, mit dem nicht-erneuerbare Energien gefördert werden (IPS, 14.3.08). [10]

2004 versprach Chiles Regierung gegenüber der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), dass sie keine weiteren Staudamm-Projekte mehr zulassen werde: „Die chilenische Regierung drückt ihren Willen aus, indigene Länderein im Oberen Bío Bío zu bewahren … besonders um zukünftige Einrichtungen von Megaprojekten auf [diesen Länderein] zu verhindern“ (Toward Freedom, 15.10.08). [11]
Diese Zusage wurde als Teil einer „freundschaftlichen Vereinbarung“ gemacht, welche die Regierung 2003 mit einer kleinen Gruppe von indigenen Frauen abschloss, die sich nach Jahren des Widerstandes gegen das Ralco-Projekt entschieden, ihren Besitz aufzugeben. Dieser Verkauf markierte das Ende des jahrzehntelangen Kampfes, bei dem zahlreiche AktivistInnen der Mapuche inhaftiert wurden. Das Ralco-Kraftwerk wurde ein Jahr später eingeweiht (Toward Freedom, 15.10.08). [12]

Bei einem Treffen zwischen RepräsentantInnen der Regierung von der Umweltbehörde CONAMA und UmweltschützerInnen wurde darauf hingewiesen, dass die Regierung 2004 versprochen hatte, keine weiteren Dämme im Bereich des oberen Bío Bío mehr zuzulassen. Die Firma Colbún argumentiert jedoch, dass ihr Angostura-Projekt außerhalb des oberen Bío Bío-Gebietes gelegen sei. Bislang wurden in den umliegenden Ortschaften 4000 Unterschriften gegen Angostura gesammelt. Der Umweltaktivist Freddy Pérez glaubt, dass das Staudammprojekt zum Scheitern verurteilt sei, denn auf dem Areal befinde sich auch eine archäologische Grabungsstätte der Mapuche. Auch werde man juristische Maßnahmen nicht ausschließen, um das Projekt zu verhindern. Die Gesetzeslage, die noch aus den Zeiten der Diktatur während der 1980er Jahre stammt, sei durch strukturelle Schwächen gekennzeichnet. Sie gebe dem privaten Sektor unangemessene Macht, denn eine ausgeglichene Prüfung, die auch echte Beteiligung der BürgerInnen beinhalte, werde verunmöglicht. Freddy Pérez spricht von einer „eigenartigen Absprache oder Komplizenschaft zwischen privaten Unternehmen und dem öffentlichen Apparat“, die man in den vergangenen 18 Jahren der Concertación-Regierung beobachten konnte.

Präsidentin Michelle Bachelet schickte mittlerweile ein Projekt an den Kongress, das ein Umweltministerium und eine Regulierungsbehörde vorsieht (IPS, 19.12.08). [13]
Von Seiten der offiziellen VertreterInnen ist bekannt, dass sich etwa Chiles Innenminister Edmundo Pérez Yoma öffentlich für das Projekt von HidroAysén ausgesprochen hat, und das, obwohl die Umweltverträglichkeitsprüfung noch aussteht. So stellten UmweltaktivistInnen in einem Brief fest: „Als Bürger und Bürgerinnen erachten wir es als schwerwiegendes Problem, dass Minister und andere Beamte Unterstützungserklärungen und politische Signale zu den Projekten abgegeben haben, die bislang nicht überprüft worden sind. Dies ist undemokratisch und inakzeptabel und fördert die öffentliche Wahrnehmung einer Regierung, die von den großen Unternehmen vereinnahmt wurde“ (IPS, 14.3.08). [14]
Der Vorsitzende des chilenischen Nationalen Tourismus Dienstes (SERNATUR) präsentierte sich zwar als Gegner des HidroAysén-Projektes, ließ aber indes die Gelegenheit nicht verstreichen, um Werbung für die nukleare „Option“ zu machen: „Es ist eine andere Alternative, nicht notwendigerweise die einzige, aber man muss sie sich ernsthaft anschauen. Argentinien hat sie. Brasilien hat sie. Warum nicht Chile?“ (Upside Down World, 22.8.07). [15]

Profite für die Energieindustrie versus erneuerbare Energien

Ein weiteres Projekt, gegen das Kritik erhoben wird, wird ebenfalls von der spanischen Endesa betrieben: der Bau von Staudämmen auf dem Puelo-Fluss. Während Endesa bereits seit 1990 die Wasserrechte besitzt, plant das Unternehmen nun, einen Megadamm und zwei kleinere Staudämme zu bauen. Obwohl sich das Projekt in einer frühen Phase befindet, gibt es schon Einwände von Umweltgruppen. Der Puelo-Staudamm würde grenzübergreifende Auswirkungen haben und neben Chile auch Argentinien betreffen. Wie bei allen großen Staudämmen würden weite Areale im Zuge des Projektes überschwemmt werden. Neben der Vertreibung der ortsansässigen Bevölkerung würden auch Wälder unter Wasser gesetzt und das Ökosystem der Gegend für immer verändert werden. Dazu kommt, dass das fragliche Areal auch zu dem geplanten ersten grenzübergreifenden Naturreservat gehört, das zudem von der UNO gefördert wird. Ein argentinischer Ökologieaktivist argumentiert: „Das ganze Gebiet ist – wie überall auf der Welt – ein System, das auf einer empfindlichen Balance beruht, die sehr sensibel für jede Veränderung ist. Wir sprechen nicht davon, ein paar Bäume zu fällen. Wir sprechen davon, einen 5000 Hektar grossen See anzulegen, der das Feuchtigkeitsniveau, Lebensräume von Tieren, Getreidezyklen, einfach alles einem Risiko aussetzt“ (Upside Down World, 19.6.07). [16]

Proteste lösen inzwischen auch andere Kraftwerksvorhaben aus: In den Gemeinden von La Higuera und Punta de Choros in der nördlichen Zentralregion von Coquimbo wehren sich die lokale Bevölkerung und die FischerInnen seit 2007 gegen die Errichtung von drei kohlebetriebenen wärmeelektrischen Kraftwerken. Der Kohlestaub würde die Biodiversität des Meeres, die menschliche Gesundheit und den Tourismus schädigen, wird kritisiert. Und in der Großstadtregion von Santiago, wo 40 Prozent der chilenischen Bevölkerung leben, artikuliert eine Bewegung aus Ökologiegruppen, Fachleuten und KünstlerInnen ihre Ablehnung des geplanten Alto Maipo Kraftwerkes der US-amerikanischen Firma AES Gener. Laut einem Sprecher der Bewegung wäre durch den Kraftwerksbau die Wasserversorgung für den täglichen Verbrauch ebenso gefährdet wie die Bewässerung in der Landwirtschaft. Auch die öffentliche Infrastruktur und der Bergtourismus seien davon bedroht (IPS, 19.12.08). [17]

Es herrscht eine verbreitete Unzufriedenheit vor, die der Regierung zum Vorwurf macht, dass sie noch keinen entscheidenden Wechsel in Richtung nicht-konventioneller und erneuerbarer Energien eingeschlagen habe. Eine aktuelle Studie streicht hervor, dass Chile einen Reichtum an entsprechenden Ressourcen besitze und dass diese in den nächsten 17 Jahren einen potentiellen Beitrag zu den Grundlagen der Energie leisten könnten (IPS, 19.12.08). [18]
Unterstützung erhält die chilenische Umweltbewegung auch von Prominenten wie Robert Kennedy, der beim US-amerikanischen Natural Resources Defence Council (NRDC) aktiv ist. Nach Ansicht von Kennedy besitzt Chile vielleicht das größte Potential der Welt für die Entwicklung von erneuerbaren Energien, da es über eine breite geographische Vielfalt verfügt (IPS, 1.4.08). [19]

Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 7.1.2009

Quellen (Stand: 3.1.2009):
[1] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45178
[2] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=39597
[3] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=41600
[4] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=44791
[5] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45178
[6] http://towardfreedom.com/home/content/view/1434/1
[7] http://upsidedownworld.org/main/content/view/861/34
[8] http://upsidedownworld.org/main/content/view/692/34
[9] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=41600
[10] ebd.
[11] http://towardfreedom.com/home/content/view/1434/1
[12] ebd.
[13] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45178
[14] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=41600
[15] http://upsidedownworld.org/main/content/view/861/34
[16] http://upsidedownworld.org/main/content/view/781/34
[17] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45178
[18] ebd.
[19] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=41819


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