Chile: Theater soll Wunden heilen

Ehemalige politische Gefangene versuchen ihre leidvollen Erfahrungen während der Diktatur von Augusto Pinochet zu verarbeiten, indem sie Bühnenstücke aufführen, die während der Zeit ihrer Gefangenschaft oder im Exil entstanden. Der Ort, an dem das Theater stattfindet, ist das heute zu einer Gedenkstätte umgewandelte ehemalige Gefangenenlager Villa Grimaldi.

B. Boscolo www.pixelio.de

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Das Theater der Erinnerung im Villa Grimaldi Friedenspark ist der Ort, an dem einige Ex-Gefangene der Diktatur ihre Stücke an mehreren Tagen im Januar aufführen wollen. Die Darbietungen sollen auf Film dokumentiert und dem Museum der Erinnerung und Menschenrechte, das im November eröffnet wird, sowie dem Villa Grimaldi Friedenspark zur Verfügung gestellt werden. Damit wird das Ziel verfolgt, die kulturellen Aktivitäten in den Gefangenenlagern der Diktatur historisch festzuhalten.

Óscar Castro, der Regisseur der Bühnenstücke, schrieb zwei davon während seiner Haft in den Gefangenenlagern von Ritoque und Puchuncaví, zwei weitere verfasste er im französischen Exil. Castro war in den 1960er Jahren Gründer des Teatro Aleph in Chile und wurde nach dem Militärputsch von 1973 zwei Jahre lang inhaftiert. 1976 flüchtete Castro nach Frankreich, wo er noch heute lebt. In Paris stand er hinter der Neugründung des Teatro Aleph.

Vor ein paar Monaten wurde Castro von einem weiteren ehemaligen politischen Gefangenen, Pedro Alejandro Matta, aufgefordert, in der Villa Grimaldi eine „theatralische Demonstration“ abzuhalten. Castro zeigte Interesse, allerdings unter der Voraussetzung, dass dieselben Stücke aufgeführt würden, die auch in den Gefangenenlagern gespielt worden waren und mit denselben SchauspielerInnen von damals. Castro nahm Kontakt zu den anderen Ex-Gefangenen auf und sie alle waren damit einverstanden, die Erfahrung zu wiederholen. „Damals waren wir alle zwischen 25 und 35 Jahre alt, jetzt sind wir 60 bis 75. Aus diesem Grund habe ich die Gruppe Grimaldi Social Club genannt“, sagte Castro lachend gegenüber IPS mit Bezug auf das kubanische Musikensemble Buena Vista Social Club.

Das Stück „Politischer Gefangener Casimiro Peñafleta“ ist ein Monolog, den Castro im Haftzentrum von Ritoque geschrieben hat. Er hatte es verfasst, um nicht verrückt zu werden, an einem Tag, an dem er alleine in seiner Zelle war. Alle ihm vertrauten Mitgefangenen waren auf einer Liste von Freizulassenden aufgeschienen, nur er nicht. Ein anderes Stück, das den Titel „Es war einmal ein König“ trägt, handelt von drei Vagabunden, die ein Spiel erfinden. Darin übernimmt jeder von ihnen abwechselnd für eine Woche die Rolle des Königs, um Leute herumkommandieren zu können. Doch einer von ihnen inszeniert einen Krieg, um nach dieser Woche weiterhin auf dem Thron bleiben zu können. Schließlich lässt er sich zum Präsidenten ernennen, um gar nicht mehr zurücktreten zu müssen.

Die persönliche Geschichte von Óscar Castro illustriert eindrucksvoll die Gewalterfahrungen einer ganzen Generation von ChilenInnen. Er wurde zusammen mit seiner Schwester Marieta inhaftiert, der vorgeworfen wurde, ein Mitglied der Guerilla MIR (Bewegung der Revolutionären Linken) versteckt zu haben. Beide wurden schließlich freigelassen. Weniger Glück hatten ihre Mutter und der Ehemann von Castros Schwester, denn sie wurden während eines Besuches im Gefängnis verhaftet und gelten bis heute als „verschwunden“.

Für eine andere ehemalige politische Gefangene, die als Schauspielerin auftreten wird, Alejandra Holzapfel, waren die Theaterstücke „ein Heilprozess [..], ein Weg, in die Villa Grimaldi zu gehen und Ruhe zu empfinden, sich ein wenig Humor zu gönnen, was wir in unserer Zeit als Gefangene häufig taten und was uns dabei half, den Schrecken, den wir damals erlebten, zu bewältigen“. Und sie fügt hinzu: „Wären wir nicht in der Lage gewesen, über uns selbst in den Haftzentren zu lachen, dann wären wir alle verrückt geworden.“

Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 19.1.2009

Quelle:
http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45443


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