Haiti: Bauern fordern aktives Vorgehen gegen Ernährungskrise

In Haiti ist eine neue Allianz von Bauern und Bäuerinnen entstanden, die eine Intervention gegen den Hunger fordert. Dabei steht vor allem die Beendigung der Abhängigkeit von Importen bei Nahrungsmitteln im Zentrum. Die haitianische Landwirtschaft soll nach Jahrzehnten der neoliberalen Strukturanpassung und der daraus folgenden Hungerkrise wieder in die Lage versetzt werden, die eigene Bevölkerung zu ernähren.

pixelio, Dieter Schütz

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Nahrungssicherheit oder Strukturanpassung

Nachdem Haiti im April vergangenen Jahres in die internationalen Schlagzeilen geraten ist, weil Tausende Menschen gegen die erhöhten Lebensmittelpreise und den Hunger revoltierten, ist es um dieses karibische Land wieder ruhig geworden. Doch auch ohne die Aufmerksamkeit der internationalen Berichterstattung ereignete sich in den letzten Monaten einiges in Haiti. Es kam zu wiederholten Demonstrationen und Versammlungen von Gruppen der Kleinbauern und -bäuerinnen, die durch verschiedene NGOs unterstützt wurden. Diese Bewegung steht im Zusammenhang mit einer Kampagne zur Beendigung der Marginalisierung der ländlichen Bevölkerung und zur Reorganisierung der vernachlässigten Landwirtschaft. Zwar erlebte Haiti in den letzten Jahrzehnten einen riesigen Exodus der ländlichen Bevölkerung in die Städte sowie ins Ausland, jedoch leben immer noch etwa zwei Drittel der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Die neue Bauernallianz, die sich u. a. aus den landesweiten Bewegungen Tèt Kole Ti Peyizan und Mouvman Peyizan Nasyonal Kongre Papay (MPNKP) sowie regionalen Organisationen zusammensetzt, zieht sogar in Erwägung, bei den für April anstehenden Parlamentswahlen anzutreten, obwohl über diese Frage noch große Uneinigkeit besteht. Auf der nationalen Ebene trat die Bewegung erstmals im vergangenen Dezember in Erscheinung, als am 12. Dezember 2008 Tausende Bauern und Bäuerinnen in die Hauptstadt Port-au-Prince zogen, um von der Regierung zu verlangen, ihnen bei der Wiederbelebung des Agrarsektors behilflich zu sein (IPS, 14.1.09). [1]

Das ehemals selbstversorgende Haiti entwickelte im Zuge der von den internationalen Finanzinstitutionen in den 1980ern auferlegten Strukturanpassungsprogramme eine starke Abhängigkeit von Lebensmittelimporten. Dies wirkte sich besonders Anfang 2008 aus, als Nahrungsmittel einen enormen Preisanstieg erfuhren, u. a. wegen der Konkurrenz durch Agrartreibstoffe, Spekulationen und der gestiegenen Nachfrage in den asiatischen Ländern. Viele Menschen konnten sich nun keinen Reis oder Bohnen mehr leisten. Auf die im April 2008 folgende Hungerrevolte reagierte Präsident René Préval mit einer Abkehr vom neoliberalen Wirtschaftsdogma und führte eine auf sechs Monate beschränkte Subventionierung des Preises für importierten Reis ein. Im August und September verschärfte sich die Situation, als Haiti gleich viermal von tropischen Stürmen erfasst wurde. Bei Überflutungen und Erdrutschen kamen Hunderte Menschen ums Leben, Infrastruktur sowie Häuser wurden zerstört. In ganz Haiti wurden Getreide, Vieh und Anbauflächen weggeschwemmt. Solche Naturkatastrophen wirken sich aufgrund von weitgehender Rodung und Bodenerosion auf Haiti stärker aus als auf andere Länder in der Region. So gehörte die Forderung nach einer Politik der Regierung, die den Umweltschutz bevorzuge, auch zu den wichtigsten Inhalten der Demonstration vom 12. Dezember (IPS, 14.1.09). [2]

Edith Germain Remonvil, eine Sprecherin der Bewegung MPNKP, sagte, dass die Energiepreise und die hohen Kosten für den Transport dazu beitragen, dass die Lebenserhaltungskosten in Haiti steigen. Der einzige Weg, die Nahrungsmittelpreise zu reduzieren, sei eine Ankurbelung der nationalen Produktion. Remonvil verlangte von der Regierung der Premierministerin Michèle Pierre-Louis eine Erhöhung des Budgets für die Landwirtschaft. Gleichzeitig kritisierte sie, dass die mittelfristigen Pläne der Wirtschaftspolitik auf einem Strategiepapier der Weltbank beruhten. Auch die Nationale Vereinigung der AgrarwissenschafterInnen (ANDAH) unterstützt die Forderungen der Bauern und Bäuerinnen: „Nur durch die Erhöhung der nationalen landwirtschaftlichen Produktion können die Behörden damit beginnen, die Probleme der hohen Lebenserhaltungskosten zu bekämpfen und die Ernährungssicherheit der Bevölkerung zu garantieren“ (IPS, 14.1.09). [3]

Folgen der Wirtschaftsliberalisierung

Den Angaben der „Diakonie Katastrophenhilfe“ zufolge litten Mitte 2008 auf Haiti 2.5 Millionen Menschen an Hunger, das entspricht knapp einem Drittel der gesamten Bevölkerung (Lateinamerika Nachrichten 408, Juni 2008). [4]
Nach Einschätzung der spanischen NGO Intermon Oxfam ist die neoliberale Politik seit 1986 verantwortlich für die aktuelle Ernährungskrise. Der Direktor der NGO stellt fest: „Vor 1986 befriedigte die lokale Reisproduktion 80% der Nachfrage, doch heute wird mehr als 80% des konsumierten Reises importiert. Das gleiche gilt für Mais, Bohnen und Hühnereier“ (IPS, 14.1.09). [5] Auch die Hilfsaktivistin Marie Josée Laguerre weist darauf hin, dass die Liberalisierung der Wirtschaft dazu führte, dass Ende der 1980er Jahre Reis aus den USA den haitianischen Markt zu Dumpingpreisen überschwemmte und die einheimischen Bauern und Bäuerinnen dem Billigkonkurrenzdruck nicht stand halten konnten und pleite gingen. Mehr als 100.000 Reisbauern und -bäuerinnen verloren so ihre Existenzgrundlage. Ähnlich erging es den Bauern und Bäuerinnen, die von der Haltung des Schwarzschweines abhingen. Auf Druck der US-Regierung und mit deren finanzieller Unterstützung wurde Anfang der 1980er Jahre während der Diktatur von Jean-Claude „Baby Doc“ Duvalier das Schwarzschwein unter dem Vorwand einer Schweinepest auf Haiti ausgerottet und durch das weniger anpassungsfähige Hausschwein ersetzt. Das amerikanische Hausschwein benötigte eine spezielle Pflege, für deren Kosten die Bauern und Bäuerinnen nicht mehr aufkommen konnten (Lateinamerika Nachrichten 413, November 2008). [6]

Die Umbruchssituation nach dem Sturz der Diktatur von „Baby Doc“ Duvalier durch eine Massenbewegung 1986 wurde von der Weltbank und USAID ausgenutzt, um Haiti eine streng neoliberale Wirtschaftspolitik zu verordnen. Noch 1986 trat ein neues Handelsrecht in Kraft, das die Importsteuern auf Nahrungsmittel und andere Gebrauchsgüter drastisch senkte. Durch die durch den Import erreichte Vergrößerung des Angebots an Nahrungsmitteln sollte für die Bevölkerung der Zugang zu billigeren Lebensmitteln erleichtert werden. Es wurde dabei einkalkuliert, dass durch die massenhafte Einfuhr von günstigem Reis und Geflügel aus den USA die lokalen Bauern und Bäuerinnen verdrängt wurden, ebenso wie die folglich einsetzende Landflucht. Nach der Vorstellung der Weltbank sollte die in die Städte zuziehende Landbevölkerung Aufnahme in den parallel dazu geförderten Billiglohnfabriken (Sweatshops) der Montageindustrie finden. „Die Folgen dieser Politik waren für Haiti verheerend: Die Nahrungsmittelproduktion pro Kopf ging um über ein Drittel zurück. Besonders betroffen waren die Grundnahrungsmittel Reis, Hirse und Bohnen [..]. Heute importiert Haiti rund 80 Prozent seines Bedarfs an Reis, während viele bäuerliche Familien auf die reine Subsistenzwirtschaft zurückgeworfen oder gezwungen wurden, in die Städte zu ziehen. Die Vorstellung, dass dort die Montageindustrie die zuwandernde Arbeitskraft absorbieren würde, erfüllte sich nicht. Nach einem schwachen Aufschwung Mitte der 80er Jahre mit damals rund 50.000 Beschäftigten arbeiten heute noch zwischen 10.000 und 20.000 Menschen in den Montagehallen. Die ArbeiterInnen fertigen dort einfache Kleidung für Markenfirmen wie Levi’s. Die Arbeitsbedingungen in den Industrieparks werden von den Gewerkschaften als menschenunwürdig beschrieben, die Entlohnung übersteigt den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit zwei US-Doller pro Tag nur unwesentlich. Von diesem Lohn die steigenden Lebenshaltungskosten zu bestreiten, ist unmöglich“ (Lateinamerika Nachrichten 408, Juni 2008). [7]

Quellen (Stand: 30.01.09):
[1] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45406
[2] ebd.
[3] ebd.
[4] http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/2785.html
[5] http://ipsnews.net/news.asp?idnews=45406
[6] http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/2863.html
[7] http://www.lateinamerikanachrichten.de/?/artikel/2785.html


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