Zhu Xiao-Mei: Von Mao zu Bach

Die Konzertpianistin Zhu Xiao-Mei schildert hier ihr Heranwachsen nach der Revolution in China unter Mao. Trotzdem sie glühende Anhängerin Maos war, erlebte sie zahlreiche Schikanen, da sie aus einer (klein-)bürgerlichen Familie kam. Zhu Xiao-Mei war Musikstudentin, als die so genannte „Kulturrevolution“ stattfand. Sie selbst war eines der unzähligen Rädchen, die den damaligen Terror, blind vor und verblödet durch lauter Ideale, stützte.

Sie half, wie so viele ihrer Mit-MusikstudentInnen,  alle (!) Noten klassischer „westlicher“ Musik zu verbrennen und zog, ebenfalls freiwillig, ins Umerziehungslager, um eine gute Kommunistin zu werden. Hier finden sich natürlich nicht zu wenig Schilderungen, die g’scheit unter die Haut gehen, etwa wenn nur diejenigen in die Öffis gelassen werden, die Mao korrekt zitieren können (!). Insgesamt entsteht ein Panorama, das unser herkömmliches China-Bild recht ergänzungs-, wenn nicht sogar revitierungswürdig erscheinen lässt. Die zweite Hälfte des Buches behandelt Zhu Xiao-Meis Leben in den USA und Frankreich, nachdem sie ein Stipendium bekommen hatte. Das vermeintliche Land der Freiheit entpuppt sich als ein kulturloses Etwas, das nur schwer zu ertragen ist. Mei schildert eine Situation, in der sie von ihren ArbeitgeberInnen, sehr nett, nach Disneyland eingeladen wurde, damit sie weniger trübsinnig wäre: „Ich muss sogar Mickey und Donald die Hand geben. Am Ende bin ich so erschöpft, dass ich ihnen sage, das Leben im Umerziehungslager sei zwar schwer gewesen, doch diese Art von moralischer Tortur sei uns dort erspart geblieben.“ Mit einem ungemeinen Pensum an Arbeit und treuen FreundInnen wird sie es schließlich an die Spitze schaffen. Besonders berührend ist ihre Schilderung ihres Besuchs in der Leipziger Thomaskirche, wo der von ihr hoch verehrte J. S. Bach gearbeitet hat. (Die Kirche war damals wegen Renovierungsarbeiten öfter geschlossen und so hoffte Mei wenigstens Leipziger Luft zu atmen. – Offenbar ohne zu wissen, dass sich Bach einmal bei einem Freund über ebendiese Luft beschwert hatte, dass sie so gut sei und die LeipzigerInnen lange bei bester Gesundheit halte, was ihn wiederum um seine Totenmessen brächte ...). Besonders dieser zweite Teil des Buches ist angereichert von Reflexionen über Klassische Musik und Chinesische Philosophie bzw. Ausführungen zu Fragen der Interpretation von Stücken für Klavier. Die Biographie Zhu Xiao-Meis wird daher sowohl MusikfreundInnen ansprechen als auch Menschen, die sich für zeitgenössische Sozialgeschichte und Interkulturalität interessieren. Zhu Xiao-Mei erzählt viel über ihr Leben. Der von ihr öfters erwähnten Schamhaftigkeit der ChinesInnen folgend, gibt sie davon aber nur bis zu einem bestimmten Punkt an Intimität gehend preis. Dass Mei ihre Schande über das von ihr in der Kulturrevolution Begangene deutlich anspricht, darf ihr darüber hinaus nicht zu gering angerechnet werden.

Eine ergänzende Diskographie von Xiao-Meis CD-Einspielungen wäre allerdings mehr als wünschenswert gewesen.

Zhu Xiao-Mei: "Von Mao zu Bach. Wie ich die Kulturrevolution überlebte"; Verlag Kunstmann, 288 Seiten, 19,90 Euro


Autor: Thomas Divis

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook