Guatemala: „Wenn sie diese Nachricht sehen, wurde ich vom Präsidenten ermordet“

Ein Anwalt kündigt seine Ermordung in einem Video an und sorgt damit für Massendemonstrationen in Guatemala. In den vergangenen Wochen gingen tausende GuatemalthekInnen auf die Straßen, um den Rücktritt ihres Präsidenten Alvaro Colom zu fordern.

Der Anwalt Rodrigo Rosenberg wurde am 10. Mai auf seinem Fahrrad in einem Vorort der Hauptstadt Guatemala-Stadt erschossen. Die Schüsse kamen aus zwei bisher nicht identifizierten Fahrzeugen, die Mörder sind bislang unbekannt. Zuvor drehte Rosenberg ein 18-minütiges Video, indem er Alvara Colom, dessen Frau Sandra Torres, sowie den Privatsekretär Gustavo Alejos, als Auftraggeber des Mordes an ihn selbst nennt.
Mit Jackett und Schlips an einem Schreibtisch sitzend, erklärt der 47-Jährige die Hintergründe seiner Ermordung. In dem Video, das nach seiner Beisetzung von mehreren Fernsehsendern ausgestrahlt wurde und unter anderem auf der Internetseite Youtube zu sehen ist, sagt der Jurist, man hätte ihn töten lassen, da er den, im April diesen Jahres ebenfalls zusammen mit seiner Tochter ermordeten Geschäftsmann Khalil Musa vertreten habe. Dieser soll von einer Zusammenarbeit der Regierung mit der Drogenmafia gewusst und sich geweigert haben, bei korrupten Handlungen mitzuwirken. Des weitern beschuldigte er das Präsidentenpaar, illegale Geschäfte durch das in Guatemala führende Geldinstitut Banrural abzuwickeln: „Banrural ist eine Räuberhöhle und Alvaro Colom ein Mörder und Drogenkrimineller.“
Der Präsident selbst weist jegliche Anschuldigungen zurück. Er hat das FBI zusammen mit der internationalen Kommission gegen Straflosigkeit in Guatemala (CICIG) um Hilfe bei der Suche nach den Mördern gebeten. CICIG-Direktor Carlos Castresana hat eingewilligt den Fall zu untersuchen, unter der Bedingung, dass unabhängig von der Regierung gearbeitet werde.
„Ich werde alles unternehmen, damit die Mörder gefunden werden“, versprach Colom. Er beteuerte: „Wer mich kennt, weiß, ich bin unfähig, einen Mord in Auftrag zu geben.“ Das Ziel seiner GegnerInnen sei kein anderes, als den Staat zu destabilisieren.


Während der eine Teil der Bevölkerung den Rücktritt des Präsidenten fordert ...

Unter den massiven Anschuldigungen gegen den Präsidenten, spaltet sich Guatemalas Bevölkerung unterdessen in zwei Parteien. Während die eine Seite, hauptsächlich Angehörige der Mittel- und der Oberschicht ganz klar Coloms Rücktritt fordert, sichern Teile der ärmeren Bevökerungsschichten der Regierung ihre Unterstützung zu.
Die Gegner des Staatschefs sammelten sich zu Tausenden in der Hauptstadt und demonstrierten an mehreren Tagen. Bewaffnet mit Plakaten mit Aufschriften wie „QUEREMOS JUSTICIA“ (Wir wollen Gerechtigkeit!) oder „ASESIONOS – EXIGIMOS CARCEL“ (Mörder! – Wir fordern Gefängnis!) machten sie ihren Standpunkt deutlich und ihrer Wut über den korrupten Staat Luft. Demonstranten erklärten, sie hätten über 25.000 Unterschriften für eine Petition gesammelt, die einen Regierungswechsel bewirken soll. Weitere Anti-Colom-Demonstrationen fanden auch in anderen Regionen statt, so auch in Quetzaltenango, der zweitgrößten Stadt Guatemalas, die sich im Hochgebirge befindet.


... sagen andere ihre Unterstützung für das Staatsoberhaupt zu

Gleichzeitig kamen Menschen von überall aus dem Land zu einer Gegendemonstration zusammen. ArbeiterInnen und Bauern wie BäuerInnen hatten nach dem Amtsantritt des Sozialdemokraten Colom im Januar 2008 von dessen sozialen Programmen profitiert. „Er ist mit den Armen!“, sagte Juan Gonzalez, der vom Land in die Hauptstadt gereist ist.
Seit über 50 Jahren hatte die mittelamerikanische Nation keinen linksorientierten Präsidenten mehr an seiner Spitze gehabt.
Es wurden allerdings Gerüchte laut, dass die Pro-Colom-Demonstration von der Regierung selbst geplant wurde. Diese habe Staatsgelder benutzt, um die Gegendemonstranten aus dem Norden des Landes nach Guatemala-Stadt zu bringen. „Die Regierung will zeigen, dass sie noch immer beliebt ist unter den ärmeren Teilen der Bevölkerung. Außerdem will sie deutlich machen, dass Colom sobald nirgendwo hingeht!“, berichtet Al Jazeera´s Teresa Bo aus der Hauptstadt.
Seit seinem Wahlsieg 2007 hat Alvaro Colom kaum Erfolge im Kampf gegen Drogenkartelle und bekannte Straßenbanden wie den „Maras“ erzielen können. Im Gegenteil: Zahlreiche Bereiche des öffentlichen Lebens sind von Korruption durchzogen und die Kriminalitätsrate ist in den vergangenen zwei Jahren nochmals gestiegen. Mit einer durchschnittlichen Mordrate von mehr als zehn Opfern am Tag zählt Guatemala derzeit zu den gefährlichsten Ländern der Welt.

 

Text bearbeitet von Anna-Mareen Henke, 2. Juni 2009

 

 

 


Quellen:
www.boston.com
www.addict3d.org
www.guatemala-times.com
www.english.aljazeera.net
www.startribune.com
www.spiegel.de
www.stern.de
www.diepresse.com
www.elpais.com


 

 

 

 

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