Brasilien: „Friedensarbeiterinnen“ gegen Gewalt

Im Rahmen eines Programms der Regierung von Präsident Lula da Silva setzen Tausende Frauen der alltäglichen Gewalt in den Favelas der großen Städte Brasiliens ihr soziales Engagement entgegen. Oft haben die Frauen selbst Erfahrungen mit Gewalt gemacht, da viele von ihnen aus den Favelas kommen. Ziel ihrer Arbeit ist die Prävention und ein Beitrag zu einer „Kultur des Friedens“ und der Gewaltlosigkeit.

www.pixelio.de; B. Thürauf

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PRONASCI und die „Friedensarbeiterinnen“

Das brasilianische Justizministerium hat 11.000 Frauen angestellt, die sich als „Friedensarbeiterinnen“ an dem Nationalen Programm für Öffentliche Sicherheit und Bürgerschaft (PRONASCI) beteiligen. Die Regierung von Präsident Lula da Silva hat PRONASCI im August 2007 gestartet und bis 2012 ein Budget zur Verfügung gestellt. Zu den erklärten Zielen des Programms gehören die Einbindung des Gesetzesvollzuges, der öffentlichen Sicherheit und der Sozialpolitik, um das Verbrechen und die Gewalt zu reduzieren, indem deren sozio-kulturelle Ursachen einbezogen werden. Im Rahmen von PRONASCI kooperieren Bundes-, Bundesstaats- und Gemeinderegierungen, um die Gewalt in den elf Städten mit der höchsten Verbrechensrate Brasiliens zu senken. Sergio Andrea von der Regierung Rio de Janeiros betont die Besonderheit, dass bei PRONASCI Menschen mitarbeiten, die selbst von Gewalt betroffen sind und dass das Programm Organisationen der Zivilgesellschaft, Gruppen und Individuen umfasst: Die Initiative der „Friedensarbeiterinnen“ versucht „eine Kultur des Friedens zu errichten, durch Werte, die von weiblichen Führerinnen der Gemeinschaft gepflegt werden, in Richtung einer Problemlösung ohne zu Gewalt zu greifen“. (1)

Das Programm begann in den Gegenden mit den höchsten Verbrechensraten von Rio de Janeiro. Dabei wurde die zunehmende Bedeutung von Frauen anerkannt, die in vielen Fällen für das Einkommen der Familien verantwortlich sind und sich um die Versorgung der Kinder und Älteren kümmern. Zudem arbeiten viele Frauen daran, die Verhältnisse in ihren Wohngebieten zu verbessern. Die wesentliche Aufgabe der Frauen ist es, Jugendliche und junge Erwachsene ausfindig zu machen, die einem hohen Risiko ausgesetzt sind, ins Verbrechen abzugleiten, und sie an Berufsausbildungsprogramme der Regierung weiterzuvermitteln. Zur Vorbereitung nehmen die Frauen an Kursen teil, die sich mit Menschenrechten, Techniken der Intermediation sowie rechtlicher Schulung befassen. Für eine Arbeitswoche von acht Stunden erhalten die Frauen eine Entlohnung von etwa 80 Dollar pro Monat. Doch die Mission der „Friedensarbeiterinnen“ geht darüber hinaus. Laut Rita Lima, die für das Berufsausbildungsprogramm zuständig ist, zielt das Programm auf die Schaffung einer „Kultur des Friedens“ ab, denn die Verbrechensraten sollen durch zivile Aktionen statt Polizeirepression gesenkt werden. Die sozialen Netzwerke der Frauen aus den Favelas sollen dabei behilflich sein, denn sie kennen viele der gefährdeten Jugendlichen noch aus ihren Kindheitstagen. Eine weitere Aufgabe der Frauen ist die Beratung von Opfern machistischer Gewalt. So gehören häusliche, sexuelle und verbale Misshandlungen zu den täglichen Erfahrungen von Frauen. Hinzu kommt die soziale Diskriminierung, die viele Frauen aus den Favelas durchmachen. (2)


„Öffentliche Sicherheit“ und Gewalt in den Favelas

Vor allem afro-brasilianische Jugendliche sind in den Städten einem hohen Ausmaß von Kriminalisierung und polizeilicher Repression ausgesetzt. Ihnen wird pauschal das Stereotyp des „Drogendealers“ umgehängt. Soziale Bewegungen in Brasilien geben der Politik der „öffentlichen Sicherheit“ die Hauptverantwortung für die Eskalation der Polizeigewalt in den Elendsvierteln, denn diese Politik führt zu einer Militarisierung der Polizeistrategie, die in erster Linie die arme Bevölkerung trifft. Im Rahmen des Sicherheitsdiskurses werden die Favelas als „Zentren des organisierten Verbrechens“ dargestellt und zum wesentlichen Problem erklärt. Opfer unter den BewohnerInnen der Favelas werden somit zum „Kollateralschaden“ der militärischen Auseinandersetzungen. Von Seiten der Politik wird die Polizeirepression noch angeheizt. So bezeichnete etwa der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral Filho vom Partido do Movimento Democrático Brasileiro (PMDB), die Favelas als „Fabriken von Delinquenten“ und befürwortete Abtreibung als „geeignetes Mittel zur Verbrechensbekämpfung“. Im Namen der „öffentlichen Sicherheit“ unternimmt die Polizei in Rio de Janeiro quasi militärische Operationen in den Favelas. Als beispielhaft gilt der Fall der Favela Complexo do Alemão, wo am 27.6.2007 mehr als 1.300 Einsatzkräfte eindrangen. Bei der acht Stunden dauernden Operation starben 19 Menschen, darunter auch Kinder. (3)

PolizistInnen werden jedoch selten für ihre Taten zur Verantwortung gezogen. In der Regel werden Klagen wegen Menschenrechtsverletzungen mit dem Hinweis auf „Notwehr“ abgewiesen. Allein im ersten Halbjahr 2008 wurden 700 solcher Fälle von „Notwehr“ registriert. Während im Zuge des öffentlichen Sicherheitsdiskurses eine bürgerkriegsähnliche Situation in den Favelas heraufbeschworen wird, kommen die Verflechtungen zwischen dem Drogenhandel, der Politik und den staatlichen Behörden kaum zur Sprache. So sichern sich viele Dealer durch Bestechungsgelder an die Polizei gegen Strafverfolgung ab. (4) „Die extreme Härte, mit der PolizistInnen gegen BewohnerInnen und mutmaßliche Verbrecher in den Favelas vorgehen, wird von MenschenrechtlerInnen nicht nur als verfehlte polizeiliche Maßnahme gedeutet. Sie gilt auch als Beleg, dass sie an einem Geschäft beteiligt sind, das so lukrativ ist, dass es einen solchen Kampf rechtfertigt. Offiziellen Statistiken zufolge erschießen Uniformierte in der berühmten Touristenstadt [Rio de Janeiro] jährlich über tausend Menschen, drei Todesopfer jeden Tag“. (5)


Eine Geschichte der Gewalt

Die Aufklärung der Verbrechen in den Favelas kann in Brasilien selbst zu einer riskanten Sache werden, die häufig weitere Opfer mit sich bringt. Bekannt wurde der Fall von Italo Lopes dos Passos, kurz Íta, einem HipHopper und Aktivisten von ComCausa, einer Organisation, die ungeklärte Mordfälle verfolgt und an die Öffentlichkeit bringt. Íta wurde im September 2006 beim Verlassen eines Festes von zwei Militärpolizisten ermordet. Obwohl die Täter bekannt sind, kam es bis heute noch zu keiner Verurteilung. Auch kam die Ermordung Ítas nur aufgrund seines Bekanntheitsgrades an die Öffentlichkeit, denn die meisten der brasilienweit 76 Mordopfer pro 100.000 EinwohnerInnen im Jahr finden keine Erwähnung in den Medien und werden in den seltensten Fällen aufgeklärt. Täter sind in den Favelas zumeist Drogenkommandos oder die Polizei. An manchen Orten gehen die Morde auf Todesschwadronen zurück, die noch aus der Zeit der Militärdiktatur stammen, oder aktuell auch auf private Sicherheitsfirmen. (6)

Zu den bekanntesten Drogengangs in Brasilien zählen das Erste Hauptstadtkommando (PCC) in São Paulo und das Rote Kommando (Comando Vermelho, CV) in Rio de Janeiro. Beide vertreten nach außen gerne das Image der „Sozialrebellen“, die Widerstand gegen die Gewalt der Polizei leisten und sich für die Interessen der unteren Klassen einsetzen. Dieses Image wird dadurch noch erhärtet, dass die Herkunft vieler Mitglieder beider Organisationen in den Armenvierteln liegt und beide ihre Wurzeln als Zusammenschlüsse von Gefangenen gegen gewalttätige Übergriffe in den Gefängnissen haben. Doch heute sind PCC und CV vor allem damit beschäftigt, den Drogenverkauf in den Favelas zu organisieren. Dabei kommt es häufig zu blutigen Auseinandersetzungen, in die nicht nur die Polizei sondern auch BewohnerInnen der Favelas hineingezogen werden. Um ein wenig Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen, verteilen die beiden Organisationen gelegentlich Essen oder Medikamente in den Favelas. Sowohl das PCC wie auch das CV verfügt heute über Beziehungen zu den staatlichen Institutionen. So stellt Marcelo Freixo von der Menschenrechtsorganisation Justiça Global fest, dass der Schmuggel von Waffen an die Drogengangs über kriminelle Netzwerke innerhalb der Polizei und des Militärs funktioniere. Die Anthropologin Alba Zaluar forschte lange Zeit zum Thema Armut und Drogenhandel in Brasilien. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass es vor allem GroßgrundbesitzerInnen und UnternehmerInnen seien, die vom Drogenhandel profitieren und deren verlängerter Arm die kleinen Dealer in den Favelas seien. Marcelo Freixo kommentiert, dass die Polizei in Brasilien vor allem die Aufgabe verfolge, die Armen zu kontrollieren. Die polizeiliche Repression richte sich im Wesentlichen gegen den schwächsten Teil des Drogenhandels, also die Gangs in den Favelas, während die eigentlichen Profiteure unbeschadet ihren Geschäften nachgehen könnten. (7)

 

 

 

 

Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 7.7.09





Quellen:
(1) http://ipsnews.net/news.asp?idnews=47529
(2) ebd.
(3) http://www.lateinamerika-nachrichten.de/index.php?/artikel/2972.html
(4) ebd.
(5) http://www.lateinamerika-nachrichten.de/index.php?/artikel/1045.html
(6) http://www.lateinamerika-nachrichten.de/index.php?/artikel/2716.html
(7) http://www.lateinamerika-nachrichten.de/index.php?/artikel/1181.html






 

 

 

 

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