Guinea: Mehr als 150 DemonstrantInnen ermordet

Am Unabhängigkeitstag, dem 28. September, versammelten sich 50.000 Menschen bei einer behördlich untersagten Demonstration in Guineas Hauptstadt Conakry. Sie richteten einen Appell an den seit einem Militärputsch im Dezember 2008 regierenden Juntachef, Hauptmann Moussa Dadis Camara, bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen nicht zu kandidieren. Kurz nachdem die Massen in das Stadion von Conakry geströmt waren, eröffneten Militär und Polizei das Feuer.

www.indymedia.org

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Terror in Conakry

Während in offiziellen Stellungnahmen eine Opferzahl von 57 Menschen angegeben wird – Vertreter der Polizei erhöhten später diese Zahl auf 87 Personen – sprechen unabhängige Menschenrechtsorganisationen von mehr als 150 Toten und über 1.000 Verletzten. Einen Tag nach dem Massaker trat der Innenminister Guineas an die Öffentlichkeit und behauptete, dass von den 57 Opfern 53 bei einer Massenpanik erstickt und vier Personen von verirrten Kugeln getroffen worden seien (IRIN/Allafrica, 30.9.09). Man muss sich dann aber fragen, warum sich das Militär solche Mühe macht, das wirkliche Ausmaß des Massakers zu verschleiern. Denn nach den Angaben von Mitarbeitern des Roten Kreuzes wurden zahlreiche Leichen aus den Krankenhäusern abtransportiert und an einen unbekannten Ort geschafft (taz, 29.9.09). Es wird angenommen, dass viele Leichen in das Militärlager von Alpha Yaya Diallo gebracht wurden.

Nach der Aussage eines Arztes habe es sich um ein „Gemetzel“ gehandelt. ZeugInnen berichten, dass die Soldaten zahlreiche flüchtende Menschen mit ihren Bajonetten erstachen. Gegenüber IRIN (humanitarian news and analysis,
ein Projekt des UN-Büros) sagte ein Beobachter: „Sie riefen den Leuten Beleidigungen zu, während sie sie schlugen, und nannten sie ‚Feinde’“ (IRIN/Allafrica, 29.9.09). Unter den Verletzten und Verhafteten sind zahlreiche Politiker von Oppositionsparteien, wie etwa die beiden Präsidentschaftskandidaten Sidya Touré und Cellou Dalein Diallo. Außerdem wird davon berichtet, dass viele Frauen vergewaltigt wurden – bereits im Stadion, aber auch in den Kasernen und Polizeistationen, wo sie jetzt festgehalten werden (taz, 29.9.09).

Hauptmann Camara wies jedenfalls die Verantwortung für das Massaker von sich und machte geltend, dass Teile der Armee außer Kontrolle geraten seien. Gegenüber dem französischen Sender RFI kommentierte Camara: „Dieser Zusammenstoß geschah nicht wegen mir“ (IRIN / Allafrica, 30.9.09). Camara gab sich „empört“ über den „unglücklichen Zwischenfall“ und sagte: „Ich habe nicht die Kontrolle in Guinea übernommen, um eine Konfrontation zu provozieren.“ Gleichzeitig wurde das Vorgehen der Armee von einem Sprecher verteidigt: „Wir werden jeden stoppen, der die Autorität des Staates untergräbt“ (Frankfurter Rundschau, 29.9.09). Einen Tag nach dem Massaker rief Camara zwei Tage Staatstrauer aus.

Guinea-„Experten“ wie Gilles Yabi von der International Crisis Group gehen zwar davon aus, dass die Demonstration vom Montag nur den Beginn einer Reihe von Protesten darstellen werde (Frankfurter Rundschau, 29.9.09), doch herrscht in Conakry nach dem Massaker eine bedrückende Friedhofsruhe. Die Straßen sind wie leergefegt, während allein Soldaten durch die Stadt patroullieren. BewohnerInnen Conakrys berichten gegenüber IRIN, dass das Militär weiterhin blanken Terror verbreite. Nach Zeugenaussagen wurden auch am Dienstag zwei Jugendliche von Soldaten erschossen. Militärs würden Geschäfte plündern und in Wohnungen eindringen, um die Menschen zu überfallen. Die meisten BewohnerInnen Conakrys hätten große Angst und wagten nicht mehr, sich auf der Straße zu zeigen (IRIN / Allafrica, 30.9.09).

„Nieder mit der Armee an der Macht“

In den Wochen vor dem Massaker war es in Guinea bereits zu Protesten gekommen, so etwa in der Stadt Labé, wo am 24. September 20.000 Menschen gegen die Junta demonstriert hatten (taz, 29.9.09). Nachdem die Militärputschisten anfangs gewisse Sympathien auch in der Zivilgesellschaft geerntet hatten, da sie den Kampf gegen die Korruption und die baldige Abhaltung von Wahlen – die ersten seit der Unabhängigkeit 1958 – angekündigt hatten, verloren sie zunehmend an Unterstützung. Der Grund dafür liegt in der Haltung von Hauptmann Camara, der zunächst mit Vertretern der sozialen Bewegungen vereinbart hatte, dass er nicht bei den für Januar 2010 vorgesehenen Wahlen antreten werde, sich jedoch mit der Zeit von diesem Abkommen distanzierte und nun seine Kandidatur offen ließ.

Auf der internationalen Ebene zeigte sich UN-Generalsekretär Ban Ki Moon „schockiert von der maßlosen Gewalt“, während die US-Regierung ihrer Besorgnis angesichts der Sicherheitslage Ausdruck verlieh. Das deutsche Auswärtige Amt bestellte den Botschafter Guineas ein (Frankfurter Rundschau, 29.9.09). Die frühere Kolonialmacht Frankreich verurteilte „die gewaltsame Unterdrückung, die von der Armee während einer friedlichen Demonstration in Conakry gegenüber der Opposition und Zivilgesellschaft ausgeübt wurde“ und forderte die Junta dazu auf, die demokratischen Ziele der Menschen in Guinea zu respektieren (iafrica, 29.9.09).

Für einen namentlich nicht genannten Augenzeugen sind die internationalen Reaktionen nicht ausreichend, wie er gegenüber IRIN formulierte: „Ich möchte nicht hören, wie die internationale Gemeinschaft einfach nur Worte ausspuckt wie ‚wir verurteilen’. Sie müssen handeln und etwas machen. Rettet uns.“ Dazu gehöre ein umfassendes Embargo gegen Guinea und ferner, dass diejenigen vor Gericht gebracht würden, die für die Gewalt verantwortlich seien (IRIN/Allafrica, 30.9.09).

 

 

 

Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 5.10.09




Nachlese:
Guinea: Teile der sozialen Bewegungen begrüßen den Militärputsch
http://www.oneworld.at/start.asp?ID=226457

Guinea: Militärputsch folgt dem Tod des Diktators
http://www.oneworld.at/start.asp?ID=226368




 

 

 

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