Honduras: Politische Instrumentalisierung von Fußball

Die aktuelle politische Krise in Honduras wird durch eine sportliche Sensation vergessen gemacht: Honduras hat sich für die Fußball-WM in Südafrika qualifiziert. Aus Freude über die Qualifikation hat die honduranische Übergangsregierung einen nationalen Feiertag ausgerufen und versucht die aktuellen Ereignisse politisch zu instrumentalisieren.

Honduras, zum ersten Mal bei einer WM-Endrunde dabei, sicherte sich am 14. Oktober 2009, mit einem 1:0 Sieg gegen El Salvador in der Ausscheidung für Nord- und Mittelamerika das WM-Ticket für 2010. Die siegreiche Mannschaft wurde am Donnerstag am internationalen Flughafen der Hauptstadt Tegucigalpa begeistert empfangen. Zehntausende Menschen feierten in den Straßen den historischen Sieg ihrer Nationalmannschaft. Auch der international nicht anerkannte honduranische Präsident Roberto Micheletti beteiligte sich an den Jubelfeiern und empfing die siegreiche Nationalmannschaft im Präsidentenpalast.


Putschisten feiern

Im Zuge des ersten Militärputsches in Zentralamerika seit dem Ende des Kalten Krieges, war Präsident Zelaya am 28. Juni abgesetzt worden und Roberto Micheletti vom Kongress zum Übergangsstaatschef ernannt worden. Die politische und gesellschaftliche Situation in Honduras ist seit diesem Zeitpunkt äußerst angespannt. Honduras sieht sich seit dem Putsch internationaler Kritik ausgesetzt und erfährt zusehende Isolierung. So brachen Entwicklungshilfe, Exporte und der für das Land so wichtige Tourismus ein. Als Reaktion auf die Staatskrise haben etwa die Mitglieder des lateinamerikanischen Staatenbündnisses der Bolivarischen Alternative für unser Amerika (ALBA) einstimmig Sanktionen gegen das Land beschlossen.
Micheletti versucht den jetzigen Hype zur WM-Qualifikation auszunutzen, um in der angespannten Lage und der politischen Isolation den Nationalismus zu schüren. Walter Hernández, ein Fussball-Dokumentarfilmer aus der Hauptstadt, berichtet: „Ganz klar gibt das Micheletti Auftrieb. Die Putschregierung stellt die WM-Qualifikation jetzt als ihren Erfolg dar.“(1)
Nach dem Spiel wandte sich Micheletti in einer Rede via TV an sein Volk. Er erklärte den kommenden Tag zum Feiertag und hielt fest, dass nur die Nationalmannschaft in der Lage sei, die Menschen in Honduras ohne Rücksicht auf Politik und Religion zu vereinen. Diese Ansprache, vor hunduranischer Flagge und an der Seite von Mitarbeiterinnen im Teamtrikot, ist im Originalton auf der Plattform youtube zu sehen. (2) Gleichzeitig kündigte Ricardo Alvarez, Stadtpräsident von Tegucigalpa, auch Gratisreisen nach Südafrika für ärmere BürgerInnen an.
Als Honduras im Juli bei der Kontinental-Meisterschaft von Nord- und Mittelamerika antrat, wurde die Ausgangssperre aufgehoben, damit die Fans die Spiele gemeinsam verfolgen konnten. Die enge Verflechtung von Politik und Fußball ist offensichtlich.


Poltische Instrumentalisierung

Dass der Fußball in Honduras in höchstem Maße politisch instrumentalisiert wird, stellt jedoch kein neues Phänomen dar. Der frühere Präsident Rafael Callejas (1990-1994) verteilte in Zeiten politischer Spannungen etwa Tausende Gratiskarten für die Topspiele in der Ersten hunduranischen Liga, um die Stimmung im Land zu beruhigen. Callejas, heute Präsident des nationalen Fußballverbands, gilt als Micheletti-Sympathisant.
Übergangspräsident Micheletti nützt seinerseits ebenfalls die Emotionalität des Fußballsports, um in der Presse gegen seinen Konkurrenten Zelaya Stimmung zu machen. Demnach warfen sympathisierende Zeitungen den Putschgegnern vor, die Nationalelf nicht zu unterstützen. (3)
Doch nicht ohne Widerstand lassen sich die umjubelten honduranischen Teamspieler durch die Putschregierung Michelettis vereinnahmen. So weigerte sich etwa Mannschaftskapitän Arnado Guevara, eine Auszeichnung des umstrittenen Staatsoberhaupts entgegenzunehmen. Im Gegenteil: Er schickte sein signiertes Trikot an dessen Kontrahenten Zelaya. Auch die Sportler selbst geben also ihre politischen Statements ab.


Fußballkrieg

Diese Aktionen sind beispielhaft für die enge Verflechtung des Fußballsports mit der Politik in dem kleinen zentralamerikanischen Staat. Dies zeigt auch die Geschichte. Und ausgerechnet gegen El Salvador wurde nun dieser historische Erfolg erzielt. Denn bereits vor 30 Jahren gab es zwischen den beiden Ländern eine Auseinandersetzung, die schließlich nicht mehr auf dem grünen Rasen, sondern mit militärischen Mitteln ausgetragen wurde. Zum sogenannten Fußballkrieg zwischen El Salvador und Honduras kam es im Jahr 1969.
Damals wie heute traten die beiden Mannschaften in der WM-Qualifikation gegeneinander an. Im Anschluss an das entscheidende Spiel kam es zu Ausschreitungen mit Todesopfern.
Die WM-Qualifikationsspiele hatten die ohnehin zum Zerreißen angespannte Atmosphäre auf beiden Seiten weiter aufgeheizt, waren damals aber nur Auslöser und nicht Ursache der militärischen Auseinandersetzung. Das salvadorianische Regime hatte die jahrelang stattfindende Migration von Teilen der Bevölkerung nach Honduras unterstützt. Honduras hatte darauf mit der Wiedereinführung protektionistischer Maßnahmen, der Nichtverlängerung des bilateralen Migrationsvertrages sowie der Vertreibung der in Honduras lebenden salvadorianischen Siedler geantwortet – ein Versuch der Militärregierung, innerstaatliche Landkonflikte zu bereinigen.
Diese Maßnahmen führten schließlich zur 1969 Eskalation des Konflikts und die salvadorianische Regierung entschloss sich zu einer militärischen Intervention. Durch die Darstellung als Akt der nationalen Verteidigung gelang es ihr kurzfristig, die Unterstützung großer Teile der Bevölkerung zu erhalten. Durch das Schüren nationalistischer Stimmungen versuchten beide Staaten von internen Spannungen abzulenken. Die Auseinandersetzung, auch 100-Stunden-Krieg genannt, wurde durch die Intervention der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und der UN beendet und forderte mehrere Tausend Opfer. In beiden Ländern gingen die jeweiligen Militärregierungen gestärkt aus dem Fußballkrieg hervor.


Integrationsfunktion des Sports

In der Gegenwart lieferte die Qualifikation Honduras für die WM Roberto Micheletti nun den Anlass und die Möglichkeit, seine Position in der Bevölkerung im Zuge der allgemeinen Euphorie zu stärken sowie seine politischen Gegner mit Hilfe der Medien zu diffamieren. Sport besitzt eine sozial-integrative Funktion, indem er verschiedene Individuen aus unterschiedlichen Gruppen und sozialen Schichten zu einem Kollektiv zusammenfasst, ein Wir-Bewusstsein schafft und Identifikationsmöglichkeiten eröffnet. Auch der Fußball gibt so die Möglichkeit, Gefühle der Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Gleichheit der Personen mit unterschiedlichem Hintergrund herzustellen. So kann soziale Distanz verringert und – zumindest temporär – gesellschaftliche Integration erreicht werden. „Eine Hauptfunktion des Sportzuschauens besteht also in der Integrationsleistung des Sports, indem er gruppenspezifisches Zusammengehörigkeitsgefühl geweckt wird.
Die Großgruppen des Staates und der Nation bedürfen solcher Erlebnisse, weil sie für den Einzelnen nur schwer real und konkret erfahrbar sind, [...] so dass symbolische Darstellungen notwendig sind, um soziale Einheit erfahrbar zu machen.“ (4) Durch die zahlreiche Teilnahme von Menschen am Schausportgeschehen, dessen einfache, verständliche Inhalte sowie die unkomplizierter Symbolik und auf Grund der starken Gefühle, die durch den Sport freigesetzt werden können, eignet sich dieser als politisches Instrument zur Intensivierung patriotischer Gefühle.
Dieses Instrument versucht im aktuellen Fall auch die Regierung Michelettis für sich zu nutzen. Sollte ihr dies gelingen, könnte die bestandene Qualifikation schließlich nicht nur honduranische Fußballfans, sondern auch die Militärregierung jubeln lassen. Ganz nach dem Motto: ¡Viva la Selección Nacional! - ¡Viva Micheletti!


 

Beitrag bearbeitet von Stefan Schauhuber, 19.10.2009

 

 

 


Quellen:
(1) Knecht, Matthias (2009): Eins zu null für die Putschisten. NZZ.
http://www.nzz.ch/nachrichten/international/eins_zu_null_fuer_die_putschisten_1.3884299.html

(2) Video: Micheletti declara feriado nacional. http://www.youtube.com/watch?v=mtnP4BB_aZs

(3) El Heraldo (2009): Zelayistas no querían que Honduras clasificara - http://www.elheraldo.hn/Pa%C3%ADs/Ediciones/2009/10/14/Noticias/Zelayistas-no-querian-que-Honduras-clasificara

(4) Pitour, Michael (1999): Leistungssport und Politik. Beispiel der VR China.

El Heraldo (2009): ¡Bienvenidos mundialistas! - http://www.elheraldo.hn/Al%20Frente/
Ediciones/2009/10/16/Noticias/!Bienvenidos-mundialistas!

Flohr, Sven (2009): Diesmal ein Fußball-Frieden? Die Welt. http://www.welt.de/die-welt/politik/article4864437/Diesmal-ein-Fussball-Frieden.html.

Kapuscinski, Ryszard (1992): Der Fußballkrieg. Berichte aus der Dritten Welt.

Nationaler Fußballverband Honduras - http://www.fenafuth.hn/web/

Niebling, Ursula (2002): El Salvador/Honduras "Fußballkrieg". http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege/100_elsalvador-honduras.htm


Fotos: http://www.flickr.com/photos/lindsayfotos/3603660144/" target="_blank">http://www.flickr.com/photos/lindsayfotos/3603660144/
http://www.flickr.com/photos/78235800@N00/26451582/
Screenshot youtube – Video.
 

 

 

 

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