Die Guarani Mbyá von Rio de Janeiro

Wenn Nomaden nicht mehr Nomaden sein können: Márcia Gomes und Norbert Suchanek über die Guarani Mbyá, die aufgrund des Autoverkehrs nicht mehr durch ihr traditionelles Territorium, den sogenannten Atlantischen Regenwald ziehen können.

„Früher war unser Leben nicht so wie heute. Die Straße, die BR 101 gab es nicht. Nichts war asphaltiert. Und wir Guarani machten unsere Wanderungen. Ein oder zwei Familien zusammen, wir zogen gemeinsam zu Fuß. Viele Kilometer. Manchmal dauerte die Wanderung ein oder zwei Jahre. Für uns waren diese Fußreisen die höchste Erfüllung. Doch heute können wir diese Wanderungen nicht mehr machen“, sagt Roque Benites, Cacique (Häuptling) der Guarani Mbyá vom Dorf Mamanguá im Süden Rio de Janeiros.

1983 zog er zum letzten Mal mit seiner Familie zu Fuß durch das traditionelle Territorium seines Volkes, die Region des so genannten Atlantischen Regenwaldes, das einst von Nordargentinien bis nach Nordostbrasilien reichte. Roque Benites: “Unser Leben als Guarani hat sich sehr verändert. Aufgrund des Autoverkehrs können wir nicht mehr zu Fuß umherziehen. Früher war ganz Brasilien das Land der Guarani. Doch heute gibt es diese Aufteilung und auch wir müssen nun für uns ein Stückchen Land demarkieren lassen. Damit wir überleben, unsere Familien erhalten können.“


Die Guarani Mbyá

Anders als viele anderen, heute vergessenen indigenen Völker haben die Guarani Mbyá die vor rund 500 Jahren im Atlantischen Regenwald begonnene, europäische Eroberung, Versklavung, Missionierung, die Vernichtung eines Großteil ihres Lebensraumes physisch und kulturell überlebt. Anthropologen schätzen die heutige Gesamtzahl der Guarani Mbyá auf etwa 14.000 bis 15.000 in Paraguay, Argentinien, Uruguay und Brasilien.

Im Bundesstaat Rio de Janeiro sind die Guarani Mbyá zusammen mit einer Handvoll Guarani Andeva die beiden einzigen überlebenden indigenen Völker dieses fünfhundertjährigen Genozids. Etwa 400 Guarani Mbyá leben hier verteilt auf vier Dörfer oder Kleinstreservate: Die nahe der BR 101 gelegenen Dörfer Sapukai in der Gemeinde Angra dos Reis sowie Parati Mirim, Araponga und das nur zu Fuß und per Boot zu erreichende Mamanguá in der Gemeinde Parati.

Anders als Sapukai, Araponga und Parati Mirim ist Mamanguá noch nicht demarkiert. Denn dieses Guarani Mbyá-Gebiet hat seinen Ursprung in einem Traum des Caciquen Roque Benites. Sein Traum erzählte von einem Guarani-Gebiet noch mitten im Atlantischen Regenwald, mit klaren, sauberen Wildbächen und fern vom Lärm der Straßen und der Städte. Seine Großmutter deutete den Traum und erzählte ihm von einem Ort, wo sie früher einmal gelebt hatte. Roque fand diesen Ort auf der anderen Seite der Bucht von Mamanguá am Fluss Cairuçu. Ein Teil des Gebiets wurde einst zum Anbau von Zuckerrohr genutzt, doch seit den 1990er Jahren steht es unter Naturschutz wie alle anderen, in Staatsbesitz befindlichen Reste des Atlantischen Regenwaldes..


Reservat als Überlebensstrategie

Seit 2004 nun lebt Roque Benites mit mehreren Familien in Mamanguá und versucht sich einen Teil des Gebiets als Indianerreservat demarkieren zu lassen. Wie die meisten Guarani Mbyá sind auch sie von Herstellung und Verkauf von Kunsthandwerk (Samenketten, geschnitzte Tierfiguren, Bastkörben) abhängig. Doch versuchen sie ebenso auf kleinen, einst durch Zuckerrohr degradierten Flächen ihre traditionellen Nahrungsmittel, vor allem verschiedene Mais- und Manioksorten, mehr recht als schlecht anzubauen. (Langfristig gilt es, diese Boeden mit Hilfe von Kompost zu regenerieren.)

Ein anderes Problem sind die Dächer ihrer traditionellen Hütten. Es fehlt schlicht an Palmblättern zum Dachdecken. Aus dem unter Naturschutz stehenden Wald dürfen sie das Material nicht holen. Es muss derzeit noch von anderen Gebieten hergeschafft werden, doch dafür fehlt Geld. Sie behelfen sich noch mit Plastikplanen, doch die halten auch nur jeweils ein bis zwei Monate.


Geld- und Dachprobleme

Praktisch alle Guarani-Dörfer haben seit den 1980er Jahren dasselbe Dach- und Geldmangel-Problem. Damit sie buchstäblich nicht im Regen stehen, verwenden viele alte, asbesthaltige Eternit-Platten. Die sind billig zu haben, und die Guarani bekommen sie oft auch kostenlos als "Spende" von der nicht-indianischen Bevölkerung. Da bisher niemand die Guarani über die großen Asbestgefahren informiert hat, gibt es auch überhaupt keine Sicherheitsmaßnahmen beim Umgang mit diesem Asbest-Eternit, weshalb die Indianerdörfer zu regelrechten Eternit-Abfallgruben verkommen.

In den meisten Fällen werden selbst zerbrochene Platten zum Dach decken oder als Wände benutzt. Rest-Eternit wird achtlos zu Boden geworfen und bleibt dort liegen, bis es ein Kind zum Spielen benutzt, in den Mund steckt, zerbricht und irgendwo anders hinwirft. Die gerade von zerbrochenen Platten frei werdenden Asbestfasern gelangen in Mund und Nase und so in die Lungen, wo sie in einigen Jahren Krebs und andere schwer zu heilende Krankheiten auslösen. Betroffen sind gerade die Kinder der Guarani.


Müll

Ein weiteres gravierendes ist das aus Unwissenheit übliche Verbrennen von Müll in den Indianerdörfern. Ein Stück Alt-PVZ, ein Stück Alt-Eternit, eine durchlöcherte, unbrauchbar gewordene Plastiktüte, ein Turnschuh, nutzlose Altspielzeuggeschenke von Hilfsorganisationen oder eine mit Schwermetallen belastete Alt-Batterie werden von den Guarani Mbyá (noch) genauso betrachtet, wie Pflanzenreste, wie heruntergefallenes Laub oder ein Stück Holz. Deshalb werden diese Abfälle auch mitten in den Dörfern wie Laub verbrannt, was zu erheblichen, giftigen Emissionen wie Dioxinen führt. Giftgase und Asbest: Ein neuer Genozid ist vorprogrammiert ...

Doch dies soll in Mamanguá so nicht geschehen. Deshalb benötigt das Dorf erstens Hilfe zur Beschaffung von Material zum Dachdecken, damit es nicht so wie bereits viele andere Dörfer mit Eternit-Asbest-Resten kontaminiert wird. Zweitens ist der Bau von fünf Komposttoiletten dringend notwendig, da bisher noch keine sanitären Einrichtungen dort bestehen.


Vision

Cacique Roque Benites hat den Traum, Mamanguá zu einem neuen spirituellen Zentrum der Guarani Mbyá zu machen, wo die Schamanen und Häuptlinge der anderen Dörfer zusammen kommen können, um ihre Verbindung mit der Natur, die Harmonie der Guarani Mbyá mit dem Atlantischen Regenwald zu erneuern. Somit könnte ein asbest- und dioxinfreies Mamanguá künftig auch wie ein positives Beispiel für alle anderen Guarani-Dörfer wirken.



Die AutorInnen
Márcia Gomes de Oliveira Suchanek (Soziologien und Anthropologin), Norbert Suchanek (Autor und Journalist), Rio de Janeiro, September 2008

Auf Bitten von Cacique Roque haben Márcia Gomes und Norbert Suchanek Anfang 2008 einen ersten Dokumentarfilm (39 min.) über Mamanguá gedreht. Er zeigt die Situation und die Geschichte des Dorfes. Außerdem wurde für Roque Benites eine CD mit der Musik der Guarani Mbyá von Mamanguá aufgenommen.





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