Brasilien: Landenteignung durch Biosprit-Boom

Auch im brasilianischen nordöstlichen Bundesstaat Bahia ist die „Agrosprit-Welle“ angekommen. Die dort geplanten Biodiesel-Projekte stellen eine große Gefahr für die artenreichen Cerrado- und Caatinga-Wälder, für die traditionellen Weiden in Gemeindebesitz, Küstenwälder und die kleinbäuerliche Landwirtschaft dar.

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Von Landraub und Existenzverlust ist auch das sich im baianischen Bezirk Casa Nova befindende traditionelle Weidegebiet Areia Grande betroffen. Dort eskalierte nun am 7. Februar 2009 der Konflikt zwischen den in diesem Gebiet lebenden traditionellen Gemeinschaften und den Biodiesel-InvestorInnen: Die Leitfigur des Widerstands – der Kleinbauer José Campos Braga – wurde erschossen.

Das geplante Ausmaß der „Agrosprit-Welle“

Im Zuge des Biosprit-Booms in Brasilien, der unter anderem auch durch die Agrospritpolitik der EU, die mit starken Importen aus Brasilien rechnet, ausgelöst wurde, versucht das Biosprit-Regierungsprogramm Brasiliens („Bahiabio“) durch gezielte staatliche Subventionen und Steueranreize UnternehmerInnen für ihr geplantes Agrosprit-Programm zu gewinnen.
Als Ziel soll eine Anbaufläche von 870.000 Hektar für Zuckerrohr zur Produktion von Ethanol und 868.000 Hektar für Ölpflanzen wie Rizinus, Indische Brechnuss, Ölpalmen und Baumwolle für Biodiesel entstehen. Allein im Tal des Flusses „São Francisco“ sind 510.000 Hektar für Zuckerrohrplantagen geplant, was dem Fluss im Schnitt über 500.000 Liter knappes Wasser pro Sekunde entziehen würde.
Dieses Vorhaben hat vor allem einen Landraub traditioneller bäuerlicher Gemeinden in dieser Region zur Folge, da traditionelle Landrechte dabei nicht beachtet werden. Besonders betroffen sind traditionelle Weidegebiete wie jenes des Bezirks Casa Nova: Areia Grande.
Bei diesen traditionellen Weidegebieten („fundos de pasto“) handelt es sich um kollektives Eigentum von Kleinbauern/Kleinbäuerinnen. Die Weidegebiete für Schafe und Ziegen stellen für diese Gemeinden eine weitere Art der Existenzsicherung neben der landwirtschaftlichen Tätigkeit dar.
In der Bahia existieren ca. 300 solcher gemeinschaftlich genutzter Weidegebiete, an welchen an die 20.000 Familien und mehr als 100.000 Menschen teilhaben. Seit der Staatsgründung Brasiliens im Jahre 1989 wurden jedoch erst ca. 60 solcher Gemeinschaften durch die für landwirtschaftliche Fragen zuständige Behörde des Staates, die CDA (Coordenação de Desenvolvimento Agrário), legalisiert, d.h. mit rechtlichen Statuten versehen.
Das Weidegebiet Areia Grande ist seit März 2008 im Blickfeld von Biodiesel-InvestorInnen.
Schon vor 30 Jahren wurde diese Region zum Opfer von Landenteignungen durch den Bau des Sobradinho-Staudamms zur Energieerzeugung. Ein Jahr später kam das erste große Unternehmen „Camaragibe“, das 30 Hektar für den Anbau von Maniok zur Produktion von Brennstoff kaufen wollte. Doch aufgrund des starken Protests der dort ansässigen Bevölkerung konnte dieses Vorhaben verhindert werden.
30 Jahre später steht die Bevölkerung des Bezirks Casa Nova wieder großen UnternehmerInnen gegenüber, die sich ihres Landes zum Zwecke großangelegter, gewinnbringender Massenproduktion bedienen wollen. Von der Landenteignung des Weidelandes Areia Grande wären 330 Familien mit ungefähr 13 000 Ziegen und Schafen betroffen.
Seitdem das Gebiet von Areia Grande in Bezug auf das geplante Agrosprit-Projekt zur Diskussion steht, kommt es laut der „Bischöfliche Kommission für Landpastoral“ (CPT Comissão Pastoral da Terra) immer wieder zur gezielten Zerstörungen von Häusern, Stallungen und Zäunen der dort ansässigen Familien vonseiten sogenannter Schlägertruppen – in Brasilien Pistoleiros genannt-, mit dem Ziel, die Bevölkerung einzuschüchtern und zu vertreiben.
Es wird nun deutlich, dass das im Bahiabio geplante Biodiesel-Projekt zu einer Vertreibung und Zerstörung der Existenzgrundlage von Hunderten von Familien im Nordosten Brasiliens führen kann, wenn die traditionellen Landrechte dieser Kleinbauern/Kleinbäuerinnen nicht anerkannt werden.
Aus diesem Grund hat der Verein „Rettet den Regenwald“ zu einer Protestaktion aufgerufen. Das Protestschreiben, welches an die in Brasilien zuständigen Behörden geschickt wird, kann auf der Homepage www.regenwald.org unterschrieben werden.


Beitrag bearbeitet von Katharina Fritsch, 9.3.2009



Quellen:
http://www.oekosmos.de/artikel/details/bahiabio-biodiesel-statt-weide/
http://www.cptnac.com.br/?system=news&action=read&id=2634&eid=8
http://www.regenwald.org/protestaktion.php?id=369


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