Uruguay: BewohnerInnen von Armenvierteln brauchen langen Atem

Uruguay galt früher einmal als die „Schweiz Südamerikas“. Doch auch in diesem Land weist der relative Wohlstand soziale Bruchlinien auf, die sich etwa darin zeigen, dass vor allem seit der neoliberalen Trendwende der 1990er Jahre die Armenviertel (Barrios) rund um die Städte angewachsen sind. Eine NGO hat nun in einer Studie untersucht, unter welchen Bedingungen die Menschen in diesen Siedlungen leben.

www.pixelio.de

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Die informellen Siedlungen entstanden laut einer Studie der NGO „Un Techo para mi País“ (Ein Dach für mein Land) vom Oktober 2008 zum überwiegenden Teil zwischen 1991 und 2000. Ihre Ursprünge gehen aber bereits auf die durch eine Wirtschaftskrise in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ausgelöste Landflucht zurück. Während der Militärdiktatur von 1973 bis 1985 verschärften sich die ökonomischen Probleme und die Wohnsituation verschlimmerte sich. Schließlich wirkten sich die neoliberalen „Reformen“ der 1990er Jahre negativ aus, denn nach dem Zusammenbruch des uruguayischen Finanzsystems und einer Rezession zwischen 1999 und 2002 stieg die Arbeitslosigkeit sprunghaft auf mehr als 20 Prozent an. Die Armutsrate wuchs von 15 Prozent im Jahr 1995 auf beinahe 34 Prozent 2003 an.

Mehr als die Hälfte der Armenviertel befinden sich an den Rändern der Städte der beiden Provinzen Montevideo und Canelones. Schätzungen zufolge leben heute 251.000 Menschen in diesen Siedlungen. Die größten Barrios ziehen sich rund um die Hauptstadt Montevideo und bestehen im Durchschnitt seit 22 Jahren. Viele der Armenviertel wurden auf staatlichem Grund errichtet. Anders als in den meisten Ländern Lateinamerikas dominieren in den uruguayischen Barrios Häuser aus festem Material wie Zement oder Ziegelstein, wenngleich auch provisorische Gebäude aus Blech, Holz und Karton existieren.


Lebensbedingungen in den Barrios

In mehr als 80 Prozent der Armenviertel Uruguays haben die BewohnerInnen Zugang zu sauberem Trinkwasser, nicht selten aus öffentlich eingerichteten Wasserhähnen. Hinzu kommt, dass beinahe alle Haushalte über elektrischen Strom verfügen, wobei dieser jedoch häufig aus illegal angezapften Quellen stammt. Zur sanitären Versorgung dienen in fast 80 Prozent der Fälle Klärgruben. Die Lage der informellen Siedlungen an den Rändern der Städte führt dazu, dass diese fernab von wichtigen sozialen Dienstleistungen lokalisiert sind. Laut der Studie von „Un Techo para mi País“ sind Krankenhäuser, Kindergärten und Schulen meist sehr weit entfernt.

Cynthia Pérez, Direktorin des uruguayischen Büros von „Un Techo para mi País“, kommentiert die prekäre Situation, die das Leben in den Barrios vielfach kennzeichnet: „Der vermutlich größte Einfluss auf die Familien wird auf der psychologischen und sozialen Ebene ausgeübt, denn Unregelmäßigkeit macht das Leben in den Slums aus, nicht nur wegen der fehlenden Besitzurkunden für das Land, das sie besetzen – was sich auf das Verständnis der Menschen für Sicherheit und ihre Fähigkeit, für eine bessere Zukunft zu planen, auswirkt – sondern auch bezüglich des Mangels an grundlegenden Diensten.“ Pérez zufolge ergibt sich schon allein daraus die Notwendigkeit zum Zusammenhalt und zur Organisierung in den Armenvierteln.

Die seit März 2005 amtierende Linksregierung von Präsident Tabaré Vázquez fördert die Arbeit von Gruppen der Zivilgesellschaft und hat in 64 Nachbarschaften 45 Projekte zur Verbesserung der Barrios ausgearbeitet, wovon bislang 24 Projekte umgesetzt wurden, die laut Angaben der Koordinatorin des Programms 30.000 Menschen zugute kommen. Seit der Amtsübernahme der Regierung Vázquez sind zwar Armutsrate und Arbeitslosigkeit gesunken, dennoch bleibt das Problem der Obdachlosigkeit gegenwärtig, denn in den letzten drei Jahren sind 21 neue informelle Siedlungen entstanden.


El Monarca

Allgemein scheint der Zusammenhalt innerhalb der Armenviertel gering zu sein, jedoch gibt es eindrucksvolle Gegenbeispiele, wie die Nachbarschaft von El Monarca, deren BewohnerInnen Druck auf die Behörden ausüben und in Kontakt mit Organisationen der Zivilgesellschaft traten, um die Etablierung von Dienstleistungen zu erreichen. Im Jahr 1995 entschieden sich einige obdachlose Familien, ein größeres Stück Land in den Außenbezirken von Montevideo zu besetzen. Sie teilten das Land unter einander auf und begannen damit, sich zu organisieren. Mit der Zeit schlossen sich ihnen andere Familien von aus ihren Wohnungen geräumten, arbeitslosen Menschen sowie Leute, die vom Land in die Hauptstadt gezogen waren, an. Heute leben hier nach Schätzungen 350 Familien. Bei einer Versteigerung erwarb das Wohnministerium den Boden und begann damit, das Eigentum den BewohnerInnen von El Monarca zu überschreiben. Die Siedlung wurde von den BewohnerInnen selbst aufgebaut – langsam verschwanden die Hütten aus Holz oder Karton und machten Platz für solide Häuser. Und auch die ersten Straßen und ein Gemeindezentrum wurden errichtet. Durch die hartnäckige Ausübung von Druck und schließlich die Aufmerksamkeit der Medien erreichten die BewohnerInnen von El Monarca so einiges: So wurden Wasserrohre, Elektrizität und Telefonleitungen verlegt und die städtische Müllabfuhr sammelte nun auch den Abfall in ihrer Nachbarschaft ein. Auch eine lokale Gesundheitsklinik wurde gebaut. Heute steht El Monarca vor der Herausforderung, die Klärgruben durch ein Abwassersystem zu ersetzen und die öffentliche Beleuchtung zu verbessern. Ferner stehen die Errichtung eines Sportplatzes und der Bau eines Hauptplatzes auf der Agenda. „Unsere Energie, Liebe und Aufopferung halfen uns, El Monarca zu bauen, doch es war vor allem eine Frage der Beharrlichkeit“, bringt es der Aktivist des Nachbarschaftskomitees von El Monarca, Washington ’El Bocha’ Suárez, auf den Punkt.



Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff



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http://www.ipsnews.net/news.asp?idnews=46965




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