Chile: Extreme Rechte steuert auf Präsidentschaft zu

„Change“ auf chilenisch: Die Präsidentschaftswahlen in Chile brachten am 13. Dezember gleich mehrere Neuerungen. Erstmals seit dem Übergang von der Diktatur zur Demokratie könnte ab März 2010 die extreme Rechte den Präsidenten stellen.

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„Zu groß scheint mittlerweile der Überdruss der Gesellschaft mit dem seit 1990 ununterbrochen regierenden Parteienbündnis Concertación zu sein. Gleichzeitig brachten die Wahlen trotz des undemokratischen Wahlsystems unabhängigen linken Kandidaten einen beträchtlichen Stimmenanteil.

(20.12.2009) Da keiner der Kandidaten die erforderliche Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen konnte, gehen die Wahlen in die zweite Runde und werden am 17. Januar 2010 in einer Stichwahl entschieden: Dann trifft der Multimilliardär Sebastián Piñera von der rechten Partei der Nationalen Erneuerung (Renovación Nacional, RN), der im ersten Durchgang auf 44 Prozent der Stimmen kam, auf den Christdemokraten Eduardo Frei, der für die Concertación ins Rennen geht und knapp 30 Prozent erreichte.

Die Kandidaten

Eduardo Frei, der Kandidat der Concertación para la Democracia, der Koalition zwischen der Sozialistischen und der Christdemokratischen Partei sowie mehreren Kleinparteien, ist der Sohn des Begründers der ChristdemokratInnen, dem ehemaligem Präsidenten Eduardo Frei (1964-70), der nach neuesten Erkenntnissen während der Diktatur von Augusto Pinochets Geheimdienst tödlich vergiftet wurde. Der eher unauffällige und wenig charismatische Frei präsentierte im Wahlkampf seine Kandidatur als Fortsetzung des sozialreformerischen Kurses der höchst populären derzeitigen Präsidentin Michelle Bachelet, der nach der Verfassung eine zweite Kandidatur in Folge verwehrt wird. Der bereits von 1994 bis 2000 als Präsident amtierende Frei, in dessen Amtszeit die Verhaftung von Pinochet in London 1998 fällt, kündigte etwa an, die Leistungen für Neugeborene zu erweitern und die Löhne für LehrerInnen zu erhöhen. Den Problemen Chiles mit der Energiegewinnung und der Umwelt will Frei durch erneuerbare Energien, wie Solaranlagen in der Atacama-Wüste, begegnen.

Sein Konkurrent Sebastián Piñera hat ein riesiges Vermögen durch die Übernahme des Kreditkartenmarktes in Chile und Beteiligungen an zahlreichen anderen Unternehmen wie der chilenischen Fluggesellschaft LAN und dem Fernsehsender Chilevisión angehäuft. Piñera geht für das Parteienbündnis Alianza por Chile aus RN und UDI (Unión Demócrata Independiente, Demokratische Unabhängige Union) ins Rennen. Der – auch „Berlusconi Chiles“ genannte – Piñera verlor 2005 nur knapp in der Stichwahl gegen Michelle Bachelet und hat mehrere Finanzskandale politisch unbeschadet überstanden. Piñera setzt auf eine Elitenförderung bei der Bildung und weitere Privatisierungen von Staatsbetrieben. Er hat jedoch versprochen, die von Präsidentin Bachelet initiierten sozialen Reformen nicht anzutasten. (1) Ferner übernimmt Piñera den von der politischen Rechten gewohnten Sicherheitsdiskurs und kündigte an, den Kampf gegen den Drogenhandel aufzunehmen und die öffentliche Sicherheit zu stärken (New York Times, 12.12.09). Piñera wurde im Wahlkampf nicht müde, darauf hinzuweisen, dass er angeblich beim Plebiszit 1988 für das „No“, also gegen eine weitere Amtszeit von Diktator Pinochet gestimmt habe, und versucht, auf Stimmenfang bei liberalen Kreisen zu gehen, indem er weniger explizit reaktionäre Positionen einnimmt als viele seiner ParteigängerInnen, etwa bei Themen wie den Rechten für Homosexuelle und der Abtreibung. Trotz seines Versuches, durch ein vermeintlich „liberales“ Image an die WählerInnen heranzukommen, die im ersten Wahlgang Enríquez-Ominami gewählt haben, wird klar, wofür Piñera steht, wenn man seine Einstellung zur Aufarbeitung der Vergangenheit beleuchtet: Im November bekräftigte Piñera vor einer begeisterten Menge von pensionierten Militärs und Polizeibeamten aus der Pinochet-Diktatur, sie könnten von ihm als Präsident erwarten, dass er die „niemals endenden“ Menschenrechtsverfahren einstellen werde (Santiago Times, 13.11.09).

In mehrfacher Hinsicht stellen diese Wahlen eine Premiere dar, denn der aus der Sozialistischen Partei ausgetretene, unabhängige Kandidat, der erst 36-jährige Filmemacher Marco Enríquez-Ominami, erreichte als Dritter auf Anhieb 20 Prozent. Enríquez-Ominami ist der Sohn des Anführers der Bewegung der Revolutionären Linken MIR, der 1974 von den Schergen der Diktatur ermordet wurde. Im Wahlkampf hatte Marco, wie er von seinen UnterstützerInnen kurz genannt wird, ganz nach dem Vorbild des US-Präsidenten Obama auf „Change“ gesetzt. „Sein Programm ist wesentlich kürzer und ungenauer als das von Frei, hat aber dieselbe Stoßrichtung, obwohl Enríquez-Ominami behauptet, etwas völlig Neues zu machen. Er verspricht, das Wahlsystem zu reformieren, sagt jedoch nicht, wie. Bachelet war an dieser Aufgabe gescheitert [..]. Ausländische Firmen sollen mehr Abgaben zahlen, ins Gesundheitssystem möchte er mehr Geld stecken, ebenso in die Bildung. Mit Hilfe von höheren Steuern will Enríquez-Ominami den ChilenInnen kostenlose Bildung ermöglichen“, erklärt Dinah Stratenwerth in den „Lateinamerika Nachrichten“. (2)

Jorge Arrate, der Kandidat des linken Sammelbeckens Juntos Podemos Mas (Gemeinsam erreichen wir mehr), an dem auch die Kommunistische Partei beteiligt ist, kam auf ein Achtungsergebnis von 6 Prozent. Arrate ist ehemaliger Bergbauminister während der Regierung von Salvador Allende und Ex-Minister mehrerer Concertación-Regierungen, u.a. während der ersten Präsidentschaft von Eduardo Frei dem Jüngeren. In seinem Programm kündigt Arrate nach dem Vorbild anderer lateinamerikanischer Staaten wie Bolivien die Neugründung des chilenischen Staates an: Neben der vollständigen Verstaatlichung des Kupfers, dem wichtigsten Exportprodukt des Landes, zählt dazu eine neue Verfassung. Das Staatswesen soll dezentralisiert und die Rechte der Arbeiterschaft gestärkt werden. Im Gesundheits- und Bildungssystem will Arrate den Schwerpunkt auf den Staat legen. Als einziger Kandidat spricht er sich für eine Entmilitarisierung des Südens aus, wo es immer wieder Landkonflikte zwischen den indigenen Mapuche und der Holzindustrie gibt. (3)

Bei den parallel zu den Präsidentschaftswahlen abgehaltenen Parlamentswahlen schaffte die Kommunistische Partei – trotz des undemokratischen Wahlsystems, das kleine Parteien deutlich benachteiligt – erstmals seit 1970 wieder den Einzug in den Kongress. Die Concertación hingegen verlor ihre Mehrheit im Abgeordnetenhaus und behält nur mehr im Senat eine Mehrheit. Sie verfügt künftig über 54 von 120 Sitzen im Abgeordnetenhaus, während das rechte Bündnis mit seinen 58 Sitzen dennoch auf die fünf unabhängigen RepräsentantInnen angewiesen ist (Neues Deutschland, 15.12.09).

Michelle Bachelets Reformkurs

Über die Gründe für die große Popularität von Präsidentin Bachelet, die nach der Verfassung nicht unmittelbar für die Präsidentschaft wieder kandidieren darf, heißt es in den „Lateinamerika Nachrichten“: „77 Prozent der Bevölkerung sprachen ihr den Umfragen zufolge in der Woche vor der Wahl noch ihr Vertrauen aus. [..] Die Gewinne [für den Kupferexport] aus den beiden ertragreichen Jahren hatte das Finanzministerium für schlechtere Zeiten gespart. Im Moment der Krise zahlte sich dieses Handeln aus, denn die Regierung konnte in Infrastruktur, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Sozialprogramme investieren. Reformen des Sozialsystems, wie des während der Pinochet-Zeit privatisierten Gesundheits- und Rentensystems, sind ein weiterer Grund für Bachelets Beliebtheit. Die bisher ausschließlich private Altersvorsorge, von der vor allem die Pensionsfonds profitierten, ergänzte sie durch eine solidarische Säule und eine freiwillige Versicherung. Im Gesundheitswesen erweiterte Bachelet die Liste der Krankheiten, die bei allen PatientInnen ohne Zuzahlung behandelt werden müssen und führte eine kostenlose Versicherung für Personen über 60 ein.“ (4)
Bis 2010 wird ferner ein Netz von 300 Kinderkrippen geschaffen, das die Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt erleichtern soll. All diese sozialen Maßnahmen stehen vor dem Hintergrund der ungebrochenen Kontinuität des neoliberalen Modells, das auch in den 20 Jahren der Concertación nicht angetastet wurde: „Viele dieser Maßnahmen bezwecken nichts weiter, als die Effekte des neoliberalen Wirtschaftsmodells abzudämpfen, dessen Basis unter der Diktatur von General Augusto Pinochet (1973 bis 1990) gelegt wurde. Diese Hinterlassenschaft war fest in einem Geflecht von Politik, Wirtschaft und Institutionen verankert, das in fast 20 Jahren demokratischer Regierungen schrittweise und nur teilweise abgebaut wurde“., heißt es einem Artikel der „Le Monde diplomatique“ zufolge. (5) Immerhin ist es der Concertación gelungen, die durch das neoliberale Modell verursachte Armut in Chile deutlich zu senken, nämlich von 38,6 Prozent im Jahr 1989 auf inzwischen 13 Prozent. In der gleichen Zeit stieg der Anteil der Kinder, die in Vorschuleinrichtungen betreut werden, von 13 auf 36 Prozent. „Dessen ungeachtet erreicht die Ungleichheit in Chile Rekordwerte. Mit einem Gini-Koeffizienten von 54,9 liegt Chile im Hinblick auf Ungleichheit in der Einkommensverteilung weltweit ziemlich weit oben: auf Platz 13 von 134. [..] Unter den Ärmsten liegt das tägliche Pro-Kopf-Einkommen kaum über 3 US-Dollar, wovon die Hälfte allein für Transport aufgewendet werden muss. Nach den Berechnungen des INE ist das Einkommen des reichsten Fünftels der Bevölkerung fast 15-mal so hoch wie das des ärmsten.“ (6)

Auch auf der politischen Ebene setzte Bachelet auf Reformen, wie der Le Monde-Artikel verdeutlicht: „Ihr Konzept war das einer ‚Regierung der Bürger’, die mehr Beteiligung und Mitbestimmung ermöglichen sollte. In ihrem Kabinett waren Männer und Frauen paritätisch vertreten, überhaupt war die Gleichstellung der Geschlechter eines ihrer Leitprinzipien; und sie achtete darauf, in Arbeitsgruppen ‚neue Gesichter’ einzubinden, um die Führungszirkel zu öffnen und mehr Nähe zur Bevölkerung herzustellen.“ (7) Einen Erfolg hatte Bachelet auch im Zusammenhang mit der lateinamerikanischen Integration zu verbuchen: Als Vorsitzende der Union südamerikanischer Nationen (UNASUR) vermochte sie im März 2008 zwischen Ecuador, Venezuela und Kolumbien vor einem drohenden Krieg zu vermitteln. Dennoch brachen bereits zwei Monate nach ihrer Regierungsübernahme die ersten Konflikte aus: Der „Aufstand der Pinguine“ brach im Frühjahr 2006 aus und brachte über eine Million SchülerInnen dazu, auf die Straße zu gehen und lange überfällige Reformen im Bildungsbereich zu fordern. Ein Fiasko, das Bachelet von ihrem Vorgänger Ricardo Lagos vererbt bekommen hatte, war die Organisation des öffentlichen Verkehrs im Großraum Santiago („Transantiago“). Bei der Umsetzung der Pläne zur Umstrukturierung im Februar 2007 kam es zu Pannen und langen Wartezeiten. Und schließlich blieb auch der Konflikt mit den indigenen Mapuche im Süden Chiles auf der Tagesordnung. Bei der Niederschlagung von Protesten durch die Sicherheitskräfte wurden während der Amtszeit von Bachelet zwei junge Mapuche getötet. (8)

Die Krise der Concertación

Über die Wurzeln der Concertación schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung: „Bereits gegen Ende der siebzehnjährigen Diktatur hatten die Demokraten verschiedener Couleur begriffen, dass sie nur gemeinsam und auf verfassungsmäßigem Wege eine Chance hatten, General Augusto Pinochet abzulösen. Sie formierten sich zur Concertación de partidos para el No, zur Parteienkoalition für das Nein, und gewannen die in Pinochets Verfassung von 1980 vorgesehene Volksabstimmung über einen weiteren Verbleib des Diktators im Präsidentenamt mit fast 56 Prozent der Stimmen. Gestärkt durch diesen Sieg, bildeten sie die Parteienkoalition für die Demokratie. Die Concertación [..] sollte bald Garant der schrittweisen Demokratisierung, der Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit und der wirtschaftlichen Stabilität werden. [..] Viele Chilenen erwarteten von der neuen Regierung einen radikalen Bruch mit dem Pinochet-Regime und seiner autoritären Verfassung, doch Ziel der Concertación war es, das Land schrittweise zu demokratisieren und geltendes Recht allmählich zu verändern, indem sie sich dafür parlamentarische Mehrheiten suchte. Die Wahrung der politischen und wirtschaftlichen Stabilität, das wussten die Politiker des Parteienbündnisses, musste oberstes Gebot sein, wenn sie Pinochet und die Streitkräfte nicht wieder auf den Plan rufen wollten.“ (9) Auch nach der Überwindung der Diktatur dauerte es noch lange, bis Pinochets Würgegriff um die chilenische Gesellschaft endgültig gebrochen werden konnte. Ein bedeutender Schritt war die Verhaftung Pinochets in London im Jahr 1998. Doch erst 2004 wandten sich auch viele seiner Anhänger von ihm ab, als bekannt wurde, dass der greise Ex-Diktator neben massiven Menschenrechtsverletzungen auch noch Steuern hinterzogen hatte. Ende desselben Jahres bekannte sich der neue Heereschef Juan Emilio Cheyre öffentlich zur Demokratie und verurteilte die Verbrechen der Diktatur. Durch eine Verfassungsreform 2005 gelang es der Concertación, zumindest einige Aspekte der pinochetistischen Verfassung abzumildern und die Armee der demokratischen Kontrolle zu unterwerfen. (10)

Das Ambivalente an den gegenwärtigen Wahlen ist, dass Präsidentin Bachelet zwar die populärste Präsidentin Chiles ist, jedoch lässt sich ihre Beliebtheit nicht in einen Erfolg für die Parteienkoalition umsetzen, der sie angehört. Die Concertación droht erstmals seit dem Übergang zur Demokratie ihre Macht abzugeben, weil sie von Korruptionsskandalen gebeutelt und intern zerstritten ist. Außerdem haben zahlreiche PolitikerInnen die Sozialistische Partei wie auch die ChristdemokratInnen verlassen. Neben Enríquez-Ominami verließ auch Senator Alejandro Navarro die SozialistInnen und gründete die Breite Soziale Bewegung MAS (Movimiento Amplio Social). Navarro ließ schließlich seine eigene Kandidatur fallen und rief zur Wahl seines ehemaligen Parteigenossen auf. (11) Eduardo Frei wird es sehr schwer haben, den Rückstand von 14 Punkten auf Piñera aufzuholen: „Viele der Anhänger von Jorge Arrate haben nicht vergessen, dass unter Freis Präsidentschaft der in London festsitzende Ex-Diktator Augusto Pinochet nach Chile zurückkehren konnte. Und die Mehrzahl der Änhänger Enríquez-Ominami plagt ein allgemeiner Überdruss nach 20 Jahren Regierung der Concertación. Wegen der herrschenden Wahlpflicht könnten die ungültigen Stimmen den letzten Ausschlag für Piñera geben“ (taz, 14.12.09).

Autoritäre, „beschützte Demokratie“ vs. Demokratie der Straße

In Chile ist immer noch die während der Diktatur 1980 erlassene Verfassung in Kraft. Unter dem Schlagwort der „beschützten Demokratie“ ließ Pinochet damals zahlreiche Sicherungsmechanismen in der Verfassung festschreiben, die dem Militär und der politischen Rechten – den beiden Pinochet-loyalen Parteien UDI und RN – auch unter demokratischen Verhältnissen fortwährende Macht garantieren sollten. Neben den demokratisch nicht legitimierten „Senatoren auf Lebenszeit“ und dem Entzug des Militärs aus der demokratischen Kontrolle, was dazu führte, dass die Armee lange Zeit als bedrohlicher „Staat im Staat“ funktionierte, bildete vor allem das undemokratische Wahlsystem das Herzstück von Pinochets Verfassung: Mit dem sogenannte binominalen Wahlsystem wurden die Regelungen der Stimmverteilung für das Zweikammernparlament aus Abgeordnetenkammer und Senat festgelegt. Vor den Wahlen müssen die Parteien oder Bündnisse Listen mit den Namen von jeweils zwei KandidatInnen pro Distrikt präsentieren – insgesamt werden pro Distrikt zwei Sitze vergeben. Ein Sitz im Parlament wandert dann zum jeweiligen Kandidaten oder zur Kandidatin auf der Liste, die in absoluten Zahlen die meisten Stimmen erhält. Um auch den zweiten Sitz zu erhalten, muss eine Liste doppelt so viele Stimmen erreichen wie die zweitplatzierte Liste. In Zahlen bedeutet dies, dass 33,4 Prozent erforderlich sind, um den ersten Sitz zu gewinnen, während 66,7 Prozent notwendig sind, um an beide Sitze zu gelangen. Diese hohen Ansprüche führen dazu, dass Parteien sich in der Regel zu Bündnissen zusammenschließen, um ihre Chancen zu erhöhen. (12) Bislang hat es nur die Alianza por Chile geschafft, beide Sitze in einem Wahlkreis zugleich zu besetzen, nämlich in der reichsten Gemeinde Chiles, Las Condes, einem Stadtteil von Santiago. (13)

In der Praxis bewirken diese Regelungen, dass Wahlen zwischen den beiden großen Parteiblöcken ausgemacht werden: der Mitte-Links-Koalition Concertación und dem Rechtsbündnis Alianza por Chile, wobei meist ein Sitz pro Distrikt an jedes der beiden Bündnisse geht. Praktisch wird durch dieses System nicht die Mehrheit sondern die größte Minderheit bevorzugt und dies ist seit dem Übergang zur Demokratie das rechte Parteienbündnis. In den Wahlen seit 1990 erhielt zwar die Concertación zumeist den Löwenanteil an Stimmen, konnte jedoch nie den Senat kontrollieren, in dem die rechte Opposition die Mehrheit hatte. Kritik an diesem Wahlsystem bezieht sich darauf, dass die Parteien faktisch gezwungen werden, Bündnisse einzugehen. Ferner erhalten kleine Parteien keine Repräsentation: So wird etwa die Kommunistische Partei, die bei Wahlen auf 5 bis 7 Prozent kommt, durch das Wahlsystem vom Kongress ferngehalten. Weitere Kritik wird daran geübt, dass kein wirklicher Wettbewerb zwischen den Parteibündnissen stattfindet, denn die weitgehend fixe Sitzverteilung führt dazu, dass der Wettbewerb sich innerhalb der Bündnisse verlagert. Dies bringt auch mit sich, dass den Parteivorsitzenden ein großer Einfluss zukommt, denn sie bestimmen mit der Ernennung eines Kandidaten auf der Liste faktisch schon den Gewinner eines Sitzes. (14) Eine weitere Bremse für ein demokratisches Wahlsystem ist die Regelung der Wählerregistrierung. Die noch aus Diktaturzeiten übernommene Formel heißt „freiwillige Registrierung – verpflichtende Wahl“, wer sich also einmal registriert hat, muss bei Strafe ein Leben lang zur Wahl gehen. Waren beim Abwahlreferendum Pinochets 1988 noch 92 Prozent der potentiellen WählerInnen registriert, so sank diese Zahl im Laufe der Jahre erheblich. So waren bei den Gemeindewahlen 2004 nur mehr 77 Prozent der zehn Millionen potentiellen WählerInnen registriert. Um insbesondere junge WählerInnen dazu zu bewegen, sich registrieren zu lassen, unternahmen Teile der Concertación einige Anläufe, die neue Formel „automatische Registrierung – freiwillige Wahl“ einzuführen, was jedoch wie üblich am Widerstand der rechten Opposition scheiterte. (15) Die „Lateinamerika Nachrichten“ kommen zum Schluss: „Die neuen politischen und sozialen Initiativen, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, werden [im politischen System] nicht repräsentiert. Dabei haben in den vergangenen Jahren soziale Bewegungen in Chile an Kraft gewonnen: So werden Ökologie- (die Ablehnung zerstörerischer Großprojekte) und Gender-Fragen verstärkt thematisiert, die Solidarität mit den indigenen Mapuche ist ein wichtiges Thema geworden“. (16)

Die Concertación verliert gerade bei der Jugend zunehmend an Bindekraft. Studien ergaben auch, dass allgemein die Gleichgültigkeit gegenüber den Institutionen und ein starkes Misstrauen gegenüber den Eliten zunehmen. „Das Gefühl, dass das demokratische System seinen Zauber verloren hat, scheint weit verbreitet zu sein. Je ärmer das Stadtviertel, desto geringer ist die Wahlbeteiligung der jungen WählerInnen. Die Jugend wendet sich ab, ihre Abstinenz bei den Abstimmungen ist ein Zeichen: „Dieses Chile ist nicht unser Chile.“ (17)
Scheinbar wird die Politikmüdigkeit der Jugend sehr anschaulich, wenn man beachtet, dass bei den aktuellen Wahlen nur 9,2 Prozent der 18- bis 29-Jährigen registriert sind – die niedrigste Zahl seit 1990. Weder die Kandidatur von Marco bei diesen Wahlen, der versuchte, gerade die Jugend anzusprechen, noch der Versuch von Präsidentin Bachelet, in letzter Minute durch eine Kampagne mehr WählerInnen zur Registrierung zu bewegen, konnte diesen Trend umkehren. Viele Jugendliche empfinden die Regelungen des Wahlsystems als abschreckend, da es ihre Meinungsfreiheit einschränke und sie von der Registrierung abhalte (New York Times, 12.12.09). Jedoch trügt der Schein, denn die chilenische Jugend mag zwar wenig Interesse zeigen, ihre Stimme bei Wahlen abzugeben, doch wenn es um konkrete Bedürfnisse geht, so bringt sie sehr wohl die Kraft und Kreativität auf, ihre Stimme zu erheben. Nur sucht sie sich dann eben andere Kanäle sich zu artikulieren als das Parlament. Besonders deutlich wurde dies im Frühjahr 2006, als die Bewegung der Pinguine für Reformen im Bildungsbereich auf die Straße ging und der Regierung so manches Zugeständnis abtrotzen konnte. Für viele gelten Schülerinnen wie Maria Jesús Sanhueza, eines der Gesichter der Bewegung der Pinguine, und María Música Sepúlveda, eine 14-Jährige, die 2008 nach dem fruchtlosen Versuch, mit der Erziehungsministerin ins Gespräch zu kommen, dieser eine Kanne mit kaltem Wasser ins Gesicht schüttete, als Heldinnen. (18) „Oppositionelle Politik wird in naher Zukunft nicht im Parlament, sondern weiterhin auf der Straße und in besetzten Schulen stattfinden. Schließlich haben die machtvollen Demonstrationen der SchülerInnen 2006 und die der Kupfer-LeiharbeiterInnen 2007 gezeigt, dass sich mit Hartnäckigkeit und Vehemenz die politische Agenda beeinflussen lässt. Bis allerdings die Entfremdung der jungen ChilenInnen zum politischen System überwunden wird, dürfte noch viel Wasser in Karaffen gefüllt werden“, resümieren die „Lateinamerika Nachrichten“. (19)




 

Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff

 

 

 


Quellen:
(1) http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/3749.html
(2) Ebd.
(3) Ebd.
(4) Ebd.
(5) http://www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/die-praesidentin-geht-von-bord
(6) Ebd.
(7) Ebd.
(8) Ebd.
(9) http://www.bpb.de/themen/6VHZGE,0,0,Der_lange_Abschied_von_Pinochet.html
(10) Ebd.
(11) http://www.globalissues.org/news/2009/12/14/3910
(12) http://aceproject.org/ace-en/topics/es/esy/esy_cl
(13) http://www.giga-hamburg.de/dl/download.php?d=/content/staff/nolte/publications/vortrag_pinochet_bachelet.pdf
(14) http://aceproject.org/ace-en/topics/es/esy/esy_cl
(15) Ebd.
(16) http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/2856.html
(17) Ebd.
(18) Ebd.
(19) Ebd.


Links:
Chile: Aufstand der Pinguine geht in die nächste Runde
http://www.oneworld.at/start.asp?ID=223459
Die Aktion von Música Sepúlveda wird übrigens in Chile mittlerweile schon besungen: SubVerso – El Jarrazo
http://www.youtube.com/watch?v=hToHBm_hWsw

 

 

 

 

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