KZ Musik, CD 1 - 12
Encyclopedia of Music composed in Concentration Camps (1933 1945) herausgegeben von Francesco Lotoro
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Membran Music
Nach wie vor ist zu wenig bekannt, welch eine wichtige Stellung Musik im Alltag vieler Menschen in Konzentrationslagern hatte: in vielen KZs gab es Lagerkapellen, die verschiedene Funktionen innehatten. Sie mussten zur Verhöhnung der Inhaftierten aufspielen, sie sollten Repräsentationsarbeit leisten, sie waren zur Unterhaltung der Wachmannschaft angehalten oder mussten Kulturveranstaltungen für ihre Kameraden und Kameradinnen absolvieren.
In Auschwitz wurden Neuankömmlinge oft mit Musik an der berüchtigten Rampe empfangen, Kapellen spielten zu den Appellen, begleiteten den Marsch der Erschöpften und Ausgehungerten aus dem Lager zur Arbeit und oft noch mussten sie spielen, wenn die anderen ins Gas geschickt wurden. In Buchenwald hieß die Straße, die von der Kommandantur zum Haupttor führte Caracho-Weg. Caracho bezeichnete in der Diktion der SSler die Kombination aus Gesang und Laufschritt auf dem Weg zur Arbeit. Ähnliches wird aus Dachau überliefert, wo man den Geschundenen lauthals gesungenen Lieder wie Schwarzbraun ist die Haselnuss oder Im Schatten grüner Bäume lasst uns singn und fröhlich sein auf dem Weg zur bzw. von der Arbeit abverlangte. Musik wurde auch bei Hinrichtungen verwendet, wie es insgesamt an Berichten aus Osteuropa nicht mangelt, dass SS und Wehrmacht die Tötung von KommunistInnen und JüdInnen mit Unterhaltungsmusik begleiteten. Musik in KZs konnte Häftlinge allerdings auch psychisch unterstützen, vorausgesetzt, sie konnten verschiedene musikalische und textliche Codes dechiffrieren. (Heinrich Himmler wurde bei einem Besuch im KZ Dachau eine Polka gespielt die ihm besonders gut gefiel. Er belohnte die Kapelle mit Marmeladebroten, ohne zu wissen, dass diese Polka nach einem Motiv Namens Leck mich am Arsch komponiert worden war.) |
Im Kollektiven Bewusstsein sind heute wohl nur wenige musikalischen Werke zu finden, wie die berühmten Lagerlieder Buchenwald Lagerlied von Herman Leopoldi und Fritz Beda-Löhner, das Dachau-Lied von Herbert Zipper und Jura Soyfer oder die Moorsoldaten von Rudi Goguel. Weiters kennt man vielleicht noch Olivier Messiaens Quartuor pour la fin du Temps und vielleicht die Kinderoper Brundibar von Hans Krasa. Dabei wurde auch in Konzentrationslagern enorm viel komponiert, wie die CD-Reihe KZ Musik von Francesco Lotoro belegt. Lotoro, er veröffentliche u. a. bereits Musik, die in Zusammenhang des Prager Frühlings steht, hat diese Reihe auf gewaltige 24 CDs angelegt, derer 12 Stück bis lange erschienen sind. Selbst wenn MusikerInnen meist einen etwas bevorzugten Stand in den Lagern hatten (anstelle der Zwangsarbeit mussten sie ständig Musizieren und neue Stücke einüben; materiell waren sie oft etwas besser gestellt; Unzufriedenheit der Oberen konnte aber jederzeit mit dem Tod bestraft werden) so ist es doch erstaunlich, wie unter den unmenschlichen Bedingungen einer KZ-Inhaftierung noch kreativ gearbeitet und komponiert werden konnte. Dabei umfasste das Spektrum tatsächlich alle musikalischen Genres. Grenzen konnten allerdings auch sehr banal durch nicht vorhandene Instrument oder MusikerInnen etc. entstehen. Messiaens oben erwähntes berühmtes Quartett, das er 1941 im Stammlager VIII-A in Görlitz als Kriegsgefangener komponierte, enthält z. B. gewisse Noten und Tonarten nicht, da die vorhandene Klarinette und das Klavier an diesen Stellen Defekte hatten. (Die CD die Messiaens Quartett beinhaltet wird erst erscheinen). Schier unglaublich ist es, dass selbst unter schärfsten Haftbedingungen heimlich Werke wie eine Oper komponiert werden konnten. Rudolf Karel, ein ehemaliger Schüler Antonin Dvoraks, komponierte die Oper Die drei goldenen Haare des Väterchens Allwissend im Prager Pankrac-Gefängnis. Das war nur möglich durch zusammengeklebtes Toilettenpapier, dass ein Wärter nach und nach aus dem Gefängnis schmuggelte. Karel starb später in der berüchtigten Kleinen Festung im KZ Theresienstadt. Auch diese Oper wird erst auf einer der folgenden CDs veröffentlich werden. |
Da das KZ Theresienstadt, abgesehen von besagter Kleinen Festung, als Vorzeigelager konzipiert worden war und dort überproportional viele Personen des öffentlichen Lebens wie KünstlerInnen, SportlerInnen etc. inhaftiert wurden, boten sich dort bessere Möglichkeit für musikalische Betätigung. Entsprechend öfter finden sich daher auf Lotoros CD-Reihe Kompositionen von Häftlingen aus Theresienstadt, deren Situation der deutsche Jazz-Gitarrist Coco Schumann in seiner Autobiographie Der Ghettoswinger wie folgt beschreibt: Am einfachsten brachte die SS-Kommandantur sicherlich Häftlinge wie uns, aktive Künstler aller Sparten, dazu, sicher der allgemeinen Täuschung hinzugeben. Die Kunst, die Musik, das Spiel dienten als direkte, einfache und komfortable Flucht aus dem furchtbaren Lageralltag. Gebraucht wurde nur, was die Häftlinge sowieso mitbrachten: ihr Können und ihr Handwerkszeug. Ich war ein Paradebeispiel. Wenn ich spielte, vergaß ich, wo ich stand. Die Welt schien in Ordnung, das Leid der Menschen um mich herum verschwand das Leben war schön. Nichts lag mir in jenen Momenten ferner als die Mauer, die uns umgab, als die abgemagerten Menschen, die Transporte ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Wir waren eine normale Band mit einem normalen Publikum. Wir wussten alles und vergaßen alles im selben Moment, für ein paar Takte Musik. Wir spielten für uns und um unser Leben wie alle in dieser Stadt, diesem grausamen, verlogenen Bühnenbild für Theatervorführungen, Kinderopern, Kabaretts, wissenschaftliche Vorträge, Sportveranstaltungen, für ein absurdes soziales Leben und ein skurril selbstverwaltetes Überleben in der Warteschlange vor den Öfen des dritten Reiches. |
Eingespielt wurden sämtliche Werke unter der Leitung des Herausgebers Francesco Lotoro, der übrigens auch ein hervorragender Pianist ist und den Klavierpart jeweils selber übernommen hat. |
