Lateinamerika: Sichere Straßen für Frauen

„Städte ohne Gewalt gegen Frauen – sichere Städte für alle“, so lautet der Name eines von UNIFEM initiierten Programms in mehreren Ländern Lateinamerikas. Da Gewalt gegen Frauen nicht allein in den eigenen vier Wänden stattfindet, sondern auch im öffentlichen Raum, ist das Ziel die Stärkung von Frauenorganisationen, um in Kooperation mit Regierungen auf kommunaler Ebene die Straßen und Plätze sicher für Frauen zu machen und damit ihre Lebensqualität zu verbessern.

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Gender-basierte Gewalt

In vielen Städten Lateinamerikas haben Frauen große Angst davor, vor allem abends auf die Straße zu gehen und verlassen daher nicht ihre Wohnung, um sich nicht der Gefahr auszusetzen, an einem öffentlichen Ort Opfer von gender-basierter Gewalt zu werden. In einem Papier von UNIFEM, dem Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen, heißt es: „Während junge Männer die Hauptopfer der Gewalt auf den Straßen bleiben, erzeugt die Beschleunigung der Kriminalität und Gewalt in lateinamerikanischen Städten auch für Frauen und Mädchen ein hohes Ausmaß von Unsicherheit. An viel zu vielen öffentlichen Orten müssen Frauen sich vor Vergewaltigung, Verschleppung oder sexueller Belästigung fürchten. Die Regierungspolitik zum Schutz und zur Prävention war nicht immer angemessen, um diesen Sorgen zu begegnen. Viele Städte liegen sogar bei grundlegenden Sicherheitsmaßnahmen zurück, wie gut beleuchtete Straßen und ausreichende Polizeipräsenz.“ (1) Nach Angaben von UNIFEM wird in Lateinamerika eine von drei Frauen im Laufe ihres Lebens misshandelt und gender-basierte Gewalt verursacht mehr Tote und Verletzte bei Frauen im Alter zwischen 15 und 44 Jahren als Krebs, Malaria, Verkehrsunfälle und Krieg. Dabei hat die Gewalt viele Gesichter: Manche „Frauen [..] erachten Pfiffe und oft aggressive Anmache, die typisch für öffentliche Räume wie Plätze, Straßen, Bushaltestellen, Schulen und sogar Spitäler [..] sind, als gender-basierte Gewalt. Die Nervosität oder gar Angst vor solcher Belästigung auf der Straße, auch bei jungen Mädchen, hindert Frauen daran, sich frei zu bewegen, behindert ihre persönliche Entwicklung in Form von Studium, Arbeit oder Erholung und es hat eine isolierende Auswirkung auf sie.“ (2)

 

Sichere Städte für Frauen

„Wir haben festgestellt, dass Frauen nicht ausgehen, dass sie ihre Kinder davon abhalten, ihre Zeit draußen, auf den Straßen, zu verbringen, dass sie eine Art von eingeschlossener Existenz leben, die sie beschränkt. Wenn man schließlich die häusliche Gewalt mit bedenkt, durch die sie noch furchtsamer werden, empfanden wir es als notwendig, die Frauen dazu zu bringen, sich ihre Städte zurückzuholen“, so Olga Segovia vom brasilianischen Ableger von UNIFEM. (3)

Der Programmbeschreibung zufolge identifiziert UNIFEM die zunehmende Gewalt und Unsicherheit in lateinamerikanischen Städten als Kern des Problems. Eine Studie der peruanischen Frauengruppe Flora Tristán und der argentinischen Organisation CISCSA in zwei Bezirken von Lima ergab, dass beinahe 100 Prozent der befragten Frauen es als ihr Recht empfinden, sich frei und ohne Angst vor Aggressionen zu bewegen, während nur 12,5 Prozent der Frauen der Meinung sind, dass dieses Recht auch wirklich respektiert wird. (4) Das Programm von UNIFEM soll nun die Rahmenbedingungen schaffen, damit Frauen sich auf der Straße sicher fühlen und wieder den Mut fassen, hinauszugehen. Als Hauptziel des Programms formuliert UNIFEM: „Zur Verminderung von öffentlichen und privaten Formen der Gewalt beizutragen, die Frauen in den Städten zugefügt werden, indem die aktive Bürgerschaft bei der Ausübung ihrer Rechte gestärkt wird und eine öffentliche und soziale Agenda entwickelt wird, die die Voraussetzungen für ein gemeinsames Zusammenleben in Freiheit schafft.“ (5)
Umgesetzt werden soll das Programm durch einen Prozess der Abstimmung zwischen Organisationen der Zivilgesellschaft und Regierungen. Dabei soll auf dem Wissen und der Expertise regionaler Frauenorganisationen, wie dem Frauen und Habitat Netzwerk in Lateinamerika und der Karibik (Redmujer), aufgebaut werden. „Der Schwerpunkt bei der Arbeitsstrategie liegt auf der breiten Erfahrung von feministischen und Frauennetzwerken in der Region und gleichzeitig der Stärkung dieser Netzwerke.“ (6) Die Koordinatorin von Redmujer, Liliana Rainero, stellt fest: „Das Projekt beruht auf der Erkenntnis, dass die Politik der öffentlichen Sicherheit in Lateinamerika der Gewalt gegen Frauen keine Beachtung schenkt, weil sie von den Regierungen und der Zivilgesellschaft nicht deutlich sichtbar gemacht wird.“ (7)

 

Das Programm von UNIFEM legt seinen Fokus auf folgende Aspekte:


1) die Bewusstseinsbildung durch Erziehung und Trainings der BürgerInnen und die Stärkung der Kapazitäten: Während die öffentliche Debatte über die verschiedenen Formen von Frauenrechten in Städten frei von Gewalt verstärkt wird, wird die Thematik in die Formulierung der öffentlichen Politik integriert. Beispiele für Aktivitäten sind Kampagnen, Onlinekurse für Doktoranden und Trainings für lokale Akteure.
2) die Systematisierung und Schaffung von Wissen: Für die Annäherung an die Problematik der gender-basierten Gewalt in Städten sind die Wahrnehmungen von urbaner Unsicherheit, wie sie durch Frauen erfahren wird, eine Grundlage. Zur Systematisierung des entsprechenden Wissens darüber werden Foren des Austausches organisiert, wie die internationalen Seminare, die 2006 in Santiago und 2008 in Buenos Aires veranstaltet wurden.
3) die Stärkung von Netzwerken: Durch die Förderung von Allianzen zwischen Frauenorganisationen und anderen relevanten AkteurInnen soll die Fähigkeit erweitert werden, sich an Debatten zu beteiligen und im Hinblick auf die Sicherheit von Frauen in Städten Einfluss auf die lokale und regionale Politik zu nehmen.
4) die Entwicklung von Strategien zur partizipatorischen Intervention in Städten: Die Umsetzung der Agenda durch lokale Interventionen liegt im Aufgabenbereich der NGOs, die sich im Frauen und Habitat Netzwerk zusammengeschlossen haben, sowie in der Verantwortung der Community-Organisationen der Frauen vor Ort und der lokalen Regierungen. (8)

 

Umsetzung des Programms

Die Laufzeit des Programms erstreckt sich bis 2011. Pilotprojekte fanden seit 2006 in den Städten Bogotá, Kolumbien, Rosario, Argentinien, und Santiago, Chile, statt. Das wichtigste Ergebnis dieser Pilotprojekte sieht UNIFEM in der Stärkung der Rolle von Frauenorganisationen bei der Prävention gender-basierter Gewalt in den Städten. Weitere Projekte im Rahmen des Programms werden in Lima, Peru, und Recife, Brasilien, sowie in verschiedenen Städten Guatemalas und El Salvadors durchgeführt. Zusammen mit dem brasilianischen Ministerium für Frauenangelegenheiten wurde eine Kooperation vereinbart, um einen Vorschlag für die Verallgemeinerung einer gender-basierten Gleichstellungspolitik zu erarbeiten sowie Frauenperspektiven in die Politik der öffentlichen Sicherheit einzubeziehen. Beispiele für die konkrete Praxis von Kooperationen gibt es etwa in Argentinien zwischen CISCSA und der Abteilung für Frauenangelegenheiten in Rosario; in Santiago de Chile arbeitet SUR sowohl im Rahmen des von Ex-Präsidentin Michelle Bachelet initiierten, nationalen Programms Quiero mi Barrio des Ministeriums für Wohnungs- und urbane Entwicklung, als auch in Zusammenarbeit mit SERNAM, dem Nationalen Frauendienst; in Bogotá sind AVP und das Nationale Frauennetzwerk Kolumbiens gemeinsam mit der Frauenabteilung des Bürgermeisteramtes tätig. (9)
Inzwischen wird der Ansatz des UNIFEM-Programms auch andernorts angewendet. So wurde eine Initiative gegen machistische Gewalt im öffentlichen Transportwesen von Mexiko-City davon inspiriert. Auch über das Netzwerk der MERCOSUR-Städte (Red de Mercociudades) wird daran gearbeitet, die Städte für eine verbesserte Lebensqualität von Frauen angemessener zu gestalten. (10)

In Lima und Rosario unterstützen die Organisationen Flora Tristán und CISCSA lokale Frauengruppen bei der Beratung von Stadtplanern und Medien zu frauenspezifischen Themen und bei der Diskussion über Vorschläge, um die Sicherheitslage zu verbessern. Als ersten Schritt begann die Stadt Rosario Botschaften auf Tickets zu drucken, die sich gegen Gewalt an Frauen richten. Kommunale Pläne wurden korrigiert, um auch Maßnahmen zur Eindämmung der Gewalt einzubeziehen, wie etwa eine bessere Beschilderung und die Einrichtung von Bushaltestellen mit guter Sichtbarkeit der Umgebung für die Fahrgäste. In Lima verbesserte die Stadtverwaltung die Beleuchtung von Straßen und Parks und zäunte leere Grundstücke ein. CISCSA produzierte im Rahmen des UNIFEM-Programms außerdem einen Leitfaden für gender-sensible Stadtplanung mit dem Titel „Werkzeuge für die Förderung sicherer Städte aus einer Gender Perspektive“. In der ersten regionalen Studie zu diesem Thema heißt es, dass Frauen in Lateinamerika sich zwar in den letzten Dekaden zunehmend öffentliche Räume angeeignet haben, jedoch garantieren diese Räume noch nicht das Recht der Frauen auf Sicherheit. (11)

Am Beispiel von Rosario zeigt sich, wie sich das Programm von UNIFEM in der Praxis auswirken kann. Die Frauenaktivistin Ofelia Retamoso erzählt, dass sich auf den Plätzen in ihrer Nachbarschaft häufig Gruppen von jungen Drogenabhängigen aufhielten, weshalb Frauen diese Orte mieden. Doch mit der Unterstützung der Stadtregierung wurden die Plätze wieder für Frauen und Kinder sicher gemacht. Es kam zur Neugestaltung der betreffenden Orte mit Geräten für Spielplätze sowie Tischen und Bänken in der Nähe, es wurden Fußballtore aufgestellt und die Beleuchtung verbessert. Ofelia Retamoso kommentiert: „Das Nette daran war, dass wir Wandbilder malten, wir alle zusammen – die Frauen von unserer Organisation, lokale BewohnerInnen, die aufhörten, sich zu fürchten, und die Kinder (die Jugendlichen, die auf den Plätzen abhingen)“. (12)

Die Studie des Centro de Intercambio y Servicios Para el Cono Sur (CISCSA): Herramientas para la promocion de ciudades seguras desde la perspective de genero ist hier zu finden:http://www.huairou.org/assets/download/CARATULAHERRAMIENTAS.pdf"" target="_blank">http://www.huairou.org/assets/download/CARATULAHERRAMIENTAS.pdf">
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Beitrag bearbeitet von Alexander Stoff, 4.6.2010

 

Quellen:
(1) www.unifem.org/gender_issues/voices_from_the_field/story.php?StoryID=613
(2) ipsnews.net/news.asp?idnews=51573
(3) www.comunidadesegura.org/en/STORY-Safe_Cities_for_Women
(4) www.unifem.org/gender_issues/voices_from_the_field/story.php?StoryID=613
(5) www.unifem-usnc.org/files/Safe%20cities%20fact%20sheet.pdf
(6) www.unifem-usnc.org/files/Safe%20cities%20fact%20sheet.pdf
(7) ipsnews.net/news.asp?idnews=51573
(8) www.unifem-usnc.org/files/Safe%20cities%20fact%20sheet.pdf
(9) www.unifem-usnc.org/files/Safe%20cities%20fact%20sheet.pdf
(10) ipsnews.net/news.asp?idnews=51573
(11) www.unifem.org/gender_issues/voices_from_the_field/story.php?StoryID=613
(12) ipsnews.net/news.asp?idnews=51573
 

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