„Wirtschaft anders denken“

Frauen ermutigen und ermächtigen, sich in wirtschaftpolitischen Diskursen aktiv einzumischen – das ist eines der Ziele des Handbuchs „Wirtschaft anders denken“, das eine Gruppe engagierter Fachfrauen vom Netzwerk WIDE – Women in Development Europe, sowie vom Verein Joan Robinson 2010 in 2. Auflage veröffentlicht hat.

Der Verein Joan Robinson, benannt nach der bedeutenden gleichnamigen Ökonomin, hat sich die Förderung frauengerechter Verteilung ökonomischen Wissens zum Ziel gemacht. Dieses Handbuch bietet dafür ein umfangreiches Instrumentarium an. In der Einleitung wird zunächst der gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Standpunkt, von dem die Autorinnen ausgehen, offengelegt. Dies allein schon ist sympathisch, bedenkt man, dass das Gros der herkömmlichen Ökonomen diese Offenheit keineswegs walten lässt. Deren Menschen- und Gesellschaftsbild bleibt meist implizit, die Grundannahmen ihrer Theorien entziehen sich so nur allzu oft der Debatte.

Die folgenden sieben thematischen Kapitel sind jeweils in einen Sachinput und einen Methodenteil gegliedert. Übersichtliche Literaturtipps und Quellenhinweise ergänzen den Text. Während der Sachtext jeweils gut lesbar und klar strukturiert die wichtigsten Informationen aus Sicht der feministischen Ökonomie zusammenfasst, bietet der Methodenteil Übungen für die emanzipatorische Erwachsenenbildung an, die es ermöglichen sollen, Wirtschaftsalphabetisierung interaktiv zu gestalten. Diese erprobten Übungen bieten viele Möglichkeiten, sich kritisch, spielerisch und selbstreflexiv mit Wirtschaft auseinanderzusetzen.

Inhaltlicher Kernpunkt des Handbuchs ist ein erweitertes Ökonomieverständnis nach dem 5-Sektorenmodell. Dieses umfasst neben der profitorientierten Wirtschaft nicht nur die reproduktiven – meist weiblichen – Wirtschaftstätigkeiten, sondern auch staatliche und zivilgesellschaftliche Akteure sowie den illegal-kriminellen Sektor. Letzterer trägt u. a. durch Korruption und Geldwäsche dazu bei, dass alles läuft wie geschmiert. Das 5-Sektorenmodell ermöglicht eine umfassende Gender-Analyse des herkömmlichen Menschenbildes in der Ökonomie, das die Frau als stets schon vorhandene unbezahlte Arbeitskraft und die Natur als scheinbar unbegrenzte Gratis-Ressource voraussetzt.

Vor diesem Hintergrund setzen sich die weiteren Kapitel mit den Themen Staat, Steuern, Globalisierung, Internationaler Handel, Entwicklung, Geld- und Finanzmärkte sowie Arbeit auseinander. Auf die Entstehungsgeschichte der aktuellen Finanzkrise wird kurz eingegangen. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Glossar runden das Handbuch ab, das sich sowohl als Einstiegslektüre in Feministische Ökonomie, als auch zum Nachschlagen und als Methodenpool für ErwachsenenbildnerInnen eignet.

 

Veronika Knapp


Verein Joan Robinson; Institut für Institutionelle und Heterodoxe Ökonomie, Wirtschaftsuniversität Wien; WIDE – Netzwerk Women in Development Europe (Hg): „Wirtschaft anders denken. Handbuch Feministische Wirtschaftsalphabetisierung“,
Wien, 2010

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