Peru: Konzessionierte Entwicklung im Amazonastiefland

„Sie kamen bei Nacht, durchs Fenster, nicht durch die Türe. Wie die Diebe kamen sie.“ Die Schilderungen der Umweltaktivistin Pilar Guadalupe über die Vergabe einer der vielen Erdölkonzessionen macht die Undurchsichtigkeit des aktuellen „Entwicklungsbooms“ in Amazonien deutlich.

Perú, país megadiverso

Mit diesem Werbeslogan stellt es sich gerne dar: Peru, das Land der Vielfalt. Und zu Recht, denn die Zahl der Kulturen und Menschen, der verschiedenen Ökosysteme, der Tier- und Pflanzenarten und der genetischen Ressourcen ist beeindruckend. Doch genau dieser Reichtum scheint für Peru beides gleichzeitig zu sein, potentielles Wirtschaftswachstum und gesellschaftspolitischer Stolperstein.
Denn weniger divers als das Land, sind die Ursachen für die Zerstörung eben dieser vielfältigen Ressourcen. Die staatlich vorangetriebene Erschließung des Amazonastieflandes bedroht durch unüberschaubare, nicht aufeinander abgestimmte „Entwicklungs“-Maßnahmen diese Megadiversität Perus. Aufgrund der neoliberalen Politik des derzeitigen Präsidenten Alan García ist der peruanische Amazonasraum bereits zu mehr als 70 Prozent in Erdöl- und Erdgaskonzessionen eingeteilt.

Niemandsland Amazonien?

Das Amazonastiefland als unendlich grüne Regenwalddecke, Wald, der niemanden gehört, Land, auf dem niemand lebt - das ist die Vorstellung, welche die Regierung mit ihrer Politik auslöst. Jedoch: Es leben in etwa 3,5 Millionen Menschen mit sehr unterschiedlichen Wurzeln im Amazonastiefland, das mehr als die Hälfte der peruanischen Staatsfläche umfasst.
Die indigene Bevölkerung macht mit ca. 300.000 Personen 9 Prozent der gesamten Tiefland-Bevölkerung aus. [1] Sie ist durch unterschiedliche Kontakt- und Integrationsbestrebungen in die „peruanische“ Gesellschaft geprägt. Der Bogen spannt sich von jenen, die sich dafür entscheiden, sich nicht zu unterscheiden, bis hin zu jenen, die in freiwilliger Isolation leben. Viele der indigenen Ethnien im peruanischen Amazonasgebiet sind in über tausend Gemeinden [2] landrechtlich organisiert, die zusammen mit den indigenen Reservaten für in freiwilliger Isolation lebende Völker mehr als 17 Prozent des peruanischen Regenwaldes ausmachen. [3]
Die restliche amazonische Bevölkerung sind SiedlerInnen und MigrantInnen, deren Wurzeln an der peruanischen Küste, im andinen Hochland, Europa oder Brasilien liegen. Sie werden Ribereños genannt, weil sie durch die Landwirtschaft eng an die Flussläufe gebunden sind und sie identifizieren sich mehr mit der nationalen als mit der regionalen Kultur. Die größte und am schnellsten wachsende Gruppe im Amazonastiefland sind MigrantInnen aus dem andinen Hochland. [4]
Die Besiedlung Amazoniens wird als Gebiet mit unerschöpflichen, jedoch ungenutzten Ressourcen, zur landwirtschaftlichen Erschließung seit den 1960er Jahren unter Präsident Fernando Belaúnde vorangetrieben. Auch Präsident Garcia weicht von dieser Politik nicht ab. Er verstärkte sie mit Gesetzesänderungen und rechtfertigte sie mit der Artikelserie „El síndrome del perro del hortelano“ [5]. Das „Syndrom des Gärtnerhundes“ bezieht sich auf den Hund, der das bewachte Gemüse im Garten nicht frisst, aber auch niemand anderen davon fressen lässt. [6]
Das ist das Bild, welches Alan García von den BewohnerInnen Amazoniens zeichnet, die auf dem Reichtum der Bodenschätze sitzen, diese nicht nutzen und sich gegen die wirtschaftliche Ausbeutung wehren. Wer nach der ungeklärten Rechtslage oder Umweltverschmutzung fragt, wird als EntwicklungshemmerIn verunglimpft. „Gegen das Erdöl wurde die Figur der nicht-kontaktierten wilden Indigenen erfunden“ [7] schreibt der Präsident in seinem Aufsatz und schreibt damit die Indigenen der Fantasie der angeblichen FortschrittsgegnerInnen zu, um für die Inwertsetzung des Landes zu argumentieren.

Bedrohung durch Entwicklung? Vergabe von Erdöl- und Ergaskonzession

So verwundert es nicht, dass der Privatisierungsprozess und die Konzessionsvergabe zur Gewinnung von Erdöl, Erdgas und Mineralien seit Beginn der Legislaturperiode Garcías im Jahr 2006 stark gefördert wird. Während 2003 „erst“ 15 Prozent des Amazonastieflandes in Erdöl- und Erdgasparzellen eingeteilt waren, trieb García dieses Vorhaben an die Spitze. Mehr als 70 Prozent des Amazonasraums sind heute konzessioniert. [8]
Laut einer Studie der Autonomen Universität von Barcelona (UAB) überschneiden sich ein Fünftel der nationalen Naturschutzgebiete und die Hälfte der eingetragenen indigenen Territorien mit Erdöl- und Erdgaskonzessionen. [9] Dementsprechend hoch ist auch die Anzahl der ökologisch und gesellschaftlich motivierten Konflikte im Land. Die peruanische Volksanwaltschaft Defensoría del Pueblo publiziert monatlich einen Spiegel der aktuellen sozialen Konflikte: Im Mai 2010 waren mehr als die Hälfte, genau 132 von 255 Fällen, von allen gemeldeten Konfrontationen, in diesem Bereich angesiedelt.[10]  Die Mehrheit davon betrafen den Bergbau.
Die zahlreichen Beispiele verheerender Auswirkungen von Erdölförderung und Bergbau auf Mensch und Umwelt vor Augen, wehrt sich die Bevölkerung gegen weitere schädigende Ausbeutung der Rohstoffe. Die Widerstandsbewegungen mehren sich und werden, aufgrund der tauben Ohren der Regierung und der begrenzten Möglichkeiten sich Gehör zu verschaffen, auf die Straße getragen. Straßenblockaden und Demonstrationen häufen sich und damit auch die Anzahl tragischer Vorfälle. Die Regierung scheint nicht fähig, ein nachhaltiges Konzept zur Beilegung und Vorbeugung dieser Proteste zu entwerfen. Vielmehr reagiert sie jedesmal überrascht, so, als handle es sich um den ersten solchen Konflikt, mit dem sie konfrontiert wird.

Selbstbestimmte Entwicklung? Parzelle 125, ein Beispiel

Pilar Guadalupe Araujo lebt und arbeitet in der 70.000 Einwohnerstadt Moyobamba (Department San Martín), im Amazonashochland des nordöstlichen Perus. Die Situation in San Martín ist bezeichnend für die gegenwärtige Entwicklung Amazoniens, wo die natürlichen Ressourcen gleich an mehreren Fronten bedroht werden. Als Moyobambina kämpft Pilar für das Überleben traditioneller Bräuche und gegen den Ausverkauf der Erde.
Die Vergabe von Konzessionen ist auch hier ein ständiges Thema und Pilar erinnert sich an den Kampf im letzten Jahr gegen das Erdölunternehmen von Parzelle 125. [11] „Der Konzessionsvertrag für die Förderung existierte bereits, niemand wusste wieso und woher. Sie haben sich über die Munizipien eingeschlichen, um ihre Umweltstudie zu machen. Als dann immer mehr Leute kamen, wurde Verdacht geschöpft. Nicht einmal die Gemeinderätin der Umweltkomission von Moyobamba war über die Durchführung der Studie informiert worden.“
Bei einer von der Gemeinderätin einberufenen Versammlung sollte daraufhin das Erdölunternehmen die lokale Bevölkerung sowie RepräsentantInnen der betroffenen Dorfgemeinschaften und der Regionalregierung über die geplanten Aktivitäten informieren. Pilar erinnert sich sehr genau an die hitzige Versammlung, bei der den Anwesenden der Kragen platze. „Als wir sahen, dass die VertreterInnen der Erdölfirma nicht einlenkten, nicht verstehen wollten, fingen alle an zu rufen, dass sie verschwinden sollten. ‚Raus’ riefen wir, ‚geht doch endlich’.“ Die Antwort des Gesandten des Unternehmens hört die engagierte Umweltkativistin noch heute klar und deutlich: „‚Dann bleibt halt ein Dorf ohne Entwicklung!“

Was ist Entwicklung?

Durch den erbitterten Widerstand der Lokalbevölkerung konnte die Erdölförderung in der Parzelle 125 verhindert werden. Doch nicht für lange. Prompt wurde vom Staat eine neue Konzession vergeben. „Es grüßt die Korruption“, bringt Pilar die Sache auf den Punkt. Die Parzelle 184 ist noch größer als die vorhergehende und reicht bis in die Pufferzone des naheliegenden Schutzwaldes Alto Mayo. „In Lima sehen sie sich die Karte von Peru an und teilen das Land auf, wie es ihnen gefällt, ohne zu überlegen, ob die grünen Flecken bereits bewohnt sind“, wettert Pilar gegen den Zentralismus im Land. „Sie denken, da ist genug Platz, der genutzt werden muss.“
Der Gesandte des Erdölunternehmens verband mit Entwicklung asphaltierte Straßen und die damit zusammenhängende Schaffung von Arbeitsplätzen und Infrastruktur.[12] Das reicht Pilar jedoch nicht. „Entwicklung ist, dass ein Kind genug zu essen hat, dass es Zugang zum Gesundheitssystem hat, dass es in die Schule geht. Nahrung, Bildung, Gesundheit. Darum geht es“, ist die Mutter überzeugt.
Die Frage bleibt, ob bei heutiger Technologie sowie korrekter Planung und Durchführung die genannte Verbesserung der Lebensumstände nicht tatsächlich über private Unternehmen als Teil des Entwicklungsmotors realisiert werden könnte. Für Pilar gibt es keinen Zweifel: Sie kennt kein erfolgreiches Beispiel in Peru, bei der eine Erdöl- oder Bergbaufirma die im Vorfeld getätigten Versprechungen eingelöst, die von ihnen angepriesene Entwicklung eingeführt oder die ökologischen und sozialen Bestimmungen eingehalten hätte. „Es ist wie in einem Narkosezustand“, beschreibt Pilar die hohlen Versprechungen, „es ist wie im Halbschlaf. Sie versprechen Geld, Geld und noch mehr Geld, und beim Aufwachen, was ist dann noch übrig, von den natürlichen Ressourcen? Was ist dann noch mit dem Wasser und den Wäldern? Die Regierung ist ein effektives Narkosemittel.“

Unbestimmte Entwicklung ...?

Im Mai 2010 wurde in Peru das Gesetz zum „Recht auf vorherige Konsultation für indigene Völker“ verabschiedet - gerade rechtzeitig zum Jahrestag der Vorfälle in Bagua, wo am 5. Juni 2009 bei der Auflösung einer Straßenblockade 33 Menschen ums Leben kamen. Damit wurde die Konvention 169 der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) gesetzlich verankert. Ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, doch Papier ist geduldig. Denn gerade Informations- und Mitentscheidungsrecht der peruanischen Bevölkerung generell und der Indigenen im Besonderen ist bei den Entwicklungsinvestitionen äußerst eingeschränkt.
In der peruanischen Politik steht Intransparenz an der Tagesordnung. So musste zum Beispiel im Oktober 2008 das gesamte amtierende Kabinett der Regierung García zurücktreten. Es wurde öffentlich, dass Mitglieder der Regierungspartei mit dem staatlichen Erdölunternehmen Petroperú in mafiöse Korruptionsgeschäfte bei der Vergabe von Konzessionsgebieten verstrickt waren. [13] Dieser Vorfall zeigte auf, wie willkürlich mit den natürlichen Ressourcen Perus von staatlicher Seite umgegangen wird. Die Ermittlungen zur Aufklärung liefen nur schleppend an und wurden offensichtlich sabotiert. Eineinhalb Jahre später ist dieser Fall immer noch nicht abgeschlossen, dafür wurde eine Serie neuer Korruptionsfälle in der Regierungspartei zu unlauterem Landerwerb aufgedeckt.
Dies vor Augen ist es fraglich, wie das Recht auf Konsultation allgemein in Zukunft umgesetzt wird. Wer wird wie konsultiert und informiert werden? Wie groß wird Transparenz geschrieben?
Im Fall der Parzelle 184 in Moyobamba ist der Informationsprozess gerade im Gange (einen Konsultationsprozess gab es nicht). Doch Pilar Guadalupe sieht keinen Sinn in dieser Aktivität. Probleme würden schön geredet und die „informierten“ LandbewohnerInnen, wüssten immer noch nicht, worum es eigentlich geht. Die VertreterInnen des Erdölunternehmens verschenkten hauptsächlich T-Shirts, Tassen und anderen Hausrat. „Sie glauben, sie können uns kaufen“, empört sich Pilar. „Sie glauben, nur weil es Landwirte sind, sind sie dumm. Man muss sie transparent informieren, damit sie selbst entscheiden können. Man darf sie nicht betrügen. Wenn sie dann selbst entscheiden, dann stelle ich mich nicht mehr gegen die petroleros, dann mache ich nichts mehr.“

 

Beitrag bearbeitet von Sandra Schett, 20.7.2010

Fotos: Sandra Schett

 

Fußnoten:

[1] Vgl. www.inei.gob.pe, Volkszählung 2007

[2] 1218 comunidades nativas (vgl. DOUROJEANNI 2009: 29)

[3] Vgl. DOUROJEANNI 2009: 17, 29, 110

[4] DOUROJEANNI 2009: 28ff.

[5] Geht auf das gleichnamige Stück von Félix Lope de Vega Carpio aus dem Jahre 1618 zurück.

[6] 28.10.2007 in der Tageszeitung El Comercio. http://elcomercio.pe/edicionimpresa/html/2007-10-28/el_sindrome_del_perro_del_hort.html

[7] Wortwörtlich: „nativo selvático“, was sowohl waldig als auch wild bedeutet.

[8] Vgl. http://www.ibcperu.org/noticias/detalle-noticia.php?codigo=00134 und DOUROJEANNI 2009:43

[9] Vgl. http://www.servindi.org/actualidad/26727, http://larevistaagraria.com/sites/default/files/revista/r-agra115/LRA115-10-11.pdf , DOUROJEANNI 2009:63 ff, http://www.ibcperu.org/noticias/detalle-noticia.php?codigo=00134

[10] Reporte de Conflictos Sociales N° 75, Mayo 2010 http://www.defensoria.gob.pe/conflictos-sociales-reportes.php

[11] Interview mit Pilar Guadalupe Araujo in Moyobamba am 16. Mai 2010.

[12] Zur Schaffung von Arbeitsplätzen siehe DOUROJEANNI 2009: 62, der eine anfängliche Euphorie in der Phase der Bohrungen beschreibt, jedoch eine massive Arbeitslosigkkeit in der Phase der Erdölgewinnung.

[13] Vgl. http://www.infostelle-peru.de/isp/index.php/de/unsere-themen/regenwald/48-konzessionen


Quellen:

Defensoría del Pueblo

DOUROJEANNI, M. / BARANDIARÁN, A. / DOUROJEANNI, D.: Amazonía peruana en 2021. Explotación de recursos naturales e infraestructura: ¿Qué está pasando? ¿Qué es lo que significan para el futuro? Peru, 2009.

Instituto Nacional de Estadística e Informática

Instituto Nacional de Recursos Naturales

Instituto del Bien Común

Interaktive Perukarten

Informationsstelle Peru e.V.

MEENTZEN, Angela: Perus indigene Gruppen: „Wir wollen gehört und konsultiert werden”. Zwei Monate nach dem Protest indigener Organisationen im Amazonasgebiet Perus. Bonn, 2009

Revista Agraria

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