Der Dreck, von dem wir leben

Kriege um die Ressource Erdöl hat es bereits gegeben, Kriege ums Wasser werden in manchen Zukunftsszenarien befürchtet. Kaum ein Thema sind potenzielle Auseinandersetzungen um fruchtbare Böden – und das offenbar zu Unrecht.

Der US-amerikanische Geologe David R. Montgomery zeichnet in seinem 2008 unter dem Titel „Dirt: The Erosion of Civilations“ erschienen Buch ein dramatisches Bild über die Entwicklungen bei der Ressource Boden. Auch die eben herausgekommene deutsche Übersetzung drückt mit dem plakativen Wort „Dreck“ im Titel aus, wie schlecht die Menschheit in der Vergangenheit mit der Lebensgrundlage Boden umgegangen ist.
Montgomerys Darstellung reicht bis ins alte Ägypten zurück und bereitet viele schlechte und einige gute Beispiele aus allen Kontinenten und verschiedenen Gesellschaftssystemen auf. Das Buch ist eine Anklageschrift, die archäologische, geologische, biologische, kultur- und politikwissenschaftliche Aspekte zu stimmigen Analysen zusammenführt.
Eine seiner zentralen Thesen lautet, dass der Umgang einer Kultur mit dem Boden über deren Lebensdauer entscheidet und belegt dies u. a. mit der Geschichte der Römer und Mayas. Neu in unserer globalisierten Gegenwart ist, dass der Vorrat an fruchtbaren Böden zur Neige geht. Wo der Boden immer weniger Nahrung hergibt, sind die Menschen zur Flucht gezwungen. Montgomery beschreibt das etwa am Beispiel der USA, wo in den 1930er-Jahren über drei Millionen Menschen die großen Flächen der Prärie gen Westen verlassen mussten, nachdem Stürme die ausgelaugte Lebensgrundlage der Bauern buchstäblich weggeblasen hatten.
Konventionell betriebener Landwirtschaft ist eine Erosionsrate zuzuordnen, die deutlich über dem liegt, was sich gleichzeitig an gesunden, fruchtbaren Böden neu bildet. Seit 1945 sind weltweit 1,2 Millionen Hektar Ackerfläche verloren gegangen – das entspricht der Fläche von Indien und China zusammen. Überwiegend durch Erosion und Ermüdung der Böden, aber auch durch Versiegelung im Zuge der Urbanisierung.
Verschärft wird die Situation dadurch, dass der natürliche Prozess für die Entwicklung von bescheidenen zweieinhalb Zentimeter Boden im Schnitt ein halbes Jahrtausend in Anspruch nimmt. „Boden lässt sich nicht in für den Menschen relevanten Zeitabschnitten ersetzen. Er ist ein besonderer Stoff, eine unentbehrliche Ressource, die sich nur im Schneckentempo erneuert“, schreibt Montgomery
Zu den Zerstörern des Bodens zählt heutzutage aber nicht nur die industriell betriebene großflächige Landwirtschaft, sondern auch viele Kleinbauern, die aus Not gezwungen sind, den ihnen zur Verfügung stehenden Boden so auszunutzen, bis er entweder ausgelaugt oder die fruchtbare Schicht in alle Winde verweht ist.
Montgomery stellt fest, dass sich nur die ausgedehnten Lössgürtel in den großen Ebenen der USA, weiten Teilen Europas und Nordchinas für eine mechanisierte, intensive Landwirtschaft eignen. „Den Rest der Welt bedecken geringmächtige Böden, die das harte Gestein nur sanft verhüllen.“ Dazu zählen die meisten Regionen des Südens.
Natürlich stellt sich Montgomery der Frage der Zukunftsperspektiven – und verweigert einfache Antworten. Weil die Ausgangssituation von Region zu Region verschieden ist, müssen diese Antworten verschieden ausfallen. Gemeinsam ist ihnen eine Prämisse: Erosion und Erneuerung des Bodens müssen ein Gleichgewicht finden und der Verlust an landwirtschaftlichen Flächen muss gestoppt werden.
Das Buch ist faktenreich, gut recherchiert und angenehm zu lesen – eine hervorragende Grundlage zum Nachdenken und Diskutieren über eines der unterschätzten globalen Themen.
 

Autor: Hannes Schlosser

 

David R. Montgomery: „Dreck – Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert“, 352 Seiten; oekom verlag; München 2010, ISBN-13: 978-3-86581-197-4; 24,90 Euro.

 


 

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