Indigene Amazoniens rufen Notstand aus

Bereits viermal versammelten sich die VertreterInnen indigener Organisationen aus dem Drei-Länder-Eck Brasilien, Peru und Bolivien in den letzten sechs Jahren, um über die akute Bedrohung ihres Lebensraumes zu diskutieren. Diesmal riefen sie in Anbetracht der geplanten Staudammprojekte den Notstand für Amazonien aus.

Im Forum indigener Völker der Grenzregion Brasilien, Peru und Bolivien (Foro MAP Indígena) diskutieren Betroffene ihre aktuellen Bedürfnisse und bedrohten Lebensbedingungen im Amazonastiefland. Diese spezielle Plattform kristallisierte sich aus dem „Foro MAP“ heraus, das zum ersten Mal im Jahr 1999 die Wichtigkeit und die ökologische Sensibilität der Region ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Ins Leben gerufen von engagierten Personen aus dem akademischen Umfeld und Regierungs- und Nicht-Regierungsorganisationen, sahen sich die indigenen Völker jedoch nicht interessengerecht vertreten und gründeten 2004 das „Foro MAP Indigena“.
Die Grenzregion MAP besteht aus dem Kern des südwestlichen Amazonasgebiets und umfasst die Departments Madre de Dios (Peru), Acre (Brasilien) und Pando (Bolivien). Insgesamt handelt es sich um eine Fläche von über 300.000 km², die von ca. 800.000 Menschen bewohnt wird: Indigene, Bäuerinnen und Siedler. Die Bevölkerungszahl in der Region wächst stetig mit den in Planung und in Durchführung befindlichen Infrastrukturprojekten, die den Regenwald mit seiner enormen biologischen und kulturellen Vielfalt bedrohen.
Das 4. trinationale Treffen des Forums fand vom 23. bis 25. September 2010 in Puerto Maldonado statt, der Hauptstadt des peruanischen Departments Madre de Dios. Organisiert wurde es von der dort wurzelnden Indigenen Föderation des Flusses Madre de Dios und seiner Zuflüsse, FENAMAD (span: Federacion Nativa del rio Madre de Dios y Afluentes). Dutzende Delegationen regionaler, nationaler und internationaler indigener Dachverbände und Organisationen versammelten sich unter dem Aufruf „Vereinigung der Kräfte zur territorialen Verteidigung“ (Original: Uniendo esfuerzos para la defensa territorial de los pueblos indigenas de la frontera, Madre de Dios, Acre y Pando, MAP).

Mit vereinten Kräften gegen die Megaprojekte

Die Delegierten setzten sich beim Treffen vor allem mit den geplanten Megaprojekten zur „Entwicklung“ des Amazonastieflands und die damit einhergehenden Unvereinbarkeiten und Konsequenzen für ihren Lebensraum auseinander. Der Bau von Wasserkraftwerken, Straßenverbindungen, Erdöl- und Erdgasförderungen sowie andere Infrastrukturprojekte betreffen die gesamte Grenzregion. Die VertreterInnen der indigenen Organisationen arbeiten deshalb gemeinsam an politische Vorschlägen zur Verteidigung ihres Landes.
Die in Planung oder in Durchführung befindlichen Investitionsprojekte begründen sich in der internationalen Nachfrage nach Erdöl, Erdgas und elektrischer Energie. Das Amazonasgebiet steht durch dieses penetrante Verlangen nach Ressourcennutzung unter ständiger Bedrohung. Die Auswirkungen auf das Leben der Menschen in den Dörfern, Städten, indigenen Gemeinden oder in der freiwilligen Isolation sind fatal.
Die indigenen VertreterInnen der Grenzregion erörterten drei Tage die Wurzel des Problems und fanden sie in der fehlenden Umsetzung der von allen drei Länder anerkannten „vorherigen Konsultation indigener Völker“, wie sie in der Konvention 169 der Internationalen Arbeiterorganisation (ILO) formuliert ist. Diese besteht aus dem Mitentscheidungsrecht der indigenen Bevölkerung über ein staatliches oder internationales Projekt zur Ressourcennutzung bei direkter Beeinträchtigung oder Betroffenheit ihrer Territorien. In den südamerikanischen Ländern ist die Konvention unterschiedlich gesetzlich verankert. In Bolivien zum Beispiel beinhaltet die aktuelle Verfassung im ganzen Text die fundamentalen Rechte der indigenen Bevölkerung. Artikel 30 unterstreicht im Speziellen das Recht der vorherigen Konsultation bei der Förderung nicht-erneuerbarer Ressourcen auf ihrem Territorium.

INAMBARI – ein verkauftes Megaprojekt

Heftig diskutiert auf dem Treffen wurde auch der Bau des Inambari-Staudamms im Südosten Perus, da er in jeder Hinsicht etwas Besonderes darstellt: Zum Einen wegen des besonders intransparenten Planungsvorgangs, zum Anderen wegen der besonders großen Dimensionen. Das zukünftigen Wasserkraftwerk Inambari wird mit ca. 2000 Megawatt (die Angaben schwanken zwischen 1355 und 2200 MW) das leistungsstärkste von Peru und das fünftgrößte von ganz Lateinamerika sein. Die innovative Besonderheit des peruanischen Megaprojekts liegt jedoch in der fast ausschließlichen Stromerzeugung für das Nachbarland Brasilien.
In einem Abkommen für energetische Integration zwischen Brasilien und Peru hielten die beiden Länder im Mai 2008 die gemeinsamen energiepolitischen Interessen fest. Ziel ist es, die Energiepotenziale am Ostabhang der Anden zum Amazonasgebiet zu evaluieren und die von beiden Ländern als prioritär eingestuften Projekte durchzuführen. Brasilien braucht Strom und das Abkommen erlaubt die Erforschung, Finanzierung und den Bau von sechs oder mehr Wasserkraftwerken auf peruanischem Boden. Inambari ist eines davon.
Die Entscheidungsfindung zum Bau des Wasserkraftwerks fand unter Ausschluss der peruanischen Öffentlichkeit statt. Unklar und unverständlich bleibt, wer den Bau wie und warum positiv beurteilt hat. Bedenklich, da es sich um ein Megaprojekt in einer ökologisch sensiblen Region handelt, das für und vom Ausland gebaut wird, den nationalen Energieverbrauch aber bis zum Jahr 2021 decken könnte. Die Bevölkerung erfährt im Allgemeinen erst dann aus den Medien von Projekten nationalen Interesses, wenn sie bereits beschlossen sind.
Die Erhebung von Verträglichkeitsstudien, die aufzeigen wie Investitionsprojekte das lokale soziale Gefüge und das ökologische System beeinflussen, ist für jede Durchführungsphase gesetzlich vorgeschrieben. James Anaya, UN-Sonderbeauftragter für Indigene Völker, erklärte drei Tage vor dem trinationalen Forum MAP in Genf bei der Zusammenfassung des aktuellen Jahresberichts, dass die „unverantwortlichen Aktivitäten transnationaler Unternehmen weiterhin soziale Konflikte in Gebieten mit indigener Präsenz hervorrufen“. Er unterstrich deshalb die Wichtigkeit von sozialen und ökologischen Verträglichkeitsstudien.
Diese Studien werden vielfach vernachlässigt und oberflächlich geführt bzw. erst im Nachhinein -dem Projektdesign angepasst- hinzugefügt. Auch im Fall Inambari trifft dies zu. Der Bau des Staudamms in der Pufferzone des Nationalparks Bahuaja-Sonene hat ein Überschwemmungsgebiet von mindestens 40.000 Hektar zur Folge. Soziale Strukturen ganzer Siedlungen werden durch Zwangsverlegung zerstört, etwa 70 Dörfer müssen evakuiert werden. Insgesamt sind etwa 10.000 Menschen durch die Überflutung betroffen. Durch die Wiederansiedlung an Flussläufen gehen die humusreichsten Böden für die Schwemmlandwirtschaft verloren. Die geplanten Stromleitungen erstrecken sich über 300 Kilometer allein auf peruanischer Seite, was eine Entwaldung von ca. 6000 Hektar bei einer Schneise von kaum 20 Metern bedeutet. Diese Eingriffe wirken sich auch auf die Artenvielfalt der Tier- und Pflanzenwelt der Region aus, die mit der Einrichtung des Nationalparks eigentlich geschützt werden sollen.
Als traurige Ironie der Megaprojekte kann die Tatsache bezeichnet werden, dass mit dem Inkrafttreten des Staudamms auch ein Teil der im Bau befindlichen interozeanischen Straße unter Wasser gesetzt werden wird, die den Pazifik mit dem Atlantik verbinden soll.

Baustopp oder Notstand für Amazonien

„Wir erlauben nicht, dass die Regierungen Amazonien ausverkaufen“, so lautet der Grundtenor des 4. Treffens des indigenen MAP-Forums. Die zentrale Forderung der indigenen Völker der Grenzregion an die bolivianische und peruanische Regierung beinhaltet deshalb den Baustopp der Wasserkraftwerke Inambari (Peru) und Cachuela Esperanza (Bolivien). Ausschlaggebend dafür war die Nicht-Einhaltung des Rechts auf vorhergehende Konsultation sowie das dubiose Vorgehen und die Unstimmigkeiten während des Planungsprozesses. Ebenfalls klagen sie die fehlende Kommunikation und das Informationsdefizit über Maßnahmen der Unternehmen gegen sozio-ökologischen Auswirkungen bzw. Kompensationsleistungen an. Die indigenen Völker der Grenzregion Peru, Brasilien und Bolivien fordern daher die Ausrufung des Notstandes für das Amazonastiefland.
 

Autorin: Sandra Schett, 27. Oktober 2010

 

Quellen:

Aportes DPLF. Revista de la Fundación al Debido Proceso Legal. Número 14, Año 3, septiembre de 2010. Link zum Download

DOUROJEANNI, M. / BARANDIARÁN, A. / DOUROJEANNI, D.: Amazonía peruana en 2021. Explotación de recursos naturales e infraestructura: ¿Qué está pasando? ¿Qué es lo que significan para el futuro? Peru, 2009. Link zum Download

http://radiolvs.cnr.org.pe/ninterna.html?x=9762

http://www.redlar.org/noticias/2010/9/27/Eventos/Pueblos-Indigenas-de-Peru-Brasil-y-Bolivia-se-reunen-en-Puerto-Maldonado/

http://www.caaap.org.pe/index.php?option=com_content&task=view&id=1277&Itemid=1

http://www.aininoticias.org/?p=1415" target="_blank">http://www.aininoticias.org/?p=1415 ">http://www.aininoticias.org/?p=1415

http://www.aininoticias.org/?p=1408

http://www.inambari.pe/

http://womblog.de/2010/09/08/peru-riesiger-staudamm-bedroht-amazonas-wlder-und-70-drfer/

http://ipsnews.net/news.asp?idnews=52725

http://www.bicusa.org/en/Article.12195.aspx

http://www.observatoriotierras.info/taxonomy/term/19


 

Foto: Servicios en Communicación Intercultural Servindi

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