"Neues Afrikanisches Kino": Ein Glücksfall

Die (west)afrikanische Filmproduktion ist die jüngste in der Filmgeschichte. Wichtige Impulsen kamen etwa vom senegalesischen Regisseur Ousmane Sèmbene oder durch das Konzept der Négritude u.a. von Léopold Sédar Senghor. Mittlerweile stellt das panafrikanische Festival FESPACO in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, einen wichtigen Fixpunkt in der Filmbranche dar.

Entstanden im Zuge der Entkolonialisierung und der kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Neuorientierung ist die (west)afrikanische Filmproduktion die jüngste in der Filmgeschichte. Wegbereiter war der senegalesische Regisseur Ousmane Sèmbene, fundamentale Impulse lieferte das Konzept der Négritude von u.a. Léopold Sédar Senghor (1906-2001), Dichter und Präsident Senegals. Zahlreiche kulturpolitische Maßnahmen setzte Thomas Sankara als Präsident von Burkina Faso, in dessen Hauptstadt Ouagadougou das panafrikanische Festival FESPACO stattfindet. Nun hat der aus Mali stammende Film- und Literaturwissenschaftler Manthia Diawara, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft und Film an der New York University, umfassende Betrachtungen zum afrikanischen Gegenwartskino verfasst: „Neues afrikanisches Kino. Ästhetik und Politik“.

Diawaras Essaybuch ist in vielerlei Hinsicht ein Glücksfall: Es ist schön und lesefreundlich gestaltet und gibt erkenntnisreiche Einblicke in das afrikanische Gegenwartskino. Vor allem aber folgt Diawara einer aktuellen kulturphilosophischen Leitfrage: Wie wird das afrikanische Kino Ausdruck von afrikanischen Ästhetiken? Seit Film als industrielles Kunstwerk mit seinen ökonomischen Gesetzen als mächtiges Massenmedium fungiert, schlägt die Siebte Kunst Breschen, aber auch Gräben in der globalen Kommunikation wie kein anderes künstlerisches Medium. Die Frankophonie als politischer Player mit wirtschaftlichen und kulturellen Zielen hat denn auch den finanziellen Grundstein für das Entstehen der größtenteils westafrikanischen Filmproduktion geschaffen, während damit zugleich die Erwartung an eine europakompatible Ästhetik und einer Themenwahl zwischen postkolonialer Kritik und Folklore ihren Einfluss nimmt. Für die RegisseurInnen stellt sich die Frage ganz anders: Zwischen Anschluss an die moderne Kulturrevolution der 1960er Jahre und der Erschließung afrikanischer Traditionen, liegen sie im „Kampf um das Eigentum an den Kulturpraktiken“. (S. 152)

Diawara entwickelt eine Typologie der unterschiedlichen Strömungen des Gegenwartskinos: Die arte-Welle angeführt von Abderrahmane Sissako (Mali, u.a. „La vie sur terre“ und „Bamako“), dessen perfektionistisches Bilderkino Utopie und Alltagskultur bravourös zusammenführt. Einen äußerst politischen Zugang zum Kino verkörpern jene Regisseure, die sich zu der Filmgilde „Guilde africaine des réalisateurs et producteurs“ zusammenschlossen und mehrheitlich in der Diaspora leben, u.a. John Akomfrah (Ghana/Großbritannien, u.a. „Seven Songs for Malcom X“) und Balufu-Bakupa Kanyinda (Kongo, u.a. „Le Damier“ und „Thomas Sankara“). Eine weitere Tendenz ortet Diawara bei den Vertretern eines neuen Erzählkinos, u.a. Mansour Sora Wade (Senegal, „Le prix du perdon“), bei denen ein lokaler Bezug in der Handlung ebenso dominiert wie sie sich für die Filmsprache vom afrikanischen Kunstverständnis inspirieren lassen, in dem z.B. Rhythmus eine grundlegende Rolle spielt.
Sie alle verbindet, dass sie „Film nicht zur Vermittlung einer Ideologie gebrauchen, sondern als Medium der Entdeckungsreise ins eigene Innere, der künstlerischen Erfindung und Darbietung“. (S. 98) Ein eigenes Kapitel ist schließlich dem Phänomen Nollywood gewidmet. Die in wenigen Tagen abgedrehten Videos – 400 bis 2000 pro Jahr – folgen einer Trash-Ästhetik und bieten Identifikation zum einen nach dem Rezept von Serials, zum anderen in der Thematisierung nigerianischer Alltagskonflikte zwischen Gewalt, Sex, Hexerei und Juju. Diawara kommt in seinen Ausführungen immer wieder auf den zentralen Punkt der Ästhetik zurück, als Ausdruck einer filmischen Initiation als Angebot an das Publikum: „Aber die Identifikation mit einer Geschichte hängt immer auch von einem ästhetischen Vertrag ab, auf den ich mich als Zuschauer einlasse, sobald ich mich entschließe, den Film zu sehen“. (S. 172)
Einen marginalen Anteil in Diawaras Ausführungen haben afrikanische Regisseurinnen und Dokumentarfilme.

Dass sich Diawaras Buch so vergnüglich und leicht liest hat mit seinem Konzept zu tun: Er nimmt die Leserschaft auf Reisen mit, ganz wörtlich. Seine Reise zum panafrikanischen Festival FESPACO in Ouagadougou ist eine Montage aus persönlichen Erlebnissen zwischen Hotel, Kino und Festivalereignissen sowie über die große Abwesenheit des „Halbgottes“ des afrikanischen Films, Sèmbene, der 2007 verstorben ist. Eine zweite Reise führt Diawara nach Berlin, wo er ihm Haus der Kulturen die Reihe „African Screens“ kuratierte. Immer wenn Diawara die Kontexte von Schausituationen beschreibt, verdichtet sich die Gewissheit, dass ein und derselbe Film auf einer Leinwand in Ouagadougou ein anderes Leben annimmt als im Berliner Haus der Kulturen. So erfährt Diawara schließlich auch Nollywood in Nigeria auf neue Weise.

In „Neues afrikanisches Kino. Ästhetik und Politik“ erfahren transkulturelle Betrachtungen und Filmtheorie ihren ursprünglichen Sinn, die Phänomene dieser speziellen Kulturtechnik Film verstehen zu können und zugleich darauf gestoßen werden, dass die Rede vom „globalen Dorf“ zu allererst einer „dörflichen“ Identität bedarf. Die Umkehrung, wie sie Film besonders durch Hegemonieverhältnisse allzu oft heraufbeschwört, ist absurd, denn Globalität ist ein Abstraktum. Oder wie Sèmbene es formulierte: Um universell zu sein, muss man von seinem Dorf erzählen.

 

Autorin: Verena Teissl

 

Manthia Diawara: Neues afrikanisches Kino: Ästhetik und Politik, München: Prestel, 2010, 319 Seiten, 25,70 €, ISBN 3-7913-4343-2, inkl. DVD mit Interviews zahlreicher RegisseurInnen.
 

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