Selbstbedienungsladen Landwirtschaft

Der Vorarlberger Fruchtsafthersteller Rauch ist mit Abstand der größte Empfänger von Agrarsubventionen in Österreich. 9,5 Millionen Euro hat das Unternehmen 2008 dafür bekommen, dass es Zucker aus der EU verwendet, um damit u.a. den Energie-Drink Red Bull abzufüllen. Gleich sechs der zehn reichsten Österreicher (unter ihnen Red-Bull-Eigentümer Dietrich Matschitz, Julius Meinl V., VW-Miteigentümer Hans Michael Piech) bekommen für ihre Ländereien fünf- bis sechsstellige Eurobeträge überwiesen. Kurioserweise lautet die offizielle Begründung auch bei diesen Multimillionären „Gewährleistung eines stabilen Einkommens“.

Hans Weiss hat als Sachbuchautor in der Vergangenheit bereits mit Büchern über die Pharmaindustrie und die Ärzteschaft für viel Aufsehen gesorgt. Sein „Schwarzbuch Markenfirmen – Die Machenschaften der Weltkonzerne“ (2001, gemeinsam mit Klaus Werner) ist ein wichtiger Beitrag zur Sensibilisierung gegenüber Kinderarbeit und menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in den Fabriken des Südens.
Das Anfang September erschienene „Schwarzbuch Landwirtschaft“ knüpft in Herangehensweise und Brisanz an frühere Bücher an und bietet vieles, was ein Bestseller und ein Standardwerk brauchen. Faktenreich führt Weiss ein Subventions- und Fördersystem vor, das dazu führt, dass in der österreichischen Landwirtschaft dazu dient, die Großen zu stärken und den Untergang der kleinen Bauern nicht zu verhindern.
Weiss erzählt in leicht lesbarem, polemischen Stil aber nicht nur vom Subventions- sondern auch vom Steuerparadies Landwirtschaft. Nicht zuletzt wegen der aberwitzigen Konstruktion der Einheitswerte (mit dem landwirtschaftlicher Besitz nur zu einem Bruchteil seines tatsächlichen Wertes erfasst wird), zahlt kaum ein landwirtschaftlicher Betrieb in Österreich Steuer – egal wie reich dessen BesitzerInnen tatsächlich sein.
Beschrieben wird auch das Raiffeisenimperium, das wohl politisch und wirtschaftlich einflussreichste Netzwerk der Republik. Beim Namen genannt werden auch die bäuerlichen Funktionäre, die ihre vorrangige Aufgabe darin sehen, sich selbst an den unerschöpflichen Töpfen der Republik zu bedienen. Auch der vor Jahrzehnten in Tirol erfolgte Raub von Milliardenwerten an Gemeindevermögen zugunsten von Agrargemeinschaften ist Bestandteil des Buches. Nicht zuletzt zertrümmert Weiss das Märchen von der sauberen österreichischen Landwirtschaft und ihrer gesunden Produkte.
Erschreckend ist die geringe Wirkung, die das Buch seit seinem Erscheinen erzielt hat. Mehr als einige lobende Rezensionen waren da nicht. In der Debatte um das Sparbudget der Bundesregierung hat das Thema Landwirtschaft faktisch keine Rolle gespielt. Tatsächlich wären hier Milliardenbeträge zu holen, ohne dass ein einziger kleiner Bauer deshalb Schaden nehmen würde. Der brisante Inhalt der Recherchen von Hans Weiss und deren Folgenlosigkeit stellt der Politik des Landes, aber auch seiner Medien ein denkbar schlechtes Zeugnis aus. Die Fakten liegen auf dem Tisch, ohne dass der Agrarlobby und ihren Machenschaften zu Leibe gerückt oder auch nur ein Cent genommen wird. Eine Schande und ein Skandal zugleich.

Autor: Hannes Schlosser


Hans Weiss: Schwarzbuch Landwirtschaft – Die Machenschaften der Agrarpolitik; 173 Seiten, Deuticke; Wien 2010; ISBN 978-3-552-06145-3, 16,40 Euro

 

 


 

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