Tansania: Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs

Als eines der ärmsten Länder der Welt steht Tansania nicht als einziger Staat am afrikanischen Kontinent vor der Herausforderung, Krebskranke optimal zu behandeln. Die größte Aufgabe besteht darin, landesweiten Zugang zu Therapien zu schaffen. SüdNews-Redakteurin Madeleine Kassar sprach vor Ort mit dem Arzt Olola Oneko.

Im ostafrikanischen Staat Tansania leben nahezu 43 Millionen Menschen. Das Land, reich an kultureller Vielfalt mit mehr als 130 unterschiedlichen Stämmen und ebenso vielen inoffiziellen Sprachen, weist jährlich über 21.000 neuerkrankte KrebspatientInnen auf. Dieser alarmierenden Zahl gegenüber gestellt findet sich nur ein Krebsspezialist landesweit. Zudem gibt es keine SpezialistInnen im Bereich Krebschirurgie und nur eine Möglichkeit zur Magnetresonanztomographie, die zur Detektion verschiedener Krebsarten ausschlaggebend sein kann. Gemessen an der weiblichen Bevölkerung führen Brust- und Gebärmutterhalskrebs am häufigsten zum Tode. Im Jahr 2007 haben SpezialistInnen eine Deklaration zur Etablierung von Krebsprogrammen in Afrika geschaffen. Diese beinhaltet sechs essentielle Schritte, um das Ziel ehest möglich zu erreichen, und führen von Früherkennung über Präventionsmaßnahmen und Dokumentation bis zur palliativen Therapie.
Dr. Olola Oneko, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, hat im Norden Tansanias im Kilimanjaro Christian Medical Center eine Krebsklinik für Frauen aufgebaut. Das Hauptaugenmerk liegt dort auf Brust- und Gebärmutterhalskrebs. Im Gespräch gewährt der charismatische Chefarzt einen Einblick in die derzeitige Lage und die täglichen Herausforderungen.


Madeleine Kassar: Wie wird das Thema „Krebs“ in der tansanischen Bevölkerung wahrgenommen?


Dr. Olola Oneko: Lange Zeit gab es kaum Informationen zu diesem Thema. In den letzten zwei Jahren jedoch wurde in Ostafrika vermehrt aufgeklärt, wodurch das Wissen vor allem zum Thema Gebärmutterhalskrebs und Brustkrebs enorm zunahm.


M. Kassar: Wie wird die Bevölkerung aufgeklärt und welche Stellung nimmt die traditionelle Medizin bezogen auf die bevölkerungsweite Aufklärung ein?


Dr. Oneko: Aufklärung geschieht zurzeit medial. Dies beinhaltet Fernsehen, Radio uvm. Allerdings auch über Mundpropaganda. Eine ebenso wichtige Stellung nimmt die Kirche ein. In den Gottesdiensten wird Krebs als lebensgefährliche Krankheit angesprochen. Die Priester sind zur Aufklärung bereit und arbeiten mit Medizinern zusammen. In ländlichen Regionen allerdings, wo ein Mangel an professionellen Medizinern besteht, verlässt man sich auf die sogenannten „witch doctors“ (traditionelle Mediziner). Erst wenn ihre Behandlungsstrategien erschöpft sind und die Symptome weiterhin bestehen, nehmen Patienten den langen Weg ins Krankenhaus auf sich. Bei der Diagnose Krebs ist das (fast) immer zu spät. „Witch doctors“ sind bevölkerungsweit sehr einflussreich, aber derzeit gibt es im Bereich Krebsaufklärung keine Zusammenarbeit.


M. Kassar: Welche Einstellung haben tansanische Frauen zu Brust- und Gebärmutterhalskrebs?


Dr. Oneko: Eine Frau kommt zur Vorsorgeuntersuchung weil sie erfahren hat, dass ihre Schwester, ihre Mutter oder ihre Freundin daran erkrankt ist. Sie weiß nun über die lebensbedrohende Krankheit Bescheid und hat einfach große Angst. Diese Angst treibt sie letztlich zu uns an die Klinik.


M. Kassar: Die medizinischen Methoden zur Früherkennung bestimmter Krebsarten, sogenannte Screeningverfahren, werden häufig kritisiert, da die Kosten-Nutzenrechnung zum Teil nicht aufgeht. Welche Screeningverfahren für Gebärmutterhalskrebs stellen sich als sinnvoll in Ihrer Klinik dar?


Dr. Oneko: Als Screeningverfahren für den gefürchteten Gebärmutterhalskrebs haben wir uns für die visuelle Inspektion mit Essigsäure (VIA – visual inspection with acetic acid) entschieden. Hierbei wird Essigsäure auf den Muttermund gestrichen. Wenige Minuten danach wird die Schleimhaut des Muttermundes vom durchführenden Beobachter mit dem bloßem Auge begutachtet. Der Beobachter können ein Arzt, eine Krankenschwester oder nahezu jeder sein, der mit dieser Methode vertraut ist. Dazu ist weder eine spezielle Lichtquelle noch ein Mikroskop notwendig. Verfärben sich die Bereiche in der rosaroten Schleimhaut weiß, können wir von einer Krebsvorstufe ausgehen. VIA ist ein Verfahren, das nahezu überall genutzt werden kann, es ist billig, und in Tansania, wo die ärztliche Versorgung ungenügend ist, hat sich VIA als das Beste erwiesen. Meine Erfahrung mit dieser Methode reicht mindestens 5 Jahre zurück. Das KCMC hat zusammen mit fünf weiteren afrikanischen Ländern eine Forschungsarbeit zur VIA durchgeführt. Die Ergebnisse waren sehr positiv, womit das KCMC nun zu einem Trainingszentrum für die VIA-Methode wurde.


M. Kassar: Stichwort Srenningverfahren für Gebärmutterhalskrebs: Ihre Finanzierung und wie viel der Kosten müssen die Patientinnen selbst tragen?


Dr. Oneko: Zu Zeiten der Forschungsarbeit konnte man den Frauen das Screeningverfahren durch Forschungsgelder gratis zur Verfügung stellen. Da die Forschungsarbeit große Erfolge verzeichnen konnte, ist die Regierung mittlerweile zur Finanzierung bereit.


M. Kassar: Seit einigen Jahren sind HPV-Impfstoffe auf dem Markt, die als Präventionsmaßnahmen zur Entstehung von Gebärmutterhalskrebs gelten. Die Impfungen sind allerdings teuer. Wer kann die Kosten dafür tragen?
Dr. Oneko: Es stehen zwei Impfstoffe zur Verfügung, der 2-fach- und der 4-fach-Impfstoff. Beide Impfstoffe sind gleichermaßen akzeptiert. Die sinnvollste Indikation für die Impfung stellen junge Mädchen im Alter von neun bis 15 Jahren dar, die man noch vor ihrem ersten Sexualkontakt impfen lassen sollte. Derzeit können sich tansanische Familien die Impfungen für ihre Töchter nicht leisten, sie sind viel zu teuer. Ob die Regierung eine Finanzierungsmöglichkeit bieten kann, ist noch im Gespräch.

M. Kassar: Es wird angenommen, dass die Vorsorgeuntersuchung (Abstrich des Muttermundes) noch lange durchgeführt werden muss, denn sogar wenn alle jungen Mädchen heute geimpft werden würden, würde die Rate an Neuerkrankten frühestens im Jahr 2040 um die Hälfte sinken. Wäre es aus diesem Grund nicht sinnvoller, mehr Geld und Arbeit in die Früherkennung (Vorsorgeuntersuchung – Abstrich des Muttermundes) als in Präventionsmaßnahmen (HPV-Impfung) zu stecken?


Dr. Oneko: Im Grunde haben wir es mit zwei Riskogruppen zu tun. Sagen wir: Mit Töchtern und deren Müttern. Einerseits wollen wir die Töchter, also die jungen Mädchen schützen, indem wir sie impfen und ihnen dadurch die Chance geben, niemals an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Andererseits müssen wir uns weiterhin um die Mütter, also um die Frauen, die niemals die Möglichkeit hatten sich vor ihrem ersten Sexualkontakt durch die Impfung zu schützen, kümmern. Daher stellt die Kombination aus beidem das Optimum dar, denn so können wir alle betroffenen Bevölkerungsgruppen am effizientesten und auf lange Sicht absichern.


M. Kassar: Ein allgemein bekannter Risikofaktor für die Entstehung vieler Krebsarten ist das Tabakrauchen. Viele Regierungen schreiten daher zu drastischen Maßnahmen und einige führten bereits strenge Tabakverbotsgesetze ein. Ist ein Gesetz dieser Art in Tansania ebenso denkbar?


Dr. Oneko: Es ist zumindest realistisch. Tabakverbotsgesetze müsste man über Öffentlichkeitsarbeit etablieren, wobei es vereinzelt schon ein paar Nichtraucherlokale gibt. Sehr vereinzelt allerdings.
M. Kassar: Die Dokumentation dient unter anderem der Entwicklung effektiver Krebsprogramme. Wie wird in Tansania dokumentiert? Sind die Daten statistisch verarbeitbar?


Dr. Oneko: In Ostafrika wird ein Krebsregister geführt. Unsere Dokumentation ist nicht computergestützt, das heißt wir dokumentieren per Hand. Die Daten wären natürlich verarbeitbar, aber derzeit fehlen für IT-Programme und entsprechende Computer die Gelder. In diesem Fall stehen wir vor „competing priorities“. Wir stecken die finanziellen Mittel in Früherkennung, Prävention, Ausbildung uvm. Dokumentation, und Analysen schlucken ebenso viele Gelder, die wir leider nicht haben. Andererseits spielen diese Faktoren zur Verbesserung und Etablierung geeigneter Krebsprogramme eine große Rolle. Wir hoffen, dass es kommt, aber voraussichtlich wird es noch lange dauern.


M. Kassar: Unterstützt die tansanische Regierung die derzeitigen Krebsprogramme? Welche Rolle spielen private Versicherungen?


Dr. Oneko: Die tansanische Regierung unterstützt Krebsprogramme, soweit sie kann. Einige Tansanier haben mittlerweile eine private Krankenversicherung abgeschlossen, welche das System in finanzieller Hinsicht stützen. Es können sich natürlich nicht alle private Krankenversicherungen leisten, denn dazu ist ein jahrelanges stabiles Einkommen nötig.

M. Kassar: Welche Therapien zur Krebsbehandlung werden in Tansania zur Verfügung gestellt?
Dr. Oneko: In Dar-es Salaam, der Hauptstadt Tansanias, werden Chemo- und Strahlentherapie zur Verfügung gestellt. Die Frage, die sich für unsere Patientinnen stellt, ist nicht so sehr, ob es Therapien im Land gibt, sondern vielmehr wie sie sich die Fahrtkosten zu den entsprechenden Therapiezentren leisten können.


M. Kassar: Wäre es möglich eine Strahlentherapie im Norden Tansanias in der Stadt Moshi im Kilimanjaro Christian Medical Center (KCMC) zu etablieren?


Dr. Oneko: Natürlich, das wäre durchaus machbar. Es reicht allerdings nicht, nur über die Technik zu verfügen. Wir brauchen auch Personal zur Umsetzung und Durchführung der Radiotherapie. Dieses Personal muss erst ausgebildet werden.
M. Kassar: Man unterscheidet in der Krebstherapie zwischen dem kurativen Ansatz, welcher die Heilung durch eine entsprechende Behandlung anpeilt, und dem palliativen Ansatz, der zwar nicht der Heilung, jedoch dem Erhalt der Lebensqualität und Schmerzfreiheit dient. Dies bedarf nicht nur eines medizinischen Equipments, sondern auch genügend Personals. Wie ist die Lage in Tansania?


Dr. Oneko: Wir haben leider in der Schmerzmedizin ebenso wenig Ressourcen. In anderen Städten laufen schon verschiedene Programme zur Schmerzmedizin, dennoch: Tansanische Schmerzmediziner sind eine Rarität.

 

Links:
http://www.afrox.org/26/london-declaration
www.biomedcentral.com/content/pdf/1472-698x-10-24.pdf
https://www.unfpa.org/webdav/site/global/shared/events/Cervical%20Cancer%20Event%202010/Nathalie%20Broutet%20-%20WHO%20six%20Afr%20country%20study%20%5BCompatibility%20Mode%5D.pdf
http://www.kcmc.ac.tz/

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