Glatt & Verkehrt 2011 - Ein Rückblick

Die schönsten Tage dieses Sommers sind vorbei: das diesjährige Glatt & Verkehrt-Festival in Krems ist beendet.

Glatt & Verkehrt, das bedeutet nicht zu wenige Blicke über den weltmusikalischen Tellerrand, fernab von weltmusikalischen Multi-Kulti-Klischees. Um so etwas auch veranstalten zu können benötigt man, neben den strukturellen Voraussetzungen, a) eine gehörige Portion Fachwissen und b) den Mut, diese Konzept auch durchzuziehen. Belohnt wurden Kurator Joe Aichinger und sein Team dafür mit einem fast zur Gänze ausverkauften Festival.

Stand Tag 1 des 5-tägigen Festivals noch unter dem wagen Titel "Klangrebellen & Soundpoeten", so waren alle weiteren Tage klar regional verortet (Do.: Mexiko; Fr.: Großbritannien; Sa.: Nordostafrika; So.: Spanien). Pro Tag traten jeweils drei Gruppen auf und jeder Tag brachte zumindest ein fantastisches Konzert mit sich.

Den mehr als gelungen Auftakt machte die New Yorker Vokalimprovisatorin Shelley Hirsch (Bild 1) mit dem japanischen Independent-Gitarristen Kazuhisa Uchihashi. Beide zogen das Publikum mit einem fesselnden, einstündigen, reinen Improvisationsprogramm in ihren Bann.

Als große Überraschung outeten sich am selben Tag auch die vorarlberger Jungspatzen vom Holstuonarmusigbigbandclub. Bekanntheit erlangten sie bereits über ö3-Playlists; allerdings sind gut 5/6 ihrer Songs für ö3 gänzlich ungeeignet, pendeln ihre Brass-Stücke doch zwischen Jazz, Balkan/Gypsy und alpiner Volksmusik.

Unmöglich ist es, das Highlight des zweiten Tages (Mexiko) zu benennen; es erwiesen sich alle drei Bands auf ihre Art als einfach umwerfend. Gestartet wurde sehr traditionell, aber pointiert mit Sons und Fandangos aus der Region Veracruz, gespielt von den hervorragenden "Son de Madera", die das Publikum begeisterten. Begeistern konnte das Publikum aber auch Juan Pablo Villas mit seinen vielschichtigen, innovativen Vokalimprovisationen. Und auch das Tambuco Percussion Ensemble begeisterte mit einem sehr exponierten Programm: neben Stücken für vier Marimbas wurde Musik zeitgenössischer Komponisten für Steine oder "Ganzkörperperkussion" gegeben.

Am Großbritannien-Tag spielte Alt-Rocker Justin Adams mit Juldeh Camara aus Mali (Bild 2) groß auf. Ihr Desert-Blues erwies sich dabei als weit kraftvoller und ausgelassener, als die Studioaufnahmen vermuten lassen würden. Camaras elektrisierenden Solis auf der kleinen Ritti-Geige ergänzten die satten Gitarren-Riffs Adams kongenial.

So mitreissend die beiden afrikanischen Gruppen am folgenden Samstag auch waren (aus Sudan Abdel Gadir, der Mann mit einer Stimme, gescheidig wie Honig, plus Band, Bild 3; aus Ägypten das ausgelassene El Tanbura Ensemble, Bild 4), in den Schatten gestellt wurden sie freilich vom großen äthiopischen Jazzer Mulatu Astatke und seinen jungen Kollegen aus New York. Diese erwiesen sich allsamt als hervorragende Instrumentalisten, die auf Basis äthiopischen Soul-Jazz' die Sandgrube Nummero 13 zum brodeln brachten.

Beim Spanien-Tag war freilich ein Flamenco-Konzert eine "aufg'legte G'schicht" und mit Manuel de los Santos Pastor konnte ein Urgestein des alten, ganz herben Flamenco gewonnen werden, dessen Auftritt relativ kurz, dafür aber umso heftiger war. Auch das freilich ein Weltklasse-Konzert.

Wie erwartet wenig aufregend, dafür umso lauter verliefen die beiden Konzerte aus der Multi-Kulti-Ecke. Zum einen waren das Transglobal Underground aus Großbritannien und zum andern die spanischen Ojos de Brujo. Beides freilich große Namen aus dem World-Pop-Bereich, die eben das boten: Pop, angereichert mit exotischen Versatzstücken.

 

Unter Strich dürfte das Glatt&Verkehrt-Festival 2011 mit seinem abwechsungsreichen, anspruchsvollen und sehr pointierten Programm wohl das beste der letzten Jahre gewesen sein.

Nur zu viele Menschen, oft jahrelange Gäste vom Glatt&Verkehrt-Festival, konnten heuer keine Karten mehr bekommen, da der Andrang besonders groß war. Tipp also für 2012 - schon heute einen großen Erinnerungs-Zettel schreiben und dort aufhängen, wo Sie ihn nicht übersehen können!

 

Autor: Thomas Divis

Fotos: Florian Schulte

www.glattundverkehrt.at

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