Nizami: Leila und Madschnun (Hörbuch)

Stimme: Anne Bennent/Musik: Otto Lechner & Ensemble;
2 CDs; Mandelbaum Verlag und Extraplatte
***** + 1 Extra-*chen

„Wieder einmal zog ein junger Tag sein leuchtendes Gewand aus Brokat an. Er hängte dem Himmel die Sonne als Goldgeschmeide ans Ohr und im Zinnoberrot ihrer Flammen schmolz das Quecksilber der Sterne dahin. Da erschien Madschnun beim Zelt der Geliebten.“

Die Geschichte von Leila und Madschun ist eine alte orientalische Liebesgeschichte, die 1188 vom persischen Dichter Nizami bearbeitet wurde. Die beiden verlieben sich in jungen Jahren und, obwohl sie sich kaum als Paar begegnen konnten, bleiben sie sich doch bis über den Tod hinaus treu. Madschnun entwickelt dabei bereits sehr früh eine immer heftiger werdende Obsession mit ausgeprägten masochistischen Komponenten. Sublimation findet seine Leidenschaft nur durch Worte, Gedichte, Sprache, durch die er seine Gefühle zu Leila beschreibt. - Mag diese Geschichte auch nicht sonderlich aufregend klingen, umso atemberaubender sind die Worte, die Nizami dafür fand:

 

Die Trennung von der Geliebten raubte dem Jüngling die Heimat und wenn Leila nur im Geheimen weinte, so stellte er sein Leid allen zur Schau. Er tauchte bald hier auf, bald dort. Er streifte in den Gassen der Zelte umher und dann wieder im Basar bei den Buden der Händler und Handwerker. Er ging ohne Ziel, nur von seinem kranken Herzen getrieben und er bemerkte auch nicht die Leute, die nach im starrten, denn zwischen seinen Wimpern quollen unablässig die Tränen hervor und rannen über seine Wangen wie Wildbäche. Dazu sang er schmerzliche Lieder, wie das in ihrem Elend die Liebenden tun. Zog er seines Wegs rief man vor und hinter ihm: Sieh! Der Verrückte! Madschnun kommt! Madschnun!
Die Zügel waren der Hand dieses Reiters entglitten. Sein Inneres lag bloß wie eine gespaltenen Frucht. Er hatte nicht nur die Freundin, sondern auch die Herrschaft über sich selber verloren. So lass jeder auf seinem Antlitz den Widerschein des Brandes, der sein Herz versengte und sah das Blut, das sein Herz verströmte. Er litt um die Freundin und die Freundin blieb fern. Je länger das dauerte umso mehr wurde Qeis zu Madschnun. Er vergaß wie die Kerze in den Nächten das schlafen und während er das Heilmittel suchte für Seele und Leib nährte er beide mit tödlichem Weh. Bei jeder Dämmerung jagte ihn das Gespenst seiner Hoffnung barhaupt und barfuß in die Wüste hinaus.
Es geschah etwas seltsames. Man hatte Madschnun von Leila getrennt. Und nun machte ihn die Sehnsucht erst recht zum Sklaven der gefangenen Geliebten. Ein Wahnsinniger war er geworden und zugleich auch ein Dichter. Er war die Harfe seiner Liebe und Qual. Nachts, wenn die Menschen schliefen, wanderte er heimlich zum Zelt der Geliebten. Dann sprach er unterwegs seine Verse. Schneller als der Nordwind flog er dahin, küsste wie ein Schatten die Schwelle von Leila und kehrte vor dem Morgengrauen zurück. Aber wie schwer fiel ihm stets diese Heimkehr. Sie schien ihm ein Jahr lang zu dauern. Floß er auf dem Hinweg wie Wasser in einen Brunnen, so kroch er auf dem Rückweg durch hundert Schluchten und Dornen nach Hause.

 

Dieser hochpoetische und berührende Text wird gelesen von Anne Bennent. Ihr nachdrücklicher Erzählstil erlaubt es keinem Wort, sich zu verstecken und bildet so einen eindrucksvollen Kontrast zur metapherreichen Sprache Nizamis. Vorsichtige Unterstützung erfährt sie durch Otto Lechner, Peter Rosmanith, Alp Bora, Marwan Abado, Nasr-Edinne Nouri, Kadero Rai u. a., also aus dem, im weitesten Sinne, arabisch bewegten Wien. Ab und an wird der Text Nizamis auch gänzlich zu Gunsten eines Liedes unterbrochen. Es sind das gerade mal 5 Songs auf 2 CDs, doch was für Perlen, die da zwischen den Worten klingen!

http://www.mandelbaum.de/books/791/7321

Autor: Thomas Divis

---

*                       no!
**                     lauwarm
***                   Yin/Yang
****                 ziemlich gut
*****               wir empfehlen aus- & nachdrücklich

Share this:

Hinzufügen Del.icio.us Hinzufügen Facebook