Zu-Flucht

In ihrem neuen Buch widmet sich die Journalistin Susanne Scholl der Situation von Asylwerbenden in Österreich. Geschichten von Flüchtlingen ergänzt sie mit ihrer eigenen Erfahrung in Bezug auf den Umgang mit dem Asylrecht in Österreich.

„Wissen Sie nicht, dass die große Mehrheit jener, die heute in Österreich Zuflucht suchen, das tut, weil sie an Leib und Leben bedroht ist?“ fragt die Journalistin Susanne Scholl in einem offenen Brief an Bundeskanzler Werner Faymann, Innenministerin Maria Fekter und Außenminister Michael Spindelegger im Mai 2010. Diese und weitere Fragen stellt sie empört anlässlich der Festnahme von zwei Burschen des Fußballvereines „Sans Papiers“ auf der Wiener Marswiese. Beide wurden abgeschoben, man hat nie wieder etwas von ihnen gehört.
Dieser Brief ist in Scholls jüngstem Buch „Allein zu Hause“ nachzulesen, wie so vieles andere im Zusammenhang mit Flucht, Flüchtlingen und Asyl in Österreich auch. Etwa die Antwort auf eingangs zitiertes Schreiben, die Scholl noch mehr empörte: Dass nämlich alles in Ordnung sei, wie der Staat Österreich und seine VertreterInnen mit der Verpflichtung eines Rechts auf Asyl umgegangen werde.
Mitnichten, meint die langjährige ORF-Korrespondentin für Osteuropa und zitiert beispielsweise aus dem abschlägigen Asylbescheid einer jungen Frau, „die nicht in der Lage war, beim ersten Asylgespräch zu erzählen, was ihr an Gewalt angetan worden war“. Als sie es schließlich dennoch tat, hielten Österreichs Beamte das nicht für „nicht asylrelevant“.
„Allein zu Hause“ ist eine Fundgrube von Geschichte über Menschen, die zur Flucht gezwungen wurden und über ihre Nöte im Asylland Österreich. Scholl erzählt etwa von der Familie Durmisis in Röthis, die beherzte BürgerInnen vor der Abschiebung retteten, oder von Tahira, einer Armenierin mit aserischem Vater, die das Pogrom in Sumgait gegen ArmenierInnen überlebte, oder von Leila, die als Kind mit ihren Eltern aus Chile vor dem Diktator Augusto Pinochet und seinen Schergen flüchten musste. Den Vertriebenen ist gemeinsam, dass sie Hilfe brauch(t)en, aber in Österreich bei vielen nicht willkommen waren (sind), dass sie um Asyl und Bleibe kämpfen mussten (müssen) und so manche diesen Kampf schließlich auch verloren.
Während Susanne Scholl sich für das offizielle Österreich schämt, setzt sie Taten und bringt die Geschichten jener ans Licht, die so oft an der Unerzählbarkeit scheitern.

 

Autorin: Andrea Sommerauer

 

Susanne Scholl: "Allein zu Hause", ecowin Verlag, Salzburg 2011, 21,90 Euro.
 

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