Ein inneres Protokoll eines Ab- und Aufbruchs

Der autobiografische Roman "Honigmann" von Elisabeth Karamat als Reflexion über das Sein und seine unterschiedlichen Prägungen in den Kulturen.

Mitte Vierzig kann es frau schon passieren, dass eine der deutlichsten Wahrnehmung die der inneren Erstarrung ist. Die Kinder sind erwachsen, die Ehe ist geschieden, der Wohnort oft dunkel und kalt, die Arbeit bietet mehr Routine und Konflikt als Befriedigung … Elisabeth Karamat ist Diplomatin in Brüssel und durchlebt genau diese Situation. Als sie der Einladung einer Kollegin auf die kleine Karibikinsel St. Kitts folgt, beschließt sie unter dem Eindruck der anderen Lebensweise eine Veränderung in ihrem Leben herbeizuführen. Ein Jahr später landet sie auf der Insel, um ein landwirtschaftliches Projekt für marginalisierte Jugendliche aufzubauen, das von der kirchlichen Entwicklungsarbeit initiiert wurde. Ihr neues Leben hält auch eine neue Liebe bereit, als sie Kwando, den „Honigmann“, trifft. Es wird eine leidenschaftliche Liebe, die sie (und ihn) mit inneren und äußeren Grenzen konfrontiert.


Was eine klassische Aussteigergeschichte sein könnte, entwickelt sich in dem autobiographischen Roman von Karamat zu einem dichten Erzählstrom aus fast schon schonungsloser Aufrichtigkeit. Der Ballast, der von der Erzählerin durch ihre mutige Entscheidung abfällt, macht sie auf neue Art feinsinnig, aber die Wunden und Narben des Lebens machen sie auch vorsichtig und manchmal verschlossen. Von Beginn an ist die Liebe zu Kwando von tief gefühlter Leidenschaft geprägt, sie will diese Liebe und sie setzt sich deshalb den Fragen aus, die sich aufdrängen: Kwando ist Rastamann und Heiler, er behandelt Menschen, die durch Obiah verhext wurden, eine kreolische Religion, in der schwarze und weiße Magie angewandt wird. – Eine fremde Lebenswelt für eine Diplomatin, doch beide sind zart im Umgang mit ihren Vorstellungen, „Wirklichkeit“ wird für sie relativ, ohne jene Selbstaufgabe. Erst als sich die Verletzungen, die das Leben auch Kwando beigebracht hat, und die unterschiedlichen Auffassungen von individuellen Bedürfnissen schließlich in Gewalt manifestieren, kommt es zum Bruch. Viel Zeit vergeht bis zum Neuanfang, den beide schließlich wagen.


„Honigmann“ ist vieles in einem: Liebesgeschichte, inneres Protokoll eines Ab- und Aufbruchs, Reflexion über das Sein und seine unterschiedlichen Prägungen in den Kulturen. Der Schreibstil ist realistisch und reflektiert, dennoch brandet immer wieder eine Poesie auf, die in die Tiefe trägt. Nichts wird in dieser Erzählung beschönigt, dazu gehört auch das Erleben, sich selbst in jenen befremdlichen Situationen wiederzufinden, die Kulturunterschiede mit sich bringen, und besonders das bittere Erlebnis, den geliebten Mann wegen Gewalt gegen die eigene Person anzuzeigen.


Elisabeth Karamat wurde in New York geboren, besuchte das französische Lycée in Dakar und Washington, bevor sie in Wien ihren Magister in Kunstgeschichte machte. Auf der Diplomatischen Akademie in Wien spezialisierte sie sich anschließend auf Völkerrecht und internationale Verhandlungen und schloss 2005 ihr Doktorat in Rechtswissenschaften ab. Ihre Arbeit führte sie unter anderem als Wahlbeobachterin nach Bosnien und als Botschaftsrätin nach Brüssel. Seit 2009 lebt Elisabeth Karamat in St. Kitts, wo sie für eine kirchliche Entwicklungsorganisation mit Jugendlichen in der Landwirtschaft arbeitet.

Autorin: Verena Teissl


Elisabeth Karamat: „Honigmann“ (2011). Edition-a. Gebundene Ausgabe: 240 Seiten, ISBN: 978-3990010273, Preis: 19,95 €
 

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